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Bettina Hollstein: Ehrenamt verstehen

Cover Bettina Hollstein: Ehrenamt verstehen. Eine handlungstheoretische Analyse. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. 453 Seiten. ISBN 978-3-593-50466-7. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 54,90 sFr.
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Thema

Das Buch befasst sich mit der Frage, wie das Phänomen zu erklären ist, dass sich BürgerInnen ehrenamtlich engagieren. Gerade in Deutschland wird dem Ehrenamt eine bedeutende Rolle im gesellschaftlichen Leben und im zivilgesellschaftlichen Engagement zugeschrieben. Es ist auch ein wichtiger ökonomischer Faktor, etwa im gesamten Bereich des Sports. Um also wünschenswertes Engagement zu fördern oder zu verhindern, dass seine soziale Basis erodiert, müssen wir zunächst verstehen, warum und wie Menschen motiviert sind, ihre Freizeit in diese Aktivitäten zu investieren. Das Buch präsentiert keine originäre empirische Forschung zum Thema, sondern stellt mit großer Sachkenntnis und analytischem Detail unterschiedliche theoretische Perspektiven vor, in deren Licht das Ehrenamt betrachtet werden kann, und schlägt dann einen integrativen eigenen Ansatz vor, der auf der Theorie des kreativen Handelns von Hans Joas beruht. Auf dieser Grundlage entwickelt Bettina Hollstein dann Empfehlungen für die Förderung und Unterstützung ehrenamtlichen Engagements.

Autorin und Entstehungshintergrund

Bettina Hollstein ist Ökonomin und seit 1998 wissenschaftliche Kollegreferentin am Max-Weber Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftlichen Studien der Universität Erfurt. Ihr Buch reflektiert die Diskurshorizonte, die seit vielen Jahren an dieser Institution aufgespannt worden sind, nicht zuletzt auch in der Phase der Leitung durch Hans Joas. Insofern besitzt die Arbeit einen Doppelcharakter: Sie erforscht nicht nur das Phänomen des Ehrenamtes, sondern benutzt diesen empirischen Bezug auch dafür, ein neues theoretisches Paradigma an der Schnittstelle zwischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu entwickeln. Hier sind auch intellektuelle Prägungen der Autorin durch ihre Tätigkeit als Mitherausgeberin der ‚Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik‘ sichtbar.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich sehr übersichtlich in sieben zum Teil umfängliche Kapitel.

Nach einer Klärung des empirischen Phänomens (Definitionen, statistische Daten, institutionelle Arrangements) stellen drei Kapitel die verschiedenen, bereits vorhandenen Erklärungsansätze in der Literatur vor.

Der erste Strang ist die ökonomische Theorie im engeren Sinne, also das Rationalwahl-Modell. Bei der kritischen Würdigung finden aber auch alternative ökonomische Ansätze Beachtung, wenngleich diese bisher kaum auf das Ehrenamt angewendet worden sind; das schließt heterodoxe Positionen im weiteren Umfeld der Wirtschaftswissenschaft ein, wie Etzionis Sozioökonomik.

Die ‚mainstream‘ Sicht der Ökonomik wird dann im nächsten Kapitel mit normativen, das heißt im engeren Sinne soziologischen und philosophischen Theorien konfrontiert. Während die ökonomische Theorie die analytische Kategorie des individuellen Nutzens ins Zentrum rückt, befasst sich die Soziologie und Philosophie mit der Wertebasis, also oft auch mit explizit altruistischem Handeln.

Im vierten Kapitel betrachtet die Autorin dann einen ersten in der Literatur vollzogenen Integrationsversuch, nämlich die Perspektive des Sozialkapitals. In allen drei Kapiteln gelangt die Autorin aber zu dem Schluss, dass die Ansätze jeweils unterschiedliche, aber wesentliche Aspekte des Ehrenamtes übersehen. Daher schlägt sie einen eigenen ‚neopragmatistischen‘ Ansatz vor, in dessen Zentrum die Theorie des kreativen Handelns von Joas steht.

Die theoretischen Kapitel entfalten in großem Detail, gleichwohl mit einem klaren Blick auf die übergreifenden Zusammenhänge die unterschiedlichen theoretischen Positionen. In jedem Kapitel wird ein konkreter Beitrag zur empirischen Erforschung des Ehrenamtes als methodologische Fallstudie ausführlicher betrachtet, um die unterschiedlichen Ansätze ‚in Aktion‘ zu zeigen. Die Autorin zeigt zunächst, dass ökonomische Erklärungen, die ehrenamtliches Engagement ausschließlich als individuell nutzenstiftend deuten, also eigennutz-getrieben, empirisch nicht überzeugen: Das gilt gleichermaßen für Ansätze, die das Ehrenamt als Konsum deuten, wie solche, die es als Investition in Humankapital interpretieren. Dabei bewähren sich zwar Teilhypothesen, aber nicht der Gesamtzusammenhang, etwa in einem Gesamtmodell des Haushalts, wo etwa auch gender Aspekte relevant werden. Das zeigt, dass diese Ansätze unzureichend kontextualisiert sind, wenngleich sie Teilmotive erfassen. Ähnliches gilt auch für die wertorientierten Ansätze, die zwar in der Lage sind, Erklärungslücken der nutzenorientierten Modelle zu schließen, gleichzeitig aber nicht überzeugend darlegen, wie bestimmte Werthaltungen konkret zu normativ orientiertem Handeln führen bzw. häufig eben nicht führen bzw. zu keinem nachhaltigem Engagement. Die wertorientierten Ansätze sind auch sehr fruchtbar, was die Rückbindung von Werten an bestimmte Formen des bürgerlichen Zusammenlebens angeht (‚Republikanismus‘).

Die kapitalorientierten Ansätze können nun beide Perspektiven produktiv integrieren. So kann man das Ehrenamt als Bemühen deuten, Sozialkapital zu bilden, das einerseits in Werten grundiert ist, aber gleichzeitig auch individuellen Interessen im gesellschaftlichen Zusammenleben dient. Es wird keine umfassende und einheitliche Einbettung in geteilte Werte vorausgesetzt, was der Pluralität moderner Gesellschaften besser gerecht wird. Allerdings ist das Konzept des Sozialkapitals selbst ambivalent (etwa ‚bonding‘ versus ‚bridging‘), so dass auch rein ökonomisierende Interpretationen möglich sind, die dann wiederum die Unzulänglichkeiten dieses Ansatzes zeigen.

Die Autorin führt nun aus, dass ein neopragmatistischer Ansatz die wichtigen Einsichten der anderen Perspektiven aufnehmen kann, sie aber anders fundiert und dadurch integriert. Zentral ist hier die schon im Kapitel zu normenorientierten Theorien eingeführte Vorstellung, dass ehrenamtliches Engagement sinnhafte Expressivität ist, zu der sich jetzt noch die Grundierung in Körperlichkeit und konkreten lebensweltlichen Erfahrungen hinzugesellt („Ehrenamt als verkörperter Selbstausdruck“). Dabei können viele der einzelnen Erklärungen, die von den anderen Theorien geboten werden, durchaus in ex-post Rationalisierungen des Handelns einfließen. Wichtig ist weiterhin, dass die beiden Pole des nutzen- oder werteorientierten Handelns durch das Tertium der ‚Gabe‘ als Form der Reziprozität erweitert werden, die nicht als Markt-Austausch interpretierbar ist. Aus dem neopragmatistischen Ansatz lassen sich dann eine Reihe von Kriterien ableiten, wie das ehrenamtliche Engagement gefördert werden kann, die sich klar von den anderen Ansätzen unterscheiden, zu mindestens was die Gewichtung anbelangt. So spielt finanzielle Förderung naturgemäß im nutzenorientierten Ansatz eine größere Rolle, während der neopragmatistische Ansatz stärker auf Formen der öffentlichen Anerkennung setzen würde. Der werteorientierte Ansatz unterstellt eine Homogenität der Wertebasis, während der neopragmatistische Ansatz die Möglichkeiten betont, Werte durch individuelle Erfahrungen im Ehrenamt erst kreativ auszubilden.

Diskussion

Das Buch ist nicht nur für jeden nützlich, der sich mit dem Ehrenamt empirisch und praktisch auseinandersetzen möchte und hierfür eine konzeptionelle Fundierung benötigt, sondern gleichzeitig auch eine instruktive Übung in der Evaluation alternativer Theorieansätze in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Der neopragmatistische Ansatz überzeugt, lässt aber eine Rückbindung an die laufenden Entwicklungen in der Wirtschaftswissenschaft vermissen, deren ‚mainstream‘ letztlich auf die Nutzentheorie reduziert wird. Wenn beispielsweise die ‚Körperlichkeit‘ als differenzierendes Merkmal des neopragmatistischen Ansatzes dargestellt wird, so werden ja gerade die jüngeren Entwicklungen in der Verhaltens- und Neuroökonomik relevant, die sich unter anderem intensiv mit der Rolle von ‚social preferences‘ befasst haben. Die Autorin geht nur knapp auf die experimentelle Ökonomik ein, hier hätte erheblich tiefer geschürft werden können.

Ähnliches gilt für die Rolle von Narrativen und Symbolen etwa in der ‚Economics of Identity‘, die gleichzeitig eng dem Standardmodell verhaftet bleibt, und wo Brücken etwa zu den Beiträgen von Charles Taylor begehbar sind. Insofern werden die integrativen Potenziale des neopragmatistischen Ansatzes nicht voll ausgeschöpft, und manche theoretischen Differenzen werden zu stark akzentuiert. Allerdings ist dies dadurch gerechtfertigt, dass diese neuen Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften noch nicht explizit auf das Ehrenamt angewendet wurden. Dennoch stellt sich die Frage, ob es inhaltlich nicht überzeugender gewesen wäre, die heterodoxen Ansätze in der Ökonomik im Rahmen des eigenen Ansatzes zu diskutieren, um so dessen Breite noch besser zu verdeutlichen, und nicht im Kontext der Kapitel, die sich ansonsten mit dem ‚mainstream‘ befassen.

Als letztes Desiderat möchte ich benennen, dass sich die Autorin hauptsächlich auf die Erklärung des Engagements für das Ehrenamt konzentriert, aber die institutionellen und strukturellen Ursachen weitestgehend ausblendet, warum und in welchen Bereichen das Ehrenamt überhaupt eine Rolle spielt. Hier hätten politisch-ökonomische Aspekte der Beziehung zwischen diesem gezielt ‚ent-ökonomisierten‘ Handlungsbereich und der Wirtschaft stärker Berücksichtigung finden können (etwa unter dem Schlagwort der aktuellen Debatte um die Beziehung zwischen ‚Produktion‘ und ‚Reproduktion‘ bzw. ‚care‘).

Fazit

Das von Bettina Hollstein vorgelegte Buch bietet eine umfassende Darstellung der empirischen und theoretischen Arbeiten, die sich mit dem Ehrenamt und seinen gesellschaftlichen und motivationalen Bedingungen befassen, und schlägt eine eigene Alternative vor, den von Hans Joas begründeten neopragmatistischen Ansatz. Auf dieser Grundlage werden auch wirtschafts- und gesellschaftspolitische Empfehlungen gegeben. Das Buch überzeugt ebenso durch die Breite wie das analytische Detail der Ausführungen: Dabei kann es nicht nur als eine Untersuchung des Ehrenamtes, sondern auch als informierte Diskussion alternativer Theorieansätze in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gelesen werden, die das Ehrenamt als Testfall nimmt.

Summary

The book by Bettina Hollstein is a comprehensive overview of empirical and theoretical approaches to the phenomenon of community and civil society engagement, often formalized in terms of honorary positions, and which aim at elucidating its social and motivational conditions. The author offers her own alternative, the neopragmatist approach championed by Hans Joas, and offers proposals for economic and public policies. Her analysis convinces in terms of scope and analytical detail. Besides investigating into civic engagement, it is also an informed discussion and evaluation of alternative theories in economics and social sciences, taking civic engagement as a litmus test.


Rezensent
Dr. Carsten Herrmann-Pillath
Permanent Fellow, Max Weber Center for Advanced Cultural and Social Studies, Erfurt University, Germany Research Professor Economics and Evolutionary Sciences, Witten/Herdecke University, Germany Distinguished Visiting Professor of Schwarzman Scholars at Tsinghua University, China
Homepage www.cahepil.net
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Zitiervorschlag
Carsten Herrmann-Pillath. Rezension vom 25.10.2016 zu: Bettina Hollstein: Ehrenamt verstehen. Eine handlungstheoretische Analyse. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-593-50466-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21414.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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