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Bernd Ahrbeck, Stephan Ellinger u.a.: Evidenzbasierte Pädagogik. Sonderpädagogische Einwände

Cover Bernd Ahrbeck, Stephan Ellinger, Oliver Hechler, Katja Koch, Gerhard Schad: Evidenzbasierte Pädagogik. Sonderpädagogische Einwände. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 143 Seiten. ISBN 978-3-17-030778-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Der Band setzt sich pointiert mit der in die Pädagogik eingezogenen, betriebswirtschaftlich eingefärbten Evidenzbasierung auseinander. Ähnlich der Medizin, wo die empirische Überprüfung von Wirkungseffekten mittels kontrollierter, randomisierter Studien längst einen unhintergehbaren Forschungsstandard markiert, dient man sich inzwischen auch hier der verführerischen Verheißung an, die Kausalität von erzieherischen oder unterrichtlichen Interventionen und deutlich zu Tage tretenden Effekten auf Seiten von Kindern und Jugendlichen zweifelsfrei belegen zu können. Der oftmals aus realer Verunsicherung in der Praxis geborene Wunsch nach ebenso unumstößlichen wie schlichten Gewissheiten gibt die Motivation ab, sich mit Hilfe solch strategischer Programme vor der Irritation in Schutz bringen zu wollen, nicht zuletzt, weil gerade die Sonderpädagogik die belastende Begegnung mit belasteten Schüler/innen aus sozialen Risikomilieus parat hält. Wie weit ist es aber tatsächlich her mit der Tragfähigkeit der Evidenzbasierung? Die verschiedenen Beiträge des Buches geben nicht nur darauf eine gründliche, in ihrem Fazit ernüchternde Antwort. Sie legen auch einen pädagogisch begründeten Gegenentwurf vor, in welchem die Sache der Pädagogik durch Pädagog/innen selbst zu Gehör gebracht wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus fünf Beiträgen, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen.

Zunächst umreißt Katja Koch in ihrem Text „Ankunft im Alltag – Evidenzbasierte Pädagogik in der Sonderpädagogik“ die Entstehung dieses Konzepts auf nationaler wie internationaler Ebene. Sogleich verdeutlicht sie die zugrundeliegenden Kriterien von Wissenschaftlichkeit zur Überprüfung der Produktion von Wirksamkeit als politisch bestimmte, zumal die Betrachtung der Pädagogik auf eine enggeführte Form der Bildungsforschung reduziert wird – empirische Gewissheit tritt an die Stelle pädagogischer Normativität. Evidenzbasierte Forschung wird auf ein technisches und utilitaristisches Wissenschaftsverständnis zurückgeschnitten. Die Frage what works zielt eben immer auf überschaubare lineare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, was ausschließlich über experimentelle Forschungsdesigns sichergestellt werden soll. Damit fällt eine mit diesem Ansatz nicht kompatibel erscheinende forscherische Methodik per se aus der metaanalytischen Betrachtung heraus und kann dementsprechend auch nicht in die Destillierung von Evidenz Eingang finden.

Die Grundidee einer evidenzbasierten, politisch motivierten Verschalung des Bildungswesens basiert auf der Kontrolle über seine Kausalitätsbedingungen. Indessen ist auf einem solchen Wege gerade im pädagogischen Feld dieser goldene Standard keineswegs zu garantieren. Instrumentelles Wissen ist sicherlich von sachdienlichem Belang, pädagogische Praxis muss aber zwingend noch aus anderer Perspektive ausgeleuchtet werden. Anders als für die medizinische Überprüfung von Evidenz formuliert (was auch dort immer wieder Erkenntnis als reduktionistische erzeugt) muss in der Pädagogik berücksichtigt werden, dass sie auf Grund der Allgegenwart von Interaktionen und der geringen Halbwertzeit der empirischen Befunde (weil sich die Erziehungswirklichkeit beständig ändert) eine derartige szientistische Amputation nicht verträgt. Der Sonderpädagogik wird die schlichte Argumentation vorgeworfen, ihre Interventionen basierten ausschließlich auf Intuition und subjektiv empfundener Einschätzung, aus Gründen internationaler Anschlussfähigkeit müsse sie daher insgesamt empirisiert werden. Ohne sich allerdings auf den handlungsleitenden Diskurs des Dreiecks Praxis, Forschung und Politik überhaupt einzulassen, bleibt allein der geradezu handwerklich zu nennende Zugriff auf eine sonderpädagogische Wirksamkeitsüberprüfung der evidenzbasierten Praxis nach. Vollkommen vergessen geht, dass der Großteil der sonderpädagogischen Zielgruppe aus gesellschaftlich benachteiligten Verhältnissen stammt und die dort beheimateten Probleme ja kaum pädagogisch beeinflussbar sind. Soziale Ungleichheit lässt sich nicht über die Fokussierung von Lehr-Lern-Prozessen aus der Welt schaffen.

In seinem Beitrag „Evidenzbasierte Pädagogik – Von der verlorenen Kunst des Erziehens“ spannt Oliver Hechler einen weiten Bogen, um die erkenntnistheoretische Verortung der Pädagogik zu begründen und sie als Profession zu legitimieren. Zunächst belegt er mit der Unterscheidung in eine (sozialwissenschaftlich) sinnstrukturierte und eine (naturwissenschaftlich) nicht-sinnstrukturierte Welt, dass die vom Menschen hervorgebrachte, durch Unbestimmtheit charakterisierte Veränderlichkeit ihm beständig Entscheidungen abverlangt, die sich nicht durch standardisierte Muster bewerkstelligen lassen. Demgemäß sind Professionen – zu denen eben auch die Pädagogik zu zählen ist – der sinnstrukturierten Welt und ihrer verwissenschaftlichten Lebenspraxis zuzuordnen. Zudem ist die Krisenhaftigkeit menschlichen Lebens anthropologisch begründet. Insofern bedarf es im Sinne der sich daraus abzuleitenden Verpflichtung zur (Selbst-)Erziehung eines inneren Halts und eines Verstehens vor der Erziehung, wie es bereits Paul Moor formuliert hat. Diesbezüglich muss gelten, dass man sich nie sicher sein kann, ob das gewählte pädagogische Mittel das gewünschte Lernen tatsächlich befördert. Folglich benötigt der Erzieher als Grundlage seiner Professionalität den pädagogischen Takt im Sinne Herbarts, um die Ungewissheit des Handelns ertragen zu können. In diesem Zusammenhang rekurriert der Autor auf den in Vergessenheit geratenen Begriff der Hodegetik. Es geht ja nicht allein um didaktische Fähigkeiten, sondern um die Kunst, den richtigen Umgang mit dem Zögling zu finden, also in Anlehnung an Tomasello darum, Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit herzustellen. Einzig die Person des Pädagogen vermag dieses Können sicherzustellen, nicht aber die schematisierte Anwendung lerntheoretisch ausgerichteter Konzepte wie etwa jenes vom Classroom-Management. Die notwendige pädagogische Beziehungsgestaltung erfolgt immer unter der Maßgabe der Sozialgebundenheit der beteiligten Akteure, was ihr – analog zu Balints Auffassung, wonach der Arzt selbst das Arzneimittel sei – eine bestimmte präformierte Gestalt verleiht. Insofern ist der Pädagoge, ob er das will oder nicht, das wirksamste Erziehungsmittel.

Daraus ergeben sich nun wesentliche Konsequenzen für eine gelingende Praxis – die es notabene zu überprüfen gilt. Vornehmlich zu nennen ist da die Lebersche Dialektik von Halten und Zumuten in Abhängigkeit vom bereits erreichten Entwicklungsgrad eines psychosozial beeinträchtigten Kindes. Vor allem wird an diesem Punkt ersichtlich, dass das pädagogische Wollen eingebettet ist in ein Wechselspiel von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen. Weder ist es statthaft, ein aktuell verfahrenes interpersonelles Beziehungsarrangement kausal auf frühkindliche Traumatisierungen des Zöglings zu reduzieren, noch lässt sich die Reflexion der Re-Aktivierung sich unbewusst konfigurierender Interaktionsmuster über eine evidenzbasierte Technik herstellen, zumal dieser Vorgang meist gar nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Und ohne die selbstreflexive Beleuchtung des Erlebens der eigenen Verunsicherung ist eine Sensibilisierung für eine solche emotional aufgeladene Situation gar nicht vorstellbar. Sie aber macht einen förderlichen, weil dialogisch gestalteten Umgang mit den Entwicklungsblockaden erst möglich. Wer also annimmt, dass in der (Sonder-)Pädagogik nur zählt, was gezählt werden kann, gibt ihre genuine Aufgabe preis.

Bernd Ahrbeck weist in seinem Text „ADHS und Evidenzbasierung“ auf die eklatanten diagnostischen wie epistemologischen Mängel einer Forschungspraxis hin, die mitunter schweren Beeinträchtigungen von Kindern und Jugendlichen ohne Rest in einer nach (pharmakologischer) Behandlung verlangender Hirnstoffwechselerkrankung aufgehen zu lassen. Die hohe Komplexität der Wechselwirkungen biologischer, psychologischer und gesellschaftlicher Faktoren, die der kindlichen Entwicklung ihren Stempel aufdrückt, wird wissenschaftlichslogisch unzureichend aufgelöst. Erst zum Schluss werden die inneren Probleme des Erlebens schwieriger Beziehungsarrangements in – zudem heterogene – Formen von Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen gegossen. Einem sinnverstehenden pädagogischen Zugang zu diesen neuzeitlichen Spannungsphänomenen, wird so, weil das daraus gespeiste Verhalten als „un-sinnig“ erscheint, die Legitimation verwehrt. Der Autor bezweifelt keineswegs die Zunahme massiver Verhaltensauffälligkeiten und daraus resultierender Belastungen für die Pädagog/innen. Allerdings moniert er die Attitüde des mainstreams der ADHS-Forschung, sich mit einer erheblichen Komplexitätsreduktion zu begnügen. Das dort propagierte multimodale Modell und die daraus abgeleitete Therapie richten sich strikt an einer reparaturorientierten, empirisch-quantitativ zu überprüfenden Evidenzbasierung aus. Biologische Einflüsse gelten als dominant, ohne dass neuere Erkenntnisse zur Genregulierung zur Kenntnis genommen würden, und mittels einer psychopharmakologischen Behandlung in Verbindung mit psychoedukativer Aufklärung über das Krankheitsbild sowie strukturierten, klassisch verhaltenstherapeutischen Trainingsprogrammen soll eine Symptomkorrektur erreicht werden. Schulische und außerschulische Lebensrealität sowie differenzierte psychodynamische Überlegungen zur Genese des Phänomens ADHS werden negiert oder ein Rekurs darauf sogar als wissenschaftlich überholt diskreditiert. Da sich bei etwa drei Viertel der Kinder unter Medikamenteneinfluss symptomatische Veränderungen mit Hilfe von Wirksamkeitsuntersuchungen belegen lassen, hat dieses ätiologische Modell einen erheblichen Standortvorteil. Weitere Fragen, etwa die nach der Bedeutung für ein Kind, sich nur auf diesem Wege als „normal“ fühlen zu dürfen, werden dadurch leider nicht zugelassen, obwohl sich gerade an dieser Stelle weiterer Forschungsbedarf geradezu aufdrängt.

Danach thematisiert Stephan Ellinger in seinem Beitrag „Ökonomisierung + Inklusion = Evidenzbasierte Pädagogik?“, inwieweit schlechte Bedingungen an Schulen und Hochschulen geradezu zwangsläufig zur Ausformulierung der Evidenzbasierten Pädagogik geführt haben. Quantitative Forschung, Drittmitteleinwerbung und Trainingsprogramme erscheinen ihm dann als kritikwürdig, wenn sie zum maßgeblichen Qualitätsmerkmal der Pädagogik werden. Über Modularisierung des Studiums, die theoretische Reduktion von Bildungsgehalten, die Entwertung aller Forschung jenseits quantitativer Verfahren, die Herabsetzung der Pädagogik durch den Import evidenzbasierter Forschung aus den Nachbardisziplinen – obwohl genau das Gegenteil behauptet wird – kommt es zu einem Verschwinden des Pädagogischen. Auf diese Weise werden falsche Prioritäten gesetzt, die kaum mehr Raum lassen für die Vermittlung einer so wichtigen pädagogischen Grundhaltung. Wenn es nur mehr um eine sklavische Konzentration auf die kindliche Schul-Leistung geht, wird das Schulversagen zum alleinigen Maßstab für Persönlichkeit und zukünftige Lebenstüchtigkeit – wovor schon Hanselmann Anfang der 1930er Jahre gewarnt hatte. Gerade auch der Umbau zu einem inklusiven Schulsystem birgt damit die Gefahr, dass fachliche Standards und Debatten für diese Handlungsfelder nicht mehr inhaltlich gefüllt bzw. geführt, sondern nur mehr pragmatisch und organisatorisch betrachtet werden. Gerade der immer lauter erschallende Ruf nach mehr Praxisbezug im Studium wird nicht mehr an die Vermittlung einer vertieften, von fundierter Allgemeinbildung getragenen Grundhaltung gebunden, sondern auf eine nicht mehr weiter hinterfragte Handlungsorientierung ausgerichtet. In verkürzender Weise gewinnen damit evidenzbasierte Fragestellungen in den pädagogischen Arbeitsfeldern an Einfluss, so dass die Lehrerbildung ihren Nimbus der Bildung verliert und zum ingenieurisierten Ausbildungsberuf für praktische Lernbegleitung verkommt. Und weil gerade die Sonderpädagogik auf Kinder aus Risikofamilien trifft, muss die Frage erlaubt sein, welchen wesentlichen Beitrag die Evidenzbasierte Pädagogik zur Entwicklung notwendiger Hilfen für diese Gruppe leisten kann. Denn die wirkmächtigen Problemlagen der sozial benachteiligten Kinder bleiben konsequent ausgespart. Kinder und ihre individuelle Lernsituation lassen sich nicht standardisieren oder normieren, und deshalb bedarf es einer Qualifikation der Lehrkraft, die nicht auf vorher Beschreibbares und eindeutig Messbares oder nachträglich Evaluierbares setzt.

Abschließend wird in den „Miniaturen“ von Gerhard Schad der aus der Flasche gelassen Zeitgeist lebendig, der sich Kultur, Bildung, Erziehung und am Ende unserer Existenzbedingungen bemächtigt hat. Die Diskussion um evidenzbasierte Forschung wie menschliche Praxis überhaupt erscheinen als von dieser sich global ausbreitenden Steuerungsmanie kontaminiert. Mit Hilfe empirisch zu sichernder Fakten wird die Wirklichkeit mit einem engmaschigen Netz von Kausalitätsannahmen überzogen, um sie erklärbar und damit beherrschbar zu machen. In Wahrheit führt diese erzwungene Einbindung in eine binäre Struktur – wirkt/wirkt nicht – zu einer leichtfertigen Preisgabe ihrer Komplexität, während sich Bewusstseinsleben und Kulturerzeugnisse nur über das Verstehen von innen her erschließen lassen. Diese auf Dilthey zurückgehende erkenntnistheoretische Dichotomie von (naturwissenschaftlichem) Erklären und (geistes- und gesellschaftswissenschaftlichem) Verstehen stand im sogenannten Positivismusstreit innerhalb der deutschen Soziologie im Zentrum der Kontroverse und feiert hier fröhliche Urständ. Allerdings wird kein neuer Konflikt um das richtige methodologische Paradigma vom Zaun gebrochen, sondern von nun an der Alleinvertretungsanspruch der erklärungsbasierten Evidenzforschung reklamiert.

Das solcherart mit Hilfe eines indikatoren- und datengestützten Steuerungsmodells zu generierende Wissen über kausale Zusammenhänge soll gesicherte Fakten liefern, zugleich soll ein praktisches Wissen für erfolgreiches, weil zweckrationales Handeln geschaffen werden. Weil aber die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit mit einer derart schlichten Methodik auch nicht annähernd erfasst – also verstanden – werden kann, reduziert sich die Präzision der gewonnenen Aussagen auf schlichte und eher irrelevante Sachverhalte. Auch der Versuch, die erhobenen Fakten in Zahlenwerte zu überführen, mit denen sich statistisch rechnen lässt, ist fehlerbehaftet, da Fakten erst als solche bestimmt werden müssen, bevor man sie messen kann, und diese erkenntnisleitende Vorarbeit ist weit weniger exakt. Wirkungen im sozialen Feld lassen sich eben nicht durch einfache Kausalitätszuschreibungen ausdrücken, es sei denn, genau jene Fragenkomplexe und Problembereiche, die Lebenswelt und Erlebensqualität ausmachen, bleiben systematisch unberücksichtigt. Erziehung kann nicht gemacht werden, mit Kobi ist sie ein gemeinsam vollzogener Gestaltungsprozess, in dem Anpassung und Widerständigkeit, Gehorsam und Eigensinn gleichermaßen kultiviert werden. Wie aber soll dies evidenzbasiert betrieben werden?

Diskussion

Eines stand seit langem zu befürchten: dass die Vereinnahmung der Human- und Sozialwissenschaften durch die Denkfiguren einer neoliberalen Ökonomie auch in der Pädagogik – und hier in einer ihrer weniger geschätzten Spielarten, der Sonderpädagogik nämlich – ankommen und hier nomothetisch ihre marktgängigen Standards einer evidenzbasierten Praxissteuerung etablieren würde. Vielleicht begründet sich ja, neben der täglich erfahrenen Belastung gerade in dieser kränkenden Randständigkeit die große Bereitschaft, das wissenschaftliche Mehrheitsmodell zu übernehmen, in der Hoffnung, mit der Übernahme offenbar wissenschaftlich einwandfrei gesicherter Regeln der eigenen Ohnmacht vor Ort zu entkommen und im Kreis der „großen“ Nachbardisziplinen die lange vermisste Anerkennung zu finden. Diese an Mess-, Steuerungs- und Planbarkeitsvorstellungen orientierte technologische Ausrichtung lässt sich vielleicht sogar als unbewusster Projektions- und Bewältigungsversuch von amorphen Ängsten aller Akademiker/innen lesen, die sich in den neuen, dem Kosten-Nutzen-Kalkül unterworfenen Arbeits- und Forschungsgegebenheiten einrichten müssen. Die Evidenz des Nicht-Wissens – per se die Negation von Messbarkeit – ist dort augenscheinlich kaum mehr zu ertragen. Dass wir Zweifeln und unserer eigenen inneren Widersprüchlichkeit unterworfen sind, wird verleugnet und durch eine zwanghafte Verfahrensrationalität ersetzt. Hermeneutische und vor allem tiefenhermeneutische Konzepte werden aus dem Kanon der Erfahrungswissenschaften eliminiert, weil sie keine messbaren Aussagen über das Seelische zu treffen vermögen.

Angedeutet wird in den Texten mehrfach, dass auch in den neueren Naturwissenschaften eine solch simple Vorgehensweise überholt erscheint. In den Neurowissenschaften lässt sich die Berücksichtigung des Zusammenspiels von genetischer Disposition und deren Expression in Abhängigkeit von Umweltfaktoren ebenso auffinden wie in der Verhaltenstherapie eine kognitive Umstrukturierung auch mit dem Beziehungsmoment in Verbindung gebracht wird. Vielleicht hätte dieses Sich-aufeinander-Zubewegen einstmals verfeindeter Disziplinen noch deutlicher herausgestellt werden können. Gerade in der medizinischen Forschung werden immer mehr methodologische Vorbehalte gegenüber vereinfachten Menschenmodellen – bis hin zur Mahnung gegenüber dem Glauben an den scheinbar unumstößlichen Wahrheitsgehalt der bildgebenden Verfahren – vorgebracht, von der Kritik an der Verquickung von Auftragsforschung und Marktinteressen der Pharmaindustrie ganz zu schweigen.

Gleichwohl ist die Formulierung eines pädagogischen Gegenentwurfs als sehr gelungen zu bezeichnen. Er verweist auf die fehlende Passung von evidenzbasierten Forschungskonzepten und der Unwägbarkeit realer pädagogischer Praxis, was sich am allerbesten auf dem sonderpädagogischen Terrain der Begegnung mit Kindern und Jugendlichen aus Hochrisikomilieus ausbuchstabieren lässt. Dass Pädagogik hier an ihre methodischen Grenzen stößt und folgerichtig über andere Formen der Wirksamkeit nachgedacht werden muss, ist das eine, dass diese Risiken wachsenden gesellschaftlichen Erosionsprozessen entspringen, auf die Pädagogik keinen Zugriff hat und den auch über evidenzbasierte Interventionsformen nicht finden wird, das andere. Zur Begutachtung von Wirksamkeit gehören also die theoretische Auseinandersetzung mit den Ausgangsbedingungen von Verhaltensauffälligkeiten ebenso wie die Konzeption eines optimal strukturierten Handlungsdesigns, das diese Wirksamkeit im Sinne von Nachhaltigkeit erst möglich macht. Auf diese eigentlich schlichte Tatsache hinzuweisen ist Verdienst dieses Buches.

Fazit

Offensichtlich war es an der Zeit, die vordergründig propagierte Einmütigkeit im Hinblick auf einen evidenzbasierten Paradigmenwechsel in der humanwissenschaftlichen Forschungslandschaft als Schimäre zu entlarven. Zu überprüfen, was in der Pädagogik sinnvoll ist oder nicht – und insofern ist der Begriff der Evidenz, wenn auch als geweiteter, durchaus angebracht – steht selbstredend für einen wissenschaftsimmanent unwidersprochenen Anspruch. Bloß, wie das zu bewerkstelligen sei, welche Kriterien dafür Verwendung finden und welche Rolle der Praxis mit ihren ebenso komplexen wie subtilen (weil aufzuklärenden unbewussten) Interaktionsformen dabei zukommt, das wird gemeinhin gar nicht mehr problematisiert, geschweige denn in eine angemessene Forschungsmethodologie einmünden lassen. Insbesondere mit dem in diesem Buch aufscheinenden Bezug auf psychoanalytische Annäherungen ans Subjekt wird diese Lücke geschlossen – sofern man sie zur Kenntnis nimmt. Wir finden hier eine Streitschrift im besten Sinne des Wortes vor. Da allerdings nicht mehr darüber gestritten, sondern von empiristischer Seite apodiktisch gesetzt wird, was dem Anspruch auf wissenschaftliche Dignität entspricht, steht zu befürchten, dass die ebenso berechtigt mahnenden wie argumentativ ausgesprochen differenziert vorgebrachten Worte ungehört verhallen werden. Es sei denn, gerade die Praxis wird sich vor dem Angebot vereinfachter Handlungsrezepte, die nur auf den ersten Blick heilsbringend erscheinen, in Sicherheit bringen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 19.09.2016 zu: Bernd Ahrbeck, Stephan Ellinger, Oliver Hechler, Katja Koch, Gerhard Schad: Evidenzbasierte Pädagogik. Sonderpädagogische Einwände. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-030778-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21424.php, Datum des Zugriffs 25.06.2019.


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