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Ulrich Clement: Dynamik des Begehrens

Cover Ulrich Clement: Dynamik des Begehrens. Systemische Sexualtherapie in der Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. 192 Seiten. ISBN 978-3-8497-0111-6. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
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Autor

Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych. Ulrich Clement gilt als Pionier der systemischen Sexualtherapie. Er betrachtet sexuelle Probleme als direkte Folge von Konflikten und destruktiven Beziehungsdynamiken. Clement ist unter anderem Leiter des Instituts für Sexualtherapie Heidelberg und Autor diverser Bücher. Bekannt sind auch sein monatliches Interview auf ZEITonline „wir müssen reden“ und sein Blog „Clements Verkehrsnachrichten“.

Aufbau

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert. Jedes davon beschäftigt sich mit einem Spannungsfeld, das in der Sexualität und damit auch in der Sexualtherapie eine Rolle spielen kann. Ulrich Clement analysiert die möglichen Bewegungen im jeweiligen Spannungsfeld und leitet daraus direkt anwendbare therapeutische Handlungsanleitungenab, die durch klinische Fallbeispiele sozusagen noch illustriert werden. Zusammenfassende Tabellen runden das Ganze ab.

Zur Einleitung – Sex im Gegenteil

  • Dramaturgie der Gegensätze
  • Lust ist flüchtig, Begehren ist beständiger und zudem eine existenzielle Kategorie.
  • Sexualität und deren Störungen sind über Gegensätze zu verstehen. Der Fokus des Interesses der Sexualtherapeutin sollte sich auf das relevante Spannungsfeld richten, innerhalb dessen sich ein Symptom oder ein Konflikt entfalte. Das bestimme auch die Art der Intervention (spannungserhöhend/spannungsreduzierend, öffnend/schliessend, etc)

Zu Kapitel 1 – Sexualtherapie und der Versuch, das Begehren einzufangen

  • Vom akademisch Geordneten und vom therapeutischen „Wildwuchs“, wie Clement außeruniversitäre Innovationen nennt, und wie sich die beiden befruchten könnten und auch tun. Die beiden Felder entwickeln sich nicht synchron, die Innovateure sind den Prüfern naturgemäss eine gewisse Zeit voraus und es kann oft bereits als Allgemeingut gelten, auch wenn es noch nicht empirisch belegt ist.
  • Wie Trends die Sexualtherapie beeinflussen – am Beispiel Lustlosigkeit.
  • Was ist Sex der sich lohnt, gewollt zu werden?

Zu Kapitel 2 – Vom sexuellen Tun zum sexuellen Sein – und zurück

  • Eine Fokusverschiebung – oder die Diskrepanz von Trends und Diagnosen und der subjektiven Zufriedenheit des Einzelnen – von „klappt es“? hin zu „passt es“?
  • Wie ist das was ich tue mit dem verbunden wer ich bin?
  • Sexuelle Motive – warum haben Menschen Sex?
  • Sexuelle Befriedigung, ein Exkurs über die Messung von sexueller Zufriedenheit. Z.B. eine Person ist befriedigt, wenn sie ihr Selbstbild als zu ihren sexuellen Handlungen passend erlebt, oder: Zufriedenheit stelle sich erst ein, wenn man überhaupt darüber nachdenke, so Clement.

Zu Kapitel 3 – Sexuelle Ressourcen

  • Vom Triebmodell zum Ressourcenmodell der Sexualität:

1. Ressourcen, die sexueller Herkunft sind und sich auch sexuell realisieren.

2. Ressourcen, die zwar sexueller Herkunft sind, sich aber nicht sexuell realisieren.

3. Ressourcen, die nichtsexueller Herkunft sind, die sich jedoch sexuell realisieren.

  • Sexuelle Ressourcen – ein neuer Blick kann vom gefühlten Defizit zur verfügbaren Ressource zielen
  • Intervention: Ressourcenorientiertes Interview

Zu Kapitel 4 – Das Nein zum Sex

  • Ja und Nein zum Sex – die Kompetenz zum differenzierten Nein, ist Voraussetzung dafür, sexuelle Erregung zu bejahen.
  • Diskrepanz zwischen dem männlichen und dem weiblichen Nein/Lustlosigkeit
  • Varianten des Nein
  • Therapie: 2 Schritte-Konzept, Nein als Problem (KlientIn im Leidensdruck abholen) und Nein als Kompetenz.

Zu Kapitel 5 – Innen und aussen: Bedeutungen und Handeln

  • Wie sexuelles Verhalten durch Skripte organisiert ist
  • Wie eng sexuelles Verhalten mit Bedeutungsgebungen verbunden ist – feste und lose Verbindung von innen und aussen.
  • Wie sich Veränderungen auf der Handlungsebene und auf der Bedeutungsebene gestalten lassen.
  • Assimilation oder Akkommodation – das eigene Denken der Welt anpassen, oder die Welt so verändern, dass sie in mein Denken passe, sei auch aufs sexuelle Denken und Handeln übertragbar.

Zu Kapitel 6 – Das Dauerthema: Nachhaltige Erotik

  • Die beiden unterschiedlichen Logiken von Bindung und Erotik, ein oft als enttäuschend erlebtes Spannungsfeld, werden in diesem Kapitel miteinander verbunden.
  • Lässt sich erotische Anziehung in einer Beziehung auf Dauer lebendig halten?
  • Das innere Familiensystem in der Sexualtherapie – ich bin nicht mein Gefühl, sondern das Gefühl ist ein Teil von mir
  • Intervention: Reise in den erotischen Raum, eine begleitete Imagination
  • Therapie: 1. Bindungsrelevante Themen (z.B. sensate Focus Übungen), 2. Erotikrelevante Themen (Liebesdiener-Übung)

Zu Kapitel 7 – Ambivalenzen des sexuellen Begehrens

  • Beim Thema sexuelle Unlust könnte man sich aufgrund der Häufigkeit des Vorkommens bei Mann und Frau (Frauen 1/3, Männer 1/6) auch fragen, ob hier nicht etwas Normales pathologisiert werde, stellt Clemens zur Diskussion.
  • Interaktion: das Ideale Sexuelle Szenario
  • Die Ambivalenz von Werten und der Lust, erwünschte und unerwünschte Wertesysteme
  • Sexuelle Lustlosigkeit spiele sich fast immer auf paardynamischem Terrain ab und die interessante Frage dabei sei, wie sich die Imperative des Werte- und Lustsystems miteinander verbinden liessen.

Zu Kapitel 8 – Sexuelle Beziehungsangebote – Geben und Nehmen

  • Die Schieflage von Geben und Nehmen – und das Gefühl nicht genug zu haben um geben zu können, oder das Gefühl nicht genug, oder aber das Falsche zu bekommen, nennt Clement Import- bzw. Export-Defizit.
  • Geben: Setze voraus, dass überhaupt etwas da ist, das zu geben ist. Clement unterscheidet dabei zwischen „Nachgeben“, wo die eigenen Wünsche dem Partner zuliebe geopfert werden, und dem „Geben“, als die Lust, dem anderen zu geben. Geben setze ein Bewusstsein der Fülle voraus, was im Prinzip unerschöpflich sei, da sie aus sich selber heraus erzeugt werde.
  • Annehmen: Der Gebende kann ins Leere laufen, wenn die Adressatin die Annahme verweigert. Also gehe es darum, zu einer Haltung des Wohlwollens zu finden, welche dem Gebenden positiv unterstellt, dass er es gut meint, dass die Gabe wertvoll ist und dass gern gegeben wird. Diese Haltung setze allerdings ein Minimum an Selbstachtung voraus, und die Überzeugung, auch ein Geschenk wert zu sein.

Zu Kapitel 9 – Nehmen und Genommenwerden

  • Partnerin als Subjekt = Gegenseitigkeit und Wertschätzung der Partnerin als ganze Person.
  • Partner als Objekt = Bild des Partners, das den eigenen Bedürfnissen entsprechend konstruiert wird, das heißt, ein Teilaspekt wird erotisiert oder fetischistisch überhöht.
  • Sexobjekt oder Sexsubjekt? Die Objektivierung oder aber der Wunsch sich auszuliefern, können die sexuelle Erregung beflügeln. Damit das so ins Spiel kommen kann, ist jedoch die stabile Vertrauens-Basis des Subjekt Modus Voraussetzung.
  • In diesem Kapitel zitiert Clement Esther Perel, der zufolge die explizit gezeigte Sexualität von Frauen, wie Miniröcke, High Heels und exzessives Flirten, für Männer insofern attraktiv seien, als dass damit signalisiert werde: „ich bin sexuell selbstbewusst“. Das entlaste den Mann und sei gewissermaßen ein Freibrief, um selbstbezogenen Sex zu haben. Umgekehrt sei das Bad Boy-Verhalten eines Mannes für die Frau eine Erleichterung, da sie sozusagen aus der Mutterfalle befreit ist, sich um den Mann kümmern zu müssen. Somit kann sie ihm einfach als sexuelle Frau begegnen und einfach mit ihm Sex haben. Clements Fazit daraus: Männliche und weibliche Sexobjekte seien attraktiv, weil sie vermittelten: ich bin mit meiner Sexualität im Reinen, ich sorge für mich. Du kannst mich nehmen, ich gehe dabei nicht verloren.

Zu Kapitel 10 – Sexuelle Fantasien

  • Frauen wie Männer fantasieren. Männer unabhängiger von realen Beziehungen, sie konzentrieren sich eher auf die Reize ihrer Präferenzen, sehen sich eher in der aktiven Position, verdrängen andere Männer und die Teilnehmerposition ist für sie interessanter, als die reine Beobachterposition. Frauen hingegen fantasieren bezogener, sind auch auf Reize ansprechbar, die nicht ihren Präferenzen entsprechen, sprechen auch auf Frauen an, sehen sich häufiger in der rezeptiven Position und können eine Teilnehmerinnen- wie auch eine Beobachterinnenposition erotisch besetzen.
  • Wie lassen sich reale Wünsche und Fantasien, die nie real werden wollen und sollen, im therapeutischen Setting nutzen? Dafür hat Clement Fragen zur Analyse von Fantasien aufgelistet. Wobei für eine Auswertung die Kenntnis der Lebenssituation erforderlich sei, um Fantasien in einen sinnvollen Kontext stellen und eben; therapeutisch nutzen zu können.
  • Fantasien würden im therapeutischen Alltag eher selten spontan berichtet. Wolle die Therapeutin also diese Ressource nutzen, müsse in der Regel sie aktiv werden.

Zu Kapitel 11 – Bewegungen

  • Öffnen, schließen, innehalten, sind die Bewegungen, bzw. Grundfiguren eines produktiven sexualtherapeutischen Prozesses.
  • Mit öffnen sind Interventionen gemeint, die einen Prozess initiieren. Mit schließen solche, die von einer mehrdeutigen Situation in die Eindeutigkeit avisieren und den Prozess damit abschliessen. Wobei es in der Therapie immer beider Bewegungen bedürfe. Bei den verweilenden Techniken zählt Clement das „Wundern und Staunen“ auf, das Verlangsamen sowie das Schweigen. Wobei es beim Verlangsamen darum geht, die körperlichen Wahrnehmungen, also den momentanen Ist-Zustand miteinzubeziehen.

Diskussion

Das Buch liefert keine fertigen Antworten, sondern auf Studien gestützte Ableitungen und Vermutungen. Und das ist gut so, denn meines Erachtens sind die Themen rund um Sex, Lust und Begehren zu komplex, als dass sie allgemein abgehandelt und schubladisiert werden können. Ulrich Clement als sehr erfahrener Sexualtherapeut, hat aus seinen Ableitungen jedoch klare, sofort anwendbare Anleitungen für die Systemische Sexualtherapie konzipiert.

Und etwas, was ich noch kaum je gelesen habe: Ulrich Clement thematisiert, dass meist der nichtuniversitäre „Wildwuchs“, die Innovationen beispielsweise für das Neuverständnis von sexuellen Störungen und die Therapieansätze von Morgen initiieren, und wie sich die beiden – Zuchtpflanze und Wildwuchs – gegenseitig befruchten könnten und auch tun. Die beiden Felder entwickeln sich nicht synchron, denn die Innovateure sind den Prüfern naturgemäss eine gewisse Zeit voraus und es kann oft bereits als Allgemeingut gelten, auch wenn es noch nicht empirisch belegt ist.

Fazit – Ambivalente Konzepte von Begehren ermöglichen Kommunikation

Statt unterschiedliche Konzepte des Begehrens in der Therapie ausgleichen zu wollen, lässt Clement sie in ihrer Ambivalenz bestehen und auf die individuellen (sexuellen) Persönlichkeiten der beiden zurückwirken. Die Gegensätze ermöglichen so erst den Kommunikationsprozess und eröffnen den Beteiligten die Chance, sich als sexuell selbstbestimmt handelnde, fühlende und denkende Personen zu erleben. Das Buch zeigt neue sexualtherapeutische Spielräume der Prozess-Steuerung auf, und ist in erster Linie für Beratende gedacht, aber auch für Paare lesenswert.


Rezensentin
Marlise Santiago
Praxis für Körper, Beziehung, Sexualität
Homepage www.beraten-und-beruehren.ch
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Zitiervorschlag
Marlise Santiago. Rezension vom 26.01.2017 zu: Ulrich Clement: Dynamik des Begehrens. Systemische Sexualtherapie in der Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. ISBN 978-3-8497-0111-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21426.php, Datum des Zugriffs 28.07.2017.


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