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Andreas Eickhorst, Ansgar Röhrbein: „Wir freuen uns, dass Sie da sind!“ (Väter)

Cover Andreas Eickhorst, Ansgar Röhrbein: „Wir freuen uns, dass Sie da sind!“. Beratung und Therapie mit Vätern. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. 256 Seiten. ISBN 978-3-8497-0110-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der Sammelband dient dem Bemühen, durch „Beratung und Therapie von Vätern“ (so der Untertitel) den Rückzug von Männern aus Familie und Kinderbetreuung aufzuhalten. Die beiden Herausgeber haben für die Beiträge zu diesem Buch fast zwei Dutzend profilierte Berater und Therapeuten gewinnen können, die mit ihnen und mit einander verbunden sind durch den übereinstimmend praktizierten sogenannten „systemischen Ansatz.“ Dazu erläutert die Webpage der Systemischen Gesellschaft: „Systemische Praxis verfolgt gemäß ihrem theoretischen Ansatz weder das Ziel, die Probleme diagnostisch zu erkunden und zu klassifizieren, noch sie kausal zu verändern. Vielmehr versucht sie, im Dialog mit den Betroffenen Beschreibungen zu entwickeln, die die Möglichkeiten aller Beteiligten, wahrzunehmen, zu denken und zu handeln, erweitern“. Um das zu erreichen werden die Ratsuchenden vorwiegend im Kontext ihrer Familienbeziehungen gesehen.

Herausgeber

Andreas Eickhorst ist promovierter Diplompsychologe und arbeitet nach Forschungen am Universitätsklinikum Heidelberg seit 2013 am Deutschen Jugendinstitut in München.

Ansgar Röhrbein hat als Diplompädagoge an der Katholischen Familienbildungsstätte in Essen mitgewirkt und war nebenberuflich am Stierlin Institut in Heidelberg tätig. Von ihm stammt das Buch „Mit Lust und Liebe Vater sein“ von 2010 (unter Mitarbeit vom Thomas Vogler). Sowohl Eickhorst als auch Röhrbein sind ausgewiesene Vaterforscher und systemische Berater und Therapeuten.

Aufbau und Inhalt

Im Erfahrungsaustausch im kleinen Kreis und auf Tagungen von Vaterexperten ergab sich das Bedürfnis, die Beratungs- und Therapieerfahrungen von Mitgliedern der Forschergruppe, die an diesem Band mitgeschrieben haben, zu dokumentieren und in einer handlichen Zusammenfassung zugänglich zu machen.

Jochen Schweitzer beklagt in seinem Vorwort, dass Vätern in Familien hinsichtlich ihrer Präsenz-Chancen quantitativ den Müttern unterlegen sind, obwohl die meisten Väter „sich (eigentlich) als Väter ihrer Kinder intensiv engagieren“ wollen (S. 10).

In der Einleitung stellen sich die Herausgeber ausführlich anhand ihrer Arbeitsbiographien vor, postulieren „eine selbstverständliche und frühzeitige Beteiligung der Väter“ am Familiensystem und bekennen sich zu dem „Konzept der ‚bezogenen Individuation‘“ von Helm Stierlin (13).

Die von 1 bis 19 durchnummerierten Beiträge werden in drei Abschnitte gegliedert.

Teil I „Vaterschaft heute“ stellt für die Herausgeber die „Basis des gesamten Buches“ dar. Die vier Beiträge der Verfasser Matzner, Grabow, Nelles und Baisch sollen hinführen zu dem „Wissen, welches wir in verschiedenen Bereichen heute über Väter haben.“ (14). Der Teil endet mit einer Darstellung von Baisch (57-69) zum Thema Unternehmenskultur. Dabei geht es um das vertraute Problem der Spannungen zwischen Familie und Beruf. Baisch zeigt, wie es durch Personalberatung innerhalb der Unternehmenskultur möglich ist, väterfreundliche Regelungen zu propagieren und so zu erreichen, dass ein „Vereinbarkeitseffekt“ nicht nur eine politische Forderung bleibt, sondern „aus den Unternehmen selbst erwachsen“ (68) kann.

Teil II erarbeitet unter der Überschrift „Es kommt auf die Haltung an“ (71) eine Übersicht über grundlegende Positionen in Beratung und Therapie heute. Schäfer und Schulte erläutern „Erfolgsfaktoren für die Arbeit mit Vätern“ (72), und Orban behandelt „Ambulante Arbeit mit Vätern in der Jugendhilfe“ (86). Dieser Teil des Bandes endet mit der Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Liz Nicolai und Ansgar Röhrbein zu dem Thema „Wenn Väter Gewalt anwenden“ (100-111): Elisabeth Nicolai (hier Liz genannt) ist die 1. Vorsitzende und Lehrtherapeutin des Stierlin Instituts in Heidelberg. Sie erwähnt zu Beginn des Gesprächs die Betroffenheit in Form einer kaum vermeidbaren „Wut gegenüber den Tätern“ (100). Daraus kann ein Verständnis für die Prozesse der Interaktion werden, die zur Anwendung von Gewalt führen, was natürlich nicht mit Duldung von oder gar Zustimmung zu Gewalt verwechselt werden darf (101). Röhrbein zeigt am Ende des Gesprächs, das versucht werden kann, den Vätern den Zugang zu ihren eigenen „fürsorglichen Anteilen“ zu öffnen, um so ein friedfertiges Verhalten wahrscheinlicher zu machen.

Teil III ist länger als die beiden vorangehenden: Er fasst die Beiträge 8 bis 19 zusammen unter der Überschrift „Arbeit mit Vätern in unterschiedlichen Situationen und Kontexten“ (113). „In 13 Beiträgen berichten Fachleute aus der Praxis (Diagnostik, Begleitung, Beratung, Therapie) über ihre Erfahrungen, Ansätze und Methoden“ (15). Die Seiten 15 bis 17 der Einleitung enthalten kurze Inhaltsangaben der dreizehn Beiträge. Es ist kaum möglich, eine Rangfolge der Relevanz dieser Beiträge herzustellen, um dann über den bedeutsamsten zu berichten, weil jeder auf seine Weise wichtig ist. Röhrbein berichtet zusammen mit Aura Randón Berger bewegend über „Wenn Väter neu ins Leben treten – Balanceakte der Ambivalenz“ (233-246), dem vorletzten Abschnitt des Buches. Der Text geht davon aus, wie „Kinder, Jugendliche und Erwachsene“ nach dem wenig präsenten Vater auf der Suche bleiben, und wie Väter „ihre Rolle im Leben ihres Kinder (wieder) einnehmen wollen“. Die Beratungspraxis zeigt, dass es bei Trennung der Eltern zumeist die Väter sind, die den Kontakt zu ihren Kindern verlieren. Röhrbein zitiert den Satz: „Sie können die Kinder aus der Familie nehmen, aber nicht die Familie aus den Kindern“(233). Das führt als Konsequenz dazu, dass mit viel Geduld und Rücksichtnahme auf die Gefühlslage der Mutter, dem Kind ein Weg eröffnet werden sollte, auf dem es sich dem Vater wieder annähern kann.

Fazit

Das Verdienst der Herausgeber ist es fraglos, eine so große Gruppe von Fachleuten sowohl hinsichtlich des Themas als auch der Vorgehensweisen „unter einen Hut“ gebracht zu haben. Die Relevanz des Gegenstandes wird weitgehend unterschätzt. Darum hat Schweitzer in seinem Vorwort richtig für „ein engagiertes Plädoyer“ zugunsten der Arbeit mit Vätern geworben. Er schreibt auch: „Dieses Buch ist eine Fundgrube voll empirischer Daten, konzeptioneller Überlegungen und vor allem praktischer Tips“ (10). Weil das so ist, gehört es in die Hände von Angehörigen jener Disziplinen, die sich in Forschung oder in Beratung, Therapie und Rechtsprechung mit Fragen von Vaterschaft und Familie beschäftigen.


Rezensent
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 20.04.2017 zu: Andreas Eickhorst, Ansgar Röhrbein: „Wir freuen uns, dass Sie da sind!“. Beratung und Therapie mit Vätern. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. ISBN 978-3-8497-0110-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21428.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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