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Helmolt Rademacher, Werner Wintersteiner (Hrsg.): Jahrbuch Demokratiepädagogik 4

Cover Helmolt Rademacher, Werner Wintersteiner (Hrsg.): Jahrbuch Demokratiepädagogik 4. Friedenspädagogik und Demokratiepädagogik. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. 288 Seiten. ISBN 978-3-7344-0277-7. 26,80 EUR.
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Politische Bildung als Erziehung zu einer Kultur des Friedens

Demokratie ist die beste aller Regierungs- und Lebensformen; sie ist aber auch die schwierigste. Denn als Voraussetzung dafür stehen weder ein Ordre mufti, noch ein gengewachsener oder -manipulierter Code, sondern die eigene und gesellschaftliche Anstrengung. Demokratie also muss man lernen und erfahren können. In der schulischen und außerschulischen Bildung wird der Demokratiepädagogik die entscheidende Herausforderung zugeschrieben. Als zôon politikon (Aristoteles), als politisch bewusstes, mit Verstand ausgestattetes, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges und Allgemeinurteile bildendes Lebewesen ist der Mensch fähig, selbst zu denken und nicht andere für sich denken zu lassen (Karl-Heinz Bohrer). Demokratiepädagogik kann somit als die grundlegende, disziplinübergreifende Aufgabe verstanden werden, Mensch zu sein. Der Hannöversche Philosoph Oskar Negt sieht im Politischen den Grundzug der Persönlichkeitsbildung des Menschen und Existenzvoraussetzung für jede friedensfähige Gesellschaft (Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Demokratie ist nicht nur Verfassungsanspruch und Regierungskonstitut, sondern auch als Gesellschafts- und Lebensform; so steht es im „Magdeburger Manifest zur Demokratiepädagogik“. Die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik gibt seit 2012 das Jahrbuch „Demokratiepädagogik“ heraus.

  1. Bd. 1 thematisierte die Bildungsaufgaben für Schule und Jugendbildung,
  2. Bd. 2 setzte sich mit demokratischer Lernkultur und Genderdemokratie auseinander,
  3. im dritten Band wird der Fokus auf „Demokratiepädagogik und Rechtsextremismus“ gelegt (Hans Berkessel / Wolfgang Beutel, Hrsg., Jahrbuch Demokratiepädagogik Band 3. Demokratiepädagogik und Rechtsextremismus 2015/16, www.socialnet.de/rezensionen/18742.php).
  4. Der vierte, vorliegende Sammelband wird dem Thema „Friedenspädagogik“ gewidmet: „Einerseits kann Friedenspädagogik als ein unverzichtbarer Bereich von Demokratiepädagogik gesehen werden – andrerseits können auch umgekehrt demokratische Erziehung und Erziehung zur Demokratie als ein Grundbaustein von Friedenspädagogik aufgefasst werden“.

Der Perspektivenwechsel von einer Kultur des Krieges hin zu einer Kultur des Friedens wird immer wieder gefordert, und die Verknüpfung von individueller mit universeller Verantwortung (Federico Mayor) ist heute dringlicher denn je, angesichts der sich immer interdependenter, entgrenzender und (scheinbar oder wirklich?) ego-, ethno-, national- und fundamentalistisch entwickelnden (Einen?) Welt. Der von den Vereinten Nationen, von nationalen und internationalen Organisationen geforderte Paradigmenwechsel – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995) – ist ohne Aufklärung und Bildung nicht zu haben. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik und Jury-Mitglied des Förderprogramms „Demokratisch Handeln“, Helmolt Rademacher, und der Klagenfurter Didaktiker und Friedensforscher, Werner Wintersteiner, geben das Jahrbuch heraus. Sie versammeln darin 35 Expertinnen und Experten, die nach verschütteten Konzepten der Friedenspädagogik fragen, neu an ihnen anknüpfen und ihre Weiterentwicklung diskutieren.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in fünf Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten wird „Friedenspädagogik und Demokratiepädagogik“ thematisiert;
  2. im zweiten werden im „Forum“ Aspekte der Friedenserziehung diskutiert;
  3. im dritten werden Praxisbeispiele und Projekte vorgestellt;
  4. im vierten wird die Situation in verschiedenen Ländern und Regionen aufgezeigt; und
  5. im fünften Kapitel geht es um „Zivilgesellschaft, Rezensionen und Dokumentationen“.

Uli Jäger, Direktor der Berghof Foundation „Friedenspädagogik und Globales Lernen“, der Nachfolge-Organisation des Tübingen Instituts für Friedenspädagogik, verweist mit seinem Beitrag „Friedensbildung und -pädagogik: Strukturelle Verankerungen und Initiierung von Lernprozessen“ darauf, dass die Schule aus der Sicht der Friedenspädagogik ein herausragender Lernort für Frieden ist. Er zeigt auf, welche Bildungs- und Erziehungsziele und Organisationsformen notwendig sind, um eine Kultur des Friedens im individuellen und gesellschaftlichen Denken und Handeln zu etablieren.

Der Didaktiker von der Universität Bamberg, Fritz Reheis, stellt mit seiner Forderung „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ die Herausforderungen für die Friedenspädagogik im 21. Jahrhundert heraus. Er vermittelt einen Überblick über friedenspädagogische Ansätze und verweist auf die Dilemmata der vorherrschenden Friedenspädagogik zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung. Als Alternative entwirft er ein zeitökonomisch-kapitalismuskritisches, ganzheitliches Konzept einer Friedenspädagogik.

Werner Wintersteiner stellt „Global Citizenship-Education“ als ein friedenspädagogisches Konzept vor. Mit den von der UNESCO, der Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen initiierten Programmatiken, wie z. B. einer neuen Friedensdefinition und der bereits 1974 vorgelegten „Empfehlung zur internationalen Erziehung“, soll sich eine „weltgesellschaftliche Transformation und Kultur des Friedens“ vollziehen.

Der Friedenspädagoge von der Katholischen Hochschule NRW, Norbert Frieters-Reermann, thematisiert „Friedenspädagogik als zivile Konfliktbearbeitung“ im Spannungsfeld ziviler Friedensbildung. Es geht um Spannungsfelder in der Mikro- und Makroebene, von individueller und kollektiver Dynamiken, um die Methoden von Ergebnisorientierung und -offenheit, von Problemlösung und -erzeugung, und damit um die Vermittlung der Kompetenzen, Konflikte zu erkennen, mit ihnen umzugehen und sie schließlich bewältigen zu helfen.

Die Historikerin von der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt, Bettina Gruber, präsentiert die Ergebnisse einer Studie über „Lerneffekte in der Friedenserziehung“ und vermittelt Erkenntnisse für die Praxis, Ausbildung und Forschung. „Die Reflexion postdemokratischer Entwicklungen, nachnationaler demokratischer Entwürfe bzw. die Hinwendung und die ‚Bedeutung des Politischen‘ muss der Rahmen für eine zeitgemäße Friedensbildung sein“.

Helmolt Rademacher reflektiert „Zur Bedeutung der Haltung in der Friedens- und Demokratiepädagogik“. Er diskutiert verschiedene „Haltungs-Modelle“ und Lehr- und Lernvorstellungen und Konzepte: „In der Forderung einer Haltung der Offenheit, Authentizität, Toleranz und Respekt liegt eine wesentliche Gemeinsamkeit der Friedens- und Demokratiepädagogik“.

Im „Forum“ konkretisiert der Linzer Friedens-, Konfliktforscher, Theater-, Erzählpädagoge und Brecht-Forscher Reiner Steinweg in einer autobiographischen Skizze „Langzeitwirkungen von Friedenserziehung“, indem er über erinnerte und interpretierte Haltungen seiner Lehrer bei der Vermittlung von Friedenseinstellungen und -werten erzählt. „Es war erstens die Haltung, die die beiden Lehrer uns Schülern gegenüber eingenommen haben sowie der Tatbestand, dass Haltung, Verhalten und Lehre sehr weitgehend übereinstimmten“.

Der Bamberger Geschichtsdidaktiker Bert Freyberger und der Politikdidaktiker von der Pädagogischen Hochschule Weingarten, Volker Reinhardt, diskutieren in einem Interview über die Zusammenhänge von „Erinnerungskultur, Geschichtsbewusstsein und Friedenspädagogik“.

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik, Kurt Edler, formuliert mit seinem Beitrag „Friedenspädagogik in Zeiten des Dschihad“ ideologiekritische Selbstbeobachtungen eines Friedensbewegten. Er zeigt auf, dass in den „Zeiten der Ideologien“ die Friedenspädagogik vor neuen Herausforderungen steht: „Dort, wo sie es bisher vorzog, in einer harmonischen Nische alte Gewissheiten zu pflegen, setzt sie sich nunmehr dem kritischen Blick einer Umgebung aus, die von Pädagogik erwartet, sich auch in unfriedlicheren Zeiten zu bewähren“.

Der Schulpädagoge Christian D. Magnus und die Erziehungswissenschaftlerin Anne Siwka, beide von der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, referieren mit ihrem Beitrag „Community-based learning and research (CBLR)“, indem sie das Ausbildungs- und Forschungskonzept „Service-Learning“ vorstellen. Der aus dem angelsächsischen Raum stammende Ansatz „beschreibt eine projektorientierte Lehr-Lernform, die fachwissenschaftliches Lernen (learning) mit gemeinnützigem Handeln (service) verknüpft“. Es geht also darum, Lernen als reflektierte Erfahrung zu verstehen. Besonders in der politischen Bildung bietet sich diese Idee bei der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften an. Das Autorenteam beschreibt die Zielsetzungen und Inhalte modellhaft für die Ausbildungsarbeit.

Der Sozialwissenschaftler von der Universität Göttingen, Hermann Veith, setzt sich auseinander mit der „Reform des Systems der schulischen Leistungsbeurteilung“. Am Beispiel von Lern- und Bewertungspraktiken in mit dem Deutschen Schulpreis geehrten Schulen zeigt er auf, dass es „jenseits der überkommenen Zertifizierungspraktiken inzwischen eine breite Palette von neuen, lernprozessbegleitenden Verfahren gibt…, (mit deren Hilfe) individuelle Lernstände festgestellt, Lernentwicklungen beobachtet und Lernleistungen wertschätzend bewertet werden (können)“.

Der Jenenser Politikwissenschaftler Klaus Dicke bezieht sich mit seiner Frage „Billiger Kompromiss?“ auf die vernachlässigte Tugend vernünftiger Politik. Er reflektiert die vielfältigen Wahrnehmungen und Formen, die sich beim politischen Handeln als Kompromissfähigkeit und -strategie, bis hin zum „faulen Kompromiss“ darstellen. Er plädiert dafür, dass Kompromisse nicht nur eine reflektierte Vorsicht bedürfen, sondern auch eine „Kultur der Nachsicht“ benötigen. Kompromisse sollten deshalb im politischen Denken und Handeln nicht als ein notwendiges Übel betrachtet werden; vielmehr geht es darum, „in ihnen eine höchst anspruchsvolle und voraussetzungsreiche Kunst und Leistung politischer Übereinkunft zu sehen“.

Im dritten Kapitel werden Praxisbeispiele vorgestellt. Die (Grünen-)Politikerin, Journalistin und Vorstandsmitglied des Komitees für Grundrechte und Demokratie, Barbara Esser, informiert über Zielsetzungen, Inhalte, Methoden und Arbeitsweisen des Projektes „Ferien vom Krieg – Dialoge über Grenzen hinweg“. Sie zeigt auf, wie die Dialogseminare organisiert werden und ablaufen, zu denen Jugendliche und junge Erwachsene aus Israel und Palästina nach Deutschland eingeladen werden.

Der Historiker und Jurymitglied des „Förderprogramms Demokratisch Handeln“, Hans Berkessel, führt ein Interview mit der Pädagogin und Vorsitzenden von Givat Haviva Deutschland e.V., Friedel Grützmacher. Der israelisch-palästinensische Bildungskibbuz Givat Haviva in der Nähe von Haifa setzt sich seit Jahrzehnten für die „Vision eines gemeinsamen Staates Israel mit der Gleichberechtigung aller Bürger“ ein. Der in Rheinland-Pfalz tätige Verein unterstützt und fördert die Initiativen von Givat Haviva, koordiniert die vielfältigen schulischen und außerschulischen Aktivitäten und Kooperationen in Deutschland. Es ist geplant, in Berlin ein Internationales Freundeskreistreffen zu organisieren, bei dem Unterstützerinnen und Unterstützer von Givat Haviva zusammen mit Mitarbeiterinnen und Engagierten aus Israel und Palästina über die Vision und Möglichkeiten zur Bildung eines friedlichen, gemeinsamen Staates im Nahen Osten nachdenken.

Der Sozialkundedidaktiker vom Institut für Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Markus Gloe, und der Politikdidaktiker vom Institut für Politikwissenschaft / Zentrum für Demokratieforschung der Leuphana Universität in Lüneburg, Tonio Oeftering, plädieren mit ihrem Beitrag „Ein bisschen Frieden!“ dafür, in der politischen Bildung „Lieder gegen den Krieg und für den Frieden als Medium politischer Bildungsprozesse“ einzusetzen. Mit methodisch-didaktischen Überlegungen thematisieren sie die Bedeutung von Musik für die politische Aufklärungs- und Bildungsarbeit und zeigen auf, dass „durch einen konstruktiv-produktiven Umgang mit entsprechenden Songs… ein Beitrag zur Friedensfähigkeit, aber auch zum Friedenshandeln geleistet werden (kann)“.

Der Erziehungswissenschaftler von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Christophe Straub, informiert mit seinem Beitrag „Das deutsch-französische Schulbuch“ über Zielsetzungen, Bemühungen und Ergebnisse darüber, wie „Geschichte lehren und lernen aus binationaler Perspektive“ möglich ist. Das dreibändige Werk eines deutsch-französischen Schulbuchs für das Fach Geschichte kann als ein gelungener Versuch aufgefasst werden, Geschichte nicht als Trennendes, sondern Verbindendes von Völkern und Kulturen zu begreifen. Der erste Band „Histoire/Geschichte – Europa und die Welt seit 1945“ ist 2006 erschienen, der zweite, „Histoire/Geschichte – Europa und die Welt vom Wiener Kongress bis 1945“, 2007 und der dritte, „Histoire/Geschichte – Europa und die Welt von der Antike bis 1815“, 2011. Euphorie und Distanz sind bei der Einführung dieser gemeinsamen deutsch-französischen Initiative zu beobachten. Ziel ist, ein europäisches (internationales?) Geschichtsbuch zu entwickeln.

Die ehemalige Schülerin und Studentin Katharina Dohmen und der Schulleiter Wilfried Kretschmer von der Hildesheimer Robert-Bosch-UNESCO-Gesamtschule (RBG) informieren über das Lern- und Aktionsprojekt „Lernen mit und in Afrika“. Die Schulgemeinschaft hat 2012 beschlossen, in dem rund 7000 Einwohner zählenden tansanischen Massai-Dorf Lekrimuni am Fuße des Kilimanjaro mitzuhelfen, eine Krankenstation aufzubauen. Die in prekären und subsistenzbestimmten Situationen lebende Bevölkerung muss bisher weite Wege für ihre Gesundheitsversorgung bewältigen. Die mit rund 100.000.- Euro veranschlagten Kosten werden von den Schülerinnen, Schülern durch vielfältige Aktivitäten, wie etwa „Run for Help“, Bastelprodukten und Spendeneinwerbung aufgebracht. Die RBG will auch dafür sorgen, dass die laufenden Kosten für die Krankenstation übernommen werden können. Ausstattungsgegenstände und medizinische Geräte werden mit Containern nach Tansania gebracht. Besuche und Arbeitseinsätze von Hildesheimer Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften in Lekrimuni und Umgebung und Gegenbesuche der tansanischen Partner in Hildesheim haben nicht nur persönliche Kontakte geknüpft und Hilfestellungen beim Bau und der Einrichtung der Krankenstation gebracht, sondern den Beteiligten auch neue, interkulturelle und empathische Erfahrungen ermöglicht. Exemplarisch wird Tansania als ein Land in unserem Nachbarkontinent Afrika im Schulcurriculum der RBG thematisiert, und das Schulleben wird dadurch bereichert.

Der Geschäftsführer des „Förderprogramms Demokratisch Handeln“ und Lehrbeauftragter der FU Berlin, Wolfgang Beutel, berichtet über die vielfältigen Programme und Aktivitäten des Schulwettbewerbs. Besonders gute und erfolgreiche Projekte werden als Best-Practice-Beispiele herausgestellt und für Information, Aus- und Fortbildung verwendet. Sie „belegen die Vielfalt möglicher Handlungsformen und Erfahrungen, die in demokratiepädagogischen Gelegenheitsstrukturen sichtbar werden“; und sie bieten interessierten Schulen Einblicke in die Werkstätten einer demokratischen Schulentwicklung.

Im vierten Kapitel wird ein Blick über den lokalen, kulturellen und nationalen Gartenzaun gerichtet. Die Primarlehrerin und pädagogische Mitarbeiterin der Universität in Basel, Barbara Jost, vermittelt einen Überblick „Zur aktuellen Situation der Friedenspädagogik in der Schweiz“. Obwohl in der Schweiz eine aktive Bewegung tätig ist, „Frieden in Form ziviler Friedensförderung ins Ausland, in Krisen- und Kriegsgebiete“ zu exportieren, vermisst die Autorin im Land bemerkenswerte und aktive friedenspädagogische Ansätze.

Die politische Bildnerin und Mitarbeiterin beim Demokratiezentrum in Wien, Johanna Urban, informiert über Schülerinnen- und Schüleraktivitäten im Web. Die multimediale Wiki-Plattform „PoliPedia.at“ bietet die Möglichkeit, „kollaborative Lernformen als Beitrag zur Stärkung des Demokratiebewusstseins“ einzusetzen. „Die Schülerinnen und Schüler werden in der Arbeit mit der Wiki-Plattform… ermutigt, ihre Meinung friedlich, deliberativ und konsensorientiert zu artikulieren“.

Der „Sprecher Friedenspädagogik Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung“, der Hamburger Dieter Lünse, und der ehemalige Projektleiter des BLK-Programms „Demokratie lernen & leben“, Wolfgang Steiner, berichten mit ihrem Beitrag „Friedenspädagogik im Norden“ über die Initiativen des „Norddeutschen Netzwerks für Friedenspädagogik“ (NNF); und die Erziehungswissenschaftlerin der Fachhochschule Kiel, Reingard Knauer, stellt „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“ vor.

Im fünften Kapitel „Zivilgesellschaft, Rezensionen und Dokumentation“ werden verschiedene Aspekte demokratiepädagogischen Denkens und Handelns abgedruckt, z. B. Peter Fausers skeptischer Appell „Was heißt und zu welchem Ende treiben wir Demokratiepädagogik?“, den er bei der Tagung „Die Verantwortung der Bildung für die Demokratie“ 2014 vorgetragen hat. Es ist die Dankesrede von Wolfgang Edelstein – „Gefährdete Demokratie“ – die er aus Anlass der Ehrungen zu seinem 85. Geburtstag im November 2014 gehalten hat. Es ist der Vortrag von Wolfgang Beutel – „Aufgeklärte Freiheit“ – der zur Feierstunde zum 25jährigen Bestehen des Förderprogramms Demokratisch Handeln bei der Veranstaltung IMAGINATA in Jena zu Gehör gebracht wurde. Es sind die Laudationes, die zur Verleihung des „Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreises für Demokratie lernen und erfahren“ 2014 an die Preisträgerin Antje Vollmer von Wolfgang Beutel, Peter Fauser und Christine Lieberknecht vorgetragen wurden, sowie die Dankesrede der Geehrten. Weiterhin die Laudationes des Bayreuther Rechtswissenschaftlers Rupprecht Podszun, „Engagement durch Hilfe vor Ort“ zur Preisverleihung für das Hamburger Schulprojekt „Macht die Turnhalle für die Flüchtlinge aus der St. Paulikirche auf“; die Laudatio des Leiters der Schule Schloss Salem, Manuel Schiffer, für das Schulprojekt „Leipzig – Leben in der DDR und friedliche Revolution“: „Auf das eigene Leben beziehen – Zeitgeschichte und Demokratie“; die Zusammenstellung von Werner Wintersteiner über „Klassiker und Neuerscheinungen der Friedenspädagogik“. Der Abdruck des Thesenpapiers „Thüringen 19_19: Demokratie stärken, demokratisches Lernen vorbereiten“, das von Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern der Evangelischen Akademie Thüringen und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen im September 2014 verabschiedet wurde. Und es ist ein gekürzter Text, der am 19. März 2015 vom „Netzwerk von bildungspolitischen Akteuren in Rheinland-Pfalz“ als „Forderungskatalog des Forums | neue bildung rheinland-pfalz“ als Schlusstext des Sammelbandes abgedruckt wird und in dem die Wertvorstellungen und Perspektiven für eine freiheitlich und demokratisch formierte Gesellschaft postuliert werden: Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe, selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben.

Fazit

Die Jahrbücher „Demokratiepädagogik“ der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik können als Anker und Pflanzkübel für das empfindliche und sorgsam zu hütende Pflänzchen „Demokratie leben“ verstanden werden. Sie dienen schulischen und außerschulischen Lehrkräften als Grundlagen- und Motivationsmaterial, um bei allen Menschen ein Bewusstsein zu schaffen, dass Demokratie die beste aller Lebensformen ist, gelernt und erfahren und verteidigt werden muss. Es ist die didaktische und gleichzeitig existentiell bedeutsame Frage – „Wie kann es gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie gebildet und aufgeklärt sein wollen?“ – die politische Bildung unverzichtbar macht. Das Jahrbuch 2016/17 mit dem Schwerpunkt „Friedenspädagogik und Demokratiepädagogik“ kommt nicht nur zur rechten Zeit, sondern auch als Leuchtturm und Zeigefinger in einer Welt, die in Egoismen, Ethnozentrismen, Nationalismen und Fundamentalismen auseinander zu driften droht!

Es ist lobenswert und initiierend, dass in der politischen Bildung die Themen Friedens- und Demokratiebildung, Friedens- und Konfliktforschung und Menschenrechtsbildung in den letzten Jahren intensiver und wirksamer diskutiert werden. Der Rezensent hat aus der Vielzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen der neueren Zeit ausgewählte Literatur in den Fach- und Internet-Rezensionsdiensten www.socialnet.de und www.sozial.de vorgestellt, u. a.: „Das sehnsuchtsvolle Verlangen der Menschen nach Freiheit. Freiheit, die ich meine“, 25.8.2015, www.sozial.de/index.php?id=94.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.10.2016 zu: Helmolt Rademacher, Werner Wintersteiner (Hrsg.): Jahrbuch Demokratiepädagogik 4. Friedenspädagogik und Demokratiepädagogik. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. ISBN 978-3-7344-0277-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21432.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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