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Tobias Braune-Krickau: Religion und Anerkennung

Cover Tobias Braune-Krickau: Religion und Anerkennung. Ein Versuch über Diakonie als Ort religiöser Erfahrung. Mohr Siebeck (Tübingen) 2015. 342 Seiten. ISBN 978-3-16-153996-1. 49,00 EUR.
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Thema

Wer in Tobias Braune-Krickaus Buch eine systematische Auseinandersetzung zum Zusammenhang von Religion und Anerkennung sucht, wird möglicherweise nicht fündig. Durchgängig, aber doch als roter Faden und nicht als zentraler Gegenstand bestimmen die beiden Konzepte den Text. Im Kern geht es aber um Soziale Arbeit und praktisches Helfen, die auch und gerade unter den Bedingungen der säkularisierten Moderne als Ort religiöser Erfahrung bestimmt werden. Gerade wenn die Säkularisierung des Helfens als nicht hintergehbares Faktum ernst genommen wird und Religion also nicht notwendig wird, erfährt der Handelnde in seiner Praxis eine Dimension der Selbsttranszendenz: „Nur wenn man sich auf die säkularisierte, von außen nicht mehr unterscheidbare Gestalt moderner Fürsorgepraxis einlässt, lässt sich auch die Religion wieder als innere Möglichkeit dieser Praxis erschließen.“ (19)

Im Hintergrund dieser Überlegungen steht nicht nur die Bekenntnis zu einem in Professionalisierung und Modernisierung säkular gewordenen Helfen, sondern auch die Wahrnehmung von zunehmend resonanzlosen Deutungs- und Interpretationsanstrengungen, die zur Darstellung des Christlichen am Helfen unternommen werden. Nicht die christliche Deutungen und Erkennungszeichen, seien es Leitbilder, sei es die Spiritualität der Mitarbeitenden werden gesucht, sondern die „vitale Bedeutung, die einer solchen (helfenden) Praxis innewohnt“. Im Helfen selbst werden religiöse Erfahrungen vermittelt. Diakonie ist eine „eigene religiöse Vollzugsform“ (278). Ist also jedes Hilfehandeln Diakonie?

Autor und Entstehungshintergrund

Tobias Braune-Krickau ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg, Fachgebiet praktische Theologie. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Religion in Gesellschaft und Kultur, Diakonie, Jugendarbeit sowie Religions- und Sozialphilosophie. Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um seine überarbeitete theologische Dissertationsschrift.

Aufbau

Grundsätzlich gilt, dass das Helfen im Prozess seiner Modernisierung eine religiöse Eindeutigkeit verloren hat. Dem Theologen stellt sich die Frage, was nun, nach der Säkularisierung des Helfens, noch das Religiöse an einer diakonischen Praxis ist (17 u.ö.). Doch auch für die Soziale Arbeit, die Braune-Krickau im Grunde nicht von Diakonie unterscheidet, gilt die Frage entsprechend: Gibt es eine Tiefendimension, die sich dem Handelnden in seinem Tun erschließt. Das ist die Leitfrage, die Braune-Krickau sich stellt. Um sie zu lösen greift er auf die Konzepte von Anerkennung und religiöser Erfahrung zurück und behandelt sein Thema in zwei Blöcken:

  1. Unter dem Stichwort „Anerkennung“ wird entwickelt, wie Soziale Arbeit (und Diakonie) als Arbeit an den Bedingungen von Freiheit aufzufassen ist. Nicht so stringent wie der Abschnitttitel glauben macht, wird dabei die These einer Säkularisierung des Helfens entwickelt.
  2. Der zweite Hauptteil führt unter dem Titel „Religion“ aus, dass Diakonie bzw. helfendes Handeln ein eigener Ort religiöser Erfahrung ist. Exposition und Resümee rahmen den Hauptteil.

Das Buch ist nicht nur inhaltlich von Interesse, sondern auch didaktisch geschickt aufgebaut. Die rahmenden Kapitel werden genutzt, um gründlich Fragestellung und Ausgangsposition zu entwickeln und den folgenden Gedankengang vorzustellen und einzuordnen. Die beiden Schlusskapitel fassen die Erwägungen zusammen. Unter dem Stichwort „Religiöses Selbstverständnis und säkulare Praxis“ wird ein Konzept von Diakonie als religiöser Erfahrung entwickelt. Im letzten Kapitel des Buches wird der Ansatz des Vfs. diakonietheologisch eingeordnet.

Inhalt

Was hat das alles mit Anerkennung zu tun? Tobias Braune-Krickau wählt die Anerkennung als einen Grundbegriff des Sozialen, der geeignet ist deskriptive, normative und praxisleitende Konzepte zu integrieren. Anerkennung ist für ihn der Grundbegriff, der in allen drei Dimensionen von Bedeutung ist. „Bedarf es (aber) (a) zur wachen Analyse sozialer Ungleichheit, (b) zur kritischen Beurteilung am Maßstab der Gerechtigkeit und (c) zur Anleitung einer humanen Praxis Sozialer Arbeit noch der Religion? Die Vermutung ist, dass eben das … nicht der Fall ist. 'Säkularisierung des Helfens' meint dann genau dies: die Nichtnotwendigkeit der Religion für das Helfen.“ (9 u.ö.) Allerdings ist das Helfen für religiöse Bezüge offen. Das Konzept der Anerkennung erschließt diese Bezüge und gibt für die Praxis „die Möglichkeit ihrer Anerkennung durch eine religiöse Selbstdeutung der Handelnden von neuem zu erkennen“ (20).

Der erste Hauptteil nähert sich der Anerkennung in vier Schritten.

  1. Zunächst wird soziale Ungleichheit als eine Form verwehrter Anerkennung bestimmt.
  2. Entsprechend ist das Thema Anerkennung stets notwendig mit Hilfeleistungen verbunden. Maßgeblich ist für Braune-Krickau der Anerkennungsbegriff Axel Honneths, der zwischen einer sozial-nahräumlichen, einer rechtlichen und einer wertschätzenden Ebene der Anerkennung unterscheidet.
  3. Der dritte Schritt verknüpft Anerkennung mit Freiheit und Gerechtigkeit. So definiert Braune-Krickau: „Gerecht ist eine Gesellschaft insofern als sie allen ihren Teilnehmern die Möglichkeit verschafft, in annähernd gleichem Maß an den relevanten Sphären der Anerkennung teilzuhaben.“ (22)
  4. Folgerichtig wird Soziale Arbeit schließlich als Arbeit an den Bedingungen für die Freiheit des Einzelnen.

Mit diesen vier Gedanken ist die oben geforderte Vermittlung von Analyse, kritischer Beurteilung und Handeln vollzogen. Es geht um die Praxis der Anerkennung, auf die der Gedankengang des Abschnitts von der Ungleichheitsdebatte über die Klärung von Anerkennung und ihrer Verbindung zu Freiheit konsequent hinführt.

Von Bedeutung sind nicht nur die klaren und instruktiven Zusammenfassungen, mit denen der Verfasser die einzelnen Abschnitte fokussiert, sondern vor allem ihr innerer Zusammenhang. Mitlaufend wird die These einer „Säkularisierung des Helfens“ entwickelt. Braune-Krickau geht von der Nichtunterscheidbarkeit von religiöser und nichtreligiöser Sozialer Arbeit aus; Helfen habe empirisch seine religiöse Eindeutigkeit verloren. Warum ist es aber dann gleichwohl für nicht wenige Menschen religiös bedeutsam? Wie kann mit Hilfe des Konzepts der Anerkennung gezeigt werden, dass im Helfen „gelebte Religion“ zum Tragen kommt?

Im zweiten Hauptteil wird Religion, präziser zur Beantwortung dieser Fragen die religiöse Erfahrung, die der Verfasser mit Diakonie verbunden, sieht zum Thema. Im Hintergrund steht die Überlegung, dass – erfahrbar für den Helfenden – „im barmherzigen Tun die Möglichkeit einer Gottesbegegnung verborgen liegt – oder um es etwas nüchterner zu sagen: eine besondere religiöse Qualität von Erfahrung“ (27). Kurz gefasst lautet die Vermutung: Wer hilft, bleibt in seiner Religiosität nicht unberührt und macht auch unter säkularisierten Bedingungen eine religiöse Erfahrung (28). Diese Grunderfahrungen erschließt Braune-Krickau unter Rückgriff auf fünf theologische Ansätze, die diesen Zusammenhang nachvollziehen. Die ausgewählten Autoren – bis auf Henning Luther allesamt systematische Theologen und bis auf Karl Rahner alle evangelisch – werden im Abschnittstitel jeweils einem markanten Stichwort zugeordnet: Falk Wagner – Religion. Hennig Luther – Leiden. Karl Rahner – Lieben. Trutz Rendtorff – Handeln. Wolfhart Pannenberg – Hoffen.

Der einleitende Abschnitt zu Falk Wagner dient der Überleitung undverknüpft Anerkennung mit Religion und religiöser Erfahrung.Die weiteren Autoren explizieren die religiöse Erfahrungen an konkreten Erfahrungen. Klar aber ist, dass die Erfahrungen von Lieben, Leiden, Hoffen und das Erleben von Übergängen existentieller Natur sind – Braune-Krickau verbindet sie mit dem Stichwort der Selbsttranszendenz – und dass sie in der Summe wie einzeln diakonisches Handeln zu bestimmen vermögen. Die Leitthese bleibt; Diakonie wird als prägnanter Ort religiöser Erfahrung vorgestellt.

Diskussion

Unter theologischer Perspektive erscheint Diakonie Braune-Krickau als ein „Biotop gelebter Religion“. Zwar erklärt der Verfasser, nicht die Pflege dieses Biotops, sondern seine Widerspiegelung im „Selbstverständnis von diakonisch Handelnden“ (276) sei sein Ziel. Doch das gewählte Praxisbeispiel geht über diese ansonsten den Text dominierende Einstellungsebene hinaus und betrifft das Selbstverständnis von Kirche und ihrer Praxis. Das Christentum bleibt jedenfalls auf Diakonie angewiesen, weil sie einen prägnanten Ort religiöser Erfahrung darstellt. Aber für die Gesellschaft gilt weiterhin: Ein allgemein menschliches Hilfsethos bedarf keiner theologischen Begründung.

Das eigentliche Thema Braune-Krickaus ist dieVerbindung intrinsischer Religiosität mit diakonischem Handeln. Es geht um das handelnde Subjekt, in dessen Wahrnehmung und Erfahrung sich eine religiöse Dimension im Hilfehandeln erschließt. Religion muss individuell gesucht und gefunden – und in Form diakonischen Handelns praktiziert und gelebt werden. Dieser Gedanke wird konsequent, in vielen Facetten überraschend und erhellend und in gut nachvollziehbarer Form vorgeführt.

Mit seinen Erwägungen fügt sich Braune-Krickau in den aktuellen diakoniewissenschaftlichen Diskurs, dem es darum geht, das Proprium diakonischen Handelns oder das Profil der Diakonie nicht in einem theologischen Vor- oder Überbau zu finden, sondern im Handeln selbst. Es gibt keine äußeren Kriterien, die ein Helfen als diakonisch von anderen Hilfeweisen unterscheidet. Und auch darin entspricht Braune-Krickau dem gegenwärtigen Diskussionsstand, dass er die besondere Dimension des Hilfehandelns mit dem handelnden Subjekt verknüpft.

Neu ist dabei, dass es nicht die innere Motivation oder die persönliche Haltung und Einstellung des Handelnden sind, die zum Helfen und zu einer Praxis der Anerkennung beitragen. Vielmehr bedenkt Braune-Krickau das Subjekt des Helfens vom Aspekt der Erfahrung her. Dem, der hilft, widerfährt im Helfen selbst Freiheit, Befreiung und möglicherweise auch Anerkennung. Dieser Gedanke ist theologisch klarer zu fassen – „im barmherzigen Tun begegnet Gott“ – als sozialwissenschaftlich und praktisch. Eben darum aber bemüht sich Braune-Krickau – mit Erfolg.

Die Diakonie hat in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit einen festen Platz als evangelisch geprägte Einrichtung der „Freien Wohlfahrtspflege“ und Stütze des Sozialstaates. Doch damit ist die Diakonie nicht allein. In der deutschen Gesellschaft gibt es neben der Diakonie verschiedene Anbieter sozialer Arbeit, von denen viele auch ohne religiöse Begründung auskommen. Sie leisten einen genauso guten und wertvollen Beitrag für die Gesellschaft. Was unterscheidet die Diakonie von ihnen? Und worin liegt überhaupt das Religiöse an der Diakonie? Der Marburger Praktische Theologe Tobias Braune-Krickau geht diesen Fragen aus theologischer und sozialphilosophischer Perspektive nach.

Zu Beginn des Buches macht Braune-Krickau eine „Säkularisierung des Helfens“ aus. Es hat ein historischer Wandel stattgefunden, der eine Unterscheidung zwischen religiöser und nicht-religiöser sozialer Arbeit schwierig macht: Helfen braucht keine Religion. Darum verwendet er zur Bestimmung der modernen Idee des Helfens konsequenterweise zunächst auch keinen religiösen Terminus. Vielmehr bietet sich der Begriff „Anerkennung“ als „Schlüsselthema für jede Form moderner sozialer Hilfeleistung“ und als Leitbegriff des ersten Hauptteils an. Dabei lehnt Braune-Krickau sich an die Sozialphilosophie Axel Honneths an, die ihre Wurzeln im Denken Hegels hat. Anerkennung wird hier als eine Form intersubjektiver Akzeptanz und Zuwendung verstanden. Erst durch solche „Verhältnisse wechselseitiger Anerkennung“ gelangen Menschen auch für sich zu einem positiven Selbstverständnis. Dies birgt zugleich eine politische Dimension: Anerkennung ist die Voraussetzung von Freiheit und Garant eines sozial-gerechten Gemeinwesens. Was die soziale Arbeit und mit ihr die Diakonie tut, lässt sich vor diesem Hintergrund als „Praxis der Anerkennung“ begreifen. Sie möchte Anerkennungsverhältnisse fördern und schaffen, um individuelle Freiheit unter sozialen Bedingungen zu ermöglichen.

Bis hierher hat die Religion kaum eine Rolle gespielt. Die gestiegene Relevanz des Anerkennungsthemas ist selbst schon Ausdruck der Säkularisierung des Helfens. Was ist nun aber mit der Diakonie? Wo es um Anerkennung geht, da geht es auch um Grundthemen des menschlichen Lebens. Und wer anderen hilft, der begegnet diesen Themen auf besonders dichte und prägnante Weise. Tobias Braune-Krickau spielt das im zweiten Hauptteil an den Erfahrungen von Leiden, Lieben, Handeln und Hoffen durch. Dabei zeigt sich: Genau diese Erfahrungen machen das Helfen noch heute so eigentümlich religionsaffin, selbst wenn seine äußere Form säkular bleibt. Wer sozial oder diakonisch handelt, macht Erfahrungen von Selbsttrans-zendenz, die auch in religiöser Hinsicht gedeutet werden können. Diakonie wird deshalb als „prägnanter Ort religiöser Erfahrung“ verstanden.

Die Pointe dieses Ansatzes liegt darin, dass der Autor so nicht nur das Verhältnis zwischen diakonischem und säkularem Helfen bestimmt. Er hebt damit zugleich die konstitutive Bedeutung der Diakonie für das Christentum im Ganzen hervor: Die Diakonie ist eine nicht zu ersetzende Sphäre der christlichen Religion, eine „eigene religiöse Vollzugsform“. Ohne die Diakonie würde dem Christentum ein wesentlicher Erfahrungsort fehlen. Es braucht Diakonie, um seiner selbst willen.

Fazit

Tobias Braune-Krickau hat mit diesem gut lesbaren Werk eine bemerkenswerte theologische Arbeit vorgelegt, die im Gespräch mit der gegenwärtigen Sozialphilosophie auf der Höhe ihrer Zeit ist. Die Lektüre ist nicht nur für Interessierte der Diakoniewissenschaften, sondern insbesondere auch aus gesamttheologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive ein Gewinn.


Rezensent
Prof. Dr. Ralf Evers
Homepage www.ehs-dresden.de
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Zitiervorschlag
Ralf Evers. Rezension vom 17.11.2017 zu: Tobias Braune-Krickau: Religion und Anerkennung. Ein Versuch über Diakonie als Ort religiöser Erfahrung. Mohr Siebeck (Tübingen) 2015. ISBN 978-3-16-153996-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21433.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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