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Corinna von Au (Hrsg.): Eigenschaften und Kompetenzen von Führungs­persönlichkeiten

Cover Corinna von Au (Hrsg.): Eigenschaften und Kompetenzen von Führungspersönlichkeiten. Achtsamkeit, Selbstreflexion, Soft Skills und Kompetenzsysteme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 235 Seiten. ISBN 978-3-658-13030-5. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.

Leadership und angewandte Psychologie, 3. Band.
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Herausgeberin

Prof. Dr. oec. publ., Dipl.-Kffr., Dipl.-Hdl., M.A., M.M. Corinna von Au hat in verschiedenen Unternehmen und Branchen gearbeitet. Seit 2005 ist sie Professorin für Wirtschaftspsychologie und Schlüsselqualifikationen an der Hochschule für angewandtes Management, einer privaten Fachhochschule in Erding. Zudem ist sie als zertifizierte systemische Beraterin, Coach, Organisationsentwicklerin und Mediatorin sowie seit 2015 als Institutsleitung des Instituts für Leadership & Veränderung tätig.

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt sich um den dritten Band der Reihe „Leadership und Angewandte Psychologie“. Es sollen die bedeutenden Eigenschaften und Kompetenzen von Führungspersönlichkeiten theoretisch und anhand von konkreten Praxisbeispielen beleuchtet werden. Die ersten beiden Bände beschäftigen sich mit „Wirksame und nachhaltige Führungsansätze“ sowie „Struktur und Kultur von Leadership-Organisationen“. Die Herausgeberin hat nach eigener Aussage Autoren gewinnen können, die etwas besonders Wertvolles über „New Leadership“ sagen können; was immer auch hierunter zu verstehen ist.

Aufbau

Die Publikation ist in elf Aufsätze unterteilt, die alle für sich allein stehen. Jedem Aufsatz ist ein Literaturverzeichnis und Autorenportrait angehängt. Eine didaktische Aufbereitung als Lehrbuch erfolgt nicht. Einzelne Aufsätze enthalten Fallbeispiele, Grafiken und Bilder – aber nicht durchgängig, was der Art des Buches als „Reader“ geschuldet ist.

Inhalte

1 „Achtsamkeit als grundlegende Führungskompetenz“ von Corinna von Au & Ariane Seidel setzt sich mit dem Begriff und der Bedeutung von Achtsamkeit, auch in der Führung, auseinander. Hinzu kommen sogenannte Achtsamkeitsübungen und die Autorinnen verweisen selber darauf, dass es solche in Ratgebern gibt. Auch die Neurowissenschaften hätten bestätigt, dass Achtsamkeit eine grundlegende Führungskompetenz ist.

2 „Führen mit Coaching-Kompetenz“ von Karin von Schumann & Tamaris Böttcher sieht Coaching als einen Führungsstil an. Der Chef als Coach – eine heute oft gestellte Forderung. Diese Thematik wird auch rollentheoretisch behandelt, wobei die Achtsamkeit im Gespräch mit den Kommunikationstechniken nach Rogers abgeglichen wird; ein interessanter, zu diskutierender Ansatz.

3 „Der Dreiklang der Führungskompetenz: Wahrnehmen – Entscheiden – Handeln“ von Christian Gansch ist sicherlich einer der interessantesten Aufsätze im Buch. Es ist äußerst informativ zu lesen, wie sich Orchester organisieren und wie dieses in einen Betrieb zu transferieren ist. Allerdings drängt sich hierbei der Eindruck, dass es vor allem auf perfekte Organisation und Strukturen ankommt, also mehr auf Management und weniger auf Leadership.

4 „Führen in und mit Emotionen“ von Miriam Landes & Eberhard Steiner ist eine ungewöhnliche Formulierung mit zwei Präpositionen. Wenn dann noch das historische Beispiel von Sir Ernest Shackleton geschildert wird, wird man noch aufmerksamer. Interessant ist auch die Darstellung von Führung auf unterschiedlichen Ebenen: Individuen, Teams, Unternehmen.

5 „Wertschätzende Führung durch Beziehungsgestaltung mit ‚Landkarten‘ aus der Transaktionsanalyse“ von Hennig Schulze & Klaus Sejkora basiert auf der immer noch umstrittenen Methode von Eric Berne. Es folgen Fallbeispiele, aber auch Sätze wie „Führen ist heute ungleich komplexer, intensiver, anspruchsvoller und auch anstrengender geworden, als es in der Geschichte jemals war.“ Dieses sind weder belegbare noch richtige Aussagen, sondern gehören eher in Ratgeberliteratur.

6 „Professionelle Kommunikation und Feedback im heterogenen Führungsalltag“ von Cornelia Schödlbauer beschreibt Führung und Kommunikation. Es fehlt etwas an Stringenz, denn einerseits wird Kommunikation lediglich deskribiert, dann wieder systemisch-konstruktivistisch modelliert bis hin zu einfachen Handreichungen sogenannter „effektiver Kommunikation“.

7 „Führungspersönlichkeit als Vorbild und Multiplikator für Fehlermanagement und Vertrauenskultur“ von Teresa Keller differenziert unter anderem die verschiedenen Vertrauensarten wie systemisch oder interpersonal. Von Vertrauenskrisen und dem Rückgang des Vertrauens insbesondere gegenüber Banken ist hier die Rede. Das Fazit lautet, simpel ausgedrückt, dass man aus Fehlern lernt – nicht unbedingt eine neue Erkenntnis.

8 „Führung aus der Kraft der Liebe: Eine neue Haltung etabliert Inspiration und Wertschätzung in der Führung“ von Barbara Fromm macht zunächst stutzig. Es gibt wohl kaum einen Begriff, der emotional stärker besetzt und vielfältiger verstanden werden kann als Liebe. Und wenn dann Liebe alles mit Business zu tun hat und nichts mit dem Verlangen nach Sex, so die Autorin, und unser wahres Selbst ist.

9 „Führen mit Humor“ von Gerhard Schwarz bringt dann einen weiteren Begriff, den man so in der Managementlehre nicht unbedingt ansiedelt. Bevor die Formen des Humors geschildert werden, werden zunächst die (positiven) Wirkungen aufgezählt: Humor macht gesund, schön und erotisch, selbstsicher, erfolgreich, gibt Ansehen und Einfluss und löst Konflikte. Na denn: wer möchte jetzt noch keinen Humor haben?

10 „Kompetenzmanagement als strategisches Führungsinstrument im Zeitalter von Organisation 2.0“ von Kai Reinhardt sieht ebenfalls in den Megatrends den Auslöser der Führungskrisen. Nicht die „bold moves“, die strategischen Bewegungen, sondern die „smart moves“ als die vielen kleinen Anpassungen entscheiden über den Erfolg beim Wandel. Da heute alle bereits von der Wirtschaft 4.0 sprechen und der Autor selbst Trainer für Wirtschaft 4.0 ist, stellt sich die Frage, ob die Organisation 2.0 noch zeitgemäß ist.

11 „Die Konzeption und erfolgreiche Verankerung eines organisationsspezifischen Kompetenzmodells am Beispiel der KfW“ von Aischa Astou Saw & Stephan Heyne sagt bereits im Titel aus, dass es sich um ein Erfolgsmodell handelt. Beschrieben werden das Vorgehen bei der Entwicklung eines Kompetenzmodells und die Einbindung verschiedener Zielgruppen. Es ist die Schilderung einer Praxisstudie bei der KfW-Bankengruppe.

Diskussion

John P. Kotter gilt vielen als der Begründer des modernen „Leadership“, weil er an verschiedenen Stellen den Unterschied zwischen Managern und Führern thematisierte. Allerdings muss man seine Überlegungen in den Zusammenhang mit dem Change Management stellen, z.B. in Bezug zu seinem bekanntesten Buch „Leading Change: Wie Sie Ihr Unternehmen in acht Schritten erfolgreich verändern.“ Auch andere Wissenschaftler differenzieren zwischen „Managers and Leaders: Are They Different?“ wie Abraham Zaleznik 1977. Und spätestens seit die McKinsey-Berater Tim Peters & Nancy Austin 1985 postulierten, Organisationen seinen „overmanaged and underled“, wird zwischen Leadern und Managern dichotomisiert. So einleuchtend dies erscheint, so ergeben sich doch zwei Fragen: Welchen Sinn macht eine solche Differenzierung? Und wie unterscheiden sich die beiden Führungsmodelle – oder sind es unterschiedliche Führungspersönlichkeiten? Im Deutschen kommt das semantische Problem hinzu, dass der Begriff „Führer“ stark negativ konnotiert ist.

Trotzdem wollen seit 15 Jahren viele Manager eher Leader sein – die deutsche Übersetzung wird verständlicher Weise vermieden. Was kennzeichnet einen solchen Leader? Am besten lässt es sich mit einem gerne genommenen Zitat von Antoine de Saint-Exupery beschreiben: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Nicht der perfekte Organisator, der anhand von Controlling, Daten und Zahlen Entscheidungen trifft und Strukturen schafft ist gefragt, sondern jener Leader, der dem Mythos Motivation folgt, der Menschen zusammenschweißen und einschwören kann. Oder, um es in soziologischer Sprache auszudrücken, es wird ein transformationaler anstelle eines transaktionalen Führungsstils im Sinne von James H. Burns gefordert.

Diese ausführlichen Überlegungen sind notwendig, wenn man das vorliegende Buch richtig einordnen will. Denn dort wird implizit und teilweise auch explizit davon ausgegangen, dass New Leadership der neue, der heutigen Zeit angepasste Führungsstil sei. Betrachtet man die einschlägige Forschung hierzu, ergibt sich allerdings ein anderes Bild: Leadership kann in Umbruchzeiten hilfreich sein, doch auch dann geht es nicht ohne klassisches Management. Leadership ist ein durchaus interessanter Ansatz vor allem in den sogenannten Change-Prozessen. Ein Leader ist aber sicherlich weder der Antagonist des Managers noch Substitut für einen Manager, sondern möglicherweise eine Ergänzung.

Fazit

Zweifellos ist Leadership zur Zeit eines der Topthemen in der Managementberatung und auch an den Hochschulen sind die entsprechenden Studiengänge überlaufen. Dieses induziert geradezu, sich mit dem Thema auch in schriftstellerischer Form zu befassen. Aber ein positiver Hammelsprung enthebt nicht der wissenschaftlichen Fundierung des Fachthemas. Dieses umso mehr, als die Autorin und Herausgeberin in der „Achtsamkeit“ die grundlegende Führungskompetenz sieht: bewusst im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen sein. Dieses erscheint dann doch etwas zu simpel. Führung, Führungseigenschaften und Führungspersönlichkeiten/Charisma sind Fragestellungen, mit denen sich die Menschheit wahrscheinlich seit den ersten Ur-Stämmen beschäftigt. Und was eine gute Führung, was ein guter Führer ist, hängt sicherlich nicht nur von der Person selbst, sondern auch von den jeweiligen Umständen, in denen Führung stattfindet, ab. Im vorliegenden Buch finden sich durchaus interessante Aspekte von Führung wieder, zum Beispiel der Transfer von Führung im Orchester auf Unternehmen bei Christian Gansch. Ob allerdings das Buch dem hohen Anspruch, die Eigenschaften und Kompetenzen von Führungskräften umfänglich zu beschreiben, gerecht wird, bleibt zumindest offen.


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 25.11.2016 zu: Corinna von Au (Hrsg.): Eigenschaften und Kompetenzen von Führungspersönlichkeiten. Achtsamkeit, Selbstreflexion, Soft Skills und Kompetenzsysteme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-13030-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21436.php, Datum des Zugriffs 16.01.2021.


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