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Andrea Brassel-Ochmann: Die trügerische Akzeptanz von Islam, Homosexualität und Suizid

Cover Andrea Brassel-Ochmann: Die trügerische Akzeptanz von Islam, Homosexualität und Suizid. Das doppelte Meinungsklima in Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 197 Seiten. ISBN 978-3-658-11397-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema und Aufbau

Die Veröffentlichung ist in drei Bereiche unterteilt:

  1. Akzeptanz von Homosexualität
  2. Akzeptanz des Islam
  3. Akzeptanz von Suizid

Die Auseinandersetzung mit den drei Untersuchungsfeldern folgt einer identischen Struktur. Nach einer Darstellung der gesellschaftlichen und individuellen Voraussetzungen, die die Entfaltung einer gespalteten Akzeptanz ermöglichen, werden die daraus resultierenden Indikatoren erläutert, um die verschiedenen Untersuchungsbereiche miteinander zu vergleichen. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung, die verdeutlicht, inwiefern die öffentliche Meinung auf die Überzeugungen des Individuums Einfluss nimmt und welche Gemeinsamkeiten sich herausfiltern lassen. Die Ergebnisse verstehen sich als soziologische Bestandsaufnahme der aktuellen „Akzeptanzlandschaft“ in den Bereichen Homosexualität, Islam und Suizid.

Autorin

Andrea Brassel-Ochmann unterrichtet als Gymnasiallehrerin das Fach Sozialwissenschaften sowie den Leistungskurs Politik.

Entstehungshintergrund

Bei diesem Buch handelt es sich um eine in gekürzter Form veröffentlichte Dissertationsschrift der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Frau Brassel-Ochmann setzt sich in ihrer Dissertation mit dem soziologischen Phänomen der „gespaltenen“ Akzeptanz auseinander. Dieses Erkenntnisinteresse erwuchs aus einer Abstimmung in ihrem Leistungskurs Politik, bei der beispielhaft deutlich wurde, dass es Fragestellungen und Situationen gibt, zu denen sich Einzelne nicht offen äußern, die eigene Meinung verschweigen und ihre persönliche Überzeugung verleugnen. Die Dissertation zeigt die gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen auf, die zur Wirksamkeit einer gespaltenen Akzeptanz führen können. Die Grundlage der Untersuchung bildet eine Literaturstudie, die im Gebiet der soziologischen Akzeptanzforschung anzusiedeln ist.

Zum ersten Teil (Homosexualität)

Im ersten Teil zur Akzeptanz von Homosexualität werden zunächst aktuelle Gesetze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen dargestellt, die den historischen Wandel der letzten zwei Jahrzehnte widerspiegeln.

In der deutschen Rechtssprechung wird neben der heterosexuellen auch die homosexuelle Partnerschaft gleichberechtigt und als gleichwertig anerkannt. Mit dem Schlagwort der „sexuellen Befreiung“ und den Bedingungen einer modernen Gesellschaft werden in unserem Kulturkreis verschiedene sexuelle Orientierungen akzeptiert. Im Rahmen eines politisch-korrekten Diskurses der öffentlichen Meinung wird jedem seine individuell sexuelle Orientierung zu gestanden, auch wenn persönliche Überzeugungen dem gesellschaftlich Erwünschten gegenüberstehen. Dieser innere Widerstand kommt zum Ausdruck, wenn das Individuum eine Chance auf Veränderung der gesellschaftlich erwünschten Normen sieht, z.B. wenn die Annahme besteht, dass andere ebenfalls Überzeugungen vertreten, die nicht mit den gesellschaftlich erwünschten Normen übereinstimmen. In Situationen in denen die Befragten sichergehen konnten, dass die Antworten nicht rückverfolgbar sind und somit keine Sanktionen erfolgen können, werden politisch nicht erwünschte Einstellungen geäußert, z.B. bei Telefon-Interviews oder Internet-Befragungen.

Darüber hinaus werden politisch nicht erwünschte Einstelllungen bei einem gruppeninternen Meinungsklima, das die Annahme vermuten lässt, dass sie „Fürsprecher“ für ihre nicht konforme Einstellung finden, öffentlich geäußert. Folgend werden die Machtdiskurse, die zu dieser gespaltenen Akzeptanz führen, erläutert: In unserer Gesellschaft wird Homosexualität nicht als individuelle sexuelle Orientierung gesehen, sondern als Rolle und Status aufgefasst. Die Person wird im Ganzen als homosexuell und abweichend erlebt und sanktioniert. In der Stigmatisierung von Homosexualität liegt ein Mittel zur Ausübung von Macht. In der medialen Berichterstattung aus dem Bereich des Sports und im Bereich der Informationsvermittlung zum Thema Aids werden die Massenmedien zu „Agenten der sozialen Kontrolle“, die die heteronormative Grundordnung in unserer Gesellschaft stützen.

„Gespaltene Akzeptanz indiziert zudem die Grenze, die durch ihr Gebot der Heterosexualität und dem damit einhergehenden Verbot andersartiger sexueller Orientierungen eine Schein-Normalität sowie eine heteronormative Grundordnung aufrechterhält.“

Zum zweiten Teil (Islam)

Im zweiten Teil zur Akzeptanz des Islam wird nach der Darlegung der Fakten zur Situation von Muslimen in Deutschland, die Religion und die Religiosität hier zu Lande als etwas Privates und als eher unsichtbarer Bestandteil in unserer Gesellschaft dargestellt. Durch die Entkopplung von der Kirche als Institution wird der Glaube zu einer individuellen Lebensphilosophie und eine öffentlich auftretende Religion, wie die der Muslimen, erscheint eher als suspekt.

Brassel-Ochmann beschreibt eine deutsche Gesellschaft, in der großteils die christliche Religion keine sinnstiftende Funktion mehr hat, wodurch allgemeingültige Normen und Werte verloren gegangen sind. Die Gefährdung der sozialen Kohäsion und eine zunehmende kulturelle Verunsicherung entstehen, die eine Angst der „Überfremdung“ bewirkt. Zur Wiederherstellung sozialer Kohäsion erfolgt eine Abgrenzung vom „Anderen“ bis hin zur Diskriminierung des „Fremdartigen“. Das Dilemma entsteht durch das daraus resultierende Bedürfnis nach einer homogenen Gesellschaft im Widerspruch zu einer modernen gesellschaftlichen Grundordnung, die Diversität und Heterogenität fördert. Dieses Dilemma wird auf die projiziert, die das gesellschaftliche Konzept von Homogenität gefährden und es wird von den „Andersartigen“ erwartet, „… sich der deutschen Leitkultur anzupassen, wie „die Deutschen“ zu werden und sich zu assimilieren.“ (S.75) Dieser Prozess der Ideologie der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit durch die „Kategorie der Herkunft“ wird durch die nationalsozialistische Vergangenheit historisch begründet und anhand von Studien wie die der Friedrich-Ebert-Stiftung „Die Abwertung des Anderen“ (S. 82) belegt. Es wird der Mechanismus einer autoritären Persönlichkeit erläutert, der für sein eigenes Defizit den Fremden verantwortlich macht, um sein eigenes Selbstwertgefühl nicht zu beschädigen. Die Angst selbst sozial stigmatisiert und isoliert zu werden, wird durch die Herabwürdigung und Etikettierung des Fremden reduziert. Auch in diesem Bereich wird der Einfluss der Medien beleuchtet und kritisch formuliert, wie durch Stereotypenbildung Muslimen bestimmte Verhaltensweisen und Überzeugungen zugeschrieben werden, wodurch aktiv in die Konstruktion sozialer Wirklichkeiten eingegriffen wird.

Die Aktualität der Abhandlung wird durch die Ausführungen zur „Islamophobie“ und „Pegida“ herausgestellt. „Gespaltene Akzeptanz indiziert letztendlich die Grenze, die durch die Logik der Dichotomie die Kulturen, Religionen und Menschen in fremd und eigen, in deutsch und anders, in gut und böse einteilt, […] und auch als solche wahrgenommen und reproduziert wird.“ (S. 107)

Zum dritten Teil (Suizid)

Im dritten Teil zur Akzeptanz von Suizid „beklagt“ Brassel-Ochmann eine unzureichende soziologische Forschung mit Akzeptanzfragen zum Phänomen des Suizids. Sie problematisiert den Widerspruch in unserer Gesellschaft, dass trotzdem die Medien häufig das Thema Suizid aufgreifen, das Verhalten gegenüber einem Suizidenten und seinen Angehörigen keineswegs von allgemeiner Akzeptanz geprägt ist. Hintergrund dafür wird in der Haltung, die die Gesellschaft zum Tod einnimmt, gesehen und der historische Wandel zum „Tod als Grenzsituation“ erläutert. Auch hier wird der Verlust des christlichen Verständnisses der Welt herangezogen und verdeutlicht, dass Riten und Rituale noch Verhaltensorientierungen boten und die kollektive Bewältigung des Todes ermöglichte, während in der modernen Gesellschaft der Tod ausgegrenzt wird. Durch die Verdrängung des Todes in „segregierte Institutionen“, wird der Sterbende auf die Patientenrolle reduziert und erleidet dadurch einen Statusverlust.

Als ursächlich für die Ausgrenzung des Todes wird eine Gesellschaft mit einem Zwang zur Affektrolle beschrieben, die sich aufgrund einer Funktionalität eines modernen Gesellschaftssystems herausgebildet hat, in der negative Gefühle die Peinlichkeit hervorrufen, tabuisiert werden. Ein Suizid wird insofern doppelt tabuisiert, da er über die hervorgerufenen Affekte hinaus als unmoralisch und abweichend verworfen wird. Denn dem emanzipatorischen Freiheitsbegriff steht der normative Grundsatz gegenüber, dass die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Rechte anderer verletzt werden. Gemeint ist hier die Verantwortung gegenüber den Angehörigen und die Verpflichtungen gegenüber der Solidargemeinschaft, die nicht einseitig „kündbar“ sind. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie der des Profisportlers Robert Enke werden Suizidenten in der Regel gesellschaftlich als „kranke Menschen“ verurteilt und somit wird ihnen eine bewusste Entscheidungskompetenz abgesprochen. Die Hinterbliebenen erleben eine doppelte Stigmatisierung: als Trauernde und als Mitverantwortliche für den Suizid. „Gespaltene Akzeptanz indiziert im Bereich des Suizids jene Grenze, deren Überschreitung gesellschaftliche Sanktionen in Form von Diffamierung und Ausgrenzung Hinterbliebener nach sich zieht.“ (S. 165).

In der abschließenden Zusammenfassung wird die gespaltene Akzeptanz als Indikator der gesellschaftlichen Schmerzgrenzen gedeutet und die Parallelität der Untersuchungsfelder erarbeitet. Es wird herausgestellt, dass innerhalb der Gesellschaft ein normatives Konzept sozialer Kohäsion herrscht, das alles Fremde und Andersartige als Gefahr ablehnt und stigmatisiert. Dabei bestehen unausgesprochene Vorstellungen von Homogenität, die verlangen das Andersartigkeiten sich auf den privaten Bereich zu beschränken haben, um das gesellschaftliche Wertesystem nicht zu bedrohen. Soziale Kohäsion verlangt konformes Verhalten und sichert das gesellschaftliche Miteinander. Insofern bestehen eindeutige stereotypische Zuweisungen, die eine starre, dichotome Logik wie Einteilungen in normal und abnormal oder gut und böse voraussetzen und zur Stabilisierung des Gesellschaftssystems beitragen. Gleichzeitig können sie Machtpositionen fördern, indem durch die Ausgrenzung bzw. Abwertung des Einen, die Aufwertung des Anderen zu sehen ist und homo- oder islamophobes Verhalten fördert. Eine Gesellschaft, die eigentlich Toleranz, Multikulturalität und Vielfalt als Leitprinzipien propagiert, fordert vom Individuum entsprechend dieser Regeln ebenfalls gesellschaftliche Akzeptanz. Sollten die tatsächlichen Überzeugungen dem Wertekanon widersprechen, führt es zum Verschweigen der persönlichen Überzeugung und der Technik des „double talk“. Brassel-Ochmann erklärt die deutsche Politikverdrossenheit und Nicht-Beteiligung an Wahlen anhand dieser gespaltenen Akzeptanz und deutet ein Gefährdungspotential für den gesellschaftlichen Frieden an.

Diskussion

Im Ganzen handelt es sich um eine gelungene Arbeit, die sich für alle eignet, die sich soziologisch mit einer der drei Untersuchungsgebiete befassen. Aufgrund der Aktualität der Themen Homosexualität und Islam, die öffentlich viel diskutiert werden und fachlich im Diversitybereich einbezogen werden, eignet sich das Buch für eine breite Leserschaft mit fachlichem Hintergrund.

Leider erschließt sich dem Leser nicht, weshalb Brassel-Ochmann die Auswahl dieser drei Bereiche getroffen hat, da das Thema Suizid öffentlich nicht so breit diskutiert wird. In der Zusammenfassung wird zwar die Parallelität herausgearbeitet, allerdings könnte dies bei einer Reihe anderer „Tabuthemen“ wie z.B. Fehlgeburt oder Sucht ebenfalls erarbeitet werden.

Grundsätzlich ist die Veröffentlichung theoretisch fundiert erstellt und es gelingt der Autorin fortlaufend alle relevanten soziologischen Theorien und wichtigen Vertreter wie z.B. Goffman, Foucault oder Durkheim einzubeziehen. Insofern ist es eine empfehlenswerte Lektüre mit hohem Erkenntniswert.

Fazit

Es handelt sich um eine Dissertationsschrift, die vom Aufbau und Inhalt einer wissenschaftlichen Abhandlung gleicht. Die Diskussion der drei zentralen Themen: Homosexualität, Islam und Suizid wird theoretisch fundiert vorgenommen. Dabei werden aktuelle Fakten, historische Hintergründe, mediale Aspekte sowie alle soziologisch relevanten Theorien einbezogen, um die Entfaltung von gespaltener Akzeptanz und die Herausbildung des doppelten Meinungsklimas in Deutschland am Beispiel der gewählten Themen aufzuzeigen. Der Einfluss der öffentlichen Meinung auf das Individuum wird verdeutlicht und als „soziale Haut“ bezeichnet, die das Verhalten des Einzelnen maßgeblich reguliert. Tatsächliche Überzeugungen, die dem Wertekanon widersprechen, werden verschwiegen, um die soziale Kohäsion nicht zu gefährden. Die daraus resultierenden „double talks“ offenbaren einen verlogenen falschen Konsens, der einen vermeintlichen „main stream“ der Vielfalt widerlegt.

Die Analyse verdeutlicht wie sich die Meinung in der Bevölkerung spaltet, wenn die Fremden oder Anderen, die mit den von der Normalität abweichenden Vorstellungen, die „deutsche Leitkultur“ bedrohen. Es entsteht ein Dilemma zwischen einer gesellschaftlichen Grundordnung, die Heterogenität und Diversity fördert und dem Bedürfnis nach „sozialer Kohäsion“, die in einer homogenen Gesellschaft gesehen wird. Demzufolge werden diejenigen, die die Homogenität gefährden, ausgegrenzt und stigmatisiert, und das Bild einer grenzenlos toleranten Gesellschaft hinterfragt.

Ein für die soziologische Akzeptanzforschung gelungenes Werk!


Rezensentin
Prof. Dr. Regina Kostrzewa
Professorin für Soziale Arbeit an der Medicalschool Hamburg
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Zitiervorschlag
Regina Kostrzewa. Rezension vom 01.02.2017 zu: Andrea Brassel-Ochmann: Die trügerische Akzeptanz von Islam, Homosexualität und Suizid. Das doppelte Meinungsklima in Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-11397-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21437.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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