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Oliver Nachtwey: Die Abstiegs­gesellschaft

Cover Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 263 Seiten. ISBN 978-3-518-12682-0. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Grundlegende These der Abstiegsgesellschaft ist der Übergang einer Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration (Soziale Moderne) zu einer Gesellschaft des namensgebenden Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung.

Deutlich heraus zu lesen sind hierbei die Stationen in Nachweys Wissenschaftskarriere, bspw. als Fellow am Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS), am Jenaer DFG-Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“ sowie am Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS). Der an der Kritischen Theorie sowie arbeitssoziologisch orientierte Blick auf die sich wandelnde Gesellschaft und die damit verbundenen Phänomene (zunehmende Prekarität und Polarisierung) folgt dabei genau diesem Weg.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel (einschließlich der Einleitung) gegliedert. Dabei wird zunächst die Soziale Moderne (Kapitel 1) als Ausgangszustand und Referenzpunkt skizziert. Das zweite Kapitel nimmt Bezug auf die Rahmenbedingung eines Kapitalismus (fast) ohne Wachstum und damit verbundene Krisen, die in einem Siegeszug des Neoliberalismus müden. Im Kernstück des Buches, dem dritten Kapitel, werden die regressive Modernisierung sowie die daraus folgende Abstiegsgesellschaft skizziert. Hierfür werden vom Autor zur Untermauerung ebenfalls Beispiele aus eigene (empirische) Arbeiten herangezogen. Das vierte Kapitel schließlich beschäftigt sich mit den angesprochenen Verwerfungslinien in Form von Prekarisierung (Arbeit) und Polarisierung (Einkommen). Geprägt wird hier die Metapher der nach unten fahrenden Rolltreppe (im Gegensatz zum Beckschen Fahrstuhleffekt). Das fünfte und letzte Kapitel nimmt das Aufbegehren gegen die skizzierten Entwicklungen in den Blick. Dabei werden sowohl postkonventionelle Protestformen (Occupy) wie auch konkrete Beispiele aus der Bundesrepublik Deutschland (Stuttgart 21 und PEGIDA) eingeordnet. Der Schluss des Kapitels ist zugleich auch der Schlussteil des gesamten Buches, in dem eine kurze Zusammenfassung erfolgt.

Inhalt

In der Einleitung wird zunächst die Hauptthese des Buches vorgestellt, dernach es um den fundamentalen gesellschaftlichen Wandel von der Gesellschaft des Aufstieges und der Integration zu einer Gesellschaft des sozialen Abstiegs geht. Exemplarisch wird dieser Wandel der Entwicklung in Deutschland dargestellt. So scheinen die Pfeiler der Intergration in die Gesellschaft zu erodieren, da sich u. a. (durch die Agenda 2010) der Niedriglohnsektor ausweitet und soziale Ungleichheit größer geworden ist. Schlagworte wie Prekarisierung und Polarisierung werden von Nachtwey anhand von einigen Beispielen (Journalismus, Literatur) andiskutiert. Die Beispiele führen zu der klassischen soziologischen Frage nach der Gesellschaft in der wir leben.

Im zweiten Kapitel wird der Referenzpunkt des sozialen Wandels, die „Blütezeit“ der sozialen Moderne, die mit der Nachkriegsepoche einsetzte und bei der die gesamte Gesellschaft wie in einem Fahrstuhl nach oben gefahren ist (Fahrstuhleffekt nach Beck), in ihren wichtigsten Dimensionen skizziert. Neben dem Fahrstuhleffekt gehört dazu das Normalarbeitsverhältnis (unbefristet, Kündigungsschutz, sozialversicherungspflichtige Vollzeiterwerbstätigkeit), soziale Staatsbürgerrechte (zivil und politisch) sowie eine voranschreitende Individualisierung (Klassenbindungen und -identitäten werden schwächer und neue individualisierte Handlungsweisen entstehen).

Zusammengefasst habe die soziale Moderne zwar dafür gesorgt, dass vertikale Ungleichheiten gemildert wurden, horizontale Ungleichheiten hingegen aber an Bedeutung gewonnen haben sowie Klassenstrukturen, so der Autor (gegen Becks Überwindung der Klassen), weiterhin existieren.

Das dritte Kapitel widmet sich den Rahmenbedingung, der Entwicklung des Kapitalismus hin zu einem Kapitalismus (fast) ohne Wachstum (Titel des Kapitel). Der Autor zeichnet die verschiedenen Stationen hin zum Postwachstimskapitalismus nach. Ausgangsüberlegung ist hierbei die seit mehreren Jahren anhaltende Wirtschaftskrise in Europa. Der lange Aufstieg des Neoliberalismus wird mit den Zwischenstationen Invesitionsschwäche (Überakkumulation), Wachstumskrise (von der langen Frist zum kurzzeitigen Erfolg), wiederkehrende Krisen (Immobilienkrise und daran anschließende Austeritätspolitik) bis zur normativen Krise des Postwachstumskapitalismus (immer mehr Wachstums propagiert, aber ohne reales Wachstum zu verzeichnen) aufgerollt. Schlussendlich, so die Argumentation dieses Kapitels, führe die Entwicklung in einen Postwachstumskapitalismus, der auf weiteres Wachstums angewiesen ist und dieses weiterhin propagiert, jedoch die gesellschaftlichen Spannungen aufgrund des Ausbleibens dieses Wachstums weiterhin zunehmen. Schlussendlich führe diese Konstellation zu Prozessens regressiver Modernisierung.

Das vierte Kapitel und zeitgleich Kernstück des Buches, arbeitet systematisch die angesprochenen Prozesse der regressiven Modernisierung, die Postdemokratie-These in Verbindung mit der Neoliberalisierung immer weiterer gesellschaftlicher Teilbereiche, heraus und verbindet sie zur Daignose der Abstiegsgesellschaft. Regressiv ist die Modernisierung da sie ein Rückfall hinter ein in der sozialen Moderne erreichtes Niveau an Integration bedeutet, von Modernisierung spricht der Autor allerdings auch als nicht eindeutigem bloßen Rückschritt. Was zunächst paradox klingt, spiegelt die Ambivalenz der Situation wieder, da hierbei Emanzipation und Regression bzw. Forschritt und Rückschritt im Spannungsverhältnis stehen. Die Individualisierung wird einerseits durch den Sozialstaat ermöglicht, macht aber gleichzeitig von ihm abhängig. Vereinfacht am Beispiel der Bildung dargestellt: der Zugang zu Bildung hat sich enorm verbreitet und „vereinfacht“, jedoch um den Preis einer Entwertung von Bildungstiteln.

Die im vorherigen Kapitel aufgeworfenen ökonomischen Entwicklungen münden schließlich darin, dass durch die zunehmende Liberalisierung (individuelle statt kollektive Rechte) aus vormaligen Staatsbürgern mit entsprechenden Rechten schlussendlich Marktbürger (Kunden mit Rechten) macht, die als ideale Subjekte der regressiven Modernisierung der Fremdherrschaft des totalen Wettbewerbs unterworfen sind.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit den Folgen dieser Entwicklungen. Am grundlegendsten ist hierbei die Auflösung der Normalität der Aufstiegsgesellschaft der sozialen Moderne, die durch den kollektiven ökonomischen wie auch gesellschaftlichen Abstieg der Arbeitnehmer gekennzeichnet ist. Weite Teile der Gesellschaft befinden sich, abgesehen von der Elite, im Dauerlauf auf den „Rolltreppen nach unten“ (im Gegensatz zum Fahrstuhleffekt der sozialen Moderne). Die einstmalige Stabilität und Sicherheit hat mit sich ausweitenden atypischen (prekären) Beschäftigungen deutlich abgenommen und damit auch die Integrationskraft der Erwerbsarbeit.

In sozialstruktureller Hinsicht führen diese Entwicklungen, so die These, sowohl zur Herausbildung einer neuen Unterklasse (aus TransferleistungsempfängerInnen und im Niedriglohnsektorbeschäftigten) wie auch einer deutlicher wieder hervortretenden Klassenstruktur. In der sich die Oberklasse in deutlichem Abstand zu einer sich abschottenden aber durch abstiegbedrohten Mittelklasse befindet, die sich wiederum durch soziale Schließung und kulturelle Dinstinktion von der neuen Unterklassen zu entfernen versucht. Charakteristika dieser neuen Unterklasse ist wiederum die sozialstaatliche Kontrolle und Disziplinierung (Agenda 2010) sowie die Verfügbarkeit von zunehmend prekären Jobs („working poor“), die schlussendlich nur wenige Aufstiege ermöglichen.

Der Autor macht hier, wie bereits angeklungen, die Rückkehr des Klassenbegriffs stark, den er aber nicht dichotom verstanden wissen will, sondern im Sinne einer modernen Klassenanalyse an Macht, Ausbeutung, Schließung und Lebenschancen ausrichtet. Gewinn aus dieser Erweiterung ist die Überwindung der Dichotomie (arm/reich, oben/unten) durch die Verschränkung vertikaler Ungleichheiten mit horizontalen Disparitäten (Geschlecht, Ethnie). Die damit gewonnen intersektionale Perspektive verdeutlich, dass es sich um ein Konglomerat an Uinterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen handelt.

Das letzte Kapitel gibt Auskunft über das „Aufbegehren“ gegen die Trends der Abstiegsgesellschaft (wachsende Ungleichheit, das Anlaufen gegen die Rolltreppe nach unten, Rückbau der Bürgerrechte, neue Klassenstrutkurierungen). Verdeutlicht wird das Aufbegehren und die Richtung des Protestes an verschiedenen Protestbewegungen. So richtet sich die Occupy-Bewegung sowohl gegen die ökonomische Verteilung wie auch die politische Herrschaft (Postdemokratie) und greift radikaldemokratische Impulse auf. Dem gegenüber stehen Bewegungen wie PEGIDA, deren Angst vor dem Abstieg auf einen neuen Autoritarismus hinaus zu laufen drohen (mit einer Pauschalkritik an „denen da oben“). Damit skizziert der Autor hier gewissermaßen zwei Ausgänge von Bürgerprotesten, einerseits eine emanzipative Richtung (Occupy) andererseits eine regressive Stoßrichtung (PEGIDA).

Fazit

In seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft“entwift Oliver Nachtwey das Bild einer Gesellschaft, deren Entwicklung im fortschreitenden Modernisierungsprozess sich nicht etwa weiterentwickelt sondern vielmehr hinter einen vormals erreichten Zustand sozialer Stabilität zurückfällt und die darüber hinaus den optimistischen Blick auf eine bessere Zukunft verloren hat.

Der Autor entwirft entlang von klassischen modernisierungstheoretischen Befunden (Individualisierung) und mit Blick auf aktuelle politische Entwicklungen (Postdemokratie) ein durchaus düsteres Bild der gesellschaftlichen Lage und Entwicklungsrichtung. Sehr deutlich arbeitet er heraus, dass sich die Lage vor allem für die unteren Schichten mehr denn je verschlechtert hat und im Begriff ist zu verschlechtern. Denn zweifellos wird weiter eine ungebrochene Aufstiegsrhetorik verfolgt, die jedoch durch die immer weniger vorhanden Aufstiegschancen konterkariert wird (Prekarisierung). Diese Diskrepanz betrifft auch die Mittelschicht, die zudem vom sozialen Abstieg bedroht ist (während die Unterklasse schwerlich weiter fallen kann) und sich vor allem in Abschottung gegenüber der neuen Unterklasse übt. Die Oberklasse hingegen hat sich, dank der ökonomischen Entwicklung weitgehend vom Rest der Gesellschaft entfernt.

Nicht wenige beschriebene Phänomene werden die Lesenden in ihrem sozialen Umfeld beobachten können, seien es nun die zunehmende Prekarisierung oder aber die gestiegene Statusunsicherheit im Allgemeinen. Gerade das Engagement für die Sichtweise der Betroffenen und die kritische Grundhaltung macht das Buch so lesenswert. Für die Ausgestaltung seiner Hauptthese scheut der Autor dabei weder normative Argumente noch, wie er selbst einräumt, riskante Thesen die noch ohne empirische Absicherung verbleiben. Weiterhin besticht dieser Wissenschaftsessay, der größtenteils ohne kompliziertes Zahlenwerk auskommt, durch seine eingängige Sprache, die fernab einer hochabstrakten Wissenschaftssprache, den Lesefluss enorm befördert.

Das Buch schließt mit dem Hinweis auf die eigene Beschränkung auf die Analyse. Wünschenswert wäre es trotzdem gewesen, wenn der Gedanke einer solidarischen Moderne zumindest andiskutiert würde, auch wenn damit das Terrain der Gesellschaftsanalyse verlassen wird.

Hierbei könnte der Blick in das Länder des europäischen Südens helfen, Ansatzpunkte für solidarisches Handeln in Krisenzeiten zu ergründen. Durch den Fokus auf das Beispiel der Entwicklung in Deutschland kann „Die Abstiegsgesellschaft“ dies in expliziter Form nicht leisten, jedoch eröffnen sich durch die Lektüre über die gesamte Länge hinweg Anschlüsse zum weiterdenken. Sowohl für eine akademisches Publikum wie auch für eine an wissenschaftlich fundierter Analyse interessierte Zivilgesellschaft.


Rezensent
Sebastian Jürss
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Zitiervorschlag
Sebastian Jürss. Rezension vom 24.02.2017 zu: Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-518-12682-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21438.php, Datum des Zugriffs 22.05.2019.


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