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Felicitas Sigrist: Burnout und Musiktherapie

Cover Felicitas Sigrist: Burnout und Musiktherapie. Grundlagen, Forschungsstand und Praxeologie. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2016. 120 Seiten. ISBN 978-3-95490-199-9. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Burnout ist zwar keine offizielle psychiatrische Diagnose, hat aber als prägnanter Begriff für ein arbeitsbedingtes Erschöpfungssyndrom zu vielfältigen Untersuchungen geführt.

Eine Studie besonderer Art legt Felicitas Sigrist vor. Es gelingt ihr, die bereits bestehende Literatur griffig und verständlich zusammenzufassen und mit einem eigenen, originellen Ansatz (Burnout mit Resonanzphänomenen therapeutisch zu begegnen) zu ergänzen.

Dieser besondere Ansatz beeindruckt. Er basiert auf ihren Erfahrungen als Musiktherapeutin, berücksichtigt aber auch ihre reichen Kenntnisse als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Schon diese berufliche Kombination ist ungewöhnlich und für ihr Werk höchst fruchtbar. Darüber hinaus gelingt es Felicitas Sigrist, aus der profunden Kenntnis der Fachliteratur und dank ihres musiktherapeutischen und psychodynamischen Gespürs ein überzeugendes Konzept von Burnout als psychischer Resonanzstörung zu entwickeln.

Aus ihrer eigenen Studie sowie als Ergebnis weiterer Untersuchungen lässt sich ableiten, dass das persönliche Erleben (die qualitative Erlebensdimension aus der sog. Perspektive der ersten Person) für Burnout oft relevanter ist als das quantitative Arbeitspensum (die messbare Arbeitszeit aus der sog. Perspektive der dritten Person). Felicitas Sigrist folgert daher plausibel, bei erschöpften Menschen therapeutisch nicht nur an quantifizierbaren Arbeitsprozessen zu arbeiten, sondern ebenso an der qualitativen Erlebensweise der Betroffenen. Diese in der Burnout-Literatur breit abgestützte Erkenntnis bekommt einen neuen Sinn, wenn – wie das die Autorin tut – nicht nur von persönlichen Haltungen (wie z.B. Perfektionismus) der Betroffenen ausgegangen, sondern im Speziellen auch ihre Resonanzfähigkeit berücksichtigt wird. Dann geht es vor allem darum, die „leib-seelische Bewusstseinsverankerung“ zu fördern und mit musiktherapeutischen Methoden vorher diskreditierte (oder abgewehrte) Facetten des eigenen Innenlebens kennen und akzeptieren zu lernen. Es gelingt Felicitas Sigrist, mit zahlreichen klinischen Fallbeispielen diesen erweiterten therapeutischen Zugang zu illustrieren.

Autorin

Dr. med. Felicitas Sigrist, geb. 1970, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Einzel-, Paar- und Familientherapeutin, Musik- Psychotherapeutin MAS/SFMT. Seit 2011 leitende Ärztin in der Privatklinik Hohenegg (Meilen/Zürich) im Schwerpunkt Burnout und Belastungskrise und interdisziplinär zuständig für Methodenintegration. Daneben tätig als Supervisorin und Gastdozentin an der Universität Zürich für systemische Psychotherapie. Außerdem ist sie Musikerin (Harfe) in Orchestern und bei kammermusikalischen Projekten.

Entstehungshintergrund

Burnout – die Energie ist erschöpft, das Lebensfeuer brennt kaum noch. Seit einigen Jahren ist dieses Leiden in aller Munde. Was aber beinhaltet der Begriff genau? Wie lässt sich Burnout über das subjektive Krankheitserleben hinaus fassen? Auf welche Weise können Menschen mit Burnout-Symptomen entwicklungsförderlich begleitet werden? Welche spezifischen Qualitäten hat die Musiktherapie in diesem Zusammenhang zu bieten?

Die Schweizer Ärztin und Musiktherapeutin Dr. Felicitas Sigrist fasst verschiedene Sichtweisen zum Phänomen äußerst profund zusammen und entwickelt darüber hinaus einen neuen Erklärungsansatz von Burnout als Resonanzstörung. Sie zeigt überzeugend auf, wie Musiktherapie als psychotherapeutische Methode besonders geeignet ist, von Burnout betroffene Menschen zu begleiten, da Musiktherapie zentral mit interpersoneller Resonanz arbeitet, aktivierend wirkt und multimodal ansetzt. Hoch interessant sind die Implikationen, die vor diesem Hintergrund für die therapeutische Praxis allgemein und spezifisch für die Musiktherapie hergeleitet werden. Differenzierte Ausführungen zu Entspannungsförderung, Achtsamkeitspraxis, Ressourcenaktivierung, Selbstwahrnehmung, Kompetenzerweiterung und Persönlichkeitsentwicklung werden durch Praxisbeispiele veranschaulicht, die den großen Erfahrungsschatz der Autorin verdeutlichen.

Das Buch richtet sich sowohl an MusiktherapeutInnen als auch interdisziplinär an Fachpersonen aus verwandten Berufsfeldern wie Psychotherapie, Kunsttherapie, Medizin, Psychologie, (Heil-)Pädagogik, Musikpädagogik und Sozialwissenschaften.

Aufbau

Felicitas Sigrist stellt gleich zu Beginn heraus, dass das vorliegende Buch auf ihrer Masterarbeit in Musiktherapie (Hochschule der Künste in Zürich) basiert.

  1. Im Kapitel 1 werden Grundlagen zum Burnout-Syndrom zusammengefasst.
  2. Kapitel 2 beschreibt das Interaktionsproblem der Resonanzstörung von Burnout-Betroffenen.
  3. Kapitel 3 beleuchtet die notwendige mehrdimensionale und stadiengerechte Therapieform im Kontext mit dem Burnout-Syndrom.
  4. Kapitel 4 stellt den Forschungsstand zur Thematik vor.
  5. Kapitel 5 weist auf Faktoren hin, die für die therapeutische Praxis von Bedeutung sind. Diese Faktoren werden mit Beispielen aus der Praxis untermauert.
  6. Kapitel 6 stellt eine kurze Zusammenfassung dar.

Die vollständige Gliederung mit weiterer Unterteilung der sechs Kapitel findet sich auf der Homepage des Verlags

Zu 1.

Felicitas Sigrist weißt darauf hin, dass der Begriff Burnout weder ein Syndrom im medizinischen Sinn noch eine Krankheit ist. Sie greift einführend ins Thema wissenschaftliche Annäherungen zur Schilderung von Erschöpfungsprozessen auf (Freudenberger - 1974 zeitgleich mit Ginsburg). Gleichzeitig klärt sie Unterschiede zu im gleichen Zeitraum entstandenen Begriffe, wie Helfersyndrom (Schmidbauer 1977 bzw. 2002) oder Workaholism (Schaufeli, Taris & van Rhenen 2008; Spence & Robbins 1992). Während bei Burnout zunächst betriebliche Bedingungen im Zentrum der Betrachtungen standen, ist inzwischen vielmehr die Erkenntnis der individuellen Reaktionen auf (Arbeits-)Anforderungen, nicht als Zustand, sondern als pathogenetische Entwicklung zu verstehen. Burnout stellt somit einen Risikofaktor für psychische oder somatische Krankheiten dar (Berger, Linden, Schramm, Hillert, Voderholzer & Maier 2012). In der Begriffsklärung (1.1) hebt Felicitas Sigrist heraus, dass bei den kontroversen Diskussionen um „Burnout“ es die Gemeinsamkeit gibt, dass die Betroffenen ihr Beschwerdebild als Folge ihrer Arbeitsbelastung sehen (Berger et.a. 2012).

Für eine erste, vorsichtige Annäherung zum Thema wählt Felicitas Sigrist die meistverwendete Definition von Burnout (Maslach, Schaufeli & Leitner 2001) und diskutiert diese kritisch. Diese Definition beinhaltet die Trias von: Erschöpfung – Zynismus/Depersonalisation – Ineffektivität.

„Die Erschöpfung beschreibt das Gefühl, emotional und körperlich ausgelaugt zu sein. Zynismus meint eine ungewohnt gleichgültige Einstellung zu Arbeit, Kunden und Mitarbeitern. Der Ausdruck wurde gewählt, da Betroffene sich zynisch äußern oder verhalten können; dies ist jedoch nicht immer der Fall. Relevant ist, dass die Betroffenen eine Diskrepanz feststellen zu ihrer habituellen Einstellung. Die aus dem englischen Sprachgebrauch übernommene Bezeichnung Depersonalisation beschreibt diese veränderte Wahrnehmung des eigenen Wesens besser. Problematisch ist jedoch die Verwechselbarkeit mit dem psychopathologischen Befund der Depersonalisation (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie 1981), der eine dissoziative Störung der Identität bezeichnet. Ineffektivität bezeichnet das Gefühl subjektiv reduzierter Leistungsfähigkeit, welches Insuffizienzgefühle, Versagensängste, reduziertes Selbstvertrauen und oft auch Scham verursacht. Problematisch an der Definition nach Maslach ist, dass die darin eingeschlossene emotionale Distanz zu Drittpersonen und auch die Reduktion der Arbeitsleistung bereits als Bewältigungsmechanismen in Überforderungssituationen aufgefasst werden können (Schulze 2009). Der Maslach´schen Definition fehlt außerdem die Bedingung, dass vor der Erschöpfung eine hohe Arbeitslast bewältigt wurde. Entfällt dieses Kriterium, so könnte fast jede menschliche Krise oder psychische Dekompensation als Burnout aufgefasst werden. Wenn jemand bereits mit Überforderungserleben und Versagensängste ins Berufsleben eingetreten ist, kann man nicht von Burnout sprechen. Burnout-Betroffene haben sich typischerweise in eine Lebenssituation hineinmanövriert, in der tatsächlich hohe Leistungsanforderungen bestehen (Brühlmann 2014). Die objektiven Überforderungsfaktoren werden durch subjektive Wahrnehmungsakzentuierung dieser Stressoren mit Zunahme der Erschöpfung überbetont (Ballweg, Seeher, Tschitsaz, Bridler & Cattapan 2013). Der Maslach´schen Definition fehlt zudem eine zeitliche Komponente. Im Unterschied zu vorübergehender Arbeitsüberlastung, welche fast alle Werktätigen erleben und welche ebenfalls von vegetativen Stress-Symptomen und Schlafstörungen begleitet sein kann, reichen bei anhaltender Überlastung Freizeit und Wochenenden nicht mehr zur Erholung aus (Schramm & Berger 2013). “ (Sigrist, F., S. 14).

Konsequent setzt Felicitas Sigrist fort, in dem sie auf die ihrer Ansicht nach geeignetere Definition von Brühlmann (2014) zugreift, welche mit drei Kriterien zu Burnout-Diagnose benannt wird:

  • Klinik: Progredienter Erschöpfungsprozess mit Leistungsabbau und fakultativ Stress- Symptomen
  • Umweltfaktor: Überfordernde Stressoren im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Leistungs- und Erfolgsdruck
  • Individualfaktor: Vulnerabilität aufgrund überfordernder Selbstansprüche

In der Abgrenzung zum Begriff „Depression“ Kapitel (1.1.4 Verwandte Konzepte), wird herausgestellt, das Burnout-Betroffene ihr Befinden mit Arbeitsanforderungen erklären. Weiter wird die Depression als eine mögliche Folgeerkrankung (Kapitel 1.2.3 Korrelation von Burnout und Depression) in Erwägung gezogen.

„Gemäß Ahola, Honkonen, Isometsä, Nykyri, Aromaa & Lönnqvist (2005) sind klinisch relevante Depressionen zu finden bei 53% der Patienten mit schwerem Burnout, bei 20% mit mildem Burnout und bei 7% ohne Burnout. Umgekehrt korreliert Depression nur in 5,3% der Fälle mit Burnout, folglich sind 94,7% der Depressionen anders bedingt (von Känel & Schwarzkopf 2013). Dies wiederum zeigt auf, wie gefährlich es ist, Depressionen trivialisierend als Burnout-Syndrom zu bezeichnen“ (Sigrist, F., S20ff).

Im Kapitel 1.3.2 Transaktionales Stressmodell werden die Faktoren des Stressors – der Stressreaktion und dem persönlichen Stressempfinden betrachtet. Von großer Bedeutung sind in diesem Kontext die individuellen Bewältigungsformen (sogenannte Coping-Strategien). Diese sind zu unterteilen in

  • Problembezogenes Coping, welches sich zum Ziel setzt Einfluss auf die Situation zu nehmen und diese zu verändern und
  • Emotionsbezogenes Coping, welches den Umgang mit dem Stressor ändert.

Die individuelle Stressanfälligkeit (Kapitel 1.3.3) wird mit Bezug auf Bamberger (2009) auf 25% genetischer Anteil, 25% Kindheit und 50% bewusster Umgang benannt. Somit sind 50% der Stressanfälligkeit persönlich beeinflussbar und können nutzbar für die Therapie gemacht werden.

Burnout als Sinnkrise (Kapitel 1.4) stellt eine bedeutende Fragestellung für die Therapie in den Raum, da Werte und Ziele relevant für das Stresserleben sind. „Ohne Reflexion von Lebenssinn und bisherigen Werten ist es schwierig, Veränderungsmotivation aufzubringen“ (Sigrist, F., S.28ff)

Dass Burnout-Betroffene ihre Veränderung erst spät wahrnehmen führt vielfach zu Identitätskrisen (Kapitel 1.4.2). Laut Dammann, Walter & Benecke (2013) entstehen Identitätskrisen, wenn eine Situation oder Entwicklung das Individuum zur Umgestaltung der bisherigen „Identität“ zwingt (Sigrist, F., S. 29). Im Burnout-Prozess klaffen Selbsterleben und Selbstbild in überforderndem Ausmaß auseinander, die zu Identitätskrisen führen.

Im Kapitel Risikofaktoren (1.5) werden Berufssparten, die eine emotionale Distanz einfordern als besonders risikoreiche Berufe mit Bezug auf Burnout bezeichnet. Etwa: Personal, das stets freundlich und zuvorkommend sein muss, das ungeachtet des Betragens seiner Gäste keinen authentischen emotionalen Ausdruck zeigen darf.

Stellt das Arbeitsumfeld die hauptsächliche Quelle der sozialen Kontakte dar, entsteht eine Einseitigkeit, die störungsanfällig macht und Burnout begünstigt.

Zu 2.

Der Fokus im Kapitel 2 „Burnout als Resonanzstörung“ setzt sich mit der stets vorherrschenden Wechselwirkung von Individuum und Anforderungen auseinander. Festzuhalten ist hier, dass in „jeder Interaktion zwischen dem Selbsterleben und dem Erleben des Gegenübers vermittelt werden muss: zwischen der nach innen gerichteten Eigenresonanz und der nach außen gerichteten, vom Gegenüber erfahrenen Resonanz – der Außenresonanz“ (Sigrist, F., S.40).

Der Begriff der Resonanz ist in der Musiktherapie ein zentraler Begriff. Folglich eignet sich die Musiktherapie als Methode bei Störungen von Resonanzprozessen. (Kapitel 2.6 Resonanzprozesse in der Musiktherapie). So wird beispielsweise mittels Musik das emotionale Resonanzgeschehen hörbar gemacht (Hochreutener 2009). Eine Konsequenz ist die, dass sich Patienten durch musiktherapeutische Erfahrungen der emotionalen Resonanz wahrgenommen, angenommen und ernstgenommen fühlen. Dies ermöglicht die Entstehung einer vertrauensvollen Beziehung, die wiederum die Basis der therapeutischen Entwicklung repräsentiert.

Langenberg (vgl. Gindl 2002) vergleicht den Therapeuten mit einem Resonanzkörper, der durch sein subtiles Mitschwingen auf die musikalisch dargebotenen emotionalen Äußerungen des Patienten diesem zum Klingen verhilft. So werden bisher verborgene innerpsychische Facetten angespielt, finden Anklang. Burnout-Betroffenen ist es trotz differenzierter, oftmals eloquenter Sprachlichkeit nicht möglich, ihr Befinden auszudrücken oder gar wahrzunehmen. Auch hemmt sie Scham, sich anzuvertrauen. In dieser Situation eignet sich das flüchtige Medium Musik besonders, denn es lässt die Freiheit eine Resonanzbotschaft anzunehmen, sie in wechselseitigem Prozess zu modifizieren oder … wie ein Windhauch an sich vorbei ziehen zu lassen. Was Worte nicht fassen können oder zerreden würden, was auf der Körperebene (noch) zu nahe wäre, kann so offen lassend mitgeteilt werden und die Erfahrung vermitteln, (zumindest teilweise) verstanden zu werden“ (Sigrist, F., S 46 mit Bezug auf Hochreutener, Lutz 2009).

Zu 3.

In der praktischen Umsetzung (Kapitel 3. Therapie des Burnout-Syndroms) der therapeutischen Verfahren empfiehlt Felicitas Sigrist unbedingt eine mehrdimensionale Therapie. Ausschlaggebend für die Entscheidung, ob eine ambulante oder stationäre Therapie sinnvoller ist, hängt vom Schweregrad der Symptomatik und den Bedingungen im sozialen Umfeld ab. Wesentlich ist offensichtlich, nach (Differenzial-)Diagnostik durch ressourcenorientiertes Vorgehen eine Remoralisierung anzustreben, um eine Stabilisierung der Persönlichkeit zu ermöglichen. Erst nach dieser Stabilisierung, bzw. verbesserter Selbstwahrnehmung, sei die problemorientierte Intervention zielführend. Da sich der Patient inzwischen selber wertvoll genug (Bewusstsein zu eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Fähigkeiten) findet, wird eine Abgrenzung gegen erneute Überlastung eher möglich sein. Dies bedeutet auch, dass dysfunktionale Muster bekannt sind (S.49). In das mehrdimensionale System gehört insbesondere bei Burnout-Patienten, dass Arbeitsbedingungen geklärt und ggf. Ansprechpartner einbezogen werden, damit praktikable Veränderungsmöglichkeiten ausgelotet werden können.

Das multimodale Vorgehen (Kapitel 3.2) wird mit Psycho- und Pharmakologie in Ergänzung mit non-verbalen therapeutischen Zugängen (Grawe 2004) erklärt. So wird der explizite Funktionsmodus (autobiographisch erlebtes) genutzt, um im impliziten System (den Auswirkungen des Erlebens und Verhaltens) Veränderungen zu erwirken. „Entweder nutzt ein Therapeut verschiedene Modalitäten in seiner Arbeit oder die Modalitäten werden durch unterschiedliche Therapeuten in therapeutischen Teilprozessen genutzt und vom Patienten integriert, wie es im stationären Setting meist praktiziert wird“ (Sigrist, F., S. 50).

Die Musiktherapie eignet sich als Methode im Kontext mit Burnout-Patienten sehr gut, da Musiktherapie per se multimodal ist. Der auditive Zugang ist ohne Integration der Körperebene undenkbar. Insbesondere die Methode der aktiven Musiktherapie ist hier zu nennen. Bewegung, Hören und konstruieren von sozialen Repräsentationen greifen hier ineinander.

Der Einsatz von Musiktherapie (Kapitel 3.5) wird in der Literatur zur Burnout-Behandlung nur selten erwähnt. Dennoch wird sie, wie auch Physio- und Kunsttherapie diverse Entspannungs- und Meditationsverfahren, als emotionsaktivierende Methode (Ballweg et al. 2013) zur Reaktivierung von Ressourcen empfohlen.

Im Kapitel 3.5.1 nimmt Felicitas Sigrist eine Differenzierung von Musiktherapie, Musikanimation und Musikmedizin vor. Hier sind für die Musiktherapie die therapeutische Beziehung zu nennen, für die Musikmedizin (Spintge 2009) die vorgefertigte Tonträger-Musik, die auf die therapeutische Beziehung verzichtet und für Musikanimation, der Aspekt der Folgeleistung eines Leiters, etwa bei Singspielen, Rhythmusübungen.

Bei den Wirkungskomponenten der Musik (Kapitel 3.5.2) bezieht sich Felicitas Sigrist auf das Standardwerk der deutschsprachigen Musiktherapie von Fritz Hegi, mit den Elementen: Klang, Rhythmus, Melodie, Dynamik und Form.

Zu 4.

Der Forschungsstand (Kapitel 4.) verweist darauf, dass lediglich drei relevante Studien zu music therapy und burnout zu verzeichnen sind. Brandes (2009) hat 150 Burnout-Patienten nach fünf Wochen Therapie mit einem Selbstbeurteilungsfragebogen untersucht. Bittmann, Bruhn, Stevens, Westengard & Umbach (2003) haben in einer Seniorenresidenz 125 Mitarbeiter befragt, die einen Kontext von Stresserleben am Arbeitsplatz und Arbeitsentlastung durch Musiktherapie, bzw. -animation bewertet haben. Die dritte Studie von Pohl (2012) erforscht qualitativ, wie sich die Ressourcen von Probanden durch musiktherapeutische Tiefenentspannung, freie oder themenzentrierte Improvisation entwickeln.

Felicitas Sigrist stellt folgerichtig fest: „Die empirische Forschung zu Musiktherapie bei Burnout ist also dürftig“ (S. 61).

Im Kapitel 4.2 wird trotz spärlicher Datenlage in der Forschung darauf verwiesen, dass viele Burnout-Betroffene musiktherapeutisch behandelt werden. Felicitas Sigrist (2014) selbst hat ermittelt, dass rund 70% der schweizerischen psychiatrischen Institutionen mit psychotherapeutischer Ausrichtung Musiktherapie anbieten. Darüber hinaus ist die freie Praxis der Musiktherapeuten zu nennen. Es zeigte sich bei einer Befragung (2013), dass 3-15% der musiktherapeutisch behandelten Patienten Burnout-Betroffene waren. Aus dieser Befragung geht hervor, dass die (Musik-)Therapeuten das Burnout-Klientel unter anderem in der Beziehungsaufnahme als zurückhaltend/abwartend bis misstrauisch wahrnehmen, als anpassend sowie als fordernd beschreiben. In der Bewertung des Burnout-Klientels in der aktiven Musiktherapie wurden die Parameter nach Fritz Hegi (s.o) herangezogen. So werden im Parameter Klang „klare Klänge“ und „harmonische, gleichbleibende Klänge“ beschrieben. Melodisch werden „gleichbleibende Melodien“ und „geringe Veränderungen des Tonraumes“ als bevorzugt beschrieben. Rhythmisch werden „wenige Variationen“ gezeigt und die Form wird als „eher undeutlich“ bezeichnet. Die dynamischen Optionen werden „wenig ausgeschöpft“.

Zusammenfassend empfinden Therapeuten in der „therapeutische Begegnung mit Burnout-Betroffenen eine Anspruchshaltung, Zurückhaltung oder Scham. Sie beschreiben die Patienten als abwartend, zurückhaltend, distanziert oder aber unruhig, ungeduldig, hektisch, mit starkem Mitteilungsbedürfnis. Im Akutstadium zeigt sich die Erschöpfung in Apathie, in einer Unfähigkeit, in Beziehung zu treten oder musikalische Impulse aufzunehmen. Oft wird dann ein rezeptives Verfahren eingesetzt“ (Sigrist, F., S. 68).

Zu 5.

Ein konsistentes Konzept zur Behandlung von Burnout-Betroffenen bietet Felicitas Sigrist im Kapitel 5. (Musiktherapeutische Ansatzpunkte bei Burnout) an. Da Burnout-Betroffene in der Akutphase massiv erschöpft sind und Scham-Affekte häufig als Folgeerscheinungen auftreten, biete sich in der Regenerationsphase zunächst an, mit rezeptiver Musiktherapie zu beginnen. In dieser Phase sei es ein Ziel, eine tragfähige Beziehung herzustellen. Ist eine tragfähige Beziehung hergestellt, können aktive musiktherapeutische Verfahren angegangen werden. So werden konstruktive Selbstwirksamkeitserlebnisse ermöglicht und etwaige Probehandlungen variierter Kommunikations- und Interaktionsformen möglich. Dies dient der Persönlichkeitsentwicklung und sorgt für mehr Souveränität im Umgang mit diversen sozialen Anforderungen.

Auf diesem Weg werden u.a. Entspannungsübungen (Kap. 5.1) und Achtsamkeitsübungen (Kap. 5.2) oder die Ressourcenaktivierung (Kap. 5.3) zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung (Kap. 5.4) notwendig sein, die das o.g. mehrdimensionale therapeutische Verfahren umschreiben. Ein Ziel wird sein, die Erlebens- und Verhaltensweisen nachhaltig zu verändern, so dass eine Kompetenzerweiterung (Kap. 5.5) und folglich eine Persönlichkeitsentwicklung (Kap. 5.6) erreicht wird.

Zu 6.

Im Kapitel 6. (Schlussgedanken: Musik und Burnout) fasst Felicitas Sigrist zusammen, weshalb die musiktherapeutischen Verfahren für Burnout-Betroffene sich als besonders günstig erweisen. So beinhaltet das musikalische Erleben die Multimodalität, die sich z.B. in der interpersonellen Resonanz oder der Emotionsaktivierung (durch neuronale Vernetzung des auditiven Apparats mit dem limbischen System) zeigt. Darüber hinaus sind optische, taktile und sensomotorische Sinnesreize dienlich um den Behandlungseffekt zu intensivieren. Felicitas Sigrist schließt damit ab, dass nur wer resonant „für eigenes, höchstpersönliches Erleben (ist) und gleichzeitig resonanzfähig bleibt für Signale von außen, kann die Souveränität haben, ein Zusammenspiel beider Bereiche flexibel zu adjustieren. Nur wenn zwischen den Taktstrichen eigene Melodien möglich sind, bleibt Lebendigkeit und ein aktives Gestalten der eigenen Lebensmusik“ (Sigrist, F., S. 91).

Diskussion

Im gesamten Buch wird deutlich, welch reichhaltige Erfahrung Felicitas Sigrist im Umgang mit Burnout- Betroffenen aus ihrer langjährigen therapeutischen Tätigkeit gewonnen hat (Etwa als leitende Ärztin an der Privatklinik Hohenegg, wo sie eine Gruppentherapie für Burnout entwickelt und die Musiktherapie etabliert hat.)

Die Gliederung des Buches ist nützlich und die Kapitel sind ausgewogen gestaltet. Diverse Schaubilder verschaffen einen Überblick und helfen zum schnelleren Verstehen.

Das auf qualitatives Forschungsdesign ausgerichtete Buch bietet, aus der Wahl des Design heraus, sicherlich an der einen oder anderen Stelle den Kritikpunkt des quantitativen Beleges an. Wer sich aber auf die Perspektive von Felicitas Sigrist einlässt, wird merken, dass ein Zahlenwert nur in seltenen Fällen bei Burnout-Betroffenen weiter hilft. Vielmehr sind es die mannigfaltigen inhaltlichen sozialen „Räume“ (etwa: Stressmodelle, Sinnkrisen, Risikofaktoren, Resonanzerfahrungen), die Felicitas Sigrist empfiehlt zu ergründen, um Patienten eine dienliche mehrdimensionale Therapie zu ermöglichen.

So lohnt sich die Lektüre des Buches nicht nur für Musiktherapeuten, sondern auch für Fachärzte, Psychologen und interessierte Laien. Sie alle können von den im Buch reichlich vorhandenen Anregungen und Informationen profitieren.

Fazit

Mit Burnout und Musiktherapie. Grundlagen, Forschungsstand und Praxeologie legt Felicitas Sigrist ein längst fälliges Buch vor, dass für die therapeutische Behandlung von Burnout-Betroffenen und für das allgemeine Verständnis von Burnout von großem Nutzen ist. Der Stand der Dinge, sowie eine historische Herleitung, werden äußerst kompetent zusammengefasst und geben dem Leser ein solides Fundament um Burnout als Syndrom zu erfassen. Ein Überblick über die Symptomatik, insbesondere die plausible Abgrenzung zur Depression, helfen ein dienliches Bild zur Phänomenologie Burnout zu erhalten. Dort wo es sich inhaltlich anbietet werden Quantifizierungen (etwa zu Stressanfälligkeit) vorgestellt.

Jedoch legt Felicitas Sigrist offensichtlich mehr Wert auf die Beschreibung der Sozialen Faktoren, die im Kontext von Burnout eine herausragende Rolle einnehmen können (Berufssparten, individuelle Sinnkrisen, Risikofaktoren). Die Bezugnahme auf wissenschaftliche Studien (soweit sie Thema überhaupt vorhanden sind) sind aktuell und repräsentieren den Stand der Dinge (2016).

Die von Felicitas Sigrist vertretene Ansicht „Burnout therapeutisch mehrdimensional“ zu behandeln, ist nachvollziehbar und repräsentiert ihre Klinikerfahrung. Hier zeigen sich die profunden praktischen Kenntnisse der Autorin. Sehr angenehm ist, das Felicitas Sigrist dem Leser Handlungsoptionen vermittelt, die auf den individuellen Fall angepasst werden müssen und durch praktische Beispiele nachvollziehbar geschildert werden.


Rezensent
Dr. Frank Henn
Erziehungswissenschaftler, Sozialpädagoge, Musikpädagoge, Musiktherapeut, Heilpraktiker – Psychotherapie
Homepage www.musikcoaching.de
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Zitiervorschlag
Frank Henn. Rezension vom 06.06.2017 zu: Felicitas Sigrist: Burnout und Musiktherapie. Grundlagen, Forschungsstand und Praxeologie. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-95490-199-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21442.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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