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Andreas Weber: Sein und Teilen

Cover Andreas Weber: Sein und Teilen. Eine Praxis schöpferischer Existenz. transcript (Bielefeld) 2016. 96 Seiten. ISBN 978-3-8376-3527-0. D: 13,99 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 18,00 sFr.
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Sein heißt Teilen

In den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender, globaler und digitaler entwickelnden (Einen?) Welt wurde das „Ende der Gewissheiten“ aus- und zum Denken für und wider die Zeit aufgerufen. In zahlreichen philosophischen, anthropologischen und literarischen Programmen, Konzepten und Gebrauchsanweisungen wird darüber nachgedacht und propagiert, wie es (endlich!) gelingen kann, dass die Menschen human, gerecht, friedlich und menschenwürdig zusammen leben und sich weiter entwickeln können. Es sind Visionen und Verdikte, und es sind ganz konkrete Nachweise, dass der Mensch nicht zum Egoisten, sondern zum Empathiker geboren ist. Es ist die (eigentlich) einfache und selbstverständliche Erkenntnis, die sich in der Gedichtstrophe ausdrückt: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“. Und es ist der kategorische Imperativ, der sprichwörtlich daher kommt: „Was du nicht willst, das man dir tu´, das füg´ auch keinen andern zu!“. Im philosophischen und anthropologischen Diskurs wird Teilen mit Sein gleichgesetzt: „Ohne Teilen gibt es kein Sein!“. Dabei sind wir sofort bei der „moralischen Keule“, die hervorgeholt wird, wenn Wertvorstellungen und Verhaltenseinstellungen aufs Tablett kommen, und wenn Egoismus, Gier und Geiz der Kampf angesagt wird. Psychologen und Psychoanalytiker freilich sind davon überzeugt, dass abweichendes Verhalten nicht mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger bewältigt werden kann; vielmehr kommt es darauf an, sich mit den Wirklichkeiten des individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Daseins der Menschheit auseinanderzusetzen und sie so zu verändern versuchen, dass das existentielle „Sei!“ zu einer Richtschnur für das alltägliche und gesellschaftliche Handeln werden kann.

Autor

Der an der Lüneburger Leuphana-Universität und an der Berliner Universität der Künste lehrende Schriftsteller und Journalist Andreas Weber tritt in seinen Arbeiten für eine „schöpferische Ökologie des Lebendigen“ ein, die er als „Biopoethik“ bezeichnet. Er drückt damit aus, dass sich humanes Dasein als ein Prozess der schöpferischen Verwandlung, Erfahrung, Bedeutung und Imagination darstellt. Er nimmt damit die philosophischen und anthropologischen Gedanken aus den Lebenswissenschaften auf und bezieht in sein Konzept der schöpferischen Existenz Gedanken von Francisco J. Varela, Hans Jonas, Glenn Gould, David Abram, Maurice Merleau-Ponty, Michel Serres, Donna Haraway, Jakob von Uexküll, Gregory Bateson, Timothy Snyder, Gilles Deleuze, Gaston Bachelard, Marshall Rosenberg, Brigitte Kronauer, u.a. ein.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert den Essay neben dem Vorwort, in dem er darauf verweist, dass „nur aus Teilhabe (. ) das Gefühl der Stimmigkeit (entsteht), das Gefühl, ein eigenes Selbst, Zentrum der eigenen Erfahrung zu sein“, in sieben Kapitel:

  1. Teilen
  2. Atmen
  3. Fühlen
  4. Lieben
  5. Tauschen
  6. Schöpfen
  7. Sein.

Sucht man in den Reflexionen über Sein, Zeit und Humanum nach Schlüsselbegriffen, so findet man die „Lebenskraft“, die in allen individuellen und kulturellen Existenzen in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen präsent ist; etwa im Afrikanischen als „Muntu“, im Anthropologischen als „Individuation“. Die Auseinandersetzungen mit den real existierenden, historischen und aktuellen Wirklichkeiten zwingen zur Kritik an den kapitalistischen und neoliberalen, menschenfeindlichen Entwicklungen und orientieren den Blick hin zur Allmende: Die paranoide und gleichzeitig menschenunwürdige Situation, dass das, „was allen geschenkt wird, ( ) nun von einigen wenigen verkauft (wird)“.

Fazit

Die philosophischen, anthropologischen, literarischen und ganzheitlichen Reflexionen, die der Autor an den Stränden des Ligurischen Meeres geschrieben hat, vermitteln den Lesern eine Gewissheit: „Imagination heißt, Wirklichkeit in einer Konstellation zu erfinden, die unmöglich ist“. Es ist die Gewissheit, dass die Suche nach und die Identifizierung mit der Menschlichkeit ein andauernder Prozess des Suchens und Findens, von Trial und Error ist: „Ganz zu sein heißt, darauf zu vertrauen, dass die Stimme der Welt in meinem Innen bereits Welt ist“.

Das Büchlein ist geeignet, in Oberstufenkursen, Seminaren und philosophischen Workshops eingesetzt und gelesen zu werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.09.2017 zu: Andreas Weber: Sein und Teilen. Eine Praxis schöpferischer Existenz. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3527-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21446.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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