Christoph Türcke: Lehrerdämmerung
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 10.10.2016
Christoph Türcke: Lehrerdämmerung. Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet. Verlag C.H. Beck (München) 2016. 158 Seiten. ISBN 978-3-406-68882-9. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,50 sFr.
... Lehrer sein dagegen sehr
Die Frage, weshalb kein Beruf im öffentlichen Diskurs so entweder in den Himmel gehoben oder in die Hölle verdammt wird wie die Lehrerprofession ist eigentlich einfach zu beantworten: Jeder Mensch, der eine Schule besucht hat, wurde und wird mit Lehrerinnen und Lehrern konfrontiert. Dabei werden positive und negative Erfahrungen gemacht, die es ermöglichen, über den Lehrerberuf und über einzelne Lehrpersonen zu urteilen. Das Reden über Lehrkräfte gründet also auf eigene Erlebnisse, aber auch auf Wertigkeiten und Einstellungen, die in einer Gesellschaft der Lerninstitution Schule zugeschrieben wird. Die Bilder die dabei entstehen und Meinungen bilden reichen dabei vom erhobenen Zeigefinger, bis zum Homo paedagogicus (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Lehrerbeschimpfung oder Lehrerlob?, 3.9.2007, www.socialnet.de/materialien/53.php). Die UNESCO, die Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen hat den 5. Oktober eines jeden Jahres zum Internationalen Tag der Lehrerinnen und Lehrer ausgerufen. Sie will damit deutlich machen, welche Bedeutung Bildung und Lernen für die Menschheit hat und welche Rolle dabei Lehrkräfte übernehmen. Die Spannweite der Einstellungen, Wertungen und Erwartungshaltungen, die den Lehrerinnen und Lehrern für Bildung und Erziehung in der Schule zugeschrieben werden, ist enorm. Sie reicht vom Hilfsdienst bei eigenen Überforderungen oder Versagen, bis hin zur Verantwortung für gesellschaftliches Gelingen.
Entstehungshintergrund
In der scheinbaren, einfach und allumfassend sich gestaltenden „neuen Lernwelt“ mit Informationszugriffen und bereitgestellten Lern- und Lebensrezepten – „Klick – allzeit bereit und verfügbar!“ – ist der Lehrer nicht mehr als Motivator gefragt, sondern höchstens als „Lernbegleiter“; vor allem dann, wenn Lernen weitgehend als Erwerb von Sach- und Fachkompetenzen verstanden wird. Lernen aber, im tatsächlichen und humanen Sinn, ist Verhaltensänderung. Neben dem Fachlernen gehört also gleichbedeutend und gleichberechtigt das soziale Lernen dazu. Das aber ist mit Lernmaschinen und Wikipedia-Wissen nicht zu erreichen. Es braucht den Dialog und die Auseinandersetzung, die als didáskein, der Wissenschaft des Lehrens, zu den Handwerkzeugen von Lehrerinnen und Lehrern gehören.
Autor
Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke hat mit seiner praktischen Philosophie bereits mehrfach in den aktuellen, gesellschaftlichen Diskurs eingegriffen und auf Symptome in der Erregungs-, Sensations- und Momentanismus-Gesellschaft aufmerksam gemacht (vgl. dazu auch: Jörn Müller, u.a., Hg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php). Er mahnt, dass die allseits um sich greifenden, unkritischen Anpassungstendenzen beim curricularen schulischen Lernen dazu führen, den „Lehrer zu Kompetenzbeschaffungsgehilfen zu reduzieren“ und dabei die eigentlichen, anthropologischen, humanen, kritischen und demokratischen Bildungs- und Lernanforderungen aus dem Blick zu verlieren. Der Titel seiner Mahnschrift „Lehrerdämmerung“, kann dabei in zwei Richtungen gelesen werden: Lehrerinnen und Lehrer sind angesichts der Euphorie, dass es genüge, möglichst vielfältige Fachkompetenzen in der Schule zu erwerben, nicht mehr als Pädagogen, sondern höchstens als „Lernbegleiter“ gefragt; die andere, dass Lehrerinnen und Lehrer endlich gegen diese Engführung und den Missbrauch der Schule als Anpassungsinstitut aufstehen und ihnen diese Entwicklung „dämmert“.
Aufbau und Inhalt
Über den Aufbau des Buchs informiert der Verlag auf seiner Verlagsseite.
Den Einleitungstext überschreibt der Autor mit der Aufforderung: „Kein Gleichschritt mehr“. Es ist ein Aufruf an die Lehrerinnen und Lehrer, sich dem „Kompetenzwahn“ zu widersetzen und sich auf ihre eigentlichen pädagogischen Aufgaben zu besinnen, nicht „Kompetenzkrüppel“ zu fördern, „die erschreckend wenig wissen, weil sie zwar alles googeln können, aber unfähig sind, sich in Sachverhalte so zu vertiefen, dass sie ihnen zu eigen, vertraut, lieb und wert werden“. Diese Fähigkeiten nämlich „kann man nur von Menschen lernen“. Anstatt „Kompetenzwahn“ bräuchte es echte „Inklusion“, die „endlich leistet, was bisher keine Schule vermochte: allen Lernenden gerecht zu werden“. Weil aber der „Inklusionswahn“ dazu führe, so titelt der Autor weiter, dass in der Lehrer- und Referendariatsausbildung bereits eine neue Pädagogengeneration heranwachse, die einer „Einheitsschule“ nichts mehr entgegenzusetzen wisse, bleibe eben der Lehrer als Pädagoge, Bildner und Erzieher auf der Strecke.
Hier freilich kollidiert der Autor gleich mit mehreren Imponderabilien: Richtig ist, dass (schulische) Bildung, die sich auf (Fach-)Kompetenzvermittlung beschränkt, eine Lern(kompetenz)Anstalt ist. Falsch jedoch ist, dass der Autor das Lernen „gegliedert“ versteht, gar – obwohl er es nicht dezidiert ausspricht – anscheinend die Lösung im traditionellen, dreigliedrigen Schulsystem sieht. In seiner Argumentationskette für eine andere als die „neue“ Lernkultur nämlich verwirren sich die „Glieder“ endgültig; vor allem, wenn er angesichts der Inklusionsdebatte nach einer „Rückbesinnung auf Mehrgliedrigkeit“ ruft und sich zudem, obwohl er auf die Missstände dieses ausgrenzenden und aussortierenden Systems verweist, trotzdem für das gegliederte Schulsystem ausspricht. Die Verwirrung wird gänzlich suspekt, wenn der Autor – zu Recht – die Ideologie der Anpassungs-Kompetenz der medialen, neoliberalen Entwicklung anprangert, sich aber gleichzeitig auf dieses klitschige Feld begibt, indem er ausgerechnet denjenigen (partei-)politischen Kräften, „die die neoliberale Wende in den 1980er Jahren am meisten vorantrieben, der Flexibilisierung der Arbeitswelt und der Senkung sozialstaatlicher Standards am bereitwilligsten das Wort redeten“ (CDU und FDP) als Bollwerke gegen die „Schulinklusion“ anführt; und „die Linken“ für die von ihm kritisierte „neue Lernkultur“ verantwortlich macht.
Diskussion und Fazit
Wenn es Christoph Türcke tatsächlich um einen Perspektivenwechsel weg von der neoliberalen (Fach- und Mach-)Kompetenzbildung und hin zu neuen politischen Grundeinstellungen geht, braucht es einen objektiven, visionären Blick. Denn neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik wünscht sich das dreigliedrige, sortierende Schulsystem und inklusive Elemente nur insofern, als sie den kapitalistischen und Markt-Interessen dienen. Eine ohne Zweifel notwendige Auseinandersetzung um den „Kompetenzwahn“ benötigt eindeutige Analysen, insbesondere dann, wenn die pädagogische Professionalisierung der Lehrerinnen und Lehrer für eine neue „neue (alte)“ Lernkultur Zeuge werden soll.
Wie kann man diesen „Verquerungen“ habhaft werden? Vielleicht durch Hinweise auf Türckes Debattieren; etwa wenn er 1993 bei einer Konferenz der Zeitschrift „konkret“, indem er sich auf die Rassentheorien Immanuel Kants bezieht davon spricht, dass es „nun einmal Menschengruppen (gäbe), die hinsichtlich Temperament, Neigung, Begabung und Charakter zu differenzieren seien“ und diese Unterschiede auf Eigenschaften der Haut und darüber erfolgende Wirkungen auf Stoffwechselprozesse zurückzuführen seien. Man solle zugeben, dass „die Natur ihre Huld innerhalb wie auch zwischen den Rassen nicht .. gleichmäßig verteilt“ habe; oder wenn er in einem Interview mit der österreichischen Zeitschrift „Die Furche“ am 3. 9. 2015 über sein Buch „Hyperaktiv“ (2012) auch Lerninhalte und Unterrichtsmethoden in der Schule kritisiert: „Alles was in Kleingruppen geschieht, gilt als kreativ; Frontalunterricht hingegen wird als autoritär geächtet. Möglichst viel Abwechslung ist die Devise. Damit aber wird länger anhaltende Aufmerksamkeit systematisch hintertrieben“, während der gleichzeitig „Ritual-Unterricht“ und Theaterspielen empfiehlt und der Mikroelektronik Sucht-Charakter zuspricht.
Damit soll dem Autor keinesfalls das Bemühen abgesprochen werden, auf die ohne Zweifel problematischen und kontroversen, curricularen, didaktischen, methodischen, bildungs- und gesellschaftspolitischen Entwicklungen beim schulischen Lernen kritisch aufmerksam zu machen; aber eine wissenschaftliche Analyse – auch eine Streitschrift – macht es notwendig, deutlich Unterscheidungen zwischen Konservativität und Konservatismus, zwischen Tradition und Traditionalismus (vgl. dazu auch: Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php) vorzunehmen. Sie springen zu kurz, Herr Türcke, und damit mitten hinein in die Pfütze: „Mir-passt-die-ganze-Richtung-nicht!“. Dadurch bricht leider Ihre Lanze für den Lehrerberuf; nicht deshalb, weil viele Ihrer Argumente brüchig wären, sondern weil Sie sie mit konservativistischen (und populistischen?) Materialien ummanteln!
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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