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Herfried Münkler, Marina Münkler: Die neuen Deutschen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 14.10.2016

Cover Herfried Münkler, Marina Münkler: Die neuen Deutschen ISBN 978-3-87134-167-0

Herfried Münkler, Marina Münkler: Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2016. 3. Auflage. 334 Seiten. ISBN 978-3-87134-167-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Bringschuld auf beiden Seiten

Die Islamwissenschaftlerin und Religionslehrerin Lamya Kaddor, die sich bemüht, Verständnis und Aufklärung im Integrationsprozess zu vermitteln (siehe dazu: Lamyo Kaddor / Rabeya Müller, Der Koran. Für Kinder und Eltern, 2008, www.socialnet.de(rezensionen/6115.php) fordert in ihrem Buch „Die Zerreißprobe“ (2016) dazu auf, anstelle der Erwartungs-, Anspruchshaltungen und Schuldzuweisungen neue Einstellungen und Haltungen zu entwickeln und „Bringschuld“ auf Augenhöhe zu lernen. Im Diskurs, der von faktischen, humanitären und moralischen Wertvorstellungen bis zur Kakophonie von egoistischen, rechtsradikalen, fundamentalistischen, ideologischen und fundamentalistischen Auffassungen reicht, melden sich in vermehrtem Maße diejenigen zu Wort, die als Eingewanderte und Eingebürgerte mit Migrationshintergrund in der Mehrheitsgesellschaft angekommen und erfolgreich sind (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Gehört der Islam zu Deutschland?, 25. 6. 2016, www.sozial.de/index.php?id=94).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die „neuen Deutschen“ sind, im Integrationsprozess, eben nicht nur diejenigen, die in die Mehrheitsgesellschaft eingewandert sind oder mit Migrationshintergrund die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben, sondern auch die Eingesessenen. Aus dem einfachen, normalen und notwendigen Grund, weil individuelle und kulturelle Identitäten nicht festgemauert oder in die Gene gelegt sind, sondern immer Wandlungs- und Veränderungsprozessen unterliegen. Identität ist somit die intellektuelle Anforderung, Perspektivenwechsel als alltägliche und immerwährende Herausforderung zu verstehen und zu leben. In der Gedichtstrophe – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“ – kommt dies anschaulich zum Ausdruck. Den pessimistischen, fatalistischen oder (gezielt) angstmachenden Parolen, dass Einwanderung – und damit Veränderung – für eine Gesellschaft Belastung und Überforderung seien, gilt es optimistische, zukunftsorientierte und humane Einstellungen entgegenzusetzen, dass eine Einwanderungsgesellschaft eine Chance für alle Beteiligten ist (siehe dazu: Jos Schnurer, Deutschland ist ein Einwanderungsland, 22.12.2014, www.sozial.de/index.php?id=94).

Der Politikwissenschaftler von der Berliner Humboldt-Universität, Herfried Münkler, und die Literaturwissenschaftlerin von der Technischen Universität in Dresden, Marina Münkler, propagieren mit ihrer Benennung „Die neuen Deutschen“ eine neue, interessante und lösungsorientierte Sichtweise: „Die alten Deutschen sind … jene, die an der ethnischen Geschlossenheit des Volkes hängen und sich nichts anderes für die Zukunft vorstellen können. Die neuen Deutschen sind … nicht die Neuankömmlinge, die sich ja überhaupt noch entscheiden müssen, ob sie überhaupt Deutsche werden wollen, sondern jene, die auf ein weltoffenes und nicht mehr ausschließlich ethnisch definiertes Deutschland setzen“. Ihr Bemühen, „Komplexität zu reduzieren, um konkretes Handeln zu ermöglichen“ ist bestimmt von der Überzeugung, dass gesellschaftliche Integration allein durch rechtliche Maßnahmen nicht gelingen kann. Sie benutzen den gegenwartsorientierten Blick, um aktuell und für die Zukunft ein gutes, gelingendes und menschenwürdiges Leben aller Menschen in der Gesellschaft und global zu ermöglichen. Ihre analytische Methode erinnert dabei an die „positive Subversion“, die der Schweizer Menschenrechtler und Umweltaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) in seinem Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) als einen gangbaren, vergangenheitsbewussten, gegenwartsbestimmten und zukunftsorientierten Weg für die Menschheit betrachtet hat.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der die Autoren als Beweis und Legitimation für ihre Arbeit die Wette des französischen Philosophen Blaise Pascal anführen, wird das Essay in fünf Kapitel gegliedert. Im ersten wird mit der Frage, wie Gesellschaftsordnungen entstehen, über „Grenzen, Ströme, Kreisläufe“ diskutiert; im zweiten geht es um die Auseinandersetzungen, wie ein moderner Wohlfahrtsstaat in einer offenen Gesellschaft mit Migranten umgeht; im dritten setzt sich das Autorenteam mit „Migrationsströmen und Flüchtlingswellen“ auseinander, indem sie den Diskurs über alte Werte und Traditionen, neue Normen und die vielfältigen Erwartungen thematisieren; im vierten Kapitel geht es um „Deutschland, Europa und die Herausforderung durch die Flüchtlinge“; und im fünften um Perspektiven, wie es gelingen kann, „aus Fremden ‚Deutsche‘ (zu) machen“.

Um individuelle und kollektive Einstellungen und Werthaltungen human zu entwickeln, braucht es die Erkundung darüber, wie wir geworden sind, was und wie wir sind. Das ist zum einen analytisch-historisch, zum zweiten human-moralisch, und zum dritten pragmatisch möglich: Welchen Nutzen haben Neuankömmlinge für die Gesellschaft? Es ist ein Plädoyer für eine realistische Zugangsweise zur Migration: „Win-win-Konstellationen haben im Vergleich mit einseitiger Hilfe eine deutlich höhere Chance auf nachhaltige Akzeptanz aufseiten der zeitweilig helfenden Gesellschaft“. Es sind die Paarungen von ökonomischen und empathischen Bestandsaufnahmen, bei denen in einem modernen Wohlfahrts- und Sozialstaat Eigeninitiative und Vorsorge zu einer Gleichung kommen können und Selbstbestimmung und gemeinschaftliche Ordnung ein Ganzes bilden. Als wesentliche Voraussetzung ist dabei zu bedenken, dass in einer humanen Gesellschaft die Befähigung zum eigenen Lebenserwerb und zur selbstbestimmten Lebensgestaltung für alle Gesellschaftsmitglieder gehören. Es ist die notwendige und kompetente Ursachenforschung darüber, warum Menschen ihre Heimat verlassen, um in der Ferne und Fremde neue Lebenserwartungen und -hoffnungen zu suchen. Es sind berechtigte und unberechtigte Gründe. Es sind natürliche und Man-made-Unwägbarkeiten und Unsicherheiten, die Menschen zu Flüchtlingen machen; und es sind die Primär- und Sekundärrisiken, denen sie sich aussetzen, und die es möglich machen sollten, Schutz und Hilfe als Menschenrecht einzufordern und zu erlangen.

Mit Blick auf die deutsche Gesellschaft ergibt sich eine zwiespältige Analyse: Während einerseits sich eine lobens- und bemerkenswerte Tendenz zeigt, Flüchtlingen zu helfen und eine Willkommenskultur zu entwickeln, vollziehen sich im nationalen und ethnischen Denken und Handeln Ab- und Ausgrenzungen, Fremdenfeindlichkeit, Ethnozentrismus und Rassismus: „Die durch den Zustrom der Flüchtlinge angestoßene Debatte, wie Deutschland in Zukunft aussehen wird und wie es aussehen soll, dreht sich also immer auch um die Frage nach der Prägeform des Nationalen“. Religiöser Fanatismus, Fundamentalismus und egozentrische Höherwertigkeitsvorstellungen treiben Eigen-Fremd-Unterscheidungen voran und spalten die Gesellschaft. Ängste vor Identitätsverlust, „Überfremdung“ und einer Entwicklung in „Parallelgesellschaften“ verhindern, dass sich humane, differenzierte und gleichberechtigte Identitäten entwickeln können. Diese Tendenzen heizen nicht nur Konflikte in der deutschen Gesellschaft an, sondern stellen sich als europäische und globale Phänomene dar. Es bedarf also einer globalen Übereinstimmung und der Bildung eines Netzwerks der Willigen, die als Grundlage ihres politischen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns als oberstes Kriterium die allgemeingültige und nicht relativierbare Anerkennung der Menschenwürde verstehen (vgl. dazu auch: Werner Schiffauer / Meryem Uçan / Susanne Schwalgin / Neslihan Kurt, Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20047.php). Die Wege dahin können, zeitweise und generationenübergreifend, zu Entwicklungen führen, die mit dem Begriff der „Parallelgesellschaft“ erst einmal eine negative Zuweisung erfährt, jedoch im Sinne einer Identitätsentwicklung durchaus hilfreich und wünschenswert sein kann. Wie also kann es gelingen, „aus Fremden Deutsche zu machen“? Die Prozesse dafür lassen sich als ganzheitliches Denken und Handeln darstellen: Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft müssen zusammen wirken!

Fazit

Was ist das Besondere, das Einleuchtende, das Außergewöhnliche und das Überzeugende, wie die „neuen Deutschen“ aussehen und agieren könnten? Eigentlich sollte es das Selbstverständliche sein, das eine friedliche, soziale, gerechte und solidarische Menschheit möglich macht: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948). Weil aber die Welt nicht so ist, braucht es Analysen und Denkanstrengungen, wie sie Marina und Herfried Münkler anbieten. Es ist nichts Sensationelles und auch nichts Rezepthaftes, sondern in vielerlei Hinsicht Pragmatisches – und damit (vielleicht) Machbares – das einige Antworten darauf liefern kann, wie Deutschland, Europa und die Welt in der Zukunft aussehen sollte!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1552 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.10.2016 zu: Herfried Münkler, Marina Münkler: Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2016. 3. Auflage. ISBN 978-3-87134-167-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21453.php, Datum des Zugriffs 02.07.2022.


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