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Miriam Yildiz: Hybride Alltagswelten

Cover Miriam Yildiz: Hybride Alltagswelten. Lebensstrategien und Diskriminierungserfahrungen Jugendlicher der 2. und 3. Generation aus Migrationsfamilien. transcript (Bielefeld) 2016. 228 Seiten. ISBN 978-3-8376-3353-5. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 40,30 sFr.
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Autorin

Miriam Yildiz als Lecturer an der Universität zu Köln am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften tätig, so der Buchklappentext. Neben ihrer sozialwissenschaftlichen Ausbildung hat sie einen praxisbezogenen Background als Sozialarbeiterin.

Thema

Miriam Yildiz veröffentlicht ihre Dissertation, die sie an der Universität Köln bei Markus Ottersbach als Erstgutachter und Wolf-Dietrich Bukow als Zweitgutachter April 2015 verteidigte.

Yildiz ist bestrebt, einen Blickwinkel auf Jugendliche und junge Erwachsene der zweiten und dritten Generation zu etablieren, der einen optimistischen Gegenentwurf zu gängigen Skandalisierungen und defizitprimären Aussagen bildet und der – trotz der alltäglich erlebten Diskriminierungs- und Rassismus Erfahrungen der jungen Menschen – zu erkennen hilft, dass die jungen Menschen aktiv und handlungsfähig sind und bleiben.

Entstehungshintergrund

Die in der Perspektive der kritischen Migrationsforschung stehende Arbeit wird thematisch treffend im transcript Verlag mit finanzieller Unterstützung der Rosa-Luxemburg Stiftung publiziert.

Aufbau

  1. Im ersten Kapitel wird der Umgang mit Jugendlichen aus Migrationszusammenhängen und insbesondere solcher der zweiten und dritten Generation in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen skizziert. In Politik, Medien, Wissenschaft, Pädagogik und Schule und weiteren (Aus-)Bildungskontexten herrschen defizitäre Blickwinkel vor, die zusammengenommen einen „negativen Synergieeffekt“ zeitigen.
  2. Im zweiten Kapitel werden solche Phänomene beleuchtet, die das „Othering“, die Einteilung der Gesellschaft oder gesellschaftlicher Teilbereiche in „wir“ und „die Anderen“ oder in „Etablierte und Außenseiter“ (Elias; Scotson 1990, 1963) begünstigen und verstärken. Machtverhältnisse werden hier ethnisch organisiert und begründet und rücken Jugendliche mit Migrationshintergrund ins Abseits. Stigmatisierungen, Kriminalisierungen und Ethnisierungen sind die „gängigen“, seit Jahrzehnten quasi tradierten Muster.
  3. Im dritten Kapitel werden empirische Befunde und alltagsbezogene und gesellschaftskritische Perspektiven herangezogen, die für die Interaktions- und Sozialisationsprozesse der Jugendlichen im untersuchten Sozialraum von Bedeutung sind.
  4. Im vierten, die Empirie einleitenden Kapitel werden neben methodischen Erläuterungen und das Forschungsdesign beschreibenden Darstellungen die Fragestellungen konkretisiert.
  5. Im fünften Kapitel wird der Diskurs über marginalisierte Stadtteile kritisch dargelegt.
  6. Im sechsten Kapitel wird unter Zuhilfenahme der Darstellung der Kurzporträts der Interviewpartner das empirische Material ausgewertet.
  7. Im siebten Kapitel kommen die Sozialarbeiter/innen des marginalisierten Stadtteils Köln-Chorweiler zu Wort. Yildiz fragt, wie sich soziale Arbeit zu Mythen über den Stadtteil positioniert und ggf. zur Konstruktion von Problemvierteln beiträgt.
  8. Im achten Teil zieht die Autorin dann ein Fazit.

Kerninhalte

Wie bereits andere Kolleg/innen vor ihr – n.a. Tina Spieß, Regina Römhild, Mark Terkessidis – ist es ein Anliegen von Miriam Yildiz den (akademischen) Migrationsdiskurs durch Diversity-Perspektiven anzureichern und den defizitären Blickwinkel auf junge Menschen aus Migrationszusammenhängen wegzulenken und in Richtung einer wertfreien Betrachtungsweise auf deren individuelle Ressourcen, Lebenswelten, Handlungsoptionen und kulturelles Kapital aber auch auf Diskriminierungs- und Rassismus Erfahrungen zu weisen.

Der Autorin ist es wichtig, von gängigen Kategorien und Zuschreibungen wegzukommen, das „Othering“, der Konstruktion einer durch ethnisch oder kulturelle Merkmale charakterisierten „Outgroup“ mit der Arbeit zu begegnen und diesem Argumente und Kontexte entgegenzusetzen. Konsequenterweise spricht sie auch nicht mehr von ‚Jugendlichen mit Migrationshintergund‘, sondern von „Jugendlichen und jungen Erwachsenen der zweiten und dritten Generation“. Yildiz geht – wie andere Autor/innen der kritischen Migrationsforschung vor ihr auch – davon aus, dass die diesen jungen Menschen zugewiesenen Positionen und Konstruktionen erheblichen Einfluss auf die biografischen Konstruktionen besitzen und dass letztlich nicht ethnische oder kulturelle Faktoren, sondern gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Themensetzungen ihre Sozialisation entscheidend bedingen. Diese Annahme kann sie anhand der dargestellten Fachdiskussionen, der politischen und medialen Diskurse und aufgrund ihres empirischen Materials sehr gut skizzieren.

Entgegen einer gewissen „Opferrhetorik“ der zufolge Jugendliche und junge Menschen oft als „Opfer“ (im Übrigen nach wie vor eines der Schimpfworte für die meisten Jugendlichen) von Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen konzeptioniert werden, möchte die Autorin herausarbeiten, dass Jugendliche und junge Menschen der zweiten und dritten Generation vielmehr im Sinne der Theorie der Selbstsozialisation (Jugendliche als Agenten ihrer eigenen Sozialisation (Zinnecker 2000)) handeln, ihre eigenen Lebenswelten ausgestalten und Teile der alltäglichen Interaktionen und Eindrücke für die eigene Identitätskonstruktion und Biografiearbeit nutzbar machen. Der Blickwinkel richtet sich explizit auf die Lebensbedingungen der jungen Menschen im marginalisierten und stigmatisierten Stadtteil Köln-Chorweiler, ihre Erfahrungen mit und in diesem Stadtteil, sowohl in der eigenen „Binnenperspektive“ als auch in der zuschreibenden Außensicht auf diesen, und die daraus von den jungen Menschen abgeleiteten „Lebensstrategien“, wie Yildiz die jugendlichen Verhaltensmuster benennt.

Diskussion

Soziale Konstruktionen von ‚Jugendlichen mit Migrationshintergrund‘ – unabhängig von Ihrem Geschlecht – beruhen größtenteils auf nationaler und kultureller Herkunft und es werden – egal ob in Wissenschaft, Fachdiskussion oder Medien – immer auch bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse reproduziert. Die Konstruktionsprozesse zum „ethnisch anderen“ ermöglichen für die betroffenen Jugendlichen aber auch subjektive Handlungsoptionen und Aneignungsformen (Geisen/Riegel 2007). Politik wie auch sozialwissenschaftliche Forschungen zum Thema der Gewalttätigkeit unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund gleichwohl wie Medien stilisieren insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene muslimischen Glaubens zu Gewalttätern. Auffällig sind in diesem Kontext kulturalisierende Perspektiven bzw. Erklärungsmuster. Yazici (2011) und weitere Autor/innen (z.B. Haeger 2013) weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass – dem labeling approach folgend – solcherart Zuschreibungen direkten Einfluss auf z.B. das Gewaltverhalten von Jugendlichen haben können. Fremdpositionierungen, die durch Dritte vorgenommen werden, können gerade bei jungen Menschen einen starken Einfluss auf die Selbstpositionierungen nehmen – ganz im Sinne einer self-fulfilling prophecy.

Ein- und Ausschlussprozesse gehören zur Erfahrung und bilden die Grundlage der jeweiligen individuellen Partizipationsmöglichkeiten (vgl. Geisen/Riegel 2007). Junge Menschen ‚mit Migrationshintergrund‘ sind im Alltag mit einer Vielzahl von Zuschreibungserfahrungen konfrontiert. Während die Zuschreibungen in den Bildungseinrichtungen und in den Medien vornehmlich ethnisierend ausfallen und die jungen Menschen dort im Kontext von Geschlecht insbesondere mit kriminellen Delikten (junge Männer) bzw. desintegrativem Verhalten (junge Frauen und junge Männer) in Verbindung gebracht werden – unabhängig vom Bildungs- und Schulniveau – erfahren sie in den Peers und interkulturellen Kontakten primär stereotype Zuschreibungen, die sich auf ihr Geschlecht beziehen. Im gesellschaftlich verfügbaren Wissen der Mehrheitsgesellschaft ist so ein Projektionsfeld entstanden, das wie selbstverständlich die jungen Menschen mit Attributen wie Gewalt, Kriminalität, desintegrativem bzw. rückständigem Verhalten, mangelnder Bildung u.w. in Verbindung bringt (vgl. Haeger 2013). Dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit diesen Zuschreibungen ‚arbeiten‘, sie sich ‚aneignen‘ und auch kreativ umdeuten, ist eine Tatsache. Jugendliche und junge Erwachsene verweigern sich einer einfachen Analyse und entziehen sich dieser, indem sie mit Vorannahmen spielen, entsprechende Attribute annehmen und diese auch wieder verwerfen – ganz im Sinne einer das Leben junger Menschen bestimmenden Identitätskonstruktion.

Die Autorin erkennt im Migrationsdiskurs die besondere Bedeutung die Fragen der Identität und Selbstpositionierungen zukommt, wenn diese insbesondere auf Jugendliche und junge Menschen der zweiten und dritten Generation projiziert werden, die ungeachtet eigener Einschätzungen und Selbstpositionierungen eingeordnet und als „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ markiert werden. Umso wichtiger ist dann die Erkenntnis der Autorin, dass die Jugendlichen mit denen sie gesprochen hat, typische Jugendliche sind, mit den dazu gehörigen jugendtypischen und entwicklungsrelevanten Wünschen, Hoffnungen, Problemen und auch Entwicklungsaufgaben. Selbstinszenierungen, die auf abweichende Muster schließen lassen und die medienwirksam transportiert werden, kommen bei ihr nicht vor. Auch werden keine „konflikthaften Widersprüche, bezogen auf die eigene Selbstverortung, etwa im Sinne einer ‚Zerrissenheit zwischen den Kulturen‘“ ausgemacht.

Die entweder bewusst erlebten und wahrgenommenen oder aber auch gar nicht als solche von den jungen Menschen benannten Diskriminierungs- und Rassismus Erfahrungen behindern die jungen Menschen nicht in ihrer Aktivität und Handlungsfähigkeit. Passive und resignative Verhaltensmuster lassen sich jedenfalls in Yildiz Sample nicht ausmachen. Vielmehr sind die Verhaltensweisen und Lebensstrategien der Jugendlichen so vielfältig oder ‚diversíviziert‘ wie die Jugendlichen selbst; sowohl subversive als auch kreative Lösungen werden gelebt, ohne dass diese selbst so genannt, geschweige denn als solche erkannt werden. Gleiches gilt für die Sozialarbeit(erinnen), die solcherart Kreativität und subversive Gegenentwürfe selten als das ausmachen, was sie symbolisieren: die Forderung nach Anerkennung und Wertschätzung, sowohl der Individuen als auch der jeweiligen Lebenskonzepte und -strategien. Und in diesem Kontext ist auf eine zentrale Stärke der Arbeit zu verweisen, nämlich auf den Versuch einen Schulterschluss zwischen sozialwissenschaftlicher Analyse und praxisbezogener Sozialarbeit zumindest partiell leisten zu wollen und dies auch zu können.

Zielgruppe

Das Buch sollte seine Leserschaft aus der scientific community der Pädagogik samt benachbarter Disziplinen, der kritischen Integrations- oder Migrationsforschung und der anwendungsbezogenen Sozialarbeit beziehen. Darüber hinaus können auch Studierende der Sozialwissenschaften mit Interesse an Migrations- und Integrationsthemen aufgrund des partiellen Lehrbuchbuchcharakters und der leichten, gleichzeitig angenehm präzisen Sprache zu den weiteren Zielgruppen gehören.

Fazit

Der vorliegende Band liest sich in einigen Passagen wie ein Lehrbuch der kritischen Integrationsforschung und greift viele Fachdiskussionen der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte auf. Die Lektüre des Buches gestaltet sich angenehm durch den gleichzeitig deutlichen wie auch auf einfachen Formulierungen beruhenden Schreibstil. Allerdings hätte die Darstellung der empirischen Vorgehensweise, und hier insbesondere der methodischen Auswertung und der Analyse des erhobenen Datenmaterials detaillierter ausfallen dürfen.

Literatur:

  • Elias, N./Scotson, J. L. (1990): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp (Original 1963).
  • Geisen, T./Riegel, C. (2007): Zugehörigkeit(en) im Kontext von Jugend und Migration – eine Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Jugend, Partizipation und Migration. Orientierungen im Kontext von Integration und Ausgrenzung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 7-23.
  • Haeger, S. K. (2013): Soziale Repräsentationen von Männlichkeiten. Der Einfluss geschlechtsspezifischer, ethnisch-kultureller und sozialer Zuschreibungen bei jungen Männern mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland. Oldenburg: BIS-Verlag.
  • Yazici, O. (2011): Jung, männlich, türkisch – gewalttätig? Eine Studie über gewalttätige Männlichkeitsinszenierungen türkischstämmiger Jugendlicher im Kontext von Ausgrenzung und Kriminalisierung. Freiburg: Centaurus. (vgl. die Rezension)
  • Zinnecker, J. (2000): Selbstsozialisation – Essay über ein aktuelles Konzept. ZSE: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 20(3), S. 272-290.

Rezensent
Dr. phil. Eckart Müller-Bachmann
M.A., Soziologe
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Zitiervorschlag
Eckart Müller-Bachmann. Rezension vom 20.04.2017 zu: Miriam Yildiz: Hybride Alltagswelten. Lebensstrategien und Diskriminierungserfahrungen Jugendlicher der 2. und 3. Generation aus Migrationsfamilien. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3353-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21459.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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