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Karlhans Liebl: Kriminalitäts­belastung und Viktimisierungen im Zeitlauf

Cover Karlhans Liebl: Kriminalitätsbelastung und Viktimisierungen im Zeitlauf. Untersuchungen zum Dunkelfeld in einer Region: Der Freistaat Sachsen 2010 und 2013. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 226 Seiten. ISBN 978-3-8487-3236-4. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
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Thema

Die Erforschung der verborgenen kriminellen Handlungen ist in Deutschland ein vernachlässigtes Gebiet der Kriminologie. Dunkelfeldforschung ist weitgehend ein blinder Fleck, auf den in Fachdiskursen seit den 1970er Jahren immer wieder hingewiesen wird. Bislang ist wenig geschehen. Zur Behebung des Mangels und dem Ausweisen zuverlässiger Daten über die Kriminalitätsbelastung und Viktimisierung im Zeitvergleich wäre eine regelmäßigere Dunkelfeldforschung auf Bundes- als auch auf Länderebene notwendig. Hier setzt exemplarisch der vorliegende Bericht über eine regionale Studie an.

Autor

Karlheinz Liebl ist Professor für Kriminologie an der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) in Rothenburg/Oberlausitz.

Entstehungshintergrund

Der Autor konnte im Jahre 2010 eine erste Dunkelfelduntersuchung mit Unterstützung des Landeskriminalamtes und mit dem Engagement von Studierenden eines Studienjahrgangs der Sächsischen Polizeihochschule durchführen. Eine Wiederholungsuntersuchung, die Gegenstand der vorliegenden Veröffentlichung ist, wurde durch Initiative und Unterstützung eines weiteren Studienjahrganges im Jahre 2013 ohne große Forschungsmittel durchgeführt.

Aufbau

  • „Einführenden Gedanken“,
  • einem tabellarischen Überblick über die „Dunkelfeldforschung in Deutschland seit der letzten Untersuchung im Jahre 2010“,
  • „Methodische Fragen und Stichprobe“ der Nachfolgestudie von 2013 (wegen der Begrenzung der finanziellen Ressourcen orientiert sich diese an der gleichen Datenerhebung, einer Zufallsstichprobe)
  • „Aspekte der Kriminalitätsfurcht, Verhalten und Viktimisierung“,
  • „Aspekte der Viktimisierung“,
  • „Ergebnisse der Untersuchung für das Jahr 2013“,
  • „Vergleich der Ergebnisse aus den Untersuchungen der Jahre 2010 und 2013“,
  • ein „Nachwort“ und ein „Literaturverzeichnis“.

Inhalt

Mit der Nachfolgestudie von 2013 sollen die Daten der Erstuntersuchung von 2010 (vgl. Liebl 2014) überprüft werden.

Trotz der kurzen Zeit (zwei Jahre) zeigt der Bericht Veränderungen in der Viktimisierung der Bevölkerung und im Anzeigeverhalten. Der Autor weist mehrfach darauf hin, dass „nur regelmäßige Untersuchungen über einen längeren Untersuchungszeitraum ein verlässliches Bild der realen Viktimisierung einer Gesellschaft zeichnen können“ (32).

Hierbei ist auch von Bedeutung, welche speziellen Untersuchungsformen verwendet werden, um „opferhäufige“ Bevölkerungsgruppen (wie Wohnsitzlose, Migranten, Arbeitssuchende, männliche und weibliche Prostituierte, Jugendliche), die mit herkömmlichen Forschungsdesigns nicht erreicht werden, ebenfalls befragen zu können. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass aus der Wiederholungsuntersuchung sehr sensible Delikte (wie z.B. Vergewaltigung) herausgenommen wurden, „da sich in der Erstuntersuchung gezeigt hatte, dass hierzu nur sehr geringe Angaben vorgenommen wurden“ (32).

Ausgewählte Ergebnisse der Studie von 2013:

  • bei der Kriminalitätsfurcht hinsichtlich des Freizeitverhaltens insgesamt oder nach Einbruch der Dunkelheit gibt es bezüglich des Geschlechts oder des Lebensalters wenig signifikante Unterschiede;
  • bei der Einschränkung im Freizeitverhalten liegen ähnliche Hinweise wie in der früheren Studie vor (Männer: 14,9 %; Frauen 32,4 %), insbesondere auch bei den Opfern und Nicht-Opfern einer Straftat;
  • die Hinweise zum Zusammenhang von Geschlecht und Opferwerdung sich bei Männern auf 44 % und bei Frauen auf 38,3 % verändert haben, was allerdings nicht signifikant ist und bei einzelnen Deliktarten genauer untersucht wird;
  • eine Altersanalyse erbringt, dass die jüngeren Jahrgänge eine höhere Opferrate aufweisen als die älteren, was in der kriminologischen Forschung bereits seit längerem bekannt ist;
  • die Studie Delikte und ihr Dunkelfeld untersucht. Sie unterscheidet hierfür drei Arten von Dunkelfeldern:
    1. geringes Dunkelfeld (Wohnungseinbruch, Fahrraddiebstahl, Diebstahl aus Kfz, Einbruch in ein Gartenhaus, schwere Körperverletzung),
    2. mittleres Dunkelfeld (Sachbeschädigung von Kfz, Diebstahl aus Boden- und Kellerräumen, Kapitalanlagebetrug, Diebstahl von Geld, Geldbörsen oder Kreditkarten) und
    3. hohes Dunkelfeld (Computerbetrug, Betrug, Stalking, Beleidigung und Unterschlagungshandlungen).
  • in einem Vergleich der Untersuchungen der Jahre 2010 und 2013 werden hinsichtlich der Geschlechts- und der Altersverteilung der Opfer, der Verteilung von Hell- zu Dunkelfeld einzelne Deliktarten genauer analysiert: Sachbeschädigung, Bedrohung, leichte und schwere Körperverletzung, Beleidigung, Diebstahl aus Kfz, Diebstahl von Kfz oder Motorrädern, Fahrraddiebstahl, Wohnungsdiebstahl, Diebstahl aus Boden- oder Kellerräumen, Gartenhauseinbruch, Diebstahl von Geld, Geldbörsen oder Kreditkarten, Betrug, Computer- und Internetbetrug, Kapitalanlagebetrug, Unterschlagung, Stalking, Raubdelikte und Brandstiftung.

  • Tatsächliche Eigentumsdelikte werden den Strafverfolgungsorganen nur zu einem geringen Teil bekannt gegeben.

Diskussion

„Geschlecht“ bleibt in der Studie im Rahmen der gängigen Verfahrensweise der empirischen Sozialforschung als unabhängige Variable biologisch gesetzt ohne kritisch hinterfragt zu werden. Die daran gekoppelten sozialen Zuschreibungen werden nicht gedacht und so kann daraus der potentielle Erkenntnisgewinn nicht gehoben werden. Auf der Basis eines ergebnisoffenen Verständnisses von Geschlechterforschung ließen sich die empirisch belegte Differenzen grundlegender auswerten, indem die Zusammenhänge der Deliktarten und der geschlechtsspezifischen Mechanismen der Opferwerdung und ihrer Ausblendung qualitativ reflektiert werden. So könnte die mit den herkömmlichen Männlichkeitskonstruktionen verbundene Verleugnung der Verletzbarkeit ein zentraler Schlüssel für die Nicht-Wahrnehmung zahlreicher der gegen Männer gerichteten Kriminalitätsereignisse sein. Bei den Ereignissen zur sexualisierten Gewalt an Jungen und bei der häuslichen Gewalt gegen Männer gibt es deutliche Hinweise auf diesen Mechanismus der Verdeckung eines bedeutsamen sozialen Problems.

In dieser Hinsicht wäre eine belastbare Analyse wünschenswert, wie und warum die Erforschung der Viktimisierung von Männern weitgehend unterbleibt. Popitz´ These der „Prävention des Nichtwissens“ (Popitz 1968) könnte hierbei erhellend wirken.

Fazit

Der Bericht transportiert ein Plädoyer für regelmäßige Dunkelfeldforschung auf Bundes- und Landesebene im Zeitvergleich, denn sie kann „uns Informationen über zahlreiche ‚weiße Flecken‘ unserer so durchgestylten statistischen Gegenwart liefern …, die oft wichtiger sind, als manche der jedes Jahr veröffentlichten kriminologischen Untersuchungen. … An dieser Stelle bleibt nur zu hoffen, dass die Untersuchungen dazu anregen, Forschungen zur Viktimisierung in Deutschland einen höheren Stellenwert zu geben (33)“. Dem ist unter der Voraussetzung zuzustimmen, dass dabei tradierte Geschlechter- bzw. Männlichkeitskonstruktionen hinterfragt werden und die männliche „Verletzungsoffenheit“ (Popitz 1976) gleichwertige Anerkennung findet!

Literatur

  • Liebl, Karlheinz: Viktimisierung, Kriminalitätsfurcht und Anzeigeverhalten im Freistaat Sachsen. Frankfurt am Main. 2014.
  • Popitz, Heinrich: Über die Präventivwirkung des Nichtwissens: Dunkelziffer, Norm und Strafe Tübingen. 1968.
  • Popitz, Heinrich: Prozesse der Machtbildung. Tübingen. 1976.

Rezensent
Hans-Joachim Lenz
Sozialwissenschaftler, Geschlechterforscher, Dozent,
Homepage www.geschlechterforschung.net
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Lenz. Rezension vom 28.06.2017 zu: Karlhans Liebl: Kriminalitätsbelastung und Viktimisierungen im Zeitlauf. Untersuchungen zum Dunkelfeld in einer Region: Der Freistaat Sachsen 2010 und 2013. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-3236-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21463.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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