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Gerhard Roth, Alica Ryba: Coaching, Beratung und Gehirn

Cover Gerhard Roth, Alica Ryba: Coaching, Beratung und Gehirn. Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 420 Seiten. ISBN 978-3-608-94944-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie der gegenwärtige Stand einer theoretischen Fundierung von diversen Coaching- und Beratungsansätzen zu bewerten ist und gibt einen Ausblick im Sinne einer neuropsychologischen Grundlegung der im Titel genannten Veränderungsansätzen. Das Buch reiht sich so ein in eine Serie von Veröffentlichung eher populärwissenschaftlicher Art des Hauptautors, Gerhard Roth, erschienen im gleichen Verlag – siehe hierzu das Verlagsprogramm.

Autor und Autorin

Gerhard Roth ist Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie am Institut für Hirnforschung an der Uni Bremen und zudem Leiter der Roth-GmbH- Applied Neuroscience.

Alica Ryba ist Dipl.Kauffrau und führt als Inhaberin der RYBA-Coaching Firma in Hamburg seit Jahren Coaching durch- sie ist zudem Mitarbeiterin bei Gerhard Roth.

Entstehungshintergrund

Wie schon gesagt steht das Buch in einem Zusammenhang mit vorher im gleichen Verlag erschienen Veröffentlichungen des Hauptautors. Roth ist in dieser Reihe bemüht, im weitesten Sinn psychologische Fragen aus dem Blickwinkel der Natur- und Neurowissenschaften auf den Prüfstand zu stellen und sie kritisch auf einen mit deren Ergebnissen verträglichen Stand zu bringen. Das insbesondere Disziplinen, die sich mit der gezielten Veränderung/ Beeinflussung menschlichen Handelns und Erleben auseinandersetzen – also Coaching, Beratung und Psychotherapie – hier besonders im Fokus stehen, ist naheliegend, die Themenstellung des vorliegenden Buches als eine fast zwingende Fortsetzung der vorangegangenen Veröffentlichungen zu sehen.

Aufbau und Inhalt

Nach einen Vorwort und einer Einleitung ist das Buch in zwölf Kapitel untergliedert, die nicht entsprechend der Autorenschaft differenziert werden. Literaturverzeichnis und Register schließen das Buch mit knappen Hinweisen zu den Autoren ab.

Die Logik des Aufbaus ist schlüssig: Die ersten beiden Kapitel sollen zunächst klären, was Coaching ist und wodurch Coaching als Veränderungsform und -methode sich von Psychotherapie abgegrenzt. Gemeinsamer Nenner der diversen Coaching Ansätze ist zunächst deren Praxeologie mit dem Ziel der Verbesserung beruflicher Handlungskompetenz in der Persönlichkeitsentwicklung und einzelnen Fähigkeiten und Kompetenzen. Die meisten im Bereich der Veränderung menschliches Handelns und Erlebens Tätigen plädieren für eine deutliche Trennung von Coaching und Psychotherapie- wobei einerseits inhaltliche Argumente angeführt werden (Therapie bei vorliegender Krankheit), andererseits aber auch berufspolitische (Psychotherapie als Profession mit Approbation als Voraussetzung, Coaching weitgehend ungeregelt-voraussetzungslos). Andere Ansätze können aber auch durchaus überzeugend darlegen, dass bei Kritik des Krankheitsbegriffes in der Medizin und der sich hier orientierenden Psychotherapie die gradualen aber kaum qualitativen Unterschiede der Klientenprobleme eher von einem Kontinuum der Interventionsmöglichkeiten zwischen Coaching-Beratung- und Psychotherapie auszugehen sei, nicht aber von verifizierbaren qualitativen Unterschiedlichkeiten.

Im 3. Kapitel erfolgt dann eine Auseinandersetzung mit der Neurowissenschaft, bzw. mit der Darstellung ihrer Ergebnisse zum menschlichen Gehirn, als dem Ort des Geschehens, wenn es um menschliches Verhalten und Erleben und dessen Beeinflussung/Veränderung geht. Von der Erregungsleitung bis hin zu unterscheidbaren Bereichen des Gehirns und deren Aufgaben/Funktionen erfolgt eine übersichtliche und durch Tabellen und Abbildungen didaktisch gut aufbereitete Darstellung, deren Lektüre sich auch für diejenigen lohnt, die bereits Kenntnisse in diesem Grundlagenbereich haben.

Richtig und folgerichtig schließt sich im 4. Kapitel eine Auseinandersetzung mit der Frage an, wie sich Persönlichkeit, Psyche und Gehirn zu- und miteinander verhalten – denn jede Theorie der Veränderung von Verhalten/Erleben braucht als Grundlage eine Theorie der „gesunden“ Persönlichkeit und deren Störbarkeit. Die Autoren setzen sich sowohl mit der Persönlichkeitspsychologie („Big Five“) als auch mit dem vertiefendem Ansatz von Mischel auseinander und kommen letztlich zu einem Vorschlag, die neurobiologischen Grundlagen der Persönlichkeit in einem „Vier-Ebene-Modell“ zu fassen (vegetativ-affektives Verhalten, Unbewusstes Selbst, Kognitiv-kommunikatives Ich und Individuell-soziales Ich). So fundiert weisen die Autoren dann darauf hin, dass in den vergangenen Jahren die Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und Neuromodulatoren/Neuropeptiden und Neurohormonen sich als komplexer als früher angenommen herausgestellt hat, was nach ihrer Ansicht aus heutiger Sicht nahelegt, von 6 psychoneuralen Grundsystemen auszugehen ( kurz benannt: Stressverarbeitungssystem, Internes Beruhigungssystem, Internes Bewertungssystem, Impulshemmungssystem, Bindungs-Empathiesystem, Realitätssinn/ Risikowahrnehmung). Diese organisieren letztlich Verhalten/Erleben und determinieren auch die Störungen, was beispielhaft anschließend ausgeführt wird. Auch dies wird leserfreundlich unterstützt durch tabellarische Zusammenstellungen.

Im 5. Kapitel setzen sich die Autoren mit neurowissenschaftlich verträglichen Ergebnissen und Befunden zum Thema „Lernen und Gedächtnis“ auseinander, im 6. Kapitel mit der Frage unbewusstes, bewusster und vorbewusster Prozesse, die sie allerdings auch in verdinglichter Form sensu Psychoanalyse bezeichnen.

Nachdem die Bedeutung von verschiedenen Bewusstseinszuständen für Coaching und Psychotherapie erläutert wurde, wird im 7. Kapitel auf die Frage von „Motivation und Veränderbarkeit“ eingegangen. Während einerseits die Plastizität des Gehirns Veränderbarkeit grundsätzlich ermöglicht, setzt allerdings die zunehmende Verfestigung insbesondere der Persönlichkeit im Lebenslauf der Beeinflussung von Verhalten/Erleben Grenzen. „ … das es ( … ) nicht wesentlich Rationalität und Verstand sind, die letztlich unser Verhalten bestimmen, sondern dass dies das limbische System als umfassendes Erfahrungsgedächtnis macht, das sich an der ständig unbewussten bzw. bewussten Bewertung dessen, was wir erleben und was wir tun, ein Leben lang anreichert.“ Hieraus resultiert, dass Coaching und Psychotherapie eben dort ansetzen müssen, wo unsere gesamte Lebenserfahrung verhaltenswirksam wird.

Weil Bindung für Entwicklung und auch Störbarkeit der Persönlichkeit wissenschaftlich übereinstimmend als wesentlich angesehen wird, widmen sich die Autoren diesem Thema im 8. Kapitel. Anschließend setzen sie sich kritisch und aus der vermeintlich sicheren neurowissenschaftlichen Position mit ausgesuchten Therapieschulen auseinander (Kap. 9: Psychoanalyse, Kap. 10 Hypnosetherapie nach M. Erickson) und thematisieren hierbei auch wiederholt Verhaltenstherapie und deren kognitive geprägten Weiterentwicklungen.

Folgerichtig und in Auseinandersetzung mit der Therapierforschung muss im 11. Kapitel die Frage ventiliert werden, in wieweit Coaching und Psychotherapie wirksam sind- bzw. sein können. Die Autoren weisen auf die Schwierigkeiten hierbei hin (Masse, Definitionen, Mängel der Studien etc.) und kommen zu dem bekannten Fazit, dass letztendlich die Frage, welche Therapie ist erfolgreicher obsolet ist- wirksam ist insbesondere die Interaktion von Therapeutin, Klient und Methode, die durchaus in Abweichung von manualisierten Formen individuell passend gemacht wird, was einer impliziten Schulenannäherung entspricht und jenseits des Psychotherapiegesetztes und der sog. Richtlinienverfahren in der Praxis stattfindet.

Die Synopse des Buches ist schließlich der Versuch im 12. Kapitel unter Rückgriff auf die vorangegangenen Kapitel ein Modell der Persönlichkeit und deren Veränderbarkeit zu zeichnen- durchaus gleichgültig in welchem helfenden Kontext diese Veränderung geschieht. Hier nehmen die Autoren Bezug auf das Vier-Ebenen- Modell und die sechs psychoneuralen Grundmuster (s.o.), was strukturiert und überzeugend dargestellt wird

Diskussion

In dieser Buchbesprechung kann und soll keine umfassende psychologisch-theoretische Auseinandersetzung mit den Inhalten dieses Buches erfolgen. Insgesamt liegt eine schlüssige und gut fundierte Zusammenschau wesentlicher Aspekte von Veränderungsarbeit im Kontext von Beratung, Coaching und Psychotherapie vor. Herausgestellt werden soll der Versuch, Ergebnisse in ein verhaltens- und Persönlichkeitsmodell zu integrieren, welches dann auch Bewertungen und Validierung von verschiedenen angewandten Methoden zulässt. Die erscheint für den noch weitgehend unorganisierten und wenig evaluierten Bereich von Coaching insbesondere wichtig, um die „Spreu vom Weizen“ trennen zu können und eine Professionalisierung analog zum Bereich der Psychotherapie voranzutreiben. So umfassend das Buch ist, so gut fundiert Ergebnisse referiert werden, so können und wollen die Autoren die Diskussion über Grundlagen und Methoden der Veränderungsarbeit nicht beenden. Vielmehr soll angeregt werden, in einem wissenschaftsverträglichen Sinne Grundlagen und Methoden sowie deren Effizienz im eigenen Handeln systematisch zu prüfen und offenzulegen. Nur so kann Diskurs und Weiterentwicklung hin zu sich rechtfertigender Professionalität geleistet werden – dies ist Bereich von Psychotherapie üblich, im Bereich von Coaching eher ungewöhnlich. Allein aus diesem Grund sei das Werk allen in diesem Berufsfeld Tätigen dringend als Lektüre und Diskussionsanlass empfohlen.

Fazit

Eine ausführliche und sehr gut fundiert entwickelte Darstellung von Grundlagen und Bedingungen menschlichen Verhaltens/Erlebens mit der Zielrichtung, begründete Veränderungsverfahren hieraus abzuleiten, bzw. evaluieren zu können. Das dabei mancher Vertreter spezifischer Veränderungsansätze (bspw. systemischer oder integrativer Psychotherapieansätze) sich zu wenig repräsentiert fühlt, muss bei der Breite der Thematik wohl hingenommen werden. Etwas mehr Raum hätte wohl die Diskussion des Krankheits- Gesundheitsverständnisses einnehmen müssen, wenn denn die Beantwortung der Frage nach einer Abgrenzung der angesprochen Professionen Psychotherapie, Beratung und Coaching Zielsetzung gewesen wäre. Dennoch: Lesen, Reflektieren, Weiterdenken!


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 08.03.2017 zu: Gerhard Roth, Alica Ryba: Coaching, Beratung und Gehirn. Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-94944-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21467.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


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