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Michael Wimmer: Dekonstruktion und Erziehung

Cover Michael Wimmer: Dekonstruktion und Erziehung. Studien zum Paradoxieproblem in der Pädagogik. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 410 Seiten. ISBN 978-3-506-78097-3. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 60,90 sFr.
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Autor

Michael Wimmer (Dr. phil.) ist Professor für Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte beziehen sich auf Erziehungs- und Bildungsphilosophie im Kontext gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

Thema

Das Buch „Dekonstruktion und Erziehung. Studien zum Paradoxieproblem in der Pädagogik“ ist eine Neuauflage des fast identischen Titels, im transcript-Verlag erschienen, und nun erneut durchgearbeitet. Im hier zu besprechenden Werk greift der Autor die Fragestellung von 2006 auf. Ihn interessiert, wie das theoretische Selbstverständnis der Allgemeinen Pädagogik geschärft und das praktische Handeln erneuert werden kann, wenn die paradoxale Grundstruktur der Pädagogik anerkannt wird (vgl. S. 29). Wimmers Bemühungen richten sich auf die Suche nach der angemessenen Sprache für das Problem, um die Grundkonstruktion des pädagogischen Verhältnisses angemessen auszudrücken. Mithilfe der Dekonstruktion, einem kritischen und systematischen Hinterfragen von Grundannahmen, soll der Sinn der aporetischen und widersprüchlichen Aussagen über Pädagogik offen gelegt werden. Der Autor möchte das Nachdenken über Subjektkonstruktionen und Alterität, den Umgang mit dem Anderen und Fremden und das Unbehagen in Bezug auf Nicht-Wissen und Unsicherheit anregen. Er weiß, dass solche Fragen innerhalb des erziehungswissenschaftlichen Diskurses kontrovers diskutiert werden. „Die Pädagogik als eine von Grund auf problematische, aporetische und paradoxale Angelegenheit anzusehen, ist also keineswegs selbstverständlich“ (S. 20). Wimmer geht davon aus, dass geisteswissenschaftliche Positionen einerseits zugunsten rationaler Steuerung aufgegeben werden, obwohl, auch empirische Wirkungsforschung keinesfalls wertneutral ist. Andererseits werden sie tradiert, ohne die Transformationen des Problems zu reflektieren (vgl. S. 14). Auch die kompetenztheoretische Reformulierung des Bildungsbegriffs verhelfe nicht, über den Sinn des Paradoxieproblems hinweg zu kommen (vgl. S. 20).

Michael Wimmer hält an der Paradoxie der Unbestimmtheit des pädagogischen Handelns und seiner Grenzen fest, weil sie der Kern des pädagogischen Denkens und Handelns sei. Statt die Paradoxie als Theorieproblem zu entwerten bzw. als Konstruktion zu entlarven, sollte ihre Bedeutung anerkannt werden. Antinomien kennzeichnen pädagogisches Denken und Handeln. Die Reflexionen über Begriffe ermöglichen die ethische Dimension von Pädagogik sichtbar zu machen. Die Allgemeine Erziehungswissenschaft finde, so Wimmer, ihren unverzichtbaren Platz, wenn die Aporie der Pädagogik einer anderen Interpretation zugänglich gemacht werde (vgl. S. 104).

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung (Kapitel I) folgen in Kapitel II „Das Paradoxieproblem in der Pädagogik“ gefolgt von Kapitel III „Ansätze zu einer Paradoxographie“. Kapitel IV greift das Thema „Paradoxien als Antwort des Denkens auf die Erfahrung des Anderen“ auf und Kapitel V „Paradoxien als Modalitäten des Daseins“. In Kapitel VI geht es um den „Einsatz der Dekonstruktion“ gefolgt von einem Nachwort und den Literaturangaben.

In Kapitel I, der Einleitung, argumentiert Wimmer angesichts des Trends, strukturelle Probleme individuell zu lösen, an der Paradoxieproblematik festzuhalten. „Formal handelt es sich immer darum, paradoxe Verhältnisse als pragmatisch lösbare zu behaupten und diese Lösungen als für das System überlebenswichtige Systemimperative anzusetzen“ (S. 27). Doch hänge, so Wimmer, einiges davon ab, ob die Lösungen des Paradoxieproblems als pädagogische Leistung von Fachkräften aufgefasst oder den Adressatinnen und Adressaten auferlegt oder als Aufgabe für die Bildungsinstitutionen beschrieben werde. Die neuen Formen der Subjektivierung entpuppen sich, so der Autor häufig als Konfiguration von Macht und Wissen und Selbsttechnologie und seien den Gesetzen der Markt- und Systemerhaltung und Steigerung verpflichtet. Wenn der Umgang mit Paradoxien mit angeblich festgestellten gesellschaftlichen Notwendigkeiten verbunden werde, werden sie, darauf weist Wimmer hin, zu einem normativen und politischen Problem. Statt den philosophischen Diskurs zu stärken und die Eigenständigkeit der Pädagogik als Wissenschaft zu stärken, werde sie geschwächt. „Die seit der Aufklärung virulente pädagogische Frage nach der Möglichkeit von Erziehung, wie also die Autonomie des Subjekts empirisch ermöglicht und zugleich seine Freiheit respektiert werden kann, wie es also möglich ist, dem Anderen gerecht zu werden, scheint damit ebenso belanglos geworden zu sein wie die bildungstheoretische Frage, wie individuelle Bildung angesichts ihr entgegenstehender gesellschaftlicher Bedingungen möglich sein kann. Wie aber die Pädagogik ihrer doppelten Aufgabe gerecht werden kann, sowohl individuelle Bildung als auch soziale Integration so zu ermöglichen, dass ein Zusammenleben in Freiheit und Gerechtigkeit wahrscheinlicher wird, kann kaum noch beantwortet werden, wenn das Paradoxieproblem und damit die ethische Frage der Gerechtigkeit aus dem pädagogischen Diskurs eskamotiert werden“ (S. 28).

Kapitel II „Das Paradoxieproblem in der Pädagogik“ beschäftigt sich mit den zentralen philosophischen Überlegungen zur Aporie der Erziehung. Obwohl wir heute davon ausgehen, dass die Natur des Menschen (Rousseau) und seine Vernunft (Kant) nicht eindeutig bestimmbar sind „hat Erziehung doch die Aufgabe, den Prozess der Selbst- und Subjektwerdung anzuleiten und zu ermöglichen“ (S. 37). Daraus ergibt sich, so der Autor, bis heute ein Problem. Beim Ritt durch die Philosophiegeschichte wurde die widersprüchliche Bestimmung des Subjekts, seine Autonomie und Interdependenz immer wieder thematisiert. Empirisch zeige sie sich als soziale Praxis der Erziehung, die sich im Rahmen ihrer historischen Bedingungen vollziehe, aber in sich widersprüchlich sei (vgl. S. 59). Denkerisch verhelfe die Paradoxie, etwas Unmögliches auszudrücken (vgl. S. 61). Michael Wimmer verweist hier darauf, dass die Paradoxie in der Regel als eine Aussage verstanden wird, die einer naiven Auffassung entgegenstehe und scheinbar Unvereinbares miteinander vereine. Paradoxien müssen logisch hergeleitet sein, damit sie neue Erkenntnisse ermöglichen (vgl. S. 68). Nun geht es dem Autor darum, diese Grundentscheidungen des abendländischen Denkens zu prüfen und zu erweitern. „Es bedarf eines Denkens, das die Sprache nicht zum Ort reiner Logik machen will (…).“ Paradoxien liegen „in der ‚Sache‘ der Pädagogik begründet“ (S. 72). Im Folgenden folgt er Jacques Derridas Ansatz der Dekonstruktion und kommt zu dem Schluss, dass „die Grenzen des Wissens im Wissen als Paradoxien erscheinen“ (S. 92). Weil die Sache der Pädagogik unbestimmbar sei, entziehe sie sich auch der theoretisch-begrifflichen Bestimmung (ebd.). So existieren widerstreitende Theorien und die Diskurse seien ebenfalls mit dem Paradoxen konfrontiert. Da Pädagogik auf die Herausforderungen der Zeit antworte, sei sie mit Differenzerfahrungen konfrontiert. „Die Begriffe ‚Unbestimmtheit‘, ‚Andersheit‘, ‚Kontingenz‘ und ‚Differenz‘ erhalten somit trotz, oder besser: wegen ihrer Abstraktheit und Negativität eine positive Funktion als Namen der mit den Differenzerfahrungen verbundenen Probleme“ (S. 97).

In Kapitel III „Ansätze zu einer Paradoxographie“ geht es Michael Wimmer um die Ausarbeitung des Umgangs mit Paradoxien, Antinomien und Widersprüchen. In diesem Kapitel fragt er nach den Bedingungen des Denkens, um mit dem Rätselhaften bzw. mit „dem Fremden“ umzugehen (vgl. S. 112). Im Rahmen dieses Kapitels untersucht er die mythische Sprache, die aristotelische Logik, das Philosophieren der Vorsokratiker, die eigentliche Philosophie Platons und Aristoteles und das mimetische Denken sowie die Rhetorik der Sophisten (vgl. 180 f). Entgegen der klassischen Denktraditionen bestimme Kant, so Wimmer, den Ort der Antinomien in der Vernunft, nicht in den Dingen an sich. Hegel und Marx lösten den unversöhnlichen Widerspruch auf, indem sie diesen als Scheinproblem qualifizierten. Paradoxien, so Wimmer, seien aber Probleme, die dem Denken Rätsel stellen, das es mit Mitteln der Logik nicht lösen könne (vgl. S. 239).

In Kapitel IV greift der Autor das Thema „Paradoxien als Antwort des Denkens auf die Erfahrung des Anderen“ auf. Anknüpfend an seine Hypothese, dass die Logifizierung des Denkens, die als Grundzug der westlichen Kulturen anzusehen sei, Paradoxieprobleme durch Nicht-Wahrnehmung löste (vgl. Kapitel II), folgt die These, dass die Paradoxie das Denken an seine eigene Grenze stoße. Mithilfe der Dekonstruktion zeigt Wimmer, dass die griechische und kantianische Metaphysik zwei Varianten der Subjektivität, nämlich das Ich und das Du hervorgebracht hat, das Du dem Subjekt Ich jedoch objekthaft unterordnete (vgl. S. 261). Levinas, der „den Anderen“ radikal neu denke und das Verhältnis vom Ich zum Anderen strukturell differenziere, gehe davon aus, dass „der Andere“, nicht „jeder Andere“ sei (vgl. S. 276). Im Weiteren Durchgang werden auch die Psychoanalyse, der Strukturalismus sowie Poststrukturalismus und der Begriff der Metapher hinterfragt.

Kapitel V „Paradoxien als Modalitäten des Daseins“ beschäftigt sich mit Grenzziehungen des Denkens, die dazu bei tragen, Ordnungen aufrechtzuerhalten, die bedeutsam sind. Das Denken zieht Grenzen zwischen Sein und Schein, Körper und Geist, Meinung und Wissen und diese Grenzziehung ermögliche, so Wimmer, von einem rationalen Denken zu sprechen (vgl. S. 305). Grenzen differenzieren und verhelfen dazu, in der Welt sein zu können. Die Idee der Moderne, in den gesellschaftlichen Verhältnissen Vernunft zu realisieren und dem Subjekt zum Durchbruch zu verhelfen war auf eine ambivalenz- und kontingenzfreie rationale Ordnung angewiesen, in deren Folge allerdings alles Fremde assimiliert oder vernichtet wurde. Diese bereits von Baumann vertretene Perspektive der Moderne, greift Wimmer auf. Angesichts des Schreckens, im Gulag oder in Auschwitz, in den Folterkellern oder Munitionslagern der Welt – die westliche Art von Rationalität hat ihren Schatten und stellt ein Risiko dar. Wir sehen ihre irrationalen Folgen und ungewollten Nebenwirkungen. Die Erfahrung des Fremden und die Einsicht in die Gewaltförmigkeit des Universalitätsanspruchs des westlichen Rationalitätstypus gegenüber anderen Kulturen wird z.B. in den cultural studies (Kulturwissenschaften) durch einen neuen Umgang mit der Kontingenz und Relativität des eigenen Kulturmodells sichtbar. Wir wissen um Sachverhalte, die weder wahr noch falsch sind oder ein klar erkennbaren Sinn haben. Es gibt, so Wimmer, Unklarheit in Bezug auf Bestimmtheit und Unbestimmtheit und unentscheidbare Probleme und das Identitätskonzept eines autonomen Selbst erwies sich bereits als wirkmächtige diskursive Konstruktion (vgl. S. 314). Der Ort von Paradoxien könne also in der Sprache liegen, „die zugleich vertraut und fremd ist, eine heteronome Ordnung im autonomen Subjekt, eine Grenze zwischen subjektiver Authentizität und objektiver Alienation“ (S. 315). Im Rahmen des Kapitels weist Wimmer Paradoxien als Formen selbstreferentieller Prozesse und Formeln des Scheiterns aus und erkennt in der digitalen Welt den Antrieb für neue Arten der Wahrnehmung von Pluralität.

In unserer Zeit ist das Wissen und Nicht-Wissen exponentiell gewachsen und immer weniger in der Lage, so Wimmer, das Gegebene in seiner Bestimmung festzustellen. Das Handeln wird mit Unentscheidbarem konfrontiert, weil viele Lösungen Folgeprobleme haben und die Frage, ob Entscheidungen überhaupt noch Sinn machen, als nicht entscheidbar erscheinen. Wenn die Ausgangsbedingungen der Entscheidungen nicht als stabil und konstant unterstellt werden können und persönliche, sachliche sowie temporäre Konsequenzen nicht mehr ausgeblendet bleiben, dann fällt das zweckrationale Handeln schwer. Wenn Menschen nicht mehr hoffen, weil der Glaube und die Liebe durch die Kritik an ihnen grundlos geworden seien, fehle die Perspektive, ohne die die Hoffnung kein Ziel habe. Der Mensch, davon reden auch die Wissenschaften, ist rätselhaft und paradox: „Ich und Anderer zugleich, ein Wesen, das, wenn es nur das eine sein will, aufhört, ein Mensch zu sein und zum Monster wird, und das, wenn es nur das andere sein will, dem Wahnsinn verfällt oder dem Tod“ (S. 322). Können Menschen ohne Wirklichkeitskonstruktionen und -fiktionen und Notwendigkeitserzwingungen und -illusionen leben und „welche Möglichkeiten bleiben, nachdem es nur noch Möglichkeiten gibt?“ (S. 323). Die Fragen nach „dem Anderen“, nach dem Neuen und nach Gerechtigkeit könnten weiterhelfen, denn so Michael Wimmer, „das radikalisierte Kontingente kann nur das sein, was man nicht schon vorher kennt, was man nicht für möglich hielt und für das es keine Urteilskriterien gibt, so dass dieses Mögliche notwendig in Bezug zum Unmöglichen gesehen werden muss“ (S. 324).

In Kapitel VI geht es um den „Einsatz der Dekonstruktion“. Im Rahmen dieses Kapitels argumentiert Wimmer die Vorzüge der Dekonstruktion, auch gegenüber differenztheoretischen Konzepten und der Systemtheorie Luhmann´ scher Prägung. Die Dekonstruktion ermögliche, so Wimmer, einen neuen Umgang mit dem Paradoxieproblem. Während die Systemtheorie die Paradoxie als Scheitern darstelle, weil das System keine Unterscheidung treffen könne, und Kontingenz bewältigt werden müsse, insistiere Derrida darauf, die Paradoxie als ein unvermeidliches Resultat selbstreferentieller, autopoietischer Prozesse aufzufassen. Mithilfe der Dekonstruktion werden bereits erfolgte Entscheidungen, die sich in Texten oder Institutionen manifestieren hinterfragbar und nach Spuren des Ausgeschlossenen untersucht. Das Interesse richte sich auf die Grenzziehung, die das Andere bzw. den Anderen nicht mehr zu Wort kommen lasse. Die Dekonstruktion sei, so Wimmer, eine ethische Erfahrung, denn in der Unentscheidbarkeit „ist es möglich, die Antwort des Anderen zu hören“ (S. 332). Paradoxien ermöglichen die Beziehung zum Anderen. Gefragt werde: Womit wird das Denken konfrontiert, wenn es auf Paradoxien stößt? Welches Rätsel wird dem Denken zugemutet? Worüber stauen wir? Welche Provokation liegt im Ausgeschlossenen, im Fremden, im Anderen?

Dekonstruktion ist keine Theorie oder Methode sondern eine Haltung mit der das Verhältnis von Theorie und Praxis der Pädagogik vermessen werden kann. Weder sei es möglich, allein aus der Praxis heraus das Pädagogische zu bestimmen, noch könne allein theoretisch geklärt werden, wie Erziehung gelingt. Die Dignität der Praxis mit ihrer Eigenlogik sei nur möglich, wenn wir Begriffe haben und das Pädagogische sprachlich ausdrücken. Theorie und Praxis sind aufeinander bezogen. Die Ermöglichung von Erziehung und Bildung sei unstrittig, während ihre Aporie als Hindernis gelte. Was aber, wenn die Bedingungen der Möglichkeit praktischen Gelingens auch die Bedingung der Unmöglichkeit einschließe? Was passiere, wenn das Unmögliche nicht ausgeblendet wird, wenn die Kluft zwischen praktischem Gelingen und theoretischem Bedenken nicht als Mangel, sondern als konstitutive Bedingung für Praxis wahrgenommen werde? (vgl. S. 343).Wenn das „Vielleicht“ gedacht werden darf und die paradoxe Erfahrung des Unmöglichen verstanden werde, eröffne sich nicht ein neuer Blick. Die Freiheit des Anderen, seine Bildung und sein Lernen könnte dann als Entscheidung aufgefasst werden. Dabei handelt es sich, so Wimmer um eine Entscheidung, „die sich nicht zurechnet, was sie bewirkt, die sich nicht als Ursprung und Bedingung der Möglichkeit dessen versteht, was sich ereignet“ (S. 347). Eine solche verantwortliche Entscheidung sei riskant, nicht beliebig aber gerecht, denn die Freiheit könne sich nur ereignen, wenn das Subjekt selbst entscheiden kann. Es ist nicht möglich, immer zu wissen, was man tun oder antworten soll, und von daher „verlagert sich das Problem auf die Frage nach einer Entscheidung“ (S. 351). Handeln unterliege, so der Autor, dem Ungewissen, sonst wäre es Dressur, Technik, Kalkül oder Beliebigkeit. An der Grenze des Anderen, der anders ist und anders entscheidet, entscheidet sich Verantwortung. Dekonstruktion trage dazu bei, dass die Paradoxie Teil des pädagogischen Diskurses bleibt.

Im Nachwort „Die Insistenz des Paradoxieproblems in aktuellen Diskursen“ verweist Michael Wimmer auf die Wirkung der poststrukturalistischen und systemtheoretischen Diskurse. Die Problematisierung von Identität, Eindeutigkeit, Subjektivität und realer Autonomie haben die Sozial- und Geisteswissenschaften irritiert. Dennoch werde die intelligible Welt, die nicht empirisch erforschbar ist, als politische Aufgabe „entsorgt“ statt innerhalb der Disziplin und Profession sprachlich-diskursive und theoretische Diskurse zu führen. Das Nicht-Denken des Symbolischen, räche sich. Der Anschluss an die empirische Forschung finde z. Zt. „um den Preis eines Rückfalls hinter die im Subjektivierungsdiskurs grundlegenden poststrukturalistischen Perspektiven und Dekonstruktionen“ statt und sei, so Wimmer, noch nicht gelungen (vgl. S. 371).

Diskussion

Zur Diskussion steht, ob der dekonstruktive Ansatz eine dem Pädagogischen angemessene Reflexionsform sei, was meiner Ansicht nach von Michael Wimmer überzeugend argumentiert wird. Seine Leitfragen und das Bemühen, die philosophisch abstrakten Diskurse zeitaktuell zu formulieren, und doch die Verbindung zur Tradition zu halten, beruhigt. So kann unser Denken als Transformation und in Bezug auf Transformationen des bestehenden Problems erkannt und logisch nachvollzogen werden. Theoretische Bemühen als Denken auszuweisen und dem handelnden Denken zur Seite zu stellen, regt an. Besonders überzeugt hat mich die Einsicht, dass die „Beziehung zum Anderen“ jeder pädagogischen Beziehung voraus geht und das Apriori der Subjektkonstitution und jeder Erziehung ist. Ich teile die Überzeugung, dass diese Verständigung notwendig ist, um das Kind als Subjekt zu definieren, statt es als defizientes Objekt anzusehen. Wimmers Ausführungen sind hilfreich. Eine an der Autonomie des Subjekts orientierte Pädagogik basiert auf der Subjektivierung des Kindes als Anderer des Erwachsenen, „das erst zu einem Anderen im Sinne eines autonomen Subjekts werden muss. Erziehung als Subjektivierung oder Subjektwerdung zu verstehen ist bereits eine bestimmte Interpretation der Beziehung zum Anderen. In ihr ist die Pädagogik fundiert, bedeutet es doch, vom Subjekt ausgehen zu müssen, d.h. vom Erwachsenen“ (S. 101). Ich erkenne darin sofort einen Bezug zu aktuellen frühpädagogischen Diskursen, die in der Gefahr sind, Erziehung auszublenden und das Kind zu erhöhen. Die Folgen für die psychologische Dimension des Problems erscheinen mir gravierend.

Denkt man das Grundproblem der Pädagogik vom Verhältnis zum Anderen, dann wird in der Paradoxie der Widerstand erkennbar, den der Andere dem Denken entgegensetzt (vgl. S. 102). Dann kann, so Wimmer, auch Erziehung als Antwort auf einen Anspruch verstanden werden. „Die Frage, die sich hier stellt, ist die Frage, wie die Pädagogik dem Anspruch des Anderen gerecht werden kann, wenn sie diesen Anderen durch das Wissen zwangsläufig verfehlen muss, das das intentionale Handeln steuert oder wenigstens orientiert“ (S. 102). Auch diese Passage verbinde ich augenblicklich mit Entwicklungen der sozialpädagogischen Praxis, die ihre Adressaten_innen zunehmend beherrschen will. Wer sich den Mühen stellt, die Durchgänge der Studien nachzuvollziehen wird mit Anregungen für das eigene Denken belohnt und „gebildet“.

Fazit

Die Studien zum Paradoxieproblem in der Pädagogik reflektieren das Theorie-Praxisverhältnis in der Pädagogik und Sozialpädagogik, Subjekttheorien und die Anerkennung der Grenzen des pädagogischen Handelns. Eine gewisse Vertrautheit mit philosophischen Gedankengängen wäre sicher hilfreich, aber unabhängig von den Vorkenntnissen, ermutigt Michael Wimmers Apell, an den Einsichten der Paradoxie festzuhalten und der geistigen Dimension des Menschseins Gehör zu verschaffen. Angesichts des um sich greifenden technologischen Machbarkeitswahn und positivistischen Interpretationen von Wirklichkeit sind die Studien auch hilfreich, die paradoxale Verwobenheit unserer Zeit zu ertragen. Sie anzuerkennen ohne eine einfache Lösung des Problems anzubieten ist mutig und verhilft dem wissenschaftlichen Nachdenken über Erziehung. Das Buch kann allen empfohlen werden, die aktuell Interesse an neuen Wegen des bildungs- und erziehungstheoretischen Arbeitens haben.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 19.10.2016 zu: Michael Wimmer: Dekonstruktion und Erziehung. Studien zum Paradoxieproblem in der Pädagogik. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78097-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21468.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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