socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jochen Oltmer, Nikolaus Barbian: Ein Blick in die deutsche Geschichte

Cover Jochen Oltmer, Nikolaus Barbian: Ein Blick in die deutsche Geschichte. Vom Ein- und Auswandern. Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH (Berlin) 2016. 123 Seiten. ISBN 978-3-946593-08-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um ein Jugendsachbuch, auch wenn das an keiner Stelle geschrieben steht. Die Machart zeigt es. Der Leser wird geduzt und die Kapitel umfassen selten mehr als eine Seite gut lesbaren und – auch für Erwachsene – stets lesenswerten Text. Ungefähr die Hälfte des Buches wird von teilweise ganzseitigen Illustrationen im Stil von Comics, aber ohne Sprechblasen, gefüllt. Kleiner gesetzte Randtexte ergänzen oder exemplifizieren den durchgehenden Haupttext.

Thema ist die deutsche Geschichte „vom Ein- und Auswandern“ seit der Gründung des deutschen Nationalstaats im Jahr 1871 und damit der letzten fast 150 Jahre. Die zeitliche Beschränkung verdankt sich der weitgehenden räumlichen Vergleichbarkeit mit dem gegenwärtigen deutschen Nationalstaat in Gestalt der Bundesrepublik Deutschland. Der historische Zugang zum Thema Migration lebt von der Überzeugung, „dass ein Blick in die Geschichte etwas verändern kann. Er hilft nämlich, die Gegenwart besser zu verstehen.“ (S. 11)

Die Autoren definieren Migration als räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes über Grenzen hinweg, wobei sie nicht nur Staatsgrenzen, sondern auch Grenzen zwischen Stadt und Land oder verschiedenen sprachlich und traditional geprägten Kulturräumen meinen. Auf Deutschland bezogen gab und gibt es „Wanderungen von Menschen in Deutschland, aus Deutschland und nach Deutschland“ (S. 14). Wenn ein neuer Lebensmittelpunkt für längere oder lange Zeit bestehen bleibt, kann die Integration als Prozess folgen, „den sowohl die Migranten als auch die Einheimischen durchlaufen. Die Zuwanderer verändern die Gesellschaft, in die sie kommen, und sie werden von ihr verändert.“

Autor

Für den Text ist ein wissenschaftlich-didaktisches Autorengespann verantwortlich, für die Bilder eine Illustratorin. Prof. Dr. Jochen Oltmer, geboren 1965, ist Historiker und Politikwissenschaftler, ein renommierter Kenner der Migration weltweit und seit 1997 Vorstandsmitglied des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Dr. Nikolaus Barbian, geboren 1981, ist Deutsch- und Geschichtslehrer, Christine Rösch, geboren 1985, freie Illustratorin.

Aufbau

Das Buch ist chronologisch in sieben historische Kapitel gegliedert. Ein achtes Kapitel ist der Gegenwart und Zukunft gewidmet.

Ein kleines Glossar im Buch verwendeter Begriffe mit Rückverweisungen auf Seiten des Buches schließt dieses ab.

In einer Zeitleiste, deren erste Hälfte auf der inneren Seite des vorderen Umschlag und der ihr gegenüberliegenden Seite 3 eingetragen ist und deren zweite Hälfte auf Seite 126 und der inneren Seite des hinteren Umschlags folgt, werden Aufbau und Inhalt des Buches auf einen Blick zusammengefasst. Die horizontal und mittig gesetzte Zeitleiste ist in Dekaden gegliedert, denen – in kurze Texte unter zentralen Begriffen gefasst – vertikal oberhalb der Leiste allgemein politische Prozesse und Ereignisse und unterhalb solche der Migration zugeordnet werden.

Inhalt

Die Grundaussage des Buches ist, „dass es schon immer Wanderungen von Menschen gab. Wir Menschen sind in Bewegung, das ist nichts Neues!“ (S. 11) Während Deutschland vor der Gründung des deutschen Nationalstaats mehr ein Auswanderungsland nach Osteuropa (Russland), Nordamerika (USA, Kanada), Südamerika (Argentinien, Brasilien) und Australien war, wurde es seit 1871 mehr zum Einwanderungsland, zunächst aus Ost(mittel)europa. Die verschiedenen Einwanderergruppen waren:

  • 1871 – 1918 (Kaiserreich und Erster Weltkrieg): insbesondere „Ruhrpolen“ und ausländische Polen als Arbeitsmigranten, letztere zusätzlich als Zwangsarbeiter, Russen als Kriegsgefangene, auch „Schwabenkinder“ aus Österreich und der Schweiz als Arbeitsmigranten
  • 1918 – 1933 (Weimarer Republik): insbesondere Deutsche aus ehemaligen Ostgebieten und Elsass-Lothringen, Deutschstämmige und Russen aus Russland als Flüchtlinge, Vertriebene usw.
  • 1933 – 1945 (Nationalsozialistisches Deutschland und Zweiter Weltkrieg): insbesondere Polen und Tschechen als Arbeitsmigranten, Russen, Polen und Franzosen als Zwangsarbeiter, Deutsche aus dem Ausland
  • 1945 – 1961 (Nachkriegszeit): insbesondere Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten als Flüchtlinge und Vertriebene
  • 1961 – 1973 (späte 1950er und 1960er Jahre): insbesondere „Gastarbeiter“ aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien als Arbeitsmigranten
  • 1973 – 1990 (1970er und 1980er Jahre): Anwerbestopp 1973, insbesondere Familienangehörige von „Gastarbeitern“
  • 1990 – 2016 (nach 1989/90): Asylkompromiss 1993, insbesondere Asylbewerber, Deutsche aus Ostdeutschland

Diskussion

Um den jungen Lesern wenigstens ansatzweise einen Vergleich mit deren gegenwärtiger politischer Situation zu ermöglichen, wenden die Autoren ihren „Blick in die deutsche Geschichte“ nur bis zum Beginn des ersten deutschen Nationalstaats 1871 zurück. Diese nachvollziehbare und wohl auch richtige didaktische Entscheidung bezieht die Migration aber konzeptionell auf den Nationalstaat (internationale Migration) und vernachlässigt in der Folge politische und andere Einheiten unterhalb (Binnenmigration) und oberhalb (großräumige Migration) der Grenzen von Nationalstaaten. Die ein oder andere internationale Migration haben die Autoren, vielleicht aus Gründen der Konzentration und des geringeren quantitativen Gewichts, ausgelassen: z.B. die der vietnamesischen Boat-People oder der chilenischen Asylbewerber.

Die Aussage, es habe nicht nur immer und überall, sondern auch in beträchtlichem und gleichbleibendem Umfang Migration gegeben, ist aus didaktischen Gründen ebenfalls nachvollziehbar, wäre als historische Prämisse aber erst noch zu belegen.

Fazit

Alles in allem ist der Blick in die deutsche Migrationsgeschichte ein sehr gelungenes, bewusst narrativ und illustrativ verfasstes, auf (deutsche) Nationalstaaten bezogenes Jugendsachbuch.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
E-Mail Mailformular


Alle 46 Rezensionen von Ulrich Papenkort anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 23.02.2017 zu: Jochen Oltmer, Nikolaus Barbian: Ein Blick in die deutsche Geschichte. Vom Ein- und Auswandern. Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH (Berlin) 2016. ISBN 978-3-946593-08-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21469.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht