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Gabriele Gloger-Tippelt, Lilith König: Bindung in der mittleren Kindheit

Cover Gabriele Gloger-Tippelt, Lilith König: Bindung in der mittleren Kindheit. Das Geschichtenergänzungsverfahren zur Bindung 5- bis 8-jähriger Kinder (GEV-B). Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 2. Auflage. 176 Seiten. ISBN 978-3-621-28386-1. 54,00 EUR.

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Thema

Das Geschichtenergänzungsverfahren ist ein erprobtes projektives Verfahren zur Erhebung der Bindungsqualität bei Kindern im Kindergarten- und frühen Grundschulalter. Es hat zum Ziel – vermittelt über das Medium Spiel – einen Zugang zu inneren (bindungsbezogenen) Vorstellungen der Kinder zu ermöglichen und so Schlussfolgerungen auf die zugrundeliegenden Bindungsrepräsentationen zu erlauben. In einer standardisierten Untersuchungssituation werden kurze Episoden bindungsrelevanter Themen (z.B. das Erleben von Angst, Trennung von der Bezugsperson) von der Untersucherin/dem Untersucher angespielt und das Kind wird gebeten, diese Geschichten unter Zuhilfenahme von Spielfiguren zu Ende zu spielen.

Autorinnen

Prof. Dr. Gabriele Gloger-Tippelt war bis 2010 Professorin für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie ist ausgewiesene Expertin für Fragen zur Bindung in der mittleren Kindheit und im Erwachsenenalter.

Prof. Dr. Lilith König ist Leiterin des Instituts für Allgemeine Sonderpädagogik/Sonderpädagogische Psychologie/Frühförderung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Entstehungshintergrund

Das Geschichtenergänzungsverfahren zur Erfassung der Bindungssicherheit fünf- bis achtjähriger Kinder basiert auf der Bindungstheorie nach John Bowlby. Im vorliegenden Buch, die erste Auflage erschien bereits 2009, soll das Verfahren einem größeren Kreis von Praktikern und Forschern zugänglich gemacht werden. Für die vorliegende 2. Auflage aus dem Jahr 2016 wurde das Kapitel Bindungsstörungen grundlegend überarbeitet; außerdem wurden zusätzliche Beispiele zur Auswertungscodierung aufgenommen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Teile:

  1. Bindungsforschung
  2. Das Geschichtenergänzungsverfahren zur Bindung (GEV-B)

Zu Teil I Bindungsforschung

Kapitel 1 bietet eine fundierte Einführung in die „Grundlagen der Bindungstheorie und Bindungsforschung“ sowie die grundlegenden Annahmen der Bindungstheorie: Bindungsverhalten, Aufbau und Funktion innerer Arbeitsmodelle sowie unterschiedliche Bindungsstrategien werden knapp und anschaulich vorgestellt. Organisierte, desorganisierte Bindungsstrategien werden beschrieben und von der Bindungsstörung abgegrenzt.

Kapitel 2 widmet sich dem Thema „Bindung in der Kindheit“ und bietet einen Überblick über Bindungsforschung im Kindergarten- und Schulalter, ein Bereich, der im Vergleich zum Säuglings- und Kleinkindalter noch relativ wenig erforscht ist.

In Kapitel 3 steht die Frage der „Anwendung bindungstheoretischer Konzepte in Beratung und Psychotherapie“ im Mittelpunkt – insbesondere die Frage, ob und in welchem Ausmaß die therapeutische Beziehung eine Bindungsbeziehung darstellen kann und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Die Bindungstheorie erweist sich tatsächlich als hilfreich für das Verständnis der therapeutischen Beziehung. Interessant ist auch die Frage, inwieweit das Bindungsmodell der Behandler/innen bedeutsam ist; dies lässt sich aktuell allerdings nicht belegen. Die Autorinnen skizzieren Leitlinien für bindungsbezogene Interventionen, die auf den, dem jeweiligen Bindungsmodell zugrundeliegenden Erfahrungen, der Kinder basieren. Da empirische Befunde zu diesen Fragen fehlen, erfolgen diese Überlegungen theoriegeleitet.

Das 4. Kapitel bietet einen Überblick über unterschiedliche „Erhebungsverfahren zur Bindung in der Kindheit“. Gemeinsam ist den vorgestellten Erhebungsverfahren das Ziel, die Qualitäten von Bindungssicherheit zu erfassen; sie nutzen allerdings unterschiedliche Zugänge: Beobachtung, Projektion, Interview. Zu den Beobachtungsverfahren zählen Adaptionen der Fremden-Situation nach Ainsworth für zweieinhalb bis fünfjährige Kinder. Die Kinder werden in strukturierten Situationen in Interaktion mit einer zentralen Bezugsperson beobachtet. Für die Einschätzung der Qualität der Bindungsbeziehung sind Reaktionen auf Trennung von den Bezugspersonen o.ä. relevant. Zu diesen Beobachtungsverfahren zählen das „Attachment Organization in Preschool Children“ von Cassidy und Marvin, 1992 oder das „Preschool Assessment of Attachment“ von Crittenden, 1994. Die Einschätzung der Bindungssicherheit in häuslicher Umgebung erfolgt durch den „Attachment Q-Sort“, den Waters 1995 entwickelte. Die projektiven Verfahren zur Einschätzung der Bindungssicherheit zielen darauf auf, einen Einblick in die innere Welt des Kindes zu erlangen. Sie basieren auf der Annahme, dass gespielte und erzählte Geschichten der Kinder Rückschlüsse auf deren tatsächliche Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen erlauben. Das Geschichtenergänzungsverfahren mit Familienfiguren, das „Attachment Story Completion Task (ASCT)“ bietet fünf Kerngeschichten, die von den Kindern weitererzählt werden sollen. Das „Six Year Attachment Doll play Classification System“ arbeitet mit drei Geschichten, das Erhebungsverfahren mit Trennungsbildern, der „Separation Anxiety Test (SAT)“ beruht auf der Annahme, dass die Reaktionen der Kinder auf Trennungsbilder Schlüsse auf ihre Bindungsrepräsentation zulassen. Ab einem Alter von sieben bis acht Jahren kann über Interviews direkt auf das Innere Arbeitsmodell von Bindung zugegriffen werden, dies wird im Rahmen der Anwendung des „Child Attachment Interview (CAI)“ genutzt.

Zu Teil II Das Geschichtenergänzungsverfahren zur Bindung (GEV-B)

Im zweiten Teil des Buches werden Entwicklung, Durchführung und Auswertung des GEB-B detailliert vorgestellt.

Kapitel 5 Begründung und Entwicklung des GEV-B erläutert Ziele und Hintergründe des Verfahrens, geht auf die zugrunde gelegten Arbeiten von Inge Bretherton ein und berichtet über die ersten Erfahrungen bei der Durchführung und Umsetzung der deutschen Version des GEV-B. Ausführlich beschreiben die Autorinnen den Einsatz des GEV-B in Beratung und Psychotherapie. Das GEV-B kann zur Diagnosezwecken auf verschiedene Weise eingesetzt werden: zur Erfassung der Bindungssicherheit, der Bindungsqualität sowie zur Unterscheidung verschiedener Formen der Desorganisation. Einsatzmöglichkeiten bestehen darüber hinaus im Rahmen der Elternberatung, hier v.a. wenn es darum geht die Mentalisierungsfähigkeit der Eltern zu fördern, sowie in der therapeutischen Arbeit mit Kindern und zur Ressourcenaktivierung.

In den Kapiteln 6, 7 und 8 folgen konkrete Hinweise und Anleitungen zu Durchführung und Auswertung des GEV-B.

Das Kapitel 6 Spielmaterial und Dokumentation enthält konkrete Hinweise auf die Auswahl möglicher Spielfiguren (z.B. Puppen vs. Tierfiguren) sowie das darüber hinaus benötigte Material zur spielerischen Darstellung der Geschichten. Auch Hinweise auf die technische Umsetzung der notwendigen Bild- und Tondokumentation während der Untersuchungssituation als Voraussetzung für die regelgerechte Auswertung der Narrative des Kindes fehlen nicht. Empfohlen wird außerdem eine wortwörtliche Transkription; die Transkriptionsregeln für Interviews und Bindungsverfahren sind ebenfalls in Kapitel 6 aufgeführt.

In Kapitel 7 Durchführung werden die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Durchführung des GEV-B angeführt. Für die Qualität der Ergebnisse ist es von besonderer Bedeutung, dass es dem Untersucher/der Untersucherin gelingt bereits im Vorfeld der Untersuchung eine gute Beziehung zum Kind aufzubauen sowie die Situation als Spielsituation, nicht als Testsituation zu gestalten. Der Ablauf der Untersuchungssituation erfolgt standardisiert. Sieben Episoden werden in festgelegter Reihenfolge durchgespielt. Einer (neutralen) Aufwärmszene folgen fünf Untersuchungsgeschichten und eine (neutrale) Schlussgeschichte zum Abschluss. Das Buch enthält Anleitungen zur Durchführung jeder einzelnen Geschichte.

Die Auswertung (Kapitel 8) jedes Geschichtenergänzungsverfahrens hat zum Ziel, für jedes untersuchte Kind einen fünffach abgestuften Bindungssicherheitswert sowohl für jede Geschichte als auch über alle Geschichten hinweg zu bilden. Die Kodierregeln werden detailliert für jede Geschichte erläutert, die Kodiertabellen liegen (online) zum Ausdrucken vor.

Kapitel 9 Gütekriterien des GEV-B: Die Objektivität der Durchführung soll mittels standardisierter gut beschriebener Durchführungsregeln sichergestellt werden, die Objektivität der Auswertung lässt sich über die Prüfung der Übereinstimmung unterschiedlicher Auswerter/innen (Interrater-Objektivität) bestimmen. Die Interrater-Reliabilität (aus 5 Stichproben), liegt bei 87% (S. 145), weitere Reliabilitätsmaße liegen nicht vor. Als Belege für die konvergente Validität werden die mittleren Zusammenhänge des GEV-B mit dem Bindungsverhalten der Kinder in der Fremden Situation für das Vorschulalter und Zusammenhänge mit dem Child Attachment Interview herangezogen.

Weitere Materialien: der Anhang enthält Kopiervorlagen für die Kodierung der Auswertung der einzelnen Spielepisoden. Online stehen darüber hinaus sehr anschauliche, kommentierte Beispielvideos zu den einzelnen Spielepisoden zur Verfügung (Passwort im Buch), die von drei ausgewählten Kindern nachgespielt werden. Das Buch steht außerdem als E-Book zum einmaligen Download zur Verfügung (Passwort im Buch).

Diskussion

Mit dem GEV-B wird ein qualitatives projektives Instrument dargestellt, das den Anspruch erhebt die kindliche Verarbeitung von Erfahrungen in Bindungsbeziehungen zu erfassen. Wie bei qualitativen Verfahren üblich, lassen die erhobenen Daten einen gewissen Spielraum für Interpretationen zu. Dem wird durch die Formulierung klarer Auswertungskategorien und Kodierregeln begegnet. Kodierprozess und Auswertungsregeln machen das GEV-B relativ zeitaufwendig. Hier abzukürzen gefährdet die Qualität der Ergebnisse, da gerade subtile Merkmale entscheidend sein können.

Die Autorinnen haben i.S. der Anwender die Interpretation der Ergebnisse vereinfacht, indem sie eine theoretisch fundierte, stufenweise Art der Bewertung entwickelten, die Praktiker/innen wie Forscher/innen den Einsatz des Verfahrens erleichtert ohne Abstriche bei der Qualität der Ergebnisse in Kauf nehmen zu müssen.

Auch für Leser/innen, die nicht vorhaben, das GEV-B selbst jemals einzusetzen lohnt sich die Lektüre, da Teil I vergleichsweise knapp aber anschaulich, gut lesbar und didaktisch gut aufbereitet zentrale Themen der Bindungsforschung präsentiert. Empfehlenswert ist aber auch die Beschäftigung mit Grundlagen und Durchführung des Geschichtenergänzungsverfahrens. Hier werden interessante Einblicke in den Themenbereich Bindung im Kindergarten und frühem Schulalter vermittelt.

Die Möglichkeit, die praktische Durchführung exemplarisch mittels der hinterlegten Videos kennenzulernen, macht das Buch für alle, die am Thema Bindung in der Kindheit interessiert sind – Studierende, Lehrende, Praktiker/innen wie Forscher/innen – interessant und lehrreich.

Wichtig fände ich den expliziten Hinweis, dass die Durchführung des Geschichtenergänzungsverfahrens – wie alle projektiven Untersuchungsverfahren – nur nach ausführlicher Einarbeitung und Schulung erfolgen darf.

Fazit

Das vorliegende Arbeitsbuch zu Hintergrund, Entwicklung, Anwendung und Interpretation des Geschichtenergänzungsverfahrens zur Bindungsdiagnostik in der mittleren Kindheit kann allen Studierenden der Psychologie, Pädagogik, Sozialen Arbeit u.a. empfohlen werden, die sich einen Überblick über das Thema Bindung in der mittleren Kindheit zu verschaffen möchten. Es bietet sich aber gleichermaßen als ausgezeichnetes Arbeitsmaterial für Praktiker/innen und Forscher/innen an, die nach entsprechender Schulung das Geschichtenergänzungsverfahren selbst einsetzen möchten.


Rezensentin
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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Zitiervorschlag
Klaudia Winkler. Rezension vom 17.02.2017 zu: Gabriele Gloger-Tippelt, Lilith König: Bindung in der mittleren Kindheit. Das Geschichtenergänzungsverfahren zur Bindung 5- bis 8-jähriger Kinder (GEV-B). Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 2. Auflage. ISBN 978-3-621-28386-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21471.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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