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Gunilla Wewetzer, Martin Bohus: Borderline-Störung im Jugendalter

Cover Gunilla Wewetzer, Martin Bohus: Borderline-Störung im Jugendalter. Ein Ratgeber für Jugendliche und Eltern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. 120 Seiten. ISBN 978-3-8017-2563-1. D: 15,95 EUR, A: 16,40 EUR, CH: 21,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Diagnose Borderline-Störung ist im Kindes- und Jugendalter immer noch umstritten. Obwohl zunehmend mehr Fachliteratur eine frühzeitige Diagnosestellung empfiehlt (vgl. Brunner & Resch, 2009; Kaess & Brunner, 2016; Schmeck & Schlüter-Müller, 2009; Fleischhaker et al., 2010), welche gemäß den gängigen Diagnosesystemen ICD-10 und DSM-5 auch möglich sind, gilt im praktischen Tun oft immer noch die Haltung, dass Persönlichkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen nicht diagnostiziert werden sollen. Als Hauptgrund wird hier in der Regel genannt, dass eine Stigmatisierung durch die Vergabe einer Diagnose, die per definitionem mit einem gewissen Grad an Chronifizierung einhergeht, bei Jugendlichen, die ihre Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen haben, vermieden werden soll. Die oben genannten Autoren halten dem vor allem zwei Argumente entgegen:

  1. Es gibt keinen wissenschaftlich haltbaren Anhaltspunkt, ab wann eine Persönlichkeitsentwicklung abgeschlossen sein soll. Im Gegenteil, es ist auch im Erwachsenenalter davon auszugehen, dass psychotherapeutischen Ansätze wie beispielsweise die Schematherapie, hier wertvolle Ergebnisse liefern können.
  2. Je früher man entsprechende Tendenzen erkennt und benennt, desto erfolgreicher ist die entsprechende Behandlung.

Die Vorbehalte gelten insbesondere für die Borderline-Störung, laut ICD-10 „emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typus“. Mit dieser Diagnose geht ein hohes Maß an (z.T. dysfunktionaler) Identifikation seitens der Betroffenen einher, so dass hier eine entsprechende Diagnosestellung umso kritischer diskutiert wird.

Autorin und Autor

Gunilla Wewetzer ist Diplom-Psychologin und seit 2005 leitende Psychologin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der städtischen Kliniken Köln gGmbH.

Prof. Dr. Martin Bohus ist seit 2003 Inhaber des Lehrstuhls für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Heidelberg und Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Psychiatrische und Psychosomatische Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Beide Autoren sind spezialisiert auf das Thema. Insbesondere Martin Bohus hat gemeinsam mit Martina Wolf 2009 das wegweisende interaktive „SkillsTraining für Borderline-Patienten“ veröffentlicht (vgl. Rezension). Parallel zum vorliegenden Ratgeber ist noch die Veröffentlichung eines entsprechenden Skillstrainings für Jugendliche in Arbeit. Die Rezension wird nach Veröffentlichung erfolgen.

Aufbau und Inhalt

Der Ratgeber umfasst auf gut 100 Seiten alle relevanten Informationen. In einer kurzen Einleitung wird zunächst darauf hingewiesen, dass sich der Ratgeber direkt an Jugendliche wendet, jedoch auch Fragen des Umfelds besprochen werden.

Anschließend gliedert sich das Heft in drei Abschnitte.

Zu 1. Was ist eine Borderline-Störung?

Zunächst wird der aktuelle wissenschaftliche Stand in allgemeinverständlicher Sprache dargestellt. Die Inhalte werden zudem anhand von Fallbeispielen erläutert. Die hier skizzierten Fälle Lena (15 Jahre) und Jan (17 Jahre) werden das ganze Buch über weiter dargestellt. Die erste Frage, der hier nachgegangen wird, lautet: „Woran erkenne ich eine Borderline-Störung?“. Hier werden insbesondere folgende Aspekte genannt:

  • Probleme mit der Gefühlsregulation
  • Probleme mit sich selbst und anderen
  • Probleme mit der Wahrnehmung
  • Selbstschädigendes Verhalten

Sämtliche Symptome werden anhand der o.g. Fallbeispiele beschrieben. Zudem wird teilweise die Funktionalität des Verhaltens (z.B. kurzfristiger Vorteil von Wahrnehmungsstörungen) beschrieben und damit validiert. Ein Arbeitsblatt ermöglicht die eigene Einschätzung hinsichtlich dieser Kategorien.

Die zweite zentrale Frage dieses Kapitels lautet: „Was sind die Ursachen?“. Hier wird das Biopsychosoziale Modell der Borderline-Störung nach Bohus und Reicherzer (2012) skizziert. Ursachen der Störung seien immer komplex und auf folgende Bereiche zurückzuführen:

  • Biologische Ursachen (z.T. aufgrund von Vererbung)
  • Soziale Ursachen (z.B. innerfamiliäre Konflikte, belastende Erlebnisse)
  • Störungen der Gefühlsregulation (als Folge der o.g. Aspekte)

Vor diesem Hintergrund entstehe selbstschädigendes Verhalten als misslungener Versuch, die Probleme zu lösen; die Reaktionen darauf erhöhen den Druck im Sinne eines Teufelskreises.

Als dritte Frage klären die Autoren, was „Borderline“ bedeutet, um abschließend auf typische Fragen in der Therapie einzugehen (z.B. Abgrenzung von „normalen“ Gefühlsschwankungen in der Pubertät, selbstverletzendes Verhalten und Borderline-Störung, Dauer).

Zu 2. Wie wird eine Borderline-Störung festgestellt?

Zunächst empfehlen die Autoren, die Diagnose ausschließlich von Kinder- und Jugendpsychiatern oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten stellen zu lassen. Dann wird eine entsprechende diagnostische Untersuchung skizziert. Des Weiteren wird erläutert, dass zusätzlich in der Regel auch noch andere Störungsbilder diagnostiziert werden (sogenannte Komorbiditäten), z.B. Depressionen, Angststörungen, ADHS, Suchterkrankungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Soziale Phobien und Essstörungen. Diese Störungsbilder und ihre Behandlung werden ebenfalls kurz vorgestellt. Abschließend wird geklärt, ab wann man eine Fachperson aufsuchen sollte, inwiefern die „Schuld“ bei den Eltern liegt und ab welchem Alter die Diagnose gestellt werden sollte (i.d.R. ab 16 sicher). Hier weisen die Autoren explizit darauf hin, dass eine rechtzeitige Diagnosestellung eine prognostisch gute Behandlung ermöglichen kann.

Zu 3. Wie sieht die Behandlung der Borderline-Störung aus?

Es folgt das letzte und umfassendste Kapitel des Ratgebers, in dem die Behandlung mit der DBT-A (Dialektisch-Behaviorale Therapie für Adoleszente) ausführlich beschrieben wird. Hier werden in vier Abschnitten unterschiedliche Aspekte abgearbeitet:

  • Was ist für eine erfolgreiche Therapie wichtig? (Frühzeitige Behandlung, aktive Entscheidung für eine Therapie, Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, Aktivität und Selbstverantwortung, Absprachefähigkeit hinsichtlich Suizidalität)
  • Was ist die „Dialektisch-Behaviorale“ Therapie? (Aufbau, Definition „dialektisch“ & „behavioral“, Einsatz von Verhaltensanalysen, Klärung von Therapiezielen)
  • Wie sieht das DBT-A Skillstraining aus? (Regelmäßiges Üben, Skills zu Achtsamkeit, Stresstoleranz, Umgang mit Gefühlen, Selbstwert, zwischenmenschliche Skills, „den Mittelweg finden“)
  • Was können Eltern tun? (sich informieren, im Alltag unterstützen, sich in der Therapie engagieren, auf sich achten)

Abschließend werden die Fragen geklärt, ob eine DBT-A eher (teil-)stationär oder ambulant erfolgen sollte (falls möglich, ambulant), wie man entsprechend ausgebildete Therapeuten findet, ob und inwiefern Medikamente helfen können und welche Hilfen es neben der beschrieben Therapie noch gibt.

Ein relativ umfassender Anhang liefert noch Literaturangaben, hilfreiche Adressen, und Arbeitsblätter.

Diskussion

Der vorliegende Ratgeber fasst ein heißes Eisen an. Wie einleitend bereits beschrieben, wird immer noch diskutiert, ob, ab wann und vor allem mit welcher Terminologie Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter diagnostiziert werden sollen. Die Autoren propagieren einen offenen Umgang mit diesem Thema.

Neben den bereits genannten potenziellen Kritikpunkten könnte hier noch hinzugefügt werden, ob es sinnvoll ist, tatsächlich von der „Borderline-Störung im Jugendalter“ zu sprechen. Dies gilt umso mehr, da es diese Diagnose in der ICD-10 in dieser Form nicht gibt. Im klinischen Alltag erlebt man nicht selten Jugendliche, die sich – obwohl sie die Diagnosekriterien nicht erfüllen – sehr intensiv mit diesem Label identifizieren („Ich bin Borderliner“). Um dem entgegenzuwirken, wird nicht selten die offizielle Diagnose „emotional instabile Persönlichkeitsstörung“ kommuniziert, die weniger „cool“ klingt. Ein weiteres Hilfskonstrukt ist hier nicht selten die Vergabe einer „sich abzeichnenden Persönlichkeitsstruktur im Sinne einer…“.

Andererseits macht man sich da eventuell auch etwas vor: Die betreffenden Jugendlichen kennen die Begrifflichkeit eh, „googeln“ diese umfassend und erhalten hier zum Teil hilfreiche, zum Teil jedoch auch irreführende Informationen. Insofern kann ich dem Ansatz des Autorenteams komplett folgen, „das Kind“ beim Namen zu nennen und offen mit der Thematik umzugehen. Das einzige Problem hierbei ist jedoch, dass sich der potenzielle Einsatz dieses Ratgebers durch den Titel auf ausschließlich diese Zielgruppe beschränkt. So behandele ich beispielsweise immer wieder Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung, die parallel ähnliche Symptome zeigen, ohne jedoch die Diagnosekriterien zu erfüllen. Diesen einen potenziell hilfreichen Ratgeber mit dem Titel „Borderline-Störung“ an die Hand zu geben, dürfte zu Missverständnissen führen. Hier sind dann eher die entsprechenden Ratgeber aus der „gelben Reihe“ des Hogrefe-Verlags von Rita Rosner und Regina Steil (PTBS, 2009) und Tina In-Albon und Kollegen (Selbstverletzendes Verhalten, 2015) zu empfehlen.

Der Ratgeber ist sehr anschaulich und übersichtlich gestaltet. Er dürfte – auch aufgrund der Arbeitsblätter, Grafiken und Gestaltung – die Zielgruppe ansprechen. Andere, ebenfalls evidenzbasierte tiefenpsychologische Therapieansätze wie beispielsweise die AIT (Adolescent Identity Treatment nach Foelsch et al. 2013) oder HYPE (Helping Young People Early nach Chanen et al. 2009) werden nicht erwähnt. Dies ist auch sinnvoll, da die DBT-A die in Deutschland weitesten verbreitete und am besten gesicherte Therapieform ist und ein Ratgeber auch nicht verwirren sollte. Entsprechend wird im dritten Kapitel auch darauf hingewiesen, dass die DBT-A nur eine – allerdings die am besten evidenzbasierte – Therapieform unter vielen ist.

Fazit

Der Ratgeber Borderline-Störungen im Jugendalter richtet sich genau an die konkret benannte Zielgruppe. Er ist übersichtlich gestaltet und eine wertvolle Ergänzung zur entsprechenden Durchführung oder Anbahnung einer Dialektisch-Behavioralen Therapie. Trotz oder gerade wegen der potenziell zu erwartenden Kritik an der offensiven Vorgehensweise der Autoren – die Störung bereits in der Altersgruppe zu diagnostizieren und zu benennen – ist diese Veröffentlichung eminent wichtig. Sie liefert allen Betroffenen eine seriöse Auseinandersetzung mit einer Thematik, die ansonsten eventuell ausschließlich im postfaktischen Internet erfolgen würde.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 04.01.2017 zu: Gunilla Wewetzer, Martin Bohus: Borderline-Störung im Jugendalter. Ein Ratgeber für Jugendliche und Eltern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-8017-2563-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21472.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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