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Sebastian Fischer, Florian Fischer u.a.: Globalisierung und politische Bildung

Cover Sebastian Fischer, Florian Fischer, Malte Kleinschmidt, Dirk Lange: Globalisierung und politische Bildung. Eine didaktische Untersuchung zur Wahrnehmung und Bewertung der Globalisierung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 185 Seiten. ISBN 978-3-658-09652-6. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema

Leitend ist für die Autoren die Frage: An welches Vorwissen der Lernenden kann der Unterricht beim Thema Globalisierung anknüpfen? Zu ihrer Beantwortung wurden je 100 Schüler/innen der 9. Klasse von Hauptschulen und Gymnasien befragt. Aus den Ergebnissen ziehen die Autoren bildungstheoretisch fundierte didaktische Schlüsse für die Gestaltung politischer Bildungsarbeit.

Autoren

Die Untersuchung ist ein Gemeinschaftsprojekt von Dirk Lange, Lehrstuhlinhaber für Didaktik der Politischen Bildung an der Leibniz Universität Hannover, und seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung wird auf die Komplexität und Multiperspektivität des Themas verwiesen und der Anspruch der Arbeit geklärt („explorative Untersuchung der Lernvoraussetzungen“, 3).

In Kapitel 2 wird der gesellschaftliche, genauer: „gesellschaftspolitische, und theoretische Begründungszusammenhang“ skizziert. Den Verf. geht es darum, dass die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen beim Thema Globalisierung Berücksichtigung finden. Ihren Untersuchungsansatz begründen sie mit dem Verweis auf das Konzept der „sozialen Repräsentationen“ von Moscovici und das Habitus-Konzept von Bourdieu.

Kapitel 3 soll den Forschungsbedarf verdeutlichen, indem Einblick in die Forschung über die sozialen Folgen der Globalisierung sowie die Reaktionen darauf gegeben wird.

In Kapitel 4 wird das Untersuchungskonzept vorgestellt, d.h. es wird über die Auswahl des Untersuchungsfeldes berichtet (Hauptschulen u. Gymnasien vor Ort), das Vorgehen in zwei Erhebungsschritten (Fragebogen u. Interviews) geschildert und die Methode der Auswertung dargestellt. Die schriftliche Befragung umfasste 200 Schüler/innen. Davon wurden 44 für die mündliche Befragung ausgewählt.

Die „Darstellung der Untersuchungsergebnisse“ in Kapitel 5 umfasst die Fragebogenstudie (5.1) und die Interviewstudie (5.2). In diesem zweiten Teil lassen die Autoren ihre Interviewpartner, die Schüler/innen, relativ ausführlich zu Wort kommen, so dass trotz der Gliederung nach Themenbereichen deren Denkweisen in ihrer Ambivalenz und Widersprüchlichkeit deutlich werden.

In Kapitel 6 ziehen die Autoren, geleitet von dem Ziel, eine umfassende Handlungsfähigkeit zu vermitteln, didaktische Schlussfolgerungen. Diese betreffen nicht nur Informationsdefizite (z.B. über das EU-Grenzregime). Aufgrund der Feststellung, dass die Schüler/innen „ein Verständnis für übergreifende gesellschaftliche Zusammenhänge und grundlegende gesellschaftliche Interessenkonflikte“ vermissen lassen (137), wird von der politischen Bildung verlangt, „eine multiperspektivische Sicht auf das Verhältnis von Wirtschaft und Politik in einer globalisierten Welt zu ermöglichen“ (138) und die, auch medial vermittelte „Isolation des Ökonomischen“ aufzubrechen (139). Die bei den Schülern entdeckte Naturalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse und entsprechende Ohnmacht sollen durch das Aufzeigen von Partizipationsmöglichkeiten überwunden werden. Die Autoren plädieren sogar für „einen Zugang zu alternativen Gesellschaftsmodellen“ (143).

Diskussion

Es handelt sich um einen Beitrag zum Globalen Lernen, der sich bemerkenswert von den meisten bisherigen Publikationen zu dieser Thematik abhebt. Die Interviewstudie liefert aufschlussreiche Einblicke in das Gesellschaftsbild von Jugendlichen dieses Alters, ohne dass sie den Anspruch auf Repräsentativität erheben kann und erhebt. Interessant ist dabei auch die Differenzierung zwischen den Denkweisen von Hauptschülern und Gymnasiasten, wobei unter ersteren mehr Realismus zu finden ist, so scheint es. Beim bildungstheoretischen Teil ist der emanzipatorische Impetus hervorhebenswert.

Kleine Mängel beeinträchtigen den Wert der Publikation unwesentlich. Vergeblich hat der Rezensent eine Information über den Zeitpunkt der Schülerbefragung gesucht, was insofern bedeutsam sein kann, als signifikante Ereignisse und Umbrüche (z.B. das Anschwellen des Zustroms von Geflüchteten) „soziale Repräsentationen“ aktuell beeinflussen können. Die Auswertung der Fragebögen ist für den Leser ziemlich unergiebig, so sehr die schriftliche Befragung als Vorstufe der Interviewstudie für den Forschungsprozess von Nutzen gewesen sein mag. Speziell die Aufteilung in positive und negative Bewertungen der Globalisierung verdeckt die Ambivalenz der Einstellungen, die später sichtbar wird. Die Fragebögen hätten die Möglichkeit geboten, nach vorhergegangenen einschlägigen Unterrichtseinheiten zu fragen – eine versäumte Chance.

Fazit

Eine wichtige Veröffentlichung für alle, die mit politischer Bildung und speziell Globalem Lernen befasst sind. Lehrende in der ersten und zweiten Phase der Lehrerausbildung im Themenfeld politische Bildung sollten das Buch in ihren „Lehrapparat“ aufnehmen und als Pflichtlektüre ansehen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 18.10.2016 zu: Sebastian Fischer, Florian Fischer, Malte Kleinschmidt, Dirk Lange: Globalisierung und politische Bildung. Eine didaktische Untersuchung zur Wahrnehmung und Bewertung der Globalisierung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-09652-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21475.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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