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Sonja Kubisch, Mario Störkle: Erfahrungswissen in der Zivilgesellschaft

Cover Sonja Kubisch, Mario Störkle: Erfahrungswissen in der Zivilgesellschaft. Eine rekonstruktive Studie zum nachberuflichen Engagement. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 234 Seiten. ISBN 978-3-658-02101-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Das Thema bürgerschaftliches Engagement trifft schon seit geraumer Zeit auf ein breites öffentliches Interesse. Einen Hintergrund dazu bilden gesellschaftliche, wirtschaftliche und sozialpolitische Herausforderungen, die wiederum auf die Notwendigkeit einer modifizierten staatlichen Wohlfahrts- und Gesellschaftspolitik verweisen. Dabei kommt dem bürgerschaftlichen Engagement eine wichtige Rolle zu. Umfangreiche quantitative Studien z.B. in Deutschland und der Schweiz haben bereits das Potenzial des freiwilligen Engagements deutlich gemacht. Gleichzeitig verweisen diese Studien aber auch darauf, dass die Potenziale noch nicht ausgeschöpft sind. Eine besondere Beachtung findet dabei die Gruppe der älteren Menschen. An dieser Stelle setzt die vorliegende Studie an. Sie versteht sich als rekonstruktive Studie, um Selbstorganisation und Erfahrungswissen von älteren Menschen im nachberuflichen Engagement zu erforschen. Als Ausgangspunkt und Feld dient das Schweizer Projekt Innovage. An diesem Projekt wird gezeigt, wie sich freiwillig Engagierte in Netzwerken selbst organisieren, wie sie ihr Engagement in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen auf der Basis ihres Erfahrungswissens gestalten und wie diese Praxis von den Kooperationspartnern wahrgenommen wird.

Autorin und Autor

Sonja Kubisch ist Professorin für die Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln.

Mario Störkle ist Dozent und Projektleiter am Institut für Soziokulturelle Entwicklung an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Entstehungshintergrund

Auftraggeber der Studie sind die Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und Migros-Kulturproduzent (Schweiz). Letztere initiiert und finanziert Projekte in den Bereichen Kultur, Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. Das untersuchte Projekt Innovage, wurde 2006 von Migros-Kulturproduzent initiiert und finanziell gefördert. Die Hochschule Luzern – Soziale Arbeit war gemeinsam mit Migros-Kulturproduzent für die Gesamtsteuerung des Programms verantwortlich. Innovage richtet sich vorrangig an hoch qualifizierte Menschen in der nachberuflichen Lebensphase, die ihr Erfahrungswissen in zivilgesellschaftliche Projekte einbringen möchten. Zum Zeitpunkt der Studie waren an sechs Standorten über 100 ältere Menschen in der Schweiz als Innovage-Berater aktiv. Die Gründung von Innovage in der Schweiz wurde vom Bundesmodellprojekt „Erfahrungswissen für Initiativen“ (EFI) inspiriert, das von 2002 bis 2006 in Deutschland durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalte

Im ersten Kapitel wird in die zentralen Begriffe des gegenstandstheoretischen Diskurses der Studie eingeführt. Im Zentrum stehen die Begriffe „Zivilgesellschaft“, „Selbstorganisation“ und „Netzwerke in der Zivilgesellschaft“. Dabei werden die verschiedenen Debatten beispielsweise im Rahmen der neuen sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, die US-amerikanische Diskussion zum Kommunitarismus wie auch der Bericht der Enquete-Kommission zur „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ kurz vorgestellt und diskutiert. Für die weitere Vorgehensweise ist die Unterscheidung zwischen einem „bereichslogischen Verständnis“ von Zivilgesellschaft (Fokus: freiwilliges Engagement in öffentlichen Einrichtungen) und einem „handlungslogischen Verständnis“ (Fokus: Dimensionen des sozialen Handelns) bedeutsam. Da im Rahmen der Studie das Handeln der Akteure in der Zivilgesellschaft der zentrale Fokus ist, erweist sich gerade diese Unterscheidung als notwendig und hilfreich.

Am Beginn des zweiten Kapitels steht zunächst die Klärung der Begriffe aus dem Engagement-Diskurs im Fokus. Unterschiedliche Traditionen in der Schweiz und in Deutschland erfordern für die Studie eine begriffliche Festlegung, die in den Bezeichnungen „bürgerschaftliches Engagement“ und „freiwillig Engagierte“ gefunden werden. Im Weiteren wird gezeigt, dass das bürgerschaftliche Engagement im Alter sowohl unter dem Aspekt der steigenden Belastung des Sozialstaats aber auch unter dem Vorzeichen der Förderung von Potenzialen älterer Menschen gesehen werden kann. Bei einem Blick auf die Potenziale bzw. Ressourcen kommt dem Erfahrungswissen eine zentrale Rolle zu. Deshalb wird in dieses Konstrukt kurz eingeführt. Schließlich wird der quantitative und qualitative Forschungsstand zum bürgerschaftlichen Engagement älterer Menschen vorgestellt und darauf verwiesen, dass insbesondere bei den qualitativen Studien ein Mangel anzutreffen ist.

Im dritten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen vorgestellt, mit der die Studie die Praxis der Selbstorganisation in den Netzwerken und das Erfahrungswissen älterer Menschen untersucht. Dazu werden auf die dokumentarische Methode und deren Grundlagentheorie eingegangen und entsprechende metatheoretische Begriffe erläutert. Am Ende des Kapitels werden die forschungsleitenden Fragen präzisiert.

Im vierten Kapitel wird auf die methodischen und forschungspraktischen Fragen der Studie eingegangen. Die Studie bestand aus 2 Teilprojekten. Das Erkenntnisinteresse von Teilprojekt 1 war auf die Praxis der Selbstorganisation in den Gruppen gerichtet. Die Gruppendiskusssion war hier das Erhebungsverfahren. Teilprojekt 2 hat das Erkenntnisinteresse auf das Erfahrungswissen der freiwillig Engagierten gerichtet. Narrative Interviews waren hier das Instrument der Erhebung. Die Auswertung des Datenmaterials erfolgte auf der Basis der dokumentarischen Methode.

Im fünften Kapitel werden die Ergebnisse von Teilprojekt 1 vorgestellt. Alle sechs Gruppen die untersucht wurden, stehen gleichermaßen vor der Aufgabe, einen kollektiven Umgang mit unterschiedlichen Spannungsverhältnissen ihres bürgerschaftlichen Engagements zu finden. Die Auswertung der Gruppendiskussion zeigt drei unterschiedliche Typologien im Hinblick auf den Umgang mit „kollektiven Identitäten“ und „Modi der Vergemeinschaftung“. Typus 1 ist durch eine Orientierung an „Assimilation“ charakterisiert. Hier steht die Erwartung an alle Mitglieder des Netzwerkes im Vordergrund, sich den Normen und Regeln des Netzwerkes anzupassen. Der Modus der Vergemeinschaftung erfolgt jedoch unterschiedlich: Entweder als Fortsetzung der beruflichen Tätigkeit, als informelle Geselligkeit oder als diskursive Verständigung. Typus 2 ist durch eine Orientierung an „Inklusion“ charakterisiert. Die kollektive Identität ist hier weniger eindeutig konstruiert als beim 1. Typus. Im Vordergrund steht die Suche nach Möglichkeiten, alle Mitglieder zu beteiligen. Dabei werden neue Praxen entwickelt, die eine Veränderung für alle beteiligten Mitglieder mit sich bringen, weshalb von einer Vergemeinschaftung im Modus der Transformation gesprochen wird. Typus 3 schließlich ist dadurch charakterisiert, dass keine positive Vorstellung der kollektiven Identität entwickelt wurde. Mangelnde Verbindlichkeiten der Mitglieder, negative Gegenhorizonte und enttäuschte Hoffnungen prägen hier die kollektive Identität. Die Teilnehmer sehen sich selbst nicht als Gruppe. Ein Modus der Vergemeinschaftung ist deshalb auch nicht erkennbar.

Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse des 2. Teilprojekts vorgestellt. Hier sind die Projekte im Fokus, die von Innovage-Beratern mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und Organisationen durchgeführt wurden. Zum einen wird untersucht, wie die Handlungsorientierungen der Berater im Hinblick auf ihr Erfahrungswissen analysiert werden können. Zum anderen wird die Perspektive der Kooperationspartner dargestellt und welche Erfahrungen diese mit den Beratern machen. Die Auswertung der narrativen Interviews lassen drei Typologien erkennen: Typus 1 wird als „normative Relationierung“ beschrieben und ist dadurch charakterisiert, dass die Berater eine eigene Idealvorstellung hinsichtlich der Realisierung von Projekten haben und diese auch einbringen. Typus 2 wird als „dependentes Anschließen“ beschrieben und ist dadurch charakterisiert, dass die Berater keine eigene Idealvorstellung hinsichtlich der erfolgreichen Realisierung von Projekten haben; die eigene Rolle im Projekt bleibt außerdem unklar. Typus 3 schließlich wird als „fluente Partizipation“ beschrieben. Der Berater nimmt unmittelbar an der Praxis des Projekts teil, seine Handlungsrepertoires fließen gleichsam mit denen der Kooperationspartner zusammen.

Die Erfahrungen der Kooperationspartner mit den Beratern lassen sich in zwei Arten der Erfahrung von Differenz beschreiben. Zum einen als eine Differenz auf der habituellen Ebene, die Ausdruck von Milieudifferenzen sein kann und in unterschiedlichen Projekten sowohl positiv wie auch negativ bewertet werden. Zum anderen als eine Differenz auf der Ebene von Kenntnissen, Kompetenzen und Rollen, die jedoch überwiegend als reibungs- und konfliktlos bewertet werden.

Im siebte Kapitel, werden die zentralen Ergebnisse zusammen gefasst und in den Kontext der Studie eingeordnet und diskutiert. Abschließend werden perspektivisch drei Fragen für weiterführende Studien formuliert.

Diskussion und Fazit

Die meisten Studien zum bürgerschaftlichen Engagement sind quantitativer Art. Damit wurde das Wissen über Umfang, Art und Weise des freiwilligen Engagements sowie über individuelle Motive freiwillig Engagierter erweitert und ergänzt. Es liegen jedoch nur in begrenztem Umfang Studien darüber vor, wie die Akteure im Kontext des bürgerschaftlichen Engagements ihre individuellen Motive einbringen und insbesondere, wie der Umgang zwischen den freiwillig Engagierten mit der Vielfalt der vorliegenden Handlungsorientierungen gestaltet wird. Zwar liegen qualitative Studien zu dem Feld vor, diese beschränken sich jedoch überwiegend darauf, reflexive Wissensbestände der Befragten zu erforschen. Das Erfahrungswissen und insbesondere die Generierung kollektiver Wissensbestände und Identitäten blieben bisher weitgehend unberücksichtigt. Die vorliegende Studie schließt hier eine Lücke. Sie sensibilisiert für den Prozess der Interaktion bzw. des sozialen Handelns im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements und gibt deshalb auch Antworten darauf, wie vielfältig die kollektiven Formen der Selbstorganisation in diesem Kontext sind, wie Erfahrungswissen eingebracht wird und wo Potenziale des erfolgreichen freiwilligen Engagements liegen bzw. wo Gefahren des Scheiterns lauern. In diesem Sinne leistet die Studie Pionierarbeit und erweitert das Grundlagenwissen über freiwillig Engagierte. Als Grundlagenstudie liefert sie auch viele Anregungen für weitere qualitative Forschungen in dem Feld. Der Praxis des bürgerschaftlichen Engagements ist zu wünschen, dass die Ergebnisse dieser Studie wahrgenommen und hinsichtlich ihrer praktischen Folgen intensiv diskutiert werden. Als Leser hätte ich mir allerdings gewünscht, dass in dem vorliegenden Buch bezüglich der praktischen Folgen – auch wenn die grundlagentheoretischen und methodologischen Forschungsfragen im Vordergrund stehen sollen und müssen – mehr Impulse und Anregungen gegeben werden. Die Erwartungen, die diesbezüglich an das Schlusskapitel geknüpft waren, sind enttäuscht worden. Mehr Mut zur Formulierung von professions- und sozialpolitischen Konsequenzen aus der Studie hätte durchaus gut getan. Trotzdem: Ein Studie, die dem Diskurs zum freiwilligen Engagement wichtige Impulse gibt.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 02.11.2016 zu: Sonja Kubisch, Mario Störkle: Erfahrungswissen in der Zivilgesellschaft. Eine rekonstruktive Studie zum nachberuflichen Engagement. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-02101-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21480.php, Datum des Zugriffs 20.09.2017.


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