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Georg Theunissen, Wolfram Kullig (Hrsg.): Inklusives Wohnen mit Behinderung

Cover Georg Theunissen, Wolfram Kullig (Hrsg.): Inklusives Wohnen mit Behinderung. Bestandsaufnahme, Best Practice von Wohnprojekten für Erwachsene mit Behinderung in Deutschland. Fraunhofer IRB Verlag (Stuttgart) 2016. 206 Seiten. ISBN 978-3-8167-9564-3. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 71,00 sFr.
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Thema

Thema des Bandes ist das Wohnen von Menschen mit Behinderungen und Assistenzbedarf, die durch den Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) eigentlich nicht mehr auf besondere Wohnformen verwiesen werden dürften. Dennoch dominieren besondere Wohnformen, meist Wohnheime mit zugehöriger Betreuung, deutlich. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Band mit den Möglichkeiten der Entwicklung und Finanzierung von alternativen Wohnmöglichkeiten. Da es sich um einen Herausgeberband handelt, werden alle Einzelbeiträge knapp beschrieben.

Aufbau und Inhalt

Der einleitende Beitrag der Herausgeber (Georg Theunissen und Wolfgang Kulig) enthält eine Eingrenzung des Personenkreises behinderter Menschen, knappe Ausführungen die historische Entwicklung der Behindertenhilfe sowie eine Beschreibung der einzelnen Beiträge des Bandes. Die Vermischung schulischer Förderschwerpunkte, deren Benennung zudem einen stark personenorientierten Behinderungsbegriff suggeriert, mit der sozialrechtlichen Definition von Behinderung, wie sie für Teilhabeleistungen im Wohnen relevant ist, leuchtet hier nicht ein. Ein menschenrechtlicher Behinderungsbegriff, wie in der UN-BRK vorgeschlagen, wäre zudem besser anschlussfähig an weitere Beiträge im Band, beispielsweise von Arnade oder Urban.

Die folgenden zwei Beiträge führen ein in die Entwicklung von Teilhabeleistungen zum Wohnen. Johannes Schädler und Albrecht Rohrmann beginnen mit dem Fallbeispiel eines älteren Menschen, das illustriert, dass eine Orientierung an den Erfordernissen von Anbietern und Organisationen noch immer Vorrang hat vor einer Orientierung an den Lebensplänen der Leistungsberechtigten. Auf dieser Basis erläutern sie den ‚Paradigmenwechsel‘ in der Behindertenhilfe hin zu einer individuellen Dienstleistung und streifen dabei auch die Veränderungen durch das Bundesteilhabegesetz. In diesem Beitrag wird auch das Thema Alter und altersbedingt veränderter Unterstützungsbedarf zumindest berührt; ein Thema, das sonst im Band etwas zu wenig Berücksichtigung findet.

Im Anschluss daran untersucht Laurenz Aselmeier „Transformationsproesse wohnbezogener Unterstützungsleistungen“ an Hand von zehn Dilemmata, die eine Transformation der Angebote eher fraglich erscheinen lassen – allerdings scheinen sie bei Vorhandensein politischen Willens durchaus möglich.

Monika Seifert beschäftigt sich mit der besonderen Situation von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf, den sie als schwere Mehrfachberhinderung definiert. Etwas wenig im Blick sind hier andere Gruppen, deren angemessene Unterstützung in der Praxis derzeit viel diskutiert wird, wie junge Menschen mit besonderen Bedarfen in der emotionalen und sozialen Begleitung, Menschen mit Autismus oder mit Demenz.

Der Beitrag von Sigrid Arnade greift die Vorgaben der UN-BRK auf und diskutiert sie vor allem vor dem Hintergrund der Situation körperbehinderter Menschen, des mangelnden barrierefreien Wohnraums und der diesbezüglichen gesetzlichen Regelungen.

Diese Thematik wird im Anschluss durch Nadine Metlitzky und Lutz Engelhardt aus baurechtlicher Sicht vertieft. Dabei arbeiten sie u.a. heraus, dass lediglich der Begriff des barrierefreien Bauens gesetzlich definiert ist.

Der anschließende Beitrag von Kai-Uwe Schablon führt wieder zurück in eine grundsätzlichere Positionierung auf der Basis des angelsächsischen Konzepts der Community Care.

Damit endet der – allerdings nicht als solcher gekennzeichnete – allgemeine Teil des Bandes; die folgenden sechs Beiträge stellen Praxiskonzepte für verschiedene Zielgruppen dar:

  • ‚Wohnen im Drubbel‘ von Ursula Hoppe ist ein Konzept ambulanter Betreuung von Westfalenfleiß in Münster, das durch eine Vernetzung mehrerer Assistenznehmer_innen eine gegenseitige Unterstützung im Sozialraum gewährleistet und von sozialräumlich arbeitenden Dienste auch anderswo umsetzbar ist.
  • Das Wohnprojekt VAUBANaise eG in Freiburg ist ein genossenschaftliches Wohnprojekt, das durch seine klare Darstellung der Finanzierungsstruktur für andere Projekte ebenfalls nachahmenswert scheint. Es wird vorgestellt durch Urs Bürkle, Daniela Elsässer und Janice Santos und richtet sich auch an Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, für die gemeindenahe Wohnformen noch immer nur auf Grund hoher elterlicher Eigeninitiative realisiert werden.
  • Georg Theunissen stellt als Beispiel für ‚alternative Lebensräume‘ die SOS-Wohngemeinschaft Hohenroth vor. Dabei stehen eine ganzheitliche Betreuung in familienähnlichen Gruppen mit dem ziel der Etablierung einer Wohn und Lebensgemeinschaft im Mittelpunkt.
  • Nochmals mit hohem Unterstützungsbedarf beschäftigt sich Wolfgang Urban, der als Geschäftsführer des fib e.V. in Marburg auf eine mehrere Jahrzehnte dauernde Erfahrung mit ambulanten Unterstützungsarrangement für Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf und schwierigem Verhalten zurückblickt, wie das im Mittelpunkt stehende Fallbeispiel zeigt. Besonders beeindruckend ist die konsequent menschenrechtliche Ausrichtung des Angebots, die klare Ablehnung einer Institutionalisierung der ‚Schwierigen‘ und die hohe Fachlichkeit in der Erbringung äußerst komplexer und beanspruchender Unterstützungsleistungen.
  • Stefan Pfeiffer und Birthe Steiner stellen die m.W. erste ambulante, gemeindeintegrierte Wohnform für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und Demenz vor, die von Leben mit Behinderung in Hamburg gegründet wurde und gemeinsam mit den Leistungsträgern in innovativer Weise Leistungen der Pflege (SGB XI) und der Eingliederungshilfe (SGB XII) zusammenführt. Sie zeigt, dass auch für diesen, in Einrichtungen der Eingliederungshilfe derzeit stark anwachsenden Personenkreis individuelle, wenig segregierende Unterstützungsformen möglich sind.
  • Das abschließende Beispiel von Georg Theunissen stellt Wohn- und Unterstützungsangebote für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen in Kalifornien vor, wie Regional Centers als Beratungsangebot und Supported Living als konsequent personenbezogene Unterstützungsleistung; im Anschluss werden Konsequenzen für die Angebotsgestaltung in Deutschland gezogen.

Diskussion

Wohnbezogene Unterstützungsangebote sind ein essentieller Bestandteil selbstbestimmten Lebens. Die Publikation ist daher schon grundsätzlich sehr zu begrüßen, zumal durch das – in einzelnen Beiträgen angesprochene – Bundesteilhabegesetz größere Veränderungen in der Finanzierung und Erbringung von Wohnangeboten zu erwarten sind. Diese Veränderungen sind bisher nur teilweise absehbar – zum Zeitpunkt der Drucklegung noch wenige. Dementsprechend bedeutsam ist ein fachlicher Austausch, zu dem das Werk einen wichtigen Beitrag leistet.

Die allgemeinen Beiträge des ersten Teiles sind, wie häufig in Sammelbänden, etwas zu wenig aufeinander abgestimmt; wünschenswert wäre daher ein Schlussteil gewesen, der wesentliche Erkenntnisse nochmals zusammenführt und auch bewertet.

Bei einer erneuten Drucklegung sollte die falsche Jahreszahl der Lebenshilfegründung, die erst im Jahr 1958 stattfand, korrigiert werden (im Einführungsbeitrag), denn es ist nicht unerheblich, dass die ersten Angebote für ‚geistig behinderte‘ Kinder erst 1958, also 13 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus, allmählich initiiert wurden.

Fazit

Es handelt sich um einen interessanten Band, der insbesondere in den dargestellten Projekten vielfältige Anregungen für Praktiker und Studierende enthält. Er thematisiert grundsätzliche Fragen wohnbezogener Unterstützung ebenso wie die besonderen Bedarfe einzelner Gruppen.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Bettina Lindmeier
Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover Abteilung Allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie
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Zitiervorschlag
Bettina Lindmeier. Rezension vom 27.10.2017 zu: Georg Theunissen, Wolfram Kullig (Hrsg.): Inklusives Wohnen mit Behinderung. Bestandsaufnahme, Best Practice von Wohnprojekten für Erwachsene mit Behinderung in Deutschland. Fraunhofer IRB Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-8167-9564-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21481.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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