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Antje May: Mascha, du darfst sterben

Cover Antje May: Mascha, du darfst sterben. Wenn der Tod Erlösung ist. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. 190 Seiten. ISBN 978-3-579-08634-7. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 22,90 sFr.
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Thema

Ein Buch über die Würde des Menschen in seiner letzten Lebensphase, das Zweifel und Ringen um ein Weiterleben im Wachkoma mit Unterstützung der Apparatemedizin ermöglicht, ist ein bisher noch weniger stark bearbeitetes Thema. Es ist auch ein Buch, das zeigt, wie die Liebe einer Mutter gegenüber ihrer verunfallten 17 jährigen Tochter Kräfte mobilisiert, um das Leiden von Mascha in einem Hospiz zu beenden.

Das Buch will Betroffenen und Angehörigen verdeutlichen, dass dauerhafte Therapien und die stetige Abhängigkeit von der Apparatemedizin bei nicht kurativen Verbesserungen des Gesundheitszustandes kein selbstbestimmtes und würdevolles Leben ermöglicht. Die Autorin möchte auch dazu ermuntern, über diese schwierigen Themen zu sprechen, den eigenen Willen zu benennen, solange wir dazu noch in der Lage sind. Jeder sollte für sich entscheiden, was für ihn lebenswert ist und was er in akuten und lebensbedrohlichen Situationen ablehnt.

Autorin

Autorin ist Antje May, examinierte Altenpflegerin mit Fortbildung in Basaler Stimulation, Palliativ Care und Systemischer Beratung. Sie ist seit vielen Jahren in der Lebenshilfe tätig und war alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Mascha ist 2009 verunglückt, litt dadurch an einem Schädel-Hirn-Trauma und lag danach viele Monate im Wachkoma.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nicht in Kapitel untergliedert, sondern erzählt in zwei verschiedenen Szenarien, beginnend mit einer Reise in ein abgelegenes finnisches Häuschen nach der Beerdigung von Mascha, mit wiederkehrenden Erinnerungen an den Unfall und deren Krankheitsgeschichte. Sie schildert authentisch, welche Gefühle, Emotionen, Hoffnungen und wie viele Enttäuschungen die Autorin durchlebt. Es sind Erörterungen, die zuvor von vielen Beteiligten, die am Bett von Mascha gesessen und ihr die Hand gehalten, sie beruhigt haben, in einem Tagebuch festgehalten worden sind.

In einem Grußwort „Liebe Leserin, liebe Leser“ schreibt die Autorin: „Es war das bittere Ende einer tiefen Bindung, eines langen Weges, und es riss mir den Boden unter den Füssen weg. Dennoch ich stehe heute immer noch- nur anders…“.

In den folgenden Ausführungen beschreibt May die täglichen Fahrten in die Intensivklinik mit den Begegnungen der Tochter, den Ängsten, Sorgen und dem schrecklichen Mitleid. Sie realisiert erst langsam, dass sie nie wieder zusammen lachen, sich unterhalten, etwas unternehmen können und immer wieder die quälende Frage, haben wir genügend Zeit miteinander verbracht? Es entstanden Fotos über fünf Monate, auch aus dem Hospiz, aus der kleinen Hoffnung heraus, Mascha könnte eines Tages vielleicht wissen wollen, wie es um sie stand (S. 22).

Die Autorin empfindet Situationen nach, beispielsweise welche Verantwortung sie auf sich nimmt, wenn Mascha in den nächsten Jahren ihres jungen Lebens so liegen bleibt. Sie wehrt sich dagegen, wenn sie das Zimmer verlassen soll, wenn unangenehme Untersuchungen, Therapien anstehen, fühlt sie sich doch mit ihren Kindern wie nichts auf der Welt verbunden. Sie beklagt auch die geringen Informationen und wenig zufrieden stellende Aufklärungen durch Ärzte und Pflegepersonal. Sie hat 1000 Fragen und erhält keine Antworten und die traurige Gewissheit, dass es keine Zukunft für Mascha gibt. Gemeinsam mit ihren Angehörigen sprechen sie über den weiteren Verlauf und sie sind am Ende der Meinung, für Mascha wäre es eine Erlösung, wenn sie sterben könnte. Kann sie aber Mascha in den Tod schicken? Andererseits darf sie sie zu einem Leben verbannen, in dem sie in ihrem Körper gefangen ist, das hätte sie nie gewollt. Sie wird ihr Kind verlieren und muss loslassen.

May fragt die Ärzte, was passieren würde, wenn sie keine Unterschrift zur Durchführung einer Therapie etc. gäbe. Klare Antwort – es könne zum Entzug des Sorgerechtes kommen (S. 70). Sie unterschreibt immer wieder und dennoch hat sie kein gutes Gefühl dabei, ihr scheint, die Kontrolle der Apparate hätte Priorität und noch schlimmer, Angehörige, die Fragen stellen, behinderten nur die Arbeit. Das Einstellen der Therapie ist aus juristischen Gründen nicht möglich, obgleich sich keine Verbesserungen zeigen. Es wird ein Leben therapiert, das keines mehr ist.

Die Szenerie wechselt immer wieder, zeitlich versetzt, in das finnische Häuschen, in dem sie versucht, ihre Trauer zu verarbeiten. Mascha fehlt. Die Autorin hat etwas Kostbares und Unwiederbringliches verloren, ein Stück Zukunft vielleicht (S. 95), doch erschien ihr der Tod die einzige Hoffnung auf Rettung zu sein. Die Kraft dazu gibt ihr Mascha selbst.

May erzwingt nach fünf Monaten Intensivstation und Reha, dass ihr Kind in ein Hospiz verlegt wird. Nach sieben Tagen in rücksichtsvoller und geschützter Umgebung entgleitet sie dem Leben, sie hat aufgehört zu atmen, sie hat es geschafft (S. 172).

In einem „Nachwort“ äußert die Autorin den Wunsch, dass sich künftig keine Mutter Gedanken machen muss, das Sorgerecht zu verlieren, wenn sie darum kämpft, Leiden zu beenden.

Fazit

Diese Publikation ergreift von Anfang bis zum Ende und dennoch ist sie ermutigend, denn das Sterben ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Es ist beeindruckend, wie ehrlich, offen und authentisch die Ausführungen sind, geht es doch um die eigene, ganz individuelle Aufarbeitung einer Familiengeschichte. Es wird dem Anspruch, Betroffenen und Ehrenamtlichen eine Hilfe zu sein, voll gerecht. Die Apparatemedizin kann Leben künstlich verlängern, kann ein Leben, was eigentlich keines mehr ist, erhalten. Es fragt sich, ob das ethisch vertretbar und gewünscht wird.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 07.11.2016 zu: Antje May: Mascha, du darfst sterben. Wenn der Tod Erlösung ist. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. ISBN 978-3-579-08634-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21483.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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