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Heinz Stapf-Finé, Michael Brodowski (Hrsg.): Neuere Entwicklungslinien in der Sozialen Arbeit und Pädagogik

Cover Heinz Stapf-Finé, Michael Brodowski (Hrsg.): Neuere Entwicklungslinien in der Sozialen Arbeit und Pädagogik. Logos Verlag (Berlin) 2016. 192 Seiten. ISBN 978-3-8325-4166-8. D: 29,00 EUR, A: 29,80 EUR.
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Thema

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Bedeutung von Bildung für nachhaltige Entwicklung, um die Kompetenzen für eine dauerhafte Gestaltung der Zukunft erwerben zu können. Dabei nimmt die Publikation auch Bezug auf die sich durch die jüngste Flüchtlingswelle ergebenden Herausforderungen im Bezug auf Integration und einer wirksamen Bewältigung der damit verbundenen Sozialproblematiken. Ebenso werden aus diesen Anforderungen resultierende Notwendigkeiten für die Entwicklung von Fertigkeiten im Qualitätsmanagement in den Bereichen sozialer Dienstleistungen untersucht und schließlich Fragen des Reagierens aufgrund eines Wandels der Arbeitswelt und einer Entgrenzung von Arbeit thematisiert.

Herausgeber

Beide Herausgeber lehren an der Alice Salomon-Hochschule Berlin. Michael Brodowski promovierte 2009 mit dem Thema „Kooperativ-kollektives Lernen als Grundlage organisationalen Lernens“ zum Dr. phil. und lehrt heute im Fachgebiet 'Leitung und Management frühkindlicher Bildungseinrichtungen'. Heinz Stapf-Finé arbeitete u.a. im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes als Bereichsleiter Sozialpolitik, ist Diplom-Soziologe, promovierte im Fach VWL zum Dr. rer. pol. und lehrt heute im Fachgebiet 'Sozialpolitik'.

Entstehungshintergrund

Das als Band 3 in der Reihe 'Sozialwissenschaftliche Forschungswerkstatt' erschienene Buch resultiert aus einer dreisemestrigen Praxisforschungswerkstatt im Rahmen des konsekutiven Masterstudiengangs 'Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik' an der Alice Salomon-Hochschule Berlin; es präsentiert die Ergebnisse der Studierenden unter der Maßgabe, neue Entwicklungslinien und Schnittstellen in der Sozialen Arbeit und der Pädagogik herauszuarbeiten.

Aufbau

Nach einem den Untersuchungsgegenstand erläuternden Vorwort der Herausgeber folgt ein Einleitungskapitel; die anschließenden Beiträge werden in die folgenden drei Bereiche eingeordnet:

  1. Bildung,
  2. Soziale Arbeit als Profession und
  3. Handlungsfelder der Sozialen Arbeit.

Dabei kommen insgesamt acht Autoren zu Wort. Ein durchaus umfangreiches Literaturverzeichnis schließt den Band ab.

Inhalt

Der erste Teil der Arbeit widmet sich der Bildungsthematik und wird mit den Beiträgen von Fridtjof Meyer-Radkau und Florian Fuchs abgedeckt. Ersterer plädiert dafür, dass es aufgrund von Forschungsergebnissen zur Situation von Schülern und Lehrern Zeit sei für „Waldorf-Schulsozialarbeit“, während letzterer die „Nachhaltigkeit als Nischenthema der institutionellen Bildung“ zu entlarven versucht.

Meyer-Radkau geht von der zunehmenden Bedeutung der Schulsozialarbeit an deutschen Schulen aus und fragt sich, warum es bislang eine professionelle Schulsozialarbeit gerade auch an den Waldorfschulen noch nicht gegeben hat? Dabei rekurriert der Autor auf seine Bachelorarbeit aus dem Jahr 2013, die sich mit der Frage nach der Notwendigkeit und den Aufgaben von Waldorfschulsozialarbeit beschäftigt hat. Unter Bezugnahme von Schüler- und Lehrerbefragungen werden Konfliktbereiche eruiert und benannt, mangelnde Kompetenzen in der Konfliktbewältigung u.a. auch hinsichtlich Drogenkonsum und Suchtprävention festgestellt, die Elternarbeit und die damit zu bewältigenden Konflikte hinterfragt, um schließlich zu einer definitorischen Klärung dessen, was unter einer spezifischen Waldorfschulsozialarbeit zu verstehen ist, zu gelangen. Daraus werden entsprechende Aufgaben und Methoden, die Zusammenarbeit mit Waldorfschülern und deren Erziehungsberechtigten entwickelt und auch Kooperationsmöglichkeiten mit der Lehrerschaft eruiert.

Abschließend erkennt der Autor, dass sich eine Waldorfschulsozialarbeit als „Qualitätsmerkmal und Aushängeschild“ (S. 32) etablieren müsse, um dem spezifischen Anspruch einer Waldorfschule gerecht werden zu können.

Florian Fuchs geht von einer Untersuchung des Nachhaltigkeitsprinzips zunächst im soziokulturellen Kontext aus, ehe er auf „Bildung als zentraler Terminus der Postwachstumsgesellschaft“ zu sprechen kommt und hierzu erklärende und in gewisser Weise definitorische Erläuterungen gibt, um dann die Determinanten einer postwachstumsökonomischen und nachhaltigen Bildung zu bestimmen. Es folgen sodann eine empirische Auseinandersetzung und die Darlegung deren Ergebnisse aufgrund der Analyse der Berliner Bildungsprogramme aus den Jahren 2004 und 2014 im Vergleich. Fuchs kommt zu dem Schluss, dass Bildung für eine nachhaltige Entwicklung „zwingend exponentieller und differenzierter definiert werden [muss], um aufzuzeigen, dass Nachhaltigkeit als Möglichkeit eines neuen Lebensstiles gesehen werden kann, der durchaus praktikabel und erstrebenswert ist“ (S. 55). Bezogen auf das Berliner Bildungsprogramm fordert er, dass zentrale Thematiken deutlich akzentuierter niedergeschrieben werden müssten.

Anschließend wenden sich die nächsten Autoren der Sozialen Arbeit als Profession zu. Jessica Friedel unternimmt eine qualitative Betrachtung von Methoden der Sozialen Arbeit und deren professioneller Haltung. Auch hier wird zunächst wieder beklagt, dass viele Fachkräfte es nicht als selbstverständlich erachten, ihre Arbeit als zielgerichtetes und professionelles Handeln zu verstehen – ja bis zum Anzweifeln ihrer eigenen beruflichen Professionalität zu gelangen. Riedel referiert anschließend den diesbezüglichen Forschungsstand, eruiert die Grundlagen methodischen Handelns und erläutert das Konzept des 'Habitus' von Pierre Bourdieu – verstanden als Muster von Wahrnehmungen, Handlungen und Gedanken, die die Grundhaltung der Akteure bestimmen. Die Autorin erkennt dabei, dass zu einer Professionalität des Handelns in der Sozialen Arbeit sowohl ein breites Wissen an Methoden, wie auch ein beruflicher Habitus als notwendig erachtet werden müssen (vgl. S. 77).

Roman Kormann betrachtet in seinem Beitrag den Wandel des Arbeitssubjekts, also der Arbeitsorganisation Sozialer Arbeit in einer Entwicklungsphase des Postfordismus, in welcher Freiheitstendenzen gleichzeitig auf Zwangskontexte treffen, somit Arbeit einer starken Dynamisierung unterworfen ist. Konkret wird dies für ihn dadurch, dass Soziale Arbeit u. a. einem zunehmenden Ökonomisierungsdruck und einer wettbewerblichen Durchdringung unterliegt.

Der nachfolgende Beitrag von Ann-Kathrin Schütte wirft einen kritischen Blick auf das Qualitätsmanagement als Lehrinhalt in Studiengängen der Sozialen Arbeit. Sie legt zugrunde, dass durch stets neue Herausforderungen auch die Methoden und Handlungsansätze unter dem neueren Aspekt des Qualitätsmanagements fortentwickelt werden müssen. Die Autorin erläutert die Relevanz des Themas, den Stand der Forschung und der theoretischen Bezüge, leitet das Erkenntnisinteresse ab und geht schließlich auf das methodische Vorgehen bezüglich der Gestaltung eines Qualitätsmanagements als Lehrinhalt im Studiengang der Sozialen Arbeit dezidiert ein. Dabei stellt sie fünf Merkmale heraus, als da sind:

1. Qualitätsmanagement, -entwicklung, -sicherung

2. Externe/Interne/ (Selbst-) Evaluation

3. Intervision und Supervision

4. Organisationsentwicklung und letztlich

5. Qualitative und Quantitative Forschungsmethoden

Anschließend führt Schütte die wesentlichen Erkenntnisse aus diesen Punkten zusammen und plädiert für die Studium bezogene Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses von Qualitätsmanagement, Begrifflichkeiten und möglichen Definitionsmächten, um schließlich zu einer Qualitätsverbesserung Sozialer Arbeit zu gelangen.

Im dritten und letzten Teil des Buches beschäftigen sich die Autoren Simona Barack, Lars Feikert und Jannis Kuhn mit sehr spezifischen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit: so geht es zum einen um 'Selbsthilfe und andere suchtspezifische Hilfen russischsprachiger Migrant_innen in Berlin' (Barack), um 'Leitfadengestützte E-Mail-Interviews als Erhebungsmethode bei der Untersuchung von psychosozialen Online-Beratungsangeboten für Jugendliche und junge Erwachsene' (Feikert) und schließlich um 'Rechte Dynamik und Gewalt in Fußballstadien' (Kuhn). Damit wenden sich die Autoren hochaktuellen Themenbereichen zu und erkennen die Notwendigkeit, diese als wichtige Handlungsfelder der Sozialen Arbeit zu etablieren. Es wird in allen drei Problembereichen das jeweilige Forschungsdesign bzw. das empirische Vorgehen vorgestellt und es werden schließlich aus den Ergebnissen und gewonnenen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Blickt man vertiefend auf die Problematik der Gewalt in Fußballstadien, so fällt auf, dass der Autor das Thema an zwei zu differenzierenden Gruppen – zum einen den 'Hooligans' und zum anderen den 'Ultras' – festmacht, somit einerseits erstere als antirassistische mit einem demokratischen Mindeststandard versehene Fan-Gruppen versteht, andrerseits letztere als rechtsradikal deklariert und mit der Neonazi-Szene in Verbindung bringt. Feikert glaubt der rechten Gewalt in den Stadien durch sinnvolle Präventionsmaßnahmen begegnen und durch das Intervenieren auf verschiedene Weise „den Rechten das Gewaltmonopol“ entziehen zu können: er nennt die Vereinsführung, die Liga, den Verband, die gewöhnlichen Fans, die Polizei – aber auch die antirassistischen Ultras und deren kaum hoch genug einzuschätzende Bedeutung! (S. 188)

Diskussion

Allein das Faktum, dass aus einer dreisemestrigen Forschungswerkstatt zu einem gewissen Teil handfeste Forschungsergebnisse herausgearbeitet und in einem überschaubaren Ergebnisband vorgestellt werden, verdient Anerkennung und fordert zur Nachahmung auf. Natürlich kann man von Studierenden innerhalb eines dreisemestrigen (Master-)Studiums noch nicht den in manchen Fällen sicher vermissten wissenschaftlichen Tiefgang erwarten – und dennoch erstaunt es durchaus, dass die Beiträge in dieser Schrift von guter Anleitung und einem gewissen Forschergeist, verbunden mit einem ausgeprägten Themen- und Problembewusstsein, zeugen. Bezüglich des zuletzt genannten Beitrags gilt es zu bedenken, dass die Interpretation von Gewalt in Fußballstadien sich ausdrücklich auf das Phänomen 'rechte Gewalt' reduziert, was angesichts der wöchentlichen Vorgänge in den Stadien nach Ansicht des Rezensenten als zu kurz gesprungen angesehen werden muss. Es sind auch jene gewaltbereiten Gruppen festzustellen, die grundsätzlich jeglicher provokativer Gewaltanwendung für fähig und bereit gehalten werden müssen – unabhängig von einer politisch einseitigen Sichtweise. Zudem ist anzumerken, dass ein auf wissenschaftlicher Forschung basierender Erkenntnisgewinn auch in der Lage sein müsste, Präventionsmaßnahmen konkret benennen oder zumindest spezifische Problemlösungsansätze, die über Allgemeinplätze hinausgehen, vorlegen zu können.

Fazit

Der von den beiden Berliner Hochschullehrern herausgegebene Band sollte in die Literaturlisten aller Hochschulen, die auch das Studium der Sozialen Arbeit anbieten, aufgenommen werden, um dadurch die dort Studierenden für neuere Problemstellungen und daraus resultierende Handlungsfelder der Sozialen Arbeit zu sensibilisieren und schließlich auch für eine relevante spezifische Themenbereiche vertiefende Forschungstätigkeit zu animieren.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 26.05.2017 zu: Heinz Stapf-Finé, Michael Brodowski (Hrsg.): Neuere Entwicklungslinien in der Sozialen Arbeit und Pädagogik. Logos Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-8325-4166-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21486.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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