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Gerlinde Dingerkus: Organisations- und Bewusstseinskultur in Hospizteams

Cover Gerlinde Dingerkus: Organisations- und Bewusstseinskultur in Hospizteams. Entwicklung eines Fragebogeninstruments unter Berücksichtigung der Dimension Bewusstsein. Asanger Verlag (Kröning) 2016. 341 Seiten. ISBN 978-3-89334-605-9. D: 34,50 EUR, A: 35,50 EUR.
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Thema

Entwicklung und Anwendung eines Messinstruments zu Bewusstseinsebenen innerhalb von Teams in der ambulanten und stationären Hospizarbeit und daraus gewonnene Erkenntnisse. Der Einsatz des erstellten Instruments in Kombination mit einem bereits bestehenden Fragebogen soll Werte aufzeigen, die für die Bewusstseinskultur in Hospizorganisationen von Bedeutung sind.

Autorin

Gerlinde Dingerkus ist Diplom-Psychologin und Leiterin der ALPHA-Westfalen Ansprechstelle für Sterbende, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung.

Entstehungshintergrund

Vorliegendes Buch ist die Dissertationsschrift der Autorin an der Fakultät Mathematik und Naturwissenschaften der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg aus dem Jahre 2015.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung wird in vier Kapitel der thematischen Rahmen des Werkes erläutert. Darauf folgen die Forschungsfragen sowie Beschreibungen des Forschungsstandes, der angewandten Messinstrumente und der Ergebnisse. Abschließend werden diese Ergebnisse diskutiert und Perspektiven daraus abgeleitet.

1. Einleitung. Haltung wird neben Kompetenz bzw. Qualifikation als ein wesentliches Element für das Engagement haupt- und ehrenamtlich in der Hospizarbeit Tätiger gesehen. Der Begriff Haltung werde in der Hospizszene zwar umfangreich verwendet, sei aber bisher weder einheitlich definiert noch wissenschaftlich untersucht oder in Forschungsinstrumenten operationalisiert worden. Zwar gebe es im Kontext von Aspekten der Bewusstseinsweite als spirituelles Element bereits evaluierte Erfassungselemente, die auf individueller Ebene nutzbar sind. Demgegenüber stehe aber die Wahrnehmung der verschiedenen Arbeitsbereiche in der Hospiz- und Palliativversorgung. Die vorliegende Arbeit zielt auf die Zusammenführung dieser beiden Aspekte – der Berücksichtigung der Bewusstseinszustände als positive Ressourcen sowie die Betrachtung struktureller Merkmale hospizlicher Einrichtungen.

2. Geschichte und Struktur hospizlicher Institutionen. In diesem Kapitel werden die Hospizbewegung in Deutschland, ambulante und stationäre Strukturen der Hospizarbeit sowie die Multidisziplinariät thematisiert.

3. Für wen und durch wen Hospizarbeit geschieht. Nach einem kurzen Abriss von Ursachen für die Verlagerung von Sterbebegleitung aus den familiären Bezügen in Institutionen wird in Unterkapiteln auf die Situation Sterbender und ihre Angehörigen sowie der Berufsgruppen in der Hospiz- und Palliativarbeit eingegangen. Wesentliche Merkmale (der Arbeit) genannter Berufsgruppen werden anhand wissenschaftlicher Studien ebenso thematisiert wie die Arbeitszufriedenheit in unterschiedlichen Settings und die Wertschätzung, die den Berufsgruppen entgegengebracht wird.

4. Individuelle Faktoren für die Zufriedenheit und Gesundheit innerhalb der Hospizarbeit. Anhand der Begriffspaare Engagement versus Burnout und Compassion Satisfaction versus Compassion Fatigue werden verschiedene Formen beruflicher Erschöpfung diskutiert. Dabei stehe Compassion Fatigue, also „Mitgefühlsmüdigkeit“, in engem Zusammenhang mit Burnout. Diese Phänomene werden sowohl als Ergebnis eines spezifischen Umgangs mit Arbeitsanforderungen als auch struktureller Missstände beschrieben. So können Missstände in den Bereichen Arbeitspensum, Kontrolle, Belohnung, Gemeinschaft, Fairness und Werte als ursächlich für Burnout gesehen werden. Eine angemessene Compassion zeichne sich durch eine Balance zwischen Nehmen und Geben aus.

5. Die Organisations- und Bewusstseinskultur. In Unterkapiteln werden verschiedene Definitionen und Typen von Organisationsstruktur bzw. -kultur sowie konstruktive Organisationsstrategien dargestellt. Zu wichtigen Bezugsgrößen für erfolgreiche Betriebe und zufriedene Mitarbeiter gehören laut dieser Ausführungen die Bedeutung der Leitungsinhalte und -werte sowie der Mitarbeiterhaltungen und -werte ebenso wie Gratifikation und Anerkennung, aber auch spirituelle Zugänge. Der Spiritualität als strukturelles Merkmal widmet sich ein weiteres Unterkapitel. Daneben wird die Organisationskultur auf Basis des Bewusstseinskontinuums nach Belschner als Teil der theoretischen Basis vorliegender Arbeit dargestellt.

6. Fragestellungen. Die Hauptfragestellung zielt auf die Möglichkeit, mit dem konstruierten Fragebogen die individuelle Einschätzung der Befragten auf das gesamte System bezogen zu bewerten, also „Ist eine dergeartete Dimension von Spiritualität strukturell vorhanden?“ Weitere Fragen beziehen sich u.a. darauf, ob sich durch den entwickelten Fragebogen die Bewusstseinsebenen algorithmisch, empathisch und nondual abbilden lassen oder strukturelle und individuelle Unterschiede zwischen haupt- und ehrenamtlich Tätigen erkennbar sind.

7. Forschungsstand. Hier werden drei Schwerpunkte bisheriger Untersuchungen spiritueller Aspekte ausgemacht: in der Begleitung der Erkrankten, bei den Mitarbeitern und innerhalb des Teams als Ganzes.

8. Messinstrumente. Für die in vorliegendem Buch beschriebene Studie wurde ein Messinstrument entwickelt und ein weiteres, bereits validiertes verwendet. Der entwickelte Fragebogen HOSPES wurde auf Basis von Gesprächen mit 20 Mitarbeitenden in der Hospizarbeit erstellt und umfasst die Dimensionen hospizstrukturell, individuell und arbeitsorganisational auf algorithmischer, empathischer und nondualer Ebene. Damit sollen Faktoren ermittelt werden, die Bewusstseinsebenen innerhalb eines Teams in der Hospizarbeit abbilden. Um daneben den einzelnen Mitarbeitenden und ihrer persönlichen Bewältigungsmechanismen Rechnung zu tragen, werden individuelle Merkmale auf Basis eines bestehenden Instruments, des AVEM (Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster) erfragt.

9. Ergebnisse. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie umfassen neben deskriptiven Daten zu Religiosität, Art der Einrichtung und Mitarbeit, Motivation, Funktion und Tätigkeitsbereich auch ausführliche Angaben zur Interferenzstatistik, z.B. die Itemanalyse der beiden Messinstrumente sowie deren (Inter-) Korrelationen. Außerdem werden die Durchführung einer Superfaktorenanalyse sowie die Ergebnisse einer Clusteranalyse beschrieben, anhand derer vier Personengruppen mit unterschiedlichen Merkmalen identifiziert werden. Diese Gruppen werden wie folgt benannt:

  1. Differenzierte Bewusstseins- und Erlebensqualität
  2. Unverbundene Obligation
  3. Engagement und Verbundenheit
  4. Kollegiale Orientierung und Einbettung

Die Personengruppen unterschieden sich in ihren Merkmalen hochsignifikant.

10. Diskussion. Die Autorin sieht in den Ergebnissen ihrer Arbeit den Beleg, dass die Tätigkeiten in der Hospizarbeit auf verschiedenen Bewusstseinsebenen stattfinden. Mit der Herausarbeitung der Faktoren ließe sich eine Verbindung zwischen den Bewusstseinsebenen nach Belschner und den typischen von der Hospizarbeit geprägten Tätigkeitsfeldern aufzeigen. Die inhaltlichen Komponenten der Faktoren werden dem Shared Value-Modell von Waterman und Peters untergeordnet. Damit findet eine theoretische Verortung der Arbeit statt. Im Anschluss wird die Bedeutung der einzelnen Faktoren erläutert. Diese Faktoren sind:

  1. Achtsame Heterarchie (Achtsamkeit als ein über das Beobachtbare hinausgehendes und sinnstiftendes Miteinander in den professionellen Handlungsfeldern)
  2. Teamresonanz (mitfühlende Sorge und Fürsorge im Team)
  3. Hospizliche Verbundenheit des Trägers
  4. Orientierung an sachlicher Qualität sowie aufgabenorientierter Pragmatismus
  5. Annehmen von Sterben und Tod

11. Perspektiven. Die vorliegende Arbeit wird als ein bedeutsamer Beitrag zum Thema Spiritualität am Arbeitsplatz beschrieben. Die Autorin empfiehlt, das Konzept der Bewusstseinsweite in Einrichtungen der Hospizarbeit einzubetten und dafür zu sensibilisieren.

Diskussion

In vorliegendem Buch wird das Konzept der Bewusstseinsweite durch ein Messinstrument operationalisiert und anhand einer empirischen Erhebung veranschaulicht. Die Autorin beschreibt damit eine wissenschaftliche Analyse ihres praktischen Handlungsfeldes und leitet aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen für die Praxis ab.

Die Entwicklung des Fragebogens, die Faktorenanalyse sowie die daraus gewonnenen Faktoren und analysierten Personengruppen werden ausführlich dargestellt. Damit veranschaulicht die Arbeit besonders die (statistische) Vorgehensweise bei der Fragebogenerstellung und die Erkenntnisse aus ihrer empirischen Erhebung zur Bedeutung von Spiritualität am Arbeitsplatz.

Fazit

Das Buch beinhaltet neben einer personellen und strukturellen Beschreibung der Hospizarbeit sowie spiritueller, organisations- und bewusstseinsorientierter Modelle auch die Darstellung der Entwicklung und Anwendung eines Messinstruments zu Bewusstseinsebenen innerhalb von Teams in der ambulanten und stationären Hospizarbeit sowie daraus gewonnener Erkenntnisse.

Damit eignet sich die Lektüre besonders für Einblicke in theoretische und wissenschaftliche Entwicklungen zum Thema Organisations- und Bewusstseinskultur sowie in die Praxis der Fragebogenkonstruktion. Die aus der Anwendung des erarbeiteten Instruments gewonnenen Erkenntnisse und gezogenen Rückschlüsse sind auch für Praktiker interessant.


Rezensentin
Dr. rer. medic. Kerstin Kremeike
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Zentrum für Palliativmedizin Universitätsklinikum Köln (AöR)
Homepage www.palliativzentrum.uk-koeln.de
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Zitiervorschlag
Kerstin Kremeike. Rezension vom 01.02.2017 zu: Gerlinde Dingerkus: Organisations- und Bewusstseinskultur in Hospizteams. Entwicklung eines Fragebogeninstruments unter Berücksichtigung der Dimension Bewusstsein. Asanger Verlag (Kröning) 2016. ISBN 978-3-89334-605-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21487.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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