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Martin Spetsmann-Kunkel (Hrsg.): Soziale Arbeit und Neoliberalismus

Cover Martin Spetsmann-Kunkel (Hrsg.): Soziale Arbeit und Neoliberalismus. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 124 Seiten. ISBN 978-3-8487-2765-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Neoliberalismus ist in wachsendem Maße auch zu einem Thema der Sozialen Arbeit geworden. Das Ziel des Neoliberalismus – die Durchsetzung marktwirtschaftlicher Organisationsprinzipien – hat über die wettbewerbliche Reorganisation des Sozialsektors und die Durchsetzung einer Sozialwirtschaft die Soziale Arbeit grundlegend verändert. Der vorliegende Band greift diese Entwicklung auf und versucht, Auswirkungen des Neoliberalismus auf die Soziale Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Es handelt sich dabei um die Dokumentation einer Tagung, die an der Katholischen Hochschule NRW stattgefunden hat. Die Autorinnen und Autoren sind Absolventinnen der 1. Kohorte des Masterstudiengangs Soziale Arbeit.

Aufbau und Inhalt

In einer kurzen Einleitung beschreibt Martin Spetsmann-Kunkel unter der Überschrift „Was ist Neoliberalismus? – Konturen und Effekte einer Wirtschaftsordnung“, Effektdimensionen des Neoliberalismus und weist auf die Folgen für die Soziale Arbeit als Disziplin hin.

Stefanie Uerlings behandelt die Frage „Soziale Arbeit als Erziehung zur Postdemokratie?“. Sie geht davon aus, dass der Neoliberalismus die Zielsetzung hat, gesellschaftliche Prozesse autoritär zu inszenieren und damit auch eine Transformation staatlicher Strukturen anstrebt. Insofern handelt es sich um ein Projekt zur „Auflösung der demokratischen Gesellschaft“. Soziale Arbeit hat der Autorin zufolge – sie nimmt dabei Bezug auf Carsten Müller – eine Funktion der Erziehung zur Demokratie, der ein universeller Auftrag innewohnt: sie richtet sich an alle Bürgerinnen und Bürger, die sie zu mündigen Subjekten machen will. Dem gegenüber steht aus Sicht der Autorin eine Entwicklung, in der soziale Rechte zunehmend eingeschränkt werden und die Soziale Arbeit als „Spielball neuer betriebswirtschaftlicher Steuerungsmaßnahmen“ (S. 28) fungiert. Die Soziale Arbeit verliert in Folge dessen ihre emanzipatorische Funktion und sie unterstützt maßgeblich die postdemokratischen Entwicklungen in der Gesellschaft. Stefanie Ueling skizziert im Anschluss an diese Diagnose die Herausforderungen für die Positionierung Sozialer Arbeit in der postdemokratischen Gesellschaft und plädiert für eine stärkere Ausrichtung an den Menschenrechten und einer Idee der sozialen Gerechtigkeit im Sinne eines umverteilenden Sozialstaatsarrangements. Schlussendlich sieht sie die gegenwärtige „postdemokratische Entwicklung“ auch als Chance für eine Neupositionierung der Sozialen Arbeit im politischen Kontext, in der sie ihre professionseigenen demokratischen Werte und Handlungslogiken schärfen kann.

Pia Okon-Piroglu befasst sich mit dem Thema „Soziale Arbeit als Regierung“. Durch die Einbindung Sozialer Arbeit in das wohlfahrtsstaatliche Gefüge ist diese „ein Gegenstand und Teil von Regierung“ (S. 42). Mit Bezug auf die Gouvernementalitätstheorie von Michel Foucault argumentiert die Autorin für ein Verständnis von Sozialer Arbeit, das die Machtprozesse und Machtverhältnisse, die sie reproduziert, in den Blick nimmt. So stellt die professionelle Klientenbeziehung eine Machtbeziehung dar, aber auch auf der Makroebene spielen Machtanalysen mit Blick auf die politische Funktion der Sozialen Arbeit eine bedeutsame Rolle. Pia Ökon-Piroglu argumentiert im Folgenden, dass die Kontrollfunktionen in der Sozialen Arbeit zugenommen haben und sie versteht im Sinne Foucaults Soziale Arbeit als eine Regierungstechnologie, die „zwischen den Machtbeziehungen und Herrschaftszuständen“ (S. 47) steht, was sie in die Lage versetzt, als vermittelndes Element „Möglichkeiten der autonomen Lebensgestaltung“ aufzuzeigen.

Unter der Überschrift „Neosoziale Transformationsprozesse“ reflektiert der Aufsatz das Modell des unternehmerischen Selbst und das diesem zugrunde liegende Bild vom Homo Oeconomicus. Die darauf folgende Strategie der Investition in Humankapital ist für die Soziale Arbeit bedeutsam, da der Rückzug des Staates als eine Regierungstechnik entlarvt werden kann, in deren Folge Führungskapazitäten vom Staat weg hin zum verantwortlichen Individuum verlagert werden sollen. Den Abschluss des Aufsatzes stellt „Die kritische Reflexion der Sozialen Arbeit“ dar, in dem die Autorin verschiedene Zugangsweisen in der Reflexion der Folgen neoliberaler Subjektivierungstechniken darstellt. Es bleibt das Fazit, dass Soziale Arbeit als eine Form von Regierung sich bewusst machen muss, dass die Zuschreibung einer gelingenden Lebensführung als Leistung des Individuums auf die Reflexion der Rahmenbedingungen verweist: es gilt „Räume“ zu schaffen, in denen die Menschen in Machtbeziehungen handlungsfähig werden und bleiben.

Viviane Thoma stellt ihren Beitrag unter die Fragestellung „Ist solidarische Soziale Arbeit möglich?“ Ausgehend von der Diagnose einer „Entsolidarisierung innerhalb der Profession“, die die Autorin wesentlich auf die Prekarisierung der Beschäftigungsbedingungen in Folge von Markt und Wettbewerb zurück führt, lassen sich in der Disziplin Individualisierungstendenzen wie die Subjektivierung von Arbeit feststellen. Dies geht mit einer Bagatellisierung der Lebensumstände von Menschen in prekären Situationen einher, die auch zu einer Entsolidarisierung innerhalb der Adressatinnen und Adressaten von Sozialer Arbeit führt. Viviane Thoma weist anhand einer empirischen Studie auf ein „Gespaltenes Selbstverständnis der Sozialen Arbeit“ hin, in deren Folge die eigene Selbstverwirklichung als Motivationslage der Studierenden zunehmend in den Vordergrund tritt. Dies korrespondiert mit einem mangelnden „Engagement in eigener Sache“, was sie am Beispiel der Interessenvertretung in der Sozialen Arbeit illustriert. Ein diesbezügliches Forschungsprojekt an der Katholischen Fachhochschule in Berlin zeigt, dass eine gemeinsame Interessenvertretung „nicht mehr zur selbstverständlichen Fachkultur“ gehört (S. 67). Die Autorin schließt sich der Forderung nach einer Re-Politisierung der Sozialen Arbeit an und sie weist auf die Notwendigkeit eines berufsständischen und gewerkschaftlichen Engagements hin, um sich gegen die „Ökonomisierung im Sozialen Bereich zur Wehr zu setzen“. Abschließend beschreibt sie den „Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit“ und dessen Entstehungshintergrund und plädiert für ein breites Bündnis in der Sozialen Arbeit, das handlungs- und trägerübergreifend angelegt ist und dazu verhilft, die eigenen Belange fachlich fundiert öffentlich zu machen.

Angelika Gey reflektiert in ihrem Aufsatz „Die neue Gesellschaftsarchitektur und professionelles Selbstverständnis“. Ausgehend von „Sozialstaatlichen Transformationsprozessen“ sieht sie eine deutliche Verschiebung von passiven hin zu aktiven Leistungen. „Das Neoliberale“ sieht sie nicht nur in der fortschreitenden Ökonomisierung, sondern auch in scheinbar entgegen laufenden Strategien wie Qualitätssicherung, in der finanzielle Überlegungen dominieren. Unter der Überschrift „Das Neosoziale“ verweist sie auf die gesellschaftstotalitären Folgen des Neoliberalismus, da die Selbstführung immer auch mit dem Gedanken der Notwendigkeit der Fremdführung verbunden ist. Dieser gouvernementale Gesichtspunkt führt auch dazu, dass die Zivilgesellschaft eine neue Bedeutung und ein anderes Gewicht bekommt. Sie mutiert von einem Gegenentwurf zu einer „aktiven Rolle als Regulationsinstanz“ (S. 90).

Angelika Gey kritisiert politische Einlassungen in der Sozialen Arbeit, die das Dogma des Sparzwangs unreflektiert voraussetzen und fragt nach den „Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit“. Eine „störrische Professionalität“, die sie als Zielperspektive formuliert, hat zur Voraussetzung, dass in der Lehre nicht nur Wissensvermittlung betrieben wird, sondern auch Reflexionswissen um die eigene sozialarbeiterische/sozialpädagogische Rolle und Haltung. Auch sie weist auf den geringen Organisationsgrad in Berufsverbänden und Gewerkschaften hin und plädiert für eine politische Soziale Arbeit, die „ihrem eigenen Anspruch an Professionalität und ihrer eigenen Definition von Sozialer Arbeit gerecht werden will“ (S. 101).

Im abschließenden Aufsatz des Buches befasst sich Susanne Bücken mit dem Thema „Soziale Gerechtigkeit – Leistungsdispositiv oder gesellschaftsveränderndes Mandat?“. Soziale Gerechtigkeit besteht für die Autorin in der Verbesserung ungleicher und ungerechter Lebensverhältnisse. Dies wird in der aktivierenden Buchstabierung sozialer Gerechtigkeit als Leistungsgerechtigkeit „deformiert“. Unter der Überschrift „Humankapital als Menschenbild“ verortet sie einen Transfer ökonomischer Prinzipien auf menschliches Verhalten und sie sieht in der Folge (auch hier mit Verweis auf Foucaults Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität) eine Entwicklung hin zu mehr Selbstdisziplinierung. Im weiteren Fortgang des Aufsatzes wird das Thema „Soziale Gerechtigkeit im Neoliberalismus“ aufgegriffen und „Entwicklungen sozialer Gerechtigkeit“ am Beispiel der konträren Rezeption des Sozialstaatsprinzips in Deutschland dargestellt. Der als „Erneuerung“ betitelte Umbau des Sozialstaats in Deutschland unter der Schröder-Regierung bestimmt „Soziale Gerechtigkeit als Leistungsdispositiv“, da er die Forderung nach Gleichheit durch die Aufwertung von Eigenverantwortung ersetzt und das Individuum auffordert, sich Gleichheit erst zu verdienen. Leistungsgerechtigkeit – so die neue Formel – nimmt ausschließlich auf den Markterfolg Bezug und in Folge dessen werden gesellschaftliche Entsolidarisierung und Konkurrenzkampf zur Profilierung als Humankapital aufgewertet und forciert. Susanne Brücken verweist unter der Überschrift „Das gesellschaftsverändernde Mandat sozialer Gerechtigkeit“ auf die Bedrohung, die in der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit für das neoliberale Projekt enthalten ist. Deshalb plädiert sie für soziale Gerechtigkeit als „egalitäres gesellschaftsveränderndes Mandat“ (S. 119), und warnt mit Bezug auf Gramsci davor, sich „nicht an jeder Dummheit zu begeistern“.

Diskussion und Fazit

Die in diesem Band versammelten Aufsätze eint der kritische Blick auf den Neoliberalismus und die daraus resultierenden negativen Folgen für die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession. Die Autorinnen und der Autor analysieren diese Folgen primär aus einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive, weniger aus der Perspektive einer Kritik der Politischen Ökonomie des Kapitalismus. Eine stärkere Auseinandersetzung mit der Kapitalanalyse von Karl Marx wäre im Gesamtkontext des Buches wünschenswert gewesen, weil dadurch vielleicht auch der Blick auf die Soziale Arbeit und ihre Funktion in einer kapitalistischen Gesellschaft an Schärfe gewonnen hätte. Gleichwohl ist der Band als Lektüre für Theoretiker und Praktiker in der Sozialen Arbeit zu empfehlen, weil er in der Auseinandersetzung mit einem für die Soziale Arbeit bedeutsamen Thema weiter führend ist. Indem er die als neoliberal betitelte Entwicklung in Politik und Gesellschaft auf die Soziale Arbeit und deren Selbstverständnis bezieht, analysiert er Transformationen der Disziplin, die täglich an Hochschulen in der Lehre und in der Praxis beobachtet werden können. Das Buch zeigt darüber hinaus, dass die Absolventinnen und Absolventen von Master-Studiengängen mehr lernen können als die Funktionsweise managerialistischer Technologien und in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu reflektieren und Vorstellungen davon zu entwickeln, wie man diesen entgegen treten kann.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 29.11.2016 zu: Martin Spetsmann-Kunkel (Hrsg.): Soziale Arbeit und Neoliberalismus. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2765-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21489.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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