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Rita Casale, Hans-Christoph Koller u.a. (Hrsg.): Das Pädagogische und das Politische

Cover Rita Casale, Hans-Christoph Koller, Norbert Ricken (Hrsg.): Das Pädagogische und das Politische. Zu einem Topos der Erziehungs- und Bildungsphilosophie. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 224 Seiten. ISBN 978-3-506-78268-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Der Band widmet sich der Untersuchung des Verhältnisses von Pädagogik und Politik zueinander. Er fragt unter der Fokussierung auf das Pädagogische inwiefern die aktuelle Konfiguration der Beziehungen von Gesellschaft, Staat und Bildung Kontinuitäten oder Zäsuren im Bezug auf historische Vorläufer sind. Er untersucht ideengeschichtliche Ausprägungen und Erörterungen des Verhältnisses von Politik und Bildung und überführt diese in aktuelle Debatten. Bildung als notwendige Bedingung eines liberalen Staates (Wilhelm v. Humbold) wird dabei auch unter der Frage einer Neuausrichtung der eigenen Fachdisziplin untersucht.

Entstanden ist der Sammelband als Ergebnis einer gleichnamigen Tagung im Jahr 2012, veranstaltet von der Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.

Herausgeber_innen

Die Herausgeber_innen sind:

  • Rita Casale: Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft/ Theorie der Bildung an der Bergischen Universität Wuppertal
  • Hans-Christoph Koller: Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg
  • Norbert Ricken: Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft/ Theorien der Erziehung und Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum

Autor_innen

Bei den Autorinnen handelt es sich vorwiegend um derzeitige oder emeritierte/pensionierte Professor_innen aus der Erziehungswissenschaft. Neben den Herausgebern zählen unter anderem Micha Brumlik, Fabian Kessl und Markus Rieger-Ladich hierzu. Mit Johannes Giesinger findet sich außerdem ein Lehrer der Kantonsschule Sargans und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ethik-Zentrum der Universität Zürich unter den Autor_innen.

Aufbau

Der Band gliedert sich, am Anschluss an das Vorwort der Herausgeber, in zwei Teile.

  1. Der erste Teil, unter dem sich fünf Beiträge finden lassen, ist betitelt mit „Liberalismus, Neoliberalismus“.
  2. Der zweite Teil, bestehend aus sechs Beiträge, trägt den Titel: „Krise der Repräsentation und radikale Demokratietheorie“.

Zum ersten Teil

Im ersten Beitrag des Bandes befasst sich Alfred Schäfer mit dem Thema der Selbst-Bestimmung. Der Autor untersucht dabei die Bedeutung der (Selbst-)Bildung des Individuums in den Gesellschaftsentwürfen liberaler politscher Theoretiker. Anzuführen seien hier John Stuart Mill und John Locke, aber auch Wilhelm v. Humboldt. Gleichsam arbeitet Schäfer dabei die Einwirkungsmöglichkeiten und Interessen des Staates anhand von Bildungskonzepten heraus und filtert so die Wechselwirkung von individueller Bildung und staatlicher Intervention in Bildungsfragen heraus.

Daran anschließend verfolgt auch Johannes Giesinger, der sich unter dem Titel: „Bildung im liberalen Staat. Von Humboldt zu Rawls“ dem Humboldtschen Bildungsideal und seiner Modifikation widmet, ein ähnliches Erkenntnisinteresse. Giesinger kommt zu der Erkenntnis, dass der liberale Staat nur auf Grundlage demokratisch getroffener Entscheidungen, die dem liberalen Diskurs entsprungen sind, Möglichkeiten zur Beschränkung des Individuums in Bildungsfragen treffen könne. Die Legitimation dieser Entscheidung anstelle des Zwecks der Reglementierung rückt damit ins Zentrum seines Beitrags.

Mit Hannah Arendt und dem ihren Schriften zu Grunde liegenden Bildungskonzept beschäftigt sich Roland Reichenbach. Arendt, die eine strikte Trennung zwischen Politik und Pädagogik vorgenommen habe. Damit hebt sich Arendt vom Narrativ der Verbindung von Politik und Pädagogik ab. Reichenberg illustriert dieses Verhältnis in den Texten Arendts und geht dabei auch auf das Menschenbild Arendts ein.

Frank-Olaf Radtke untersucht in seinem Beitrag den Einfluss monetärer Faktoren im Bildungssektor. Insbesondere der Faktor der „Nützlichkeit“ habe vermehrt Einzug in die Bewertung wissenschaftlicher und pädagogischer Praxis gehalten. Bildung und Wissen, verstanden als „Humankapital“ seine ohne Zweckrationalismus kaum mehr zu denken. Jüngst scheint sich diese Einstellung jedoch wiederum geändert zu haben. Ein Weg, den Radtke anschaulich darstellt.

Christine Thon widmet sich in ihrem Beitrag dem Thema „Politisierung des Privaten und Pädagogisierung des Politischen: Verschiebung in der Thematisierung des Verhältnisses von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit.“ Anhand des Beispiels der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ untersucht die Autorin mit Hilfe verschiedener theoretischer Ansätze die Ausweitung pädagogischer Praxen und Logiken auf Felder, in denen sie bisher nicht tätig waren. Gleichzeitig weist Sie nach, dass dieses Thema einem politischen Pädagogisierungsprozess unterliegt, da ein gesellschaftliches Problem inhaltliche umdefiniert wurde. Die Pädagogik könne sich demnach auch auf neuen Feldern als Fachwissenschaft etablieren.

Zum zweiten Teil

Der zweite Teil des Bandes, der als „Krise der Repräsentation und radikale Demokratietheorie“ überschrieben wird, beginnt mit einer „Ideologiekritik“ von Carsten Bünger. Ideologie stellt Bünger als verbindendes Element zwischen dem Wunsch nach individueller Bildung und der Ausprägung der Sozialverhältnisse dar und verbindet dies mit der Untersuchung, in welchen Formen Kritik an Ideologie auch als „Selbstkritik der Mündigkeit“(119) verstanden werden kann.

Micha Brumlik diskutiert, inwiefern Bildung in der Postdemokratie im Zeichen der Globalisierung erfolgreich sein könne. Hierfür arbeitet er mit der Theorie von Jacques Rancière, der sich wiederum in seinen Schriften auf Joseph Jacotot bezieht. Dabei kommt Brumlik allerdings zu dem Schluss, dass Bildung „nach Rancière zur Emanzipation und Befreiung nur wenig beitragen kann.“(140)

Anders verhält es sich im folgenden Beitrag von Markus Rieger-Ladich. Hier wird Rancière und neben ihm Alexander Kluge, einer weiteren aktuellen Debatte zugeführt. Dem Autor geht es dabei vor allem um das Verhältnis von Kontingenz und Ordnung und der Veränderung gegebener Strukturen. Insbesondere für Zeiten der Krise und der Veränderungen mögen die genannten Autoren als Wegweiser einer differenzierten Betrachtung angeführt werden können, da mit ihnen auch der Blick auf Prozesse und Bedingungen von Kontingenz und Interruption geschärft werden kann.

Maarten Simons und Jan Masschelein rekurrieren erneut auf Rancière. In ihrem Beitrag untersuchen sie Foucaults Analyse bestehender Ordnungssysteme unter Zuhilfenahme der Ansätze Rancières und hinterfragen gleichzeitig ob die von ihnen festgestellte „Gouvernemantalisierung der Demokratie“(165) nicht zu einer Entdemokratisierung führe. Ihnen geht es dabei um die Frage, ob sich Demokratien vermehrt durch Partizipations- und Konsensverfahren nicht letztendlich ihrem Kern, der Austragung demokratischer Konflikte, durch deren Neutralisierung beraube.

Fabian Kessl zeigt in seinem Beitrag anhand der England Riots 2011, welche Bedeutung das Urbane für das Wechselverhältnis von Politik und Pädagogik haben kann. Die Riots lassen sich dabei als Ausdruck der Bedeutung des „Sozialen“ im Interventionsfeld des Staates deuten. Sie gaben Aufschluss darüber, wie sich Ansprüche aus unterschiedlicher Perspektive an den sozialen Staat wandelten und welche Bedeutung Bildung bei der Artikulation und Durchsetzung verschiedener Interessen an den Staat haben kann, insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit.

Der abschließende, von Rita Casale verfasste Beitrag, führt die beiden Teile des Bandes zusammen. Casale untersucht wie sich Politik und Pädagogik gegenseitig bedingen. Neben den bereits in den Beiträgen des Sammelbandes angeführten Ökonomisierungsbestrebungen in der Bildung und ihrer Überführung in messbare Daten stellt die Autorin auch die Frage nach einer fehlenden Repräsentation einzelner Akteure oder Gruppen in der Demokratie. Einer besonderen Rolle spricht sie dabei dem Staat als Autorität zu. Welchen Einfluss Erziehung und Bildung auf Autorität und Legitimation des Staates haben können, zeigen die abschließenden Kapitel ihres Aufsatzes.

Diskussion

Das Verhältnis von Politik und Pädagogik vermag nach der Lektüre der Beträge zunächst als ein ambivalentes Erscheinen. Ein Staat ohne Interesse an der Erziehung und Bildung seiner Bürger kann im Sinne der aufgenommen Politik- und Pädagogiktheoretiker kaum langfristig bestehen. Unterschiedliche Epochen führten dabei zu unterschiedlichen Prämissen in den Bildungskonzepten. Der erste Teil des Bandes zeichnet dabei ein breites Bild der liberalen Bildungsverständnisse und ihre Bedeutung für den liberalen und demokratischen Staat. Besonders der Wandel dieses liberalen Bildungsverständnisses in zeitgenössischen Debatten tritt hier hervor. Kritisch wird sich dabei außerdem mit neoliberalen Ansätzen befasst.

Demgegenüber setzt der zweite Teil des Sammelbandes seinen Fokus auf eine vermehrte demokratietheoretische Perspektive. Das wiederkehrende Erkenntnisinteresse der Beiträge ließe sich dabei unter der Frage: „Was kann Bildung zum Erhalt und zur Verbesserung demokratischer Konfliktlösungswege beisteuern?“, zusammenfassen. Der Einfluss der Politik auf die Bildung (Stichwort: Ökonomisierung) aber auch der Pädagogik auf die Politik (siehe Negation der Autorität des Staates) stehen dabei in einem untrennbaren Zusammenhang. Eine Abgrenzung erfolgt allerdings vor allem von dem Verständnis der Bildung als Erziehung zur Wirtschaftlichkeit. Vielmehr zeigen die Autor_innen, welch umfassende Verständnisse von Bildung und Erziehung notwendig sind, um der Krise der Demokratie begegnen zu können. Dabei ermöglicht der Band wiederum einen differenzierten Blick auf die Anwendbarkeit politischer Theorien, allen voran radikaldemokratischer Forderungen.

Es bleibt aber festzuhalten, dass beispielsweise auch die unterschiedliche Einschätzung der Theorien Rancières unter den Mitwirkenden des Bandes Beleg dafür sind, inwiefern sich Demokratie und Wissenschaft (auch hier verbinden sich Pädagogik und Politik) gleichermaßen durch Austausch auszeichnen.

Fazit

Der Band zeichnet die Ausgestaltung des Verhältnisses von Politik, genauer Staat, und Pädagogik in verschiedenen Epochen nach und überführt die so gewonnen Erkenntnisse in Relation zu aktuellen Debatten und Problemlagen. Nur wenn sich in bestimmten Punkten beiden Aspekten (der Pädagogik und der Politik) gewidmet wird, lassen sich Erkenntnisse über die Entstehung und Lösung aktueller Problemfelder, allen voran einer zunehmenden Unzufriedenheit mit der Demokratie, gewinnen. Das Aufzeigen möglicher ideengeschichtlicher Anknüpfungspunkte und ihre Überführung in die Praxis vermag der Sammelband zu leisten. Damit spricht er die Erziehungs- und Politikwissenschaft gleichermaßen an.


Rezensent
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 24.02.2017 zu: Rita Casale, Hans-Christoph Koller, Norbert Ricken (Hrsg.): Das Pädagogische und das Politische. Zu einem Topos der Erziehungs- und Bildungsphilosophie. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78268-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21490.php, Datum des Zugriffs 10.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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