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Wolfgang Jantzen: Einführung in die Behinderten­pädagogik

Cover Wolfgang Jantzen: Einführung in die Behindertenpädagogik. Eine Vorlesung. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2016. 241 Seiten. ISBN 978-3-86541-832-6. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
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Thema

Dialektisches Denken destilliert aus dem Reichtum des vorgestellt Konkreten von Erleben und sinnlicher Erfahrung eine (Ausgangs- ) Abstraktion, die „das Wesen der Sache“ analytisch herausschält, ohne deren Sein abzutöten. Nicht zufällig wird solch eine Abstraktion „lebendig“ genannt. Sie vermag den Reichtum der Bestimmungen auf den Begriff zu bringen, weil sie relational verfasst ist. Die relationale oder „molekulare Struktur“ dieser „Keimzelle des Denkens“ ermöglicht es dem Denkenden, im Begriffe gedanklich so aufzusteigen, dass eine Synthese dessen, „was der Fall ist“, möglich wird. Mehr noch: Die Synthese ist unabgeschlossen und offen, wenn das vom Denkenden geschaffene System seinen hegemonialen Anspruch aufgibt und damit kritisierbar bleibt.

Die dem Leser vorgelegte „Einführung in die Behindertenpädagogik“ bezieht seine Lebendigkeit nicht nur aus der vom Autor entwickelten „Paradigmatik des Faches“ (Isolation und Dialog), sondern auch aus der Praxis akademischer Lehre und Forschung, wie sie sich an der Schwelle zum neuen Jahrtausend am Studiengang Behindertenpädagogik der Universität Bremen ereignet hat. Mit etwas Fantasie lässt sich die „Einführung in die Behindertenpädagogik“ auch als Analogon zu den in der Schriftenreihe der International Cultural- historical Human Sciences von Rückriem herausgegebenen Vorlesungen A.N. Leontjews über die Allgemeine Psychologie auffassen. Beiden Autoren gemeinsam ist der originelle, grundlegende Probleme formulierende und diskursiv erschließende, Ansatz. Beide Autoren wollen an Wissenstatbestände des jeweiligen Faches heranführen, (interdisziplinäre) Zugangweisen eröffnen und zur weiteren Befassung mit diesen einladen. Nicht „getrichtert“, sondern allseitig vermittelt werden soll das Wissen- im direkten Sinne des Wortes.

Aufbau und Inhalt

Die Sitzungen der in die „Behindertenpädagogik“ einführenden Vorlesungen Wolfgang Jantzens wurden mitgeschnitten, von Studierenden transkribiert und vom Autor durch ergänzende und präzisierende Kommentare auf die Höhe der Zeit transferiert.

Folgende Themen werden behandelt:

  • Behinderung (Definitionen, Klassifikationen, Gesetze, Urteile und Vorurteile)
  • Geschichte (Sozialgeschichte der Behinderung und Ideengeschichte der Behindertenpädagogik)
  • Neue Existenzbedrohungen (Singer- Debatte, Biosethik- Konvention, Veränderungen in der Sozialgesetzgebung (insbesondere BSHG § 93)
  • Zwei zentrale Problembereiche in der heutigen Behindertenpädagogik (Integration behinderter (Menschen in Kindergarten und Schule; Enthospitalisierung und Deinstitutionalisierung)
  • Ausgewählte einzelwissenschaftliche Aspekte (Psychologie der Behinderung am Beispiel geistiger Behinderung; Soziologie der Behinderung: Auswirkungen von Diskriminierung und struktureller Gewalt; humanbioologische Grundlagen)
  • Diagnostik, Pädagogik, Therapie (Behinderung und Therapiebedarf: das Beispiel „geistige Behinderung“; Probleme einer entwicklungsbezogenen Diagnostik
  • Probleme basaler Pädagogik, Einführung in didaktische Fragestellungen.

Diskussion

Das Buch lässt sich systematisch „durcharbeiten“, kann aber auch im von Deleuze formulierten Sinne „rhizomatisch“, Schritt um Schritt erschlossen werden, entwickelt es sich doch aus dem „Sprosspunkt“ der Historie des Verhältnisses von Behinderung und Gesellschaft, d.h., eines Verhältnisses, das dem Autor nicht äußerlich ist, sondern das er in seinem wissenschaftlich – praktischen Handeln selbst mit hervorbringt und reflektiert.

Wie die Studierenden werden auch die Leser/-innen dazu eingeladen, die vom Autor vorgeschlagene Herangehensweise an eine „synthetische Humanwissenschaft“ an der gesellschaftlichen und individuellen Lebenspraxis zu überprüfen und auf deren Grundlage selbst beobachtete und erfahrene Sachverhalte auf den Begriff zu bringen. Lehren und Studieren wird so zur gemeinsamen Erkenntnisarbeit, die zur Befassung mit theoretisch verdichteteren Schriften des Autors (etwa der „Allgemeinen Behindertenpädagogik“) einlädt.

Vom Rezensenten wird der von Wolfgang Jantzen erörterte Themenbereich „Enthospitalisierung und Deinstitutionalisierung“ als besonders eindringlich erlebt, schnappt doch im „Umgang“ mit dem „harten Kern“ von (psychiatrischen) Großeinrichtungen und Heimen selbst bei engagierten Helfern leicht die „Empathiefalle“ zu und aus der wohlmeinender Zuwendung wird „Gewalt in Samthandschuhen“. Wie der Autor zurecht darauf hinweist, komme es in diesem Falle besonders darauf an, zu „entideologisieren“ und zu dechiffrieren, was da naturgegeben im harten Kern der Pathologie verwurzelt scheint. Mit Basaglia sei ein Vorgang anzustoßen oder einzuleiten, der „Dialektik des Verstehens“ genannt werden könnte. Dabei gehe es darum „…Muster (des vermeintlich Pathologischen- M.J.) in eine Geschichte zu legen, die die Pathologie nicht als Kern der Persönlichkeitsentwicklung, sondern als ein Problem der Persönlichkeitsentwicklung begreift, weil die Pathologie das Verhältnis zu den Menschen und zur Welt verändert (…) Wer eine spezifische Hirnverletzung hat und keine Menschen findet, die sich auf seine Kommunikationsmöglichkeiten einstellen, ist verloren. Wenn also die soziale Vernunft nicht vorgehalten wird, die jemand braucht, um vernünftig zu werden, ist er verloren, weil er von sich heraus, diese Vernunft nicht entwickeln kann. In einer Vernunftfalle ist dies nur gegen die herrschende Vernunft möglich“ (S. 144).

Provozierendes oder aggressives, auch gegen sich selbst gerichtetes, verletzendes Verhalten sind Ausdruck der ohnmächtigen Revolte gegen das Verloren- und Verlassensein. Sie werden dekonstruierbar, wenn es den Helfern gelingt, sich ihre Hilflosigkeit einzugestehen und das rebellierende Gegenüber als Möglichkeit ihrer selbst anzuerkennen.

Zielgruppen

Das Buch könnte für all diejenigen von Interesse sein, die eine Problematik der sozialen Arbeit und Behindertenhilfe in ihrer dynamischen Komplexität erfassen und in dieser verändernd agieren wollen.

Fazit

Ein „Ariadnefaden“ im Labyrinth widersprüchlicher gesellschaftlicher Verhältnisse und sozialer Verwerfungen und damit ein gewichtiger Beitrag in der Tradition der Vermittlung lebendigen Denkens- ermutigend und inspirierend.

Literatur

  • Georg Feuser & Ernst Berger (Hrsg.), (2002): Erkennen und Handeln. Momente einer kulturhistorischen 8 Behinderten-) Pädagogik und Therapie. Lehmanns Media, Berlin
  • Georg Rückriem (Hrsg.), (2016): Aleksej Nikolaevic Leont´ev. Vorlesungen über Allgemeine Psychologie. Lehmanns Media, Berlin

Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 26.06.2017 zu: Wolfgang Jantzen: Einführung in die Behindertenpädagogik. Eine Vorlesung. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2016. ISBN 978-3-86541-832-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21491.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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