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Nicole Burzan: Methodenplurale Forschung

Cover Nicole Burzan: Methodenplurale Forschung. Chancen und Probleme von Mixed Methods. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 116 Seiten. ISBN 978-3-7799-3427-1. 14,95 EUR.

Reihe: Standards standardisierter und nichtstandardisierter Sozialforschung.
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Thema

Nicole Burzan legt mit ihrem Band eine notwendige Ergänzung im Bereich forschungsmethodischer Literatur vor. Sie diskutiert darin in mehreren Kapiteln die Problematik von Verknüpfungen quantitativer und qualitativer Forschungsdesign. So wird im ersten Kapitel vorrangig utilitaristisch über Verknüpfungslogiken, deren Möglichkeiten und Grenzen reflektiert.

Aufbau

In sechs Kapiteln stellt Nicole Burzan Zugänge, Differenzierungsmöglichkeiten, Chancen, Möglichkeiten (der Verknüpfung in der Anwendung) und mögliche Probleme dar.

  1. Das 1. Kapitel dient als Einleitung in die Thematik (S. 7-13).
  2. Das zweite Kapitel stellt die Grundlagen in mehreren Unterkapiteln in den Mittelpunkt (S. 14- 30).
  3. Im dritten Kapitel werden methodenplurale Designs differenziert (S. 31- 66).
  4. Das vierte Kapitel bietet ergänzende Fragen und Antworten (S. 67- 79).
  5. Beispiele aus der Forschung bietet das 5. Kapitel (S. 80-102).
  6. Das 6. Kapitel bildet mit Erörterungen zu An-und Herausforderungen und einer abschließenden Grundsatzbetrachtung den inhaltlichen Schluss des Bandes (S. 103-109).

Auf den folgenden Seiten (S. 110-115) folgt das Literaturverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Kapitel führt Burzan in die Thematik methodenpluraler Forschung ein. Neben einführenden Hinweisen zum Sinn und Anliegen des Buches wird in einem Unterkapitel explizit auf allgemeine Ziele und Herausforderungen methodenpluralen Forschens eingegangen. Darin wird sowohl auf notwendige verschränkende Reflexionen verwiesen, aber auch auf methodische Reflexionen zur Verschränkung (oder Verknüpfung) von Forschungsdesigns. Insbesondere wird die grundsätzliche Logik reflektiert, die unterschiedlichen Logiken quantitativen und qualitativen Forschens miteinander sinnvoll zu verbinden (und damit auch sinnvoll einsetzen zu können).

Im zweiten Kapitel werden die (methodischen) Grundlagen fokussiert. In mehreren Unterkapiteln werden nacheinander Fragen beantwortet, z.B.: Wann kann man überhaupt von Methodenverknüpfung sprechen?, Methodenverknüpfung oder hybride Methode (mit einer genaueren Darstellung / Analyse der qualitativen Inhaltsanalyse, Grundlagen von Methodenpluralität dargestellt und Mixed Methods und Triangulation als Varianten von Methodenpluralität beschrieben. Innerhalb dieses relativ umfangreich angelegten Kapitels wird zum einen (geradezu definitorisch) festgehalten, was als Methodenverknüpfung verstanden wird und als weitere Arbeitsgrundlage dient. Burzan skizziert im Anschluss knapp die unterschiedlichen Forschungslogiken quantitativen und qualitativen Vorgehens und plädiert ihrerseits dafür, nicht absolut einer Forschungslogik zu folgen, sondern die Forschungslogik (also das methodische Vorgehen) in Relation zur Fragestellung zu wählen. Zudem differenziert sie innerhalb qualitativen Zugängen nach rekonstruktiven und nicht-rekonstruktiven Zugängen. In einem eigenen Unterkapitel klärt sie zudem Begriffsverwendungen (Mixed Methods / Triangulation) abgrenzend ab. Triangulation wird darin zudem nach Analysegewinn und Erkenntnisgewinn differenziert: als Validierungsinstrument oder vertiefendes Verständnis des Gegenstandes. Die qualitative Inhaltsanalyse wird hier mit einem besonderen Stellenwert herausgehoben – Burzan stellt sowohl die Logik der Einordnung als hybride Methode dar als auch die Logik der Einordnung als verknüpfende (nämlich quantitative mit qualitativen Zugängen) dar.

Im dritten Kapitel stehen analytische Unterscheidungen im Mittelpunkt, wonach methodenplurale Designs differenziert werden können. Sie führt dabei sowohl unterschiedliche Systematiken auf (die sie nach Kriterien geordnet darlegt), verweist aber auch darauf, dass in neueren Veröffentlichungen z.B. von Creswell wiederum weitere Notationen bevorzugt werden. In Anlehnung an Creswell und Plano geht sie in nachfolgenden Abschnitten auf einige Grundformen (genauer: auf zwei Formen – sequentielle Verknüpfung und nicht-sequentielle Verknüpfung) vertiefend ein.

  • Innerhalb des Unterkapitels 3.1 zu sequentiellen Designs werden drei Designformen nacheinander vorgestellt. Diese Darstellungslogik folgt der methodischen Art der Verknüpfung als Vorstudie, als Verallgemeinerung oder als Vertiefung.
  • Im Unterkapitel 3.2 zu nicht-sequentiellen Formen der Verknüpfung wird nach dem Zeitpunkt der Verknüpfung unterschieden – bei der Datenerhebung, bei der Datenauswertung oder bei der Interpretation. Innerhalb der Datenerhebung werden weitere Varianten fokussiert, z.B. die „within-method-triangulation“ und die „between-method-triangulation“. Im Abschnitt zur Verknüpfung bei der Datenauswertung „… werden entweder verschiedene Auswertungsmethoden vergleichend bzw. sich ergänzend auf die gleichen Daten angewendet … oder verschiedene Daten werden stark aufeinander bezogen ausgewertet“ (s. 49). Werden zur Interpretation von Teilbefunden Verknüpfungen angestrebt bzw. eingesetzt, beschreibt Burzan zahlreiche Herausforderungen, denen sich Forschende ausgesetzt sehen.
  • Ergänzend (und zum besseren Verständnis) bietet das Unterkapitel 3.3 einen Vergleich von Systematiken verschiedener Verknüpfungsdesigns. Darin wird insbesondere auf zwei häufig (oder: in Burzans Worten häufigere) rezipierte Beispiele (Creswell / Plano-Clark und Teddlie / Tashakkori) eingegangen. Ergänzend fügt Burzan noch ein eigenes Modell zur Systematisierung an (S. 64).

Kapitel 4 ist als vertiefendes theoretisches Kapitel angelegt und bietet als Intention ergänzende Fragen und Antworten.

  • Das erste Unterkapitel bietet eine Antwort (zusammengefasst in einer Tabelle auf S. 68) auf die Frage, ob Methoden, Daten oder Ergebnisse miteinander verknüpft werden.
  • Im 2. Unterkapitel wird eine Antwort auf die Frage versucht, was in methodenplural arbeitenden Teams signifikant und relevant erscheint.
  • Im dritten Unterkapitel wird vertiefend auf Aspekte der Auswahlverfahren fokussiert. Burzan beschreibt dazu auch Aspekte der unmittelbaren oder mittelbaren Vergleichbarkeit von Daten und Befunden.
  • Das vierte Unterkapitel skizziert Antworten auf die Frage nach spezifischen Auswertungsmethoden und Darstellungsformen für Methodenverknüpfungen mit quantitativen und qualitativen Daten (und negiert sie).
  • Das letzte Unterkapitel widmet sich der Ethnographie (unter der Fragestellung, ob die Ethnograhpie ein prinzipiell methodenpluraler Forschungsansatz ist

Das 5. Kapitel ergänzt die bisher theoretischen Aspekte um Einblicke aus der Anwendung – gibt also Beispiele aus der Forschung. Darin werden insbesondere Beispiele aus eigenen Forschungsprojekten vorgestellt: eines mit einem vorrangig quantitativen Ansatz und darauffolgend eines mit einem eher qualitativen Ansatz.

Im 6. Kapitel wird zum einen ein Fragenkatalog dargelegt, der anhand von 6 Fragen (z.B. Ist bei der Auswertung und Interpretation eine hinreichende Vergleichbarkeit von Daten bzw. Befunden herstellbar?) methodenplurales Design konturiert. Im Anschluss folgt eine methodologische Diskussion (Ausblick) zur Verknüpfungslogik.

Diskussion

Im zweiten Kapitel legt Burzan die Grundlagen der Methodenverknüpfungen dar, beginnend mit dem, was (aus ihre Sicht) gerade nicht Methodenverknüpfung sei (die Negationsanfänge ziehen sich damit auch durch das ganze Kapitel) führt sie zunächst in quantitative, qualitative und interpretative Methoden ein. Diese aber sollten Forschenden von vornherein geläufig sein, so dass sich die Frage stellt, warum eine Einführung in Methoden gegeben wird, wenn zugleich betont wird, dass es sich beim vorliegenden Buch eben nicht um eine Einführung in Methoden handele. Die gegebene Begründung, es gehe eher um die Annahmen darüber, wie empirische Forschung funktioniere, scheint klassisch auf Einführungsbände in qualitative / quantitative Forschung zu verweisen… Die sich daran anschließende Begriffsabgrenzung wird zwar vorgenommen (was ist mixed method?) dient jedoch vorrangig der Exposition kritischer Haltungen.

Das dritte Kapitel stellt gegenüber den ersten beiden Kapiteln dasjenige dar, in dem methodenplurale Designs analytisch dargestellt und voneinander abgegrenzt werden – also das eigentlich thematisierende Kapitel. Nach einer knappen Skizzierung der Kriterien zur möglichen Kategorisierung (im Rückgriff auf Creswell und andere) werden 2 grundsätzliche Methodendesigns dargestellt, die in sich dann weitere Differenzierungen nach sich ziehen und entsprechend dargelegt werden. Burzan beginnt mit sequentiellen Designs, die sie nach Forrmen (Vorstudie, Verallgemeinerung und Vertiefung differenziert und jeweils Nutzen und Probleme bzw. Grenzen gegenüberstellt. Bei der Darstellung der Probleme zeigt sich hingegen, dass sie vorrangig auf Logikprobleme des Zugangs rekurriert (z.B. „Die quantitative Logik strukturiert die Vorstudie zu stark, somit keine Ausschöpfung des … Potentials“ (S. 35) und „Quantitative Ergebnisse können den qualitativen Blick zu stark vorstrukturieren“ (S. 45), die aber sind zugangs- oder systemimmanent (und werden im Übrigen immer wieder auch aufgegriffen). Ähnliche Redundanzerscheinungen zeigen sich bei der Darstellung der Probleme nicht-sequentieller Designs, bei denen immer wieder auf fehlende bzw. wenige Reflexionsanregungen rekurriert wird (z.B. S. 49, 56). Eine zusammenfassende Übersicht (ein Vergleich von Systematiken verschiedener Verknüpfungsdesigns verschiedener Autoren) schließt sich an, gefolgt von einer eigenen Übersicht, von der die Autorin selbst einschätzt, sie sei eher vorgelagert – der Platz für diese eigene Übersicht (S. 64) ist tatsächlich eher unglücklich gewählt- da hätte sich angeboten, diese früher voranzustellen. Es bleibt eher unverständlich, warum dann diese Übersicht von Burzan so hintangesetzt wurde.

Das vierte Kapitel ist als Ergänzung konzipiert und beantwortet Fragen zur Verknüpfung, zur teamarbeit etc. Die darin vorgestellte Übersicht (S. 68) fasst exemplarisch mögliche Datenverknüpfungen zusammen. Möglicherweise hätte sich hier eine andere Stelle im Band angeboten, z.B. im Anschluss an die Darstellung sequentieller und nicht-sequentieller Designs. Etwas unverständlich bleibt, warum der Punkt der Teamarbeit nun doch aufgegriffen wird, der vorher an anderer Stelle zurückgewiesen wurde – und auch entsprechend kritisiert wurde. Zwar wird von anderen Autor*innen die Praktikabilität der Umsetzung (und der vorhergehenden Konzipierung) thematisiert, hat jedoch an sich mit der Darstellung der Vorgehenslogik (und mit methodologischen Gesichtspunkten) eher weniger zu tun.

Eher praxisorientiert erscheint dafür das 5. Kapitel mit einer eingehenden Darstellung von Forschungsvorhaben, in der insbesondere die Reflexion des Vorgehens im Mittelpunkt steht und kritisch diskutiert wird (so dass eher eine Kosten-Nutzen-Analyse des jeweiligen Vorgehens erfolgt).

Im sechsten Kapitel erfolgt demgegenüber eher eine methodologische Rahmung des Buches.

Fazit

Das Buch bietet zum einen eine differenzierte Auseinandersetzung mit Begriff, Forschungslogik und -vorgehen im Rahmen der „Mixed Methods“, führt andererseits in Ansätzen darüber hinaus und ist vorrangig im Kontext universitärer Lehre sinnvoll (und unverzichtbar) einsetzbar.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 26.06.2017 zu: Nicole Burzan: Methodenplurale Forschung. Chancen und Probleme von Mixed Methods. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3427-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21499.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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