socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

David Hillel Gelernter: Gezeiten des Geistes

Cover David Hillel Gelernter: Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins. Ullstein Verlag (München) 2016. 391 Seiten. ISBN 978-3-550-08049-4. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 24,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit einem Thema, welches vielfältig diskutiert ist: Wird die expandierende Informatik das Ziel selbst gesetzte ereichen, den menschlichen Geist zu simulieren, letztlich das Rätsel menschlichen Bewusstseins zu lösen? Gelernter als Informatiker ist bezüglich dieser Fragestellung begründet skeptisch und setzt sich in seinem Buch mit der Vielgestaltigkeit und Einmaligkeit des menschlichen Geistes auseinander, indem er Bezug nimmt zum unendlich reichen Vorrat an Zeugnissen menschlicher Kreativität in -insbesondere- Literatur und Philosophie.

Autor

Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale-Universität und Autor zahlreicher Veröffentlichungen in verschiedenen Medien.

Entstehungshintergrund

Durch die Entwicklung der Informatik geprägt setzt sich der Autor seit langem mit dem Anspruch der Computerwissenschaften auseinander, ein Modell für den menschlichen Geistes liefern zu können. Allerdings ist er wegen der impliziten Schmalspurigkeit des Ansatzes überzeugt, dass die Verschiedenartigkeit, die Plastizität, die Unbestimmbarkeit und Idiosynkrasie des menschlichen Geistes dieser im Rahmen mathematisch-informationstheoretischer Modelle nicht nachzubilden ist- im vorliegenden Buch versucht er, diese These durch ganz unterschiedliche Bezüge zu Literatur und Philosophie zu belegen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort setzt sich der Autor in viel- bis nichtssagenden („Von Tag zu Tag“) Kapiteltiteln mit der Entwicklung des menschlichen Geistes auseinander – er benutzt als strukturierendes Elemente ein kreiertes Modell vom „Spektrum in drei Dritteln“ und schließt mit einem Fazit vor Danksagung, Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Register das Buch ab.

Die Inhalte des Buches überblicksartig vorzustellen, fällt wegen der geringen Struktur des Buches und seiner schwer nachzuverfolgenden Spontanität schwer. Gelernter geht davon aus, dass sich der menschliche Geist mit naturwissenschaftlichen Möglichkeiten des Messens und Vermessens wegen seiner Wandelbarkeit und Offenheit nicht fassen lässt und auch nicht lassen wird. Alternativ wendet er das Bild eines sich ständig wandelnden Spektrums an, welches wir Tag für Tag durchlaufen: von seiner untersten Stufe (Träume) und Zuständen geringer Konzentration erhebt sich der Geist auf eine mittlere Stufe: hier gebrauchen wir unser Gedächtnis, unser Denken und wir erleben unsere Emotionalität. Auf der obersten Stufe ( „oberst“ nicht zu verwechseln mit einer Bewertung im Sinne von „je höher, desto besser“) schließlich findet fokussierter Gedächtnisgebrauch, Reflexion und Selbsterkenntnis statt. Dieses Modell setzt der Autor als gegeben voraus und behauptet, mit ihm die verschiedenen Manifestationen des Geistes fassen zu können. Er orientiert sich an diesem Modell in den folgenden Kapiteln und referiert (wahllos) zusammengestellte Belege und Hinweise aus der Literatur, die hier nicht nacherzählt werden können.

Rein inhaltlich soll dem Leser ein Einblick in den Ansatz des Autors unter Bezugnahme auf das Kapitel „Fazit“ ermöglicht werden (S.345 ff) – hier formuliert der Autor sieben für ihn zentrale Aussagen.

  1. Die Struktur des Geistes beinhaltet zwei Bereiche: der bewusste Geist (befasst sich mit dem Jetzt) und dem Gedächtnis (dieses befasst sich mit dem Damals). Der bewusste Geist ist mit Nachdenken verbunden und reicht vom Handeln bis zum Sein. Ein Geist setzt Körper und Gehirn voraus- hierbei sind Gedanken unabhängig, Emotionen abhängig vom Körper.
  2. Gedächtnis meint Speicherung und Abruf von Informationen, meist unbewusst ablaufend.
  3. Gefühle leiten den Geist
  4. Bewusstsein hat einen internen und äußeren Bereich- wenn wir auf dem Spektrum nach unten wandern wechseln wir sozusagen von außen nach innen- hierbei sind Gefühle die Tonarten des Bewusstseins und:Bewusstsein umfasst Subjektivität und Objektivität, Gesehenes und den Sehenden.
  5. Paradoxe Erfahrungen: „Eine paradoxe Erfahrung X ist nur wegen der Natur von X paradox“ ( S.350)?
  6. Träume: „ein Traum ist der Versuch des bewussten Geistes, den unverlangten Output des Gedächtnisses zu verstehen“ (S.350)
  7. Beiläufige Beobachtungen: „das im öffentlichen Leben der westlichen Welt am meisten verdrängte Gefühl ist der Glaube an Gott. Gott ist nicht „tot“.“(S 351) und: „jede Nacht sagt uns unser Geist wer wir sind. Und jeden Morgen vergessen wir es wieder.“ (S.351)

Diskussion

In dieser Buchbesprechung kann und soll keine umfassende psychologisch-theoretische Auseinandersetzung mit den Inhalten dieses Buches erfolgen. Bewusst wurden oben einige Aussagen des Autors vorgestellt, um deren Eigenwilligkeit und auch ihre Diktion deutlich zu machen. Zugegeben fällt es schwer, den Gedanken des Autors zu folgen: Sein strukturierendes Modell erscheint recht beliebig und wenig auf Übereinstimmung mit anderen Ansätzen aus Philosophie und Psychologie geprüft. Dies macht es schwierig, den Gedanken des Autors zu folgen. Das Modell vorausgesetzt erscheinen seine Schlussfolgerungen schlüssig, machen den Leser allerdings zu einem quasi passiv folgernden, rezipierenden aber kaum am Diskurs teilnehmenden Partner. Zudem begleitet den Leser dadurch ständig die Frage: Was soll´s? Und eine Antwort hierauf erfolgt auch ausschließlich im „Glaubensmodus“, kaum erkenntnis-reflexiv. Dies macht die Inhalte recht beliebig und wahrscheinlich wesentliche (und auch in der wissenschaftlichen Community geteilte) Ansichten gehen im idiosynkratrisch Besonderen unter. So lässt das Buch den Rezensenten recht rastlos zurück- das Loblied auf den kreativen und naturwissenschaftlich-informationstheoretisch nicht fassbaren Geist wird durch eine weitgehend beliebige Gedankenfolge, das freie Assoziieren des Autors fast konterkariert.

Fazit

Der Versuch einer Phänomenologie des Geistes, seiner Einmaligkeit und Unfassbarkeit. Die hierfür gemachten Modellannahmen des Autors lassen den Abgleich mit vorhandenen Theorien des menschlichen Bewusstseins vermissen, die doch sehr lockeren inhaltlichen Gedanken des Autors zum Thema sind mitdenkend kaum nachzuvollziehen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 83 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 15.03.2017 zu: David Hillel Gelernter: Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins. Ullstein Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-550-08049-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21501.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Assistenz (w/m/d) für Kindergartenverwaltung, Heilbronn und Erlenbach

Referent (w/m/d) Service Learning, Augsburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung