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Björn Migge: Sinnorientiertes Coaching

Cover Björn Migge: Sinnorientiertes Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 360 Seiten. ISBN 978-3-407-36575-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Coaching wird aus verschiedenen Gründen in Anspruch genommen: als Klärungshilfe in unübersichtlichen Lebenslagen, als Begleitung neuer beruflicher Schritte, als Reflexionsort für „Freud und Leid“, als Vergewisserung auf ungewohnten Wegen und so weiter. Aus den Gründen leiten sich Aufträge ab. Ein Auftrag dürfte eher selten sein: „Bitte begleiten Sie mich dabei, den Sinnhorizont meines Lebens zu entdecken!“ Aber ein Horizont ist dadurch gekennzeichnet, dass er den Hintergrund dessen bildet, was davor geschieht. Sinn ist der Horizont der Lebensbühne, er bildet den Kontext anderer Lebensthemen und wirft ein eigenes Licht auf sie – oder auch nicht. Denn wenn sich Menschen die Sinnfrage nicht stellen – geschweige denn sie beantworten –, bleibt es möglicherweise dunkel. Sich in der Dunkelheit zu orientieren ist bei weitem schwerer, und keine Dunkelheit kann Lebensfragen erhellen.

Das Buch von Björn Migge ist, laut Klappentext, dem „Sinn des Lebens als Thema in Coaching und Beratung“ gewidmet. Und Migge schreibt im Vorwort: „Dieses Buch wendet sich an Menschen, die über den Sinn ihres alltäglichen Lebens oder Seins nachdenken oder andere dabei unterstützen möchten.“ (S. 9) „Denkimpulse“ stehen im Vordergrund bei dem Buch, nicht „Tools“ oder ähnliches. Die Denkimpulse entstammen verschiedenen Traditionen und Konzepten, so z.B. der Existenziellen Beratung, die den Arbeiten des Psychotherapeuten Irvin Yalom folgt, dem in Chile beheimateten „Ontological Coaching“ oder der Logotherapie und Existenzanalyse Viktor E. Frankls. Das vermeidet die Festlegung auf eine bestimmte religiöse oder philosophische Linie – und hält den Horizont offen.

Autor

Dr. Björn Migge ist der Autor einer Reihe von Coachinglehrbüchern. Er hat soziale Verhaltenswissenschaft, Philosophie und Medizin studiert und in Zürich als Oberarzt und Universitätsdozent gearbeitet. Er betreibt in Westfalen ein Ausbildungs- und Trainingsinstitut für Coaching.

Aufbau

Zum formalen Aufbau: Wie von Migge gewohnt, hat auch dieses Buch ein klares didaktisches Konzept. Die einzelnen Kapitel werden ergänzt durch Beispiele aus der Praxis, durch Informationen zu im Kapitel vorkommenden Kapiteln, durch (Selbst-)Übungen unter der Überschrift „Sie sind gefragt“ sowie durch Lesehinweise zu den jeweiligen Themen.

Das Buch ist in vier Kapitel (plus Anhang) gegliedert.

Inhalt

Ein erstes Kapitel ist überschrieben mit: Sinn oder Nichts. Wenn Menschen nach Sinn fragen, kann sich kein Coach mit „Tools“ retten, dann ist er als Person gefragt: „Das Werkzeug in der Sinn- und Existenzberatung sind die helfenden Menschen selbst, als annehmendes und fragendes Gegenüber.“ (S. 14) Das bedeutet: Entscheidend ist – mehr als sonst im Coaching – die Haltung des Coaches. Die Aufgabe, die das Buch den Leserinnen und Lesern zumutet, ist es, die eigene Haltung und die eigene Beratungsarbeit in den verschiedenen Perspektiven, die Migge anbietet, zu verorten, um dann von da auch agieren zu können. Die Kapitel sind so reich an Informationen, Konzepten, Gedanken, dass man sie nicht ohne weiteres im Rahmen einer Rezension referieren kann. Zur Illustration zitiere ich einige Überschriften aus dem Kapitel:

  • „Glauben als Sinnstiftung“,
  • „Toleranz in Glaubensfragen“,
  • „Worauf zielt das Sein?“,
  • „Das Böse in der Welt“,
  • „Personaler Sinn“,
  • „Gemeinwohl als Sinn“,
  • „Esoterik“,
  • „Spiritualität“ etc.

Das zweite Kapitel ist überschrieben mit „Freier Wille und Würde“. Jedes Konzept von Verantwortungsethik basiert auf der Unterstellung eines freien Willens, weil nur der eine existenzielle Wahl ermöglicht. Je determinierter der menschliche Willen gedacht wird (z.B. durch zu rigide Triebkonzepte), desto schwieriger werden Verantwortungskonzepte. Das Kapitel referiert sowohl philosophische als auch psychologische Theorien sowie Einsichten aus der praktischen Beratungsarbeit: Platon, Descartes, Kant, Frankl u.a.

Migge schreibt zu Beginn des dritten Kapitels: „In diesem Buchkapitel steht eine Denk- und Beratungsrichtung im Mittelpunkt, die versucht, den Kern, das Herz oder das Wesen unseres Seins zu ergründen.“ (S. 128). Zunächst wird die „Existenzielle Beratung“ Irvin Yaloms dargestellt, dessen Konzept erklärtermaßen auf frühen philosophischen Konzepten z.B. von Epikur basiert. Danach werden die Konzepte europäischer Existenzphilosophen referiert: Kierkegaard, Nietzsche (lassen wir die Frage offen, ob der bei den Existenzphilosophen gut einsortiert ist, was auch für Husserl gilt), Buber, Jaspers, der Theologe Paul Tillich, Marcel, Heidegger, Sartre, de Beauvoir, Merleau-Ponty, May, Camus – und dann eben: Viktor Frankl. Innerhalb dieses Kapitel wird auch das (hierzulande recht unbekannte) Konzept des „Ontological Coaching“ vorgestellt, dessen Wurzeln ebenfalls in Arbeiten europäischer Philosophen liegen. Der Ansatz ist konstruktivistisch, das Ziel des Coachings liegt vor allem darin, Klient*innen deutlich zu machen, dass sie unentwegt ihre Wirklichkeit selbst erschaffen – und also verändern können. Das gewährleistet eine größere Handlungsfähigkeit. Weitere Überschriften: „Dialog erhellt die Existenz“, „Die Beratungsperson“, „Resilienz“, „Salutogenese“ etc.

In einem Buch, das „Sinnorientiertes Coaching“ behandelt, kann das Konzept von Viktor Frankl nicht fehlen. Das vierte Kapitel trägt daherals Überschrift den Titel einer Sammlung von Texten Frankls: „Logotherapie und Existenzanalyse“. Wesentliche Erkenntnisse hat Frankl während der schwersten Zeit seines Lebens gewonnen: als Häftling im KZ Auschwitz erlebte er, dass Menschen überlebten, so lange sie dem Weiterleben einen Sinn geben konnten, und dass sie starben, wenn dieser Sinn zerbrach. Migge: „Die Logotherapie Viktor Emil Frankls (1905-1997) ist eine Therapie durch oder auf den Sinn hin oder eine Heilung durch Sinn.“ (S. 252) Frankls Menschenbild und psychotherapeutische Grundannahmen sind für ein sinnorientiertes Coaching von hoher Relevanz, deshalb werden sie besonders ausführlich vorgestellt und auf klassische Coachingthemen bezogen.

Diskussion

Allein das vierte Kapitel ist m.E. schon das Buch wert. Nicht, dass die anderen Kapitel demgegenüber abgewertet werden sollen, aber es ist schon an sich wertvoll, dass jemand die Schätze Frankls in dieser Ausführlichkeit für das Coaching hebt. Und diese Arbeit beschränkt sich nicht auf das letzte Kapitel, sondern zieht sich durch das ganze Buch, der erste Hinweis auf die Arbeiten Frankls findet sich bereits im Vorwort. Es ist ein gutes und hilfreiches Menschen- und Lebensbild für Coaching, Therapie, Beratung und für das eigene Leben, was Migge als die „Drei Säulen der Logotherapie und Existenzanalyse“ zitiert: „Das Leben ist unbedingt und immer voller Sinnmöglichkeit. Der Wille des Menschen ist frei zur Ver-antwortung. Der Mensch hat ein Streben, einen Willen zum Sinn.“ (S. 283) Wertvoll finde ich auch, dass Migge in diesem vierten Kapitel einen eigenen Abschnitt dem Thema „Sinn in der Arbeitswelt“ widmet. Das ist in besonderer Weise coachingrelevant.

Das Buch ist ein „Grundlagenwerk“ in besonderem Sinn: Es reflektiert die anthropologischen und ontologischen Grundlagen des Menschseins sowie Grundvoraussetzungen der Beratungsarbeit und führt Coaches dazu, ihre eigene Haltung zu überdenken und zu begründen. Dabei hat Migge sein Buch auch diesmal wieder breit angelegt. Diese inhaltliche Weite ist wertvoll, weil sie der Orientierung in diesem riesigen Feld dient. Es ist klar, dass eine solche Arbeit eher das Gegenteil einer Monographie ist – eine Flächenschau ist keine Tiefenbohrung. Aber Migge lädt zu Vertiefungen ein: „Am Ende der Kapitel habe ich jeweils Bücher aufgeführt, von denen ich denke, dass sie einzelne Themen mit mehr Weitblick und Hintergrund erfassen oder ganz unterschiedliche Sichtweisen hervorheben (die ich manchmal aber nicht teile. So können Sie bei Interesse Ihre Fragen von verschiedener Seite her vertiefen. Zudem sollen die Kapitel in erster Linie einen Impuls zu einer kritischen Diskussion in Gruppen liefern.“ (S. 17)

Das Zitat spiegelt auch den Stil des Buches: Es ist, wie andere Bücher von Migge auch, als (virtueller) Dialog angelegt. Der Autor sagt häufig „Ich“, die Leser*innen werden direkt angesprochen, eingeladen, unterrichtet. Apropos „unterrichtet“: Man merkt dem Buch an, dass ein Schwerpunkt der Arbeit Migges die Ausbildung von Coaches ist. Deshalb werden besonders auch Weiterbildner dieses Buch mit hohem Gewinn lesen. Der virtuelle Dialog strebt nach einem realen. Und manchmal ist es ein bisschen über-didaktisch: „Ich schlage Ihnen vor, dass Sie das Buch mit einem Textmarker und einem Bleistift lesen. Wenn Ihnen ein Satz wichtig, komisch, lehrreich, verwerflich, schön, plump oder auf andere Weise bemerkenswert erscheint, dann markieren Sie ihn bitte.“ (S. 19) Eine gute Anweisung für jemanden, der noch nie ein Buch gelesen hat! Aber ob der ausgerechnet mit diesem Buch beginnen sollte?

Ein gutes didaktisches Element sind die Abschnitte unter der Überschrift „Sie sind gefragt“. Die dort gestellten Fragen sind einerseits so etwas wie die „Lernkontrolle“ des vorangegangenen Kapitels, andererseits die Verbindung des behandelten Themas mit der Erfahrungswelt der Leser*innen, und darüber hinaus wertvolle Methoden sowie Impulse für weitere Diskussionen. So kann einen das Buch noch lange über die Lektüre der letzten Seite hinaus beschäftigen. Die benutzte und die weiterführende Literatur wird in einem ausführlichen Literaturverzeichnis aufgelistet, das abschließende Stichwortverzeichnis ist hinreichend detailliert und hilfreich.

Fazit

Ein Buch, das dem eigenen Anspruch, vor allem Denkimpulse zu geben, gerecht wird. Das Feld „Sinn des Lebens in Coaching und Beratung“ wird in vielen Rundgängen und Exkursionen besichtigt und kartographiert. Das Buch ist als Dialog und auf Dialog hin angelegt. Ein Buch für Menschen, die selbst auf der Suche sind nach Orientierung in der verwirrenden Vielzahl von Sinnentwürfen, anthropologischen und psychologischen Konzepten, und für Menschen, die andere bei dieser Suche hilfreich begleiten wollen. Es sollte im Bücherschrank keines Coaches fehlen – und erst recht nicht in dem eines Weiterbildners. Besser noch, man stellt es gar nicht in den Bücherschrank, sondern lässt es in Reichweite liegen und liest immer wieder mal einen Abschnitt.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 08.03.2017 zu: Björn Migge: Sinnorientiertes Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-36575-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21503.php, Datum des Zugriffs 15.12.2018.


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