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Romy Reimer, Birgit Riegraf: Geschlechter­gerechte Care-Arrangements?

Cover Romy Reimer, Birgit Riegraf: Geschlechtergerechte Care-Arrangements? Zur Neuverteilung von Pflegeaufgaben in Wohn-Pflege-Gemeinschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3049-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Angesichts der Überlastung von Angehörigen in der Pflege und Betreuung, der problematischen Beschäftigungsverhältnisse in der 24-h-Betreuung und der Situation in Altenheimen werden Wohn- und Pflegegemeinschaften als Alternative in Deutschland propagiert. In dieser Studie wird untersucht, welche Formen von Wohn- und Pflegegemeinschaften es gibt und ob diese neuen Formen der Organisation von Betreuung und Pflege Möglichkeiten eröffnen, geschlechtsbezogene Muster der Verteilung von Care-Arbeit zu überwinden.

Autorinnen

Romy Reimer ist Referentin im Modellprogramm „Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Von 2001 bis 2013 war Reimer für die wirtschaftliche Betreuung von Wohnprojekten bei der P 99 Gebäude-Verwaltungsgesellschaft mbH zuständig. Von 2013 bis 2017 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin im Forschungsprojekt „Geschlechtergerechte Care-Arrangements in Wohn-Pflegegemeinschaften? Studie zur Neuverteilung formeller, informeller, professioneller und semiprofessioneller Pflegeaufgaben“ an der Universität Paderborn. Studium der Soziologie, 2011 Promotion an der Universität Hamburg.

Birgit Riegraf ist seit 2009 Professorin für Allgemeine Soziologie an der Universität Paderborn und seit 2015 dort Vizepräsidentin für Lehre, Studium und Qualitätsmanagement. Studium der Politischen Wissenschaft, Soziologie, Psychologie und Religionswissenschaft und des interdisziplinären Ergänzungsstudiengangs „Qualitative Methoden in den Sozialwissenschaften“ an der FU Berlin, 1995 Promotion an der FU Berlin, 2004 Habilitation an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die Ergebnisdarstellung des Forschungsprojekts „Geschlechtergerechte Care-Arrangements in Wohn-Pflegegemeinschaften? Studie zur Neuverteilung formeller, informeller, professioneller und semiprofessioneller Pflegeaufgaben“ an der Universität Paderborn (2013-2015).

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel „Die Neuorganisation von Care und Care-Arbeit“ (vgl. S. 7 – 15) skizzieren Reimer und Riegraf die Ausgangskonstellation des Projektes, indem sie die gesellschaftlichen Veränderungen beschreiben, die zu einer Neu- und Umorientierung in diesem Bereich führen. Dabei nennen sie zum einen den gesellschaftlichen Wandel in Bezug auf Lebens- und Familienformen, Anforderungen an Mobilität im Rahmen von Erwerbsarbeit, demografische Veränderungen und gestiegene Ansprüche an qualitätsvolle Betreuung und Pflege. Zum anderen hat eine zunehmende Vermarktlichung in Kombination mit einer Verknappung der staatlichen Angebote erhöhten Druck auf Familien und An- bzw. Zugehörige zur Folge. Da die klassische Lösung, bei der Frauen die entstehenden Care-Lücken unbezahlt im Privaten füllen, brüchig geworden ist, entstehen neue Modelle. Die 24-h-Betreuung basiert auf einer klassen- und ethnienspezifischen Verlagerung der Risiken und muss aus einer feministischen Perspektive kritisiert werden. Wohn- und Pflegegemeinschaften hingegen scheinen insbesondere deshalb interessant, weil hier neue Formen der Organisation von Care an der Schnittstelle von Privatem und Öffentlichem entstehen. Offen bleibt, inwiefern durch diese neuen Formen auch zum Abbau von Geschlechterungleichheiten beitragen – dies ist die forschungsleitende Fragestellung.

Das zweite Kapitel beginnt mit einer Übersicht über die historische Entwicklung der Verbindung von Care-Arbeit und Weiblichkeitskonzeptionen (vgl. S. 16 – 20). Anschließend werden alternative Konzepte von Care und Care-Arrangements diskutiert (vgl. S. 20 – 29). Dabei wird insbesondere der Kommunitarismus, an den die Idee der „Caring Communities“ anknüpft, kritisch beleuchtet, indem auf problematische Aspekte wie „hohen Loyalitätsdruck, … mangelndes Beteiligungsinteresse und mangelnde Beteiligungsmöglichkeiten in Gemeinschaften“ (S. 26), aber auch auf unausgewiesene Wertvorstellungen hingewiesen wird. Den Abschluss des Kapitels bildet eine Einführung in das Konzept der Wohn- und Pflegegemeinschaften.

Im dritten Kapitel (vgl. S. 33 – 37)wird ein kurzer Überblick über den begrenzten Forschungsstand zu dem Thema gegeben.

Das vierte Kapitel „Forschungsdesign“ (vgl. S. 38 – 48) reflektiert die empirische Vorgehensweise. Es wurden unterschiedlich organisierte Wohn- und Pflegegemeinschaften in Nordrhein-Westfalen sowie in Hamburg in die Untersuchung einbezogen und „25 Angehörige, 18 Pflege- bzw. Betreuungskräfte sowie drei Expertinnen“ (S. 38) befragt sowie quantitative Erhebungen zu Beschäftigtenstruktur, Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsaufwand der Angehörigen etc. durchgeführt. Die Forscherinnen begründen die Nicht-Einbeziehung der Bewohner_innen mit forschungspraktischen Überlegungen, da die entsprechende Adaptierung der Erhebungsinstrumente aufgrund mangelnder Ressourcen nicht möglich war. Dass dies ein Defizit darstellt, ist den Autorinnen bewusst. Eine eigene Typologie von Wohn-Pflege-Gemeinschaften, in dem diese nach dem Grad der Einbindung der Angehörigen und Trägerschaft klassifiziert werden (S. 47) („Typ 1 WGs in ambulanter oder sonstiger Trägerschaft ohne Angehörigengremium“, „Typ 2 WGs in ambulanter Trägerschaft mit Angehörigengremium“ sowie „Typ 3 selbstverwaltete WGs“) dient als zentrale Analysedimension.

Im fünften Kapitel werden die Forschungsergebnisse präsentiert (S. 49 – 113). Bei der Frage nach Motiven für diese Art der Betreuung und Pflege wird deutlich, dass negative Erfahrungen in herkömmlichen Strukturen (Pflegeheime, mobile Dienste), insbesondere Zeitmangel und Qualität der Pflege eine wesentliche Motivation für die Entscheidung für Wohn- und Pflegegemeinschaften darstellen, dies betonen Angehörige wie Beschäftigte. Für Angehörige ist auch die Überlastung durch die häusliche Pflege ein häufiges Motiv für die Wahl dieser Wohnform. In den Wohn-und Pflegegemeinschaften wird der familiäre Aspekt der Pflegesituation betont und positiv bewertet, wobei sich die Wertschätzung dieser so wichtigen „Emotionsarbeit“ (S. 93) aber nicht in finanzieller Anerkennung niederschlägt. Auch der Fakt, dass prekäre bzw. Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse eine „tragende Säule der Care-Arrangements“ (S. 95) der Wohngemeinschaften darstellen, führt letztlich zu einer unzureichenden Existenzsicherung des vorwiegend weiblichen Pflege- und Betreuungspersonals. Detailliert wird geschildert, welche Auswirkungen die unterschiedlichen Typen von Wohn- und Pflegegemeinschaften auf Mitbestimmungsmöglichkeiten und Arbeitsaufwand der Angehörigen haben.

Kapitel sechs widmet sich ausführlicher der Frage der Geschlechtergerechtigkeit (S. 114 -125). Fazit: Auch wenn das räumliche und organisatorische Setting als innovativ gesehen werden kann, so zeichnet sich doch in Bezug auf Geschlechterrollen eine beharrliche Kontinuität traditioneller Geschlechterverhältnisse ab. Hier heben die Autorinnen insbesondere die Problematik des normativen Leitbilds der Familie hervor, das den Wohn- und Pflegegemeinschaften unterlegt ist. Da dieses als implizite Voraussetzung unbezahlten weiblichen Care-Arbeit hat, entsteht ein Widerspruch zu einem professionellen Zugang zu Pflege- und Betreuung. Dieser wird durch prekäre Arbeitsverhältnisse, die Aufspaltung in „qualifizierte, semi- und unqualifizierte Tätigkeiten“ (S. 119) und unbezahltem Engagement von (weiblichen) Angehörigen aufzulösen versucht – letzteres allerdings in weit geringerem Maß als bei der herkömmlichen Angehörigenpflege.

In den abschließenden Bemerkungen in Kapitel sieben (S. 126- 129) verorten Reimer und Riegraf die Ergebnisse der Studie in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext und weisen darauf hin, dass Wohn- und Pflegegemeinschaften nur dann „als möglicher Meilenstein einer geschlechtergerechten Neuorganisation von Care und Care-Arbeit“ (S. 127) geeignet sind, wenn hier nicht eine Umschichtung von unbezahlter Care-Arbeit von unbezahlten weiblichen Angehörigen zu schlecht bezahlten und prekär beschäftigen weiblichem Pflege- und Betreuungspersonal stattfindet. Außerdem weisen sie darauf hin, dass Wohn- und Pflegegemeinschaften durchaus hohes soziales und ökonomisches Kapital bei den Angehörigen erfordern und damit keineswegs ein niederschwelliges Angebot für alle darstellen. Hier wären begleitende und beratende Angebote notwendig, um den Zugang auch für einkommensarme oder andere benachteiligte Gruppen zu erleichtern. Trotzdem sehen die Autorinnen Wohn- und Pflegegemeinschaften als „einen vielversprechenden Ansatz … an der Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft, Familie, Markt und Staat“ (S. 129).

Diskussion

Die Frage nach neuen Formen einer geschlechtergerechten Organisation von Care stellt sich vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen immer drängender. Wohn- und Pflegegemeinschaften werden gerade vor dem Hintergrund von Konzepten wie „Caring Communities“ als ein Königsweg propagiert. Reimer und Riegraf leisten mit ihrer Studie Pionierinnenarbeit, zum einen entwickeln sie eine Typologie von Wohn- und Pflegegemeinschaften, die das Thema Mitbestimmung zentral mit einbezieht, zum anderen lenken sie durch ihren Fokus auf Pflegekräfte und Angehörige die Aufmerksamkeit auf die Bedingungen, unter denen in diesen Gemeinschaften Care-Arbeit erbracht wird.

Dass die Adressat_innen der Pflege und Betreuung nicht in die Untersuchung einbezogen wurden, wird zwar reflektiert, bleibt aber trotzdem eine schmerzliche Lücke, die durch anschließende Untersuchungen geschlossen werden sollte.

Positiv hervorzuheben ist die Einbettung der Studie in die aktuellen Diskurse zu Care und der kritische Blick auf kommunitaristische Ansätze. Im Buch finden sich immer wieder Hinweise auf Faktoren und Maßnahmen, die zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in Wohn- und Pflegegemeinschaften beitragen können, eine abschließende Aufzählung dieser Aspekte als Empfehlungskatalog hätte zu einem besseren Transfer der Ergebnisse der Studie in die Praxis beigetragen.

Fazit

Das Buch bietet eine gute Übersicht über die noch neue Form der Pflege und Betreuung von älteren Menschen in Wohn- und Pflegegemeinschaften. Die geschlechterkritische Analyse stützt sich auf umfangreiches empirisches Material und bettet die Forschung in die aktuellen interdisziplinären Fachdiskurse im Bereich Care ein. Eine gut lesbare Pflichtlektüre für alle, die an Innovationen im Bereich Care interessiert sind.


Rezensentin
Prof. Mag. Dr. Eva Fleischer
Professorin am Studiengang für Soziale Arbeit, Management Center Innsbruck
Homepage www.mci.edu/faculty/eva.fleischer.html
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Zitiervorschlag
Eva Fleischer. Rezension vom 27.07.2017 zu: Romy Reimer, Birgit Riegraf: Geschlechtergerechte Care-Arrangements? Zur Neuverteilung von Pflegeaufgaben in Wohn-Pflege-Gemeinschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3049-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21507.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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