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Steffen Eisentraut: Mobile Interaktions­ordnungen im Jugendalter

Cover Steffen Eisentraut: Mobile Interaktionsordnungen im Jugendalter. Zur Soziologie des Handygebrauchs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 256 Seiten. ISBN 978-3-7799-3404-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Handys sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und spielen auch im Leben von Jugendlichen eine zentrale Rolle. Die soziologische Studie von Steffen Eisentraut beleuchtet die Produktion und Reproduktion sozialer Ordnungen in medienvermittelten und medienbezogenen Interaktionen in Hinblick auf die Handynutzung von Jugendlichen. Damit kommt nicht lediglich die jugendliche Praxis der Handynutzung in den Blick, vielmehr wird es durch die gewählte theoretische Rahmung und entsprechend theoriegeleitete Interpretation der erhobenen Interviews möglich, einen Blick auf soziale Regeln sowie deren Herstellung in spezifischen Interaktionskontexten zu werfen.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist die Dissertation des Autors, die im Fach Soziologie an der Bergischen Universität Wuppertal eingereicht wurde. Sie verfolgt somit kein pädagogischen und auch kein ausschließlich empirisches Interesse, sondern dient auch der soziologischen Theorieentwicklung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch kann in drei Abschnitte gegliedert werden.

Im ersten Teil des Buches (Kap. 1-3) wird die zentrale theoretische Idee der Arbeit vorgestellt und zugleich der relevant Forschungsstand entsprechend ausgewertet. Den beiden zentralen Bezugstheorien von Erving Goffman und Anselm Strauss ist gemeinsam, dass sie annehmen, dass soziale Interaktionen regelgeleitet oder eben geordnet sind. Dabei sind die Ordnungen einerseits in den Interaktionen selbst verortet, d.h. soziale Situationen wirken durchaus strukturierend auf das Handeln der Individuen. Anderseits entstehen die Ordnungen erst im Handeln der Akteure, sodass dieses Handeln in der Empirie von besonderem Interesse wird. Insbesondere Strauss geht dabei von der Wandelbarkeit sozialer Ordnungen aus, indem er von „ausgehandelten Ordnungen“ spricht – in einer Interaktion wird die Ordnung nicht nur hergestellt, sondern auch ausgehandelt und modifiziert. Ausgehend von dieser theoretischen Setzung kritisiert der Autor, dass bisher zu wenige Studien den Mediengebrauch als in soziale Prozesse integriert und als selbst sozial strukturiert begreifen. Für diese Frage bietet sich nach Meinung des Autors die Betrachtung Jugendphase in besondere Weise an, weil hier eine Spezifik von Ordnungsherstellungsprozessen zu beobachten ist: Zu fragen sei dann nach der „Rolle des Mediums für die Aushandlung von Interaktionsregeln, d.h. Ansprüchen und Erwartungen an Situationen sowie dessen Rolle für die (Wieder-)Herstellung, Bestätigung oder Modifizierung sozialer Ordnung“ (S. 57). Neben dieser Spezifizierung der Forschungsfrage nutzt der Autor die theoretische Rahmung als Heuristik für die Auswertung, indem er jugend- und medienspezifische Ordnungsdimensionen als Kategoriensystem entwirft.

Im zweiten und umfangreichsten Teil des Buches (4-9 Kap.) erfolgen die methodologische Verortung der Studie sowie die Darstellung der Ergebnisse. Die Datenbasis bilden leitfadengestützte sechs Einzel- und zwölf Gruppeninterviews mit Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren aus verschiedenen Schulformen, die gemäß der Auswertungsschritte der Grounded Theory erhoben und ausgewertet wurden. Die Systematik der Ergebnisdarstellung ergibt sich dabei aus den theoretisch entwickelten Ordnungsdimensionen. So werden für drei verschiedene Interaktionskontexte (Familie, Peers und Schule) die Ordnungsdimensionen bzw. Prozesse des Ordnens nacheinander dargestellt. Um Einblick in die Ergebnisse und ihre Tragweite zu geben, werden als Beispiel ausführlicher die Erkenntnisse zum Interaktionskontext Familie (Kap. 6) dargestellt. In einer ersten Dimension deutet Eisentraut das Handy als biografischen Marker (Kap. 6.1). Während das erste Handy noch als sogenanntes Notfallhandy von den Eltern angeschafft wird, stellt die selbstständige Anschaffung eines Smartphones einen biografischen Marker dar. Zunächst dient das Handy also noch einer doppelten Absicherung: Es gewährleistet sowohl den Kinder bzw. jungen Jugendlichen als auch ihren Eltern einer sofortige Kontaktaufnahme im „Notfall“. Die Kinder können so den Schutzraum der Familie virtuell verlängern, während die Eltern ihre Kontrolle über den konkreten familiären Raum hinaus ausweiten können. Das erste eigene Smartphone dient dann nicht mehr ausschließlich der Kontaktaufnahme zwischen Eltern und Kindern, sondern vor allem der Peerinteraktion, auch wenn es weiterhin die Erreichbarkeit der Jugendlichen für die Eltern ermöglicht. Die Frage von Kontrolle buchstabiert der Verfasser über die Kategorie „restringierte Räume vs. Freiräume“ (Kap. 6.2) weiter aus. Insbesondere die Kontrolle über die Distanz, d.h. außerhalb des familiären Nahraums, bedeutet für die Jugendlichen ein Freiheitsgewinn. So berichten viele Jugendliche, dass sie länger von zuhause wegbleiben durften, nachdem sie ein Handy erhalten hatten. Zugleich ergibt sich aus dem Arrangement, dass elterliche Anrufe nicht abzulehnen sind, sondern angenommen werden müssen. Ferner üben Eltern im familiären Raum Kontrolle über die Nutzung des Handys bzw. Smartphones aus. So darf das Handy in bestimmten Situationen (z.B. bei Mahlzeiten) nicht genutzt werden und auch die Nutzungsdauer wird in Teilen (z.B. am Abend) eingeschränkt. Insgesamt zeigt sich ein generationales Ordnen, bei dem die Herrschaftsverhältnisse des familiären Raums anerkannt werden, indem den Älteren zugestanden wird, Regeln aufzustellen: „Der familiale Raum ist unabhängig von sozialen Anlässen als ein durch generationale Ordnung restringierter Raum zu begreifen, der sich durch ein situativ auszuhandelndes Set an Regeln auszeichnet.“ (S. 133)

Im letzten Teil des Buches (10. Kap.) werden zunächst die Ergebnisse dicht und prägnant zusammengefasst und zu einer Theorie mobiler Interaktionsordnung abstrahiert. Der Autor selbst formuliert die zentrale Ergebnisthese so: „Mobile Interaktionsordnungen im Jugendalter zeigen sich als eine Verschränkung raumzeitlicher Arrangements mit spezifischen Formen und Graden von Kontrollierbarkeit, die jeweils abhängig vom Beziehungstyp sind und aus denen bestimmte Handlungspotenziale und Handlungsrestriktionen resultieren.“ (S. 236)

Diskussion

Hervorzuheben ist das kohärente, theoriegeleitete Vorgehen des Autors, das vor allem durch die sorgfältige Einführung in die theoretische Rahmung im ersten Teil des Buches auch für soziologisch weniger kundige Leser/innen nachvollziehbar sein sollte. Eine Stärke ist dabei, dass bereits der Forschungsstand anhand der gewählten Theorien fokussiert und sortiert wird. Dabei wird nicht nur der Forschungsgegenstand „Handy“, sondern auch die anvisierten Akteure „Jugendliche“ differenziert betrachtet, indem sich der Verfasser von anderen, durchaus populären wissenschaftlichen Zugriffen (wie der sozialisationstheoretischen Betrachtung von Jugend) abgrenzt. Insgesamt wird in der Studie ein breiter oder weiter Blick auf das Phänomen der Handynutzung von Jugendlichen geworfen, indem dieses in verschiedenen Interaktionskontexten mit deren spezifischen sozialen Ordnungen situiert und verstanden wird. Vereinfacht gesagt bietet die Studien einen guten Überblick, nach welchen Regeln Jugendliche in bestimmten sozialen Situationen ihr Handy benutzen bzw. welche Regeln sich bei der Handynutzung herstellen.

Der Preis für diesen weiten Blick auf die sozialen Kontexte liegt jedoch zum einem darin, dass es zu Redundanzen in der Darstellung kommt. Zwar gelingt dem Verfassen im letzten Teil des Buches die Zusammenführung der Erkenntnisse verdichtet und über die drei betrachteten Kontext hinweg darzustellen. In der Ergebnisdarstellung im zweiten Teil kommt es aber dann zu Wiederholungen, wenn z.b. das generationale Ordnen zunächst ausschließlich nach Kontexten getrennt dargelegt wird. Weiterhin vermisst zumindest die erziehungswissenschaftlich orientierte Leserin den Blick auf die Fallspezifik. So werden zwar generelle sozialen Ordnung und deren Prozessieren thematisiert, aber fallspezifische Unterschiede nur an wenigen Stellen angedeutet und vor allem nicht über die verschiedenen Interaktionskontexte hinweg systematisiert.

Fazit

Insgesamt biete das Buch von Steffen Eisentraut einerseits eine ausschlussreiche und gegenstandbezogene Einführung in die Theorie sozialer Interaktionsordnung nach Goffman und Strauss. Andererseits gewährt sie umfassende Einblicke in die jugendliche Praxis der Handynutzung und deren sozialer Bedeutung. Insbesondere die Theoretisierung der Ergebnisse in Form einer Theorie mobiler Interaktionsordnung ist für wissenschaftliche Leser/innen erkenntnisreich. Für die pädagogisch orientierten Leser/innen sind die fokussierten Praktiken der Jugendlichen sicherlich auch interessant, aber sowohl die ausgeprägte soziologische Orientierung der Arbeit als auch die fehlende Fallspezifik mindern vermutlich die Anschlussfähigkeit an die Erkenntnisse des Buches.


Rezensentin
Dr. Nora Katenbrink
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Zitiervorschlag
Nora Katenbrink. Rezension vom 28.04.2017 zu: Steffen Eisentraut: Mobile Interaktionsordnungen im Jugendalter. Zur Soziologie des Handygebrauchs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3404-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21508.php, Datum des Zugriffs 09.12.2018.


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