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Judith von der Heyde, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Wettkampf im Fußball – Fußball im Wettkampf

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 20.12.2016

Cover Judith von der Heyde, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Wettkampf im Fußball – Fußball im Wettkampf ISBN 978-3-7799-3436-3

Judith von der Heyde, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Wettkampf im Fußball – Fußball im Wettkampf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-3436-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Herausgeberin und Herausgeber

Jochem Kotthaus ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Dortmund; Judith von der Heye ist seine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die außerdem in der „Projektgruppe Fußball der Arbeitsstelle für Spieleforschung“ tätig ist.

AutorInnen und Aufbau

Insgesamt 19 Autorinnen und Autoren sind an 16 Beiträgen beteiligt. Soziologen und Erziehungswissenschaftler bilden die Mehrzahl. Die Beiträge sind in vier große Kapitel unterteilt.

Eventisierung

Kapitel 1, „Wettkampf als gesellschaftliches Event“, rückt die kulturindustrielle „Eventisierung“ von Sportwettkämpfen in den Mittelpunkt. „Event“ ist das Wort für ein außeralltägliches Ereignis mit Gänsehautgarantie für die Konsumenten. Events werden am Reißbrett spezialisierter Agenturen konstruiert. Traditionelle Ereignisse wie z. B. Fußballspiele, die von sich aus schon Gänsehautgarantie versprechen (denn man weiß am Beginn eines Spiel ja nie, „wie es ausgeht“, S. Herberger) werden heute „eventisiert“, um sie zu „medialisieren“ (d. h. fernsehgerecht aufzubrezeln) und damit eine tendenziell weltweite Verbreitung als Unterhaltungsformat zu erreichen. Eine Machart des modernen Events ist die „Hybridisierung“, die Durchmischung vormals getrennter Elemente. So wie ein Jugend-Gottesdienst heute kaum noch ohne die Integration von Elementen eines Pop-Konzerts auskommt, fehlt keinem Fußballspiel der oberen Spielklassen heute die komplexe Tribünen-Choreographie und der 90minütige Fischerchor-Gesang, der von eigenen „Capos“ dirigiert wird, derweil in den Hüpfburgen der „Family Corners“ die Kleinkinder der Zuschauerinnen und Zuschauer bespaßt werden. Und in der Halbzeitpause finden sich lokale Schönheiten im Mittelkreis des Platzes zur Miss-Wahl en détail ein: Miss Gesicht, Miss Bein, Miss Busen. – Das Buch erklärt die Akzeptanz all dieser Machenschaften mit Theoremen der „zweiten Moderne“ und „Entbettungsverlusten“ des vormals in Tradition und Sitte aufgehobenen, nun aber „unbehausten“ Bürgers, der sich nach neuen Gemeinschaftsangeboten sehnt. Die „rauschhafte Vergemeinschaftung“ (S. 81) unter Fußballfans befriedigt dieses Bedürfnis, zwar nur auf Zeit und darum auf Wiederholung drängend. Gerd Vinnai, der Altmeister der Ideologiekritik des Fußballs und mit Abstand des älteste Beiträger des Buches, erkennt im organisierten Fußball eine „trostspendende Ersatzwelt“ für eine vom Konkurrenzkapitalismus zerstörte Solidarität in Arbeits- und Lebenswelt: Im gemeinschaftlichen Jubel über die Tore auf dem Fußballfeld erkennt Vinnai nur „Eigentore der Beherrschten.“ (S. 42) In dieser Form der Selbstberauschung am nichtigen Objekt büßen die Fans jede politische und kulturelle Widerstandskraft ein.

Einmal eingelesen in dieses Kapitel, fliegen den Leser seltsame Gedanken an: Gibt es auch eine Eventisierung durch Kriminalisierung? Betrachtet man Aufsichtsrat, Vorstand und Ehrenpräsidium des FC Bayern München, Stand Dezember 2016, kann man diesen Eindruck gewinnen. Steuerhinterzieher, Uhrenschmuggler und Korruptionsverdächtiger haben hier das Sagen. Warum noch sauber bleiben? Crime sells! Vielleicht nicht uninteressant, das Kapitel „Eventiserung“ in diese Richtung fortzuschreiben.

Inszenierung

Kapitel 2 ist „Körper und Inszenierungen im Wettkampf“ überschrieben.

Untersuchungen dazu, wie sich Frauen und Männer im „Fußballpublikum erster Ordnung“ (also im Stadion) und im „Fußballpublikum zweiter Ordnung“ (also zu Hause vor dem Fernsehgerät während der Fußballübertragung) inszenieren, kommen zu dem Ergebnis, dass sich hier wie dort alte Rollenklischees reproduzieren. Ein Fernsehbild wie das folgende ist Gegenstand seitenlanger Exegese: Ein Mann auf den Stadionrängen wird gezeigt, der sich verzweifelt die Haare rauft (vermutlich nach einer misslungenen Aktion seines Clubs), während die Frau an seiner Seite fröhlich in die Kamera winkt. (vgl. S. 137)

Das Buch untersucht auch die Inszenierungen der Freude im Fußballstadion und unterscheidet Spielarten und Intensitäten des Torjubels mit akribischer Akkuratesse, ohne allerdings in die Tiefe zu gehen und etwa den Jubel „im Wandel der Zeit“ zu thematisieren. Damit ist Folgendes gemeint: Zu Anfang der Bundesliga, 1963 ff, wurde ein Elfmetertor kaum bejubelt. Man habe sich geschämt, so ein Akteur von damals, das Ausnutzen eines solchen Vorteils auch noch zu feiern. Wenn heute der Schiedsrichter einen Elfmeter pfeift, jubeln die Begünstigten bereits im Voraus. – Leider wird der Jubel als Spiegel veränderter Moralvorstellungen nicht diskutiert.

Auch Gewalt, die im Umfeld des Fußballs entsteht, wird auf die Muster ihrer Inszenierung untersucht. Man zieht das Theorem der „crowd violence“ zu Rate und lässt uns mit der Erkenntnis allein, dass Gewalthandlungen nur im massenhaften Aufeinandertreffen rivalisierender Leidenschaften (Fußballfans) Form und Gestalt gewinnen. Da der Beitrag in genderkorrekter Schreibweise verfasst ist, lautet seine Überschrift: „Zuschauer_innengewalt im Fußball“ (S. 143) Aus dem Beitrag geht aber nicht hervor, ob Frauen überhaupt einen Anteil an „Fußballgewalt“ haben. Fußball in allen seinen Aspekten ist – auch heute noch – „Männerdomäne“, wie es auf S. 117 heißt; nur bei der Feuerwehr ist der Anteil der Frauen noch geringer. (vgl. ebd.) Aber zumindest grammatikalisch sollten wir den Frauen die Chance einräumen, auch einmal auf hooliganeske Weise dabei zu sein.

Interessen

Kapitel 3, „Das Interesse am Wettkampf“, rückt finanzielle und journalistische Interessen in den Mittelpunkt. Dem Phänomen des „ungleichen Wettkampfs“ widmet sich der Management-Professor Uwe Wilkesmann. Er weist nach, dass der Wettbewerb der 18 Bundesligamannschaften um die Deutsche Fußballmeisterschaft ein Kampf unter Ungleichen ist. In erster Linie deshalb, weil die wenigen Mannschaften, die es in der Vorsaison in die europäischen Wettbewerbe geschafft haben (Champions League, Europa League) mit ungleich mehr Geld (zum größten Teil aus der „Fernsehvermarktung“) in die neue Saison gehen als alle anderen. „Schießt Geld Tore?“ fragt sich der Verfasser auf S. 167 und bejaht dies eindeutig auch S. 170. Wenn es so ist, dann kann man schon vor der Saison anhand der Vereins-Budgets eine Geldrangliste aufstellen, aus der man den zukünftigen Deutschen Meister ablesen kann, ohne dass auch nur ein Spiel gespielt ist.

Fußball ist heute Mediensport, vor allem Fernsehsport. Der gespielte Fußball auf dem Platz bedarf des erzählten Fußballs in den Medien. Die 90 Minuten Bundesliga-Fußball pro Woche werden so zum Gesprächsstoff für sieben Tage. Marcus Bölz nimmt die Rolle der Medienschaffenden unter die Lupe und beschreibt drei Rollenbilder für den Sportjournalisten vor dem Hintergrund der zunehmenden Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballbetriebs: „Erklärer“, „Aufklärer“ und „Verklärer“, das sind Fußballreporter heute. (vgl. S. 179 ff) In einem Beitrag über die Aufgabe von Sportjournalisten erwartet man nicht unbedingt volkswirtschaftliche Erkenntnisse; genau damit aber verblüfft Marcus Bölz. So erfahren wir erstaunliche drei Dinge. Erstens: Die ermittelte Bruttowertschöpfung des Sports in Deutschland liegt im Jahr zwischen 70 und 90 Milliarden Euro. „Sportbezogene Leistungen erwirtschaften somit einen ähnlich hohen Wertschöpfungsbeitrag wie der deutsche Fahrzeugbau.“ (S. 180) Zweitens: Im Zusammenhang mit dem Profifußball der Ersten und Zweiten Bundesliga in Deutschland existieren rund 110.000 Arbeitsplätze. Drittens: Die Erst- und Zweitligisten, 36 Mannschaften insgesamt, bringen dem deutschen Steuersystem jährlich rund 1,5 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben ein. (vgl. S. 180) – Erstaunliche Daten!

Thomas Schmidt-Lux untersucht, ob sich das Publikum von internationalen Länderspielen vom Publikum bei nationalen Ligaspielen unterscheidet. Ergebnis: Länderspiele und namentlich große Turniere wie Europa- und Weltmeisterschaften ziehen ein deutlich heterogeneres Publikum an als Ligaspiele. Es ist im Durchschnitt älter, weiblicher und statushöher als das reguläre Ligapublikum. Zu Länderspielen geht man, um zu sehen und gesehen zu werden; Schmidt-Lux nennt das in Anspielung auf Thorstein Veblens Theorem vom „demonstrativen Konsum“ eine „demonstrative Praktik“. (vgl. S. 205)

Lehren

Kapitel 4, „Im Wettkampf lernen“, fragt sich nach den Bildungserlebnissen, die der sportliche Wettkampf mit sich bringt.

Stefan Krause kann nicht ganz ausschließen, dass die tendenziell lebenslange Treue des Fans zu seinem Verein auch mit einem Mangel an Lernfähigkeit zu tun haben könnte. (vgl. S. 208 ff)

Harald Michels ist Professor im Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule Düsseldorf. Er setzt den Wettkampfsport Fußball auch als Methode in der SozialarbeiterInnen-Ausbildung ein. Soziale Arbeit hat es in vielerlei Hinsicht mit „Wettkampfverlierern“ zu tun und steht dem Wettbewerbsprinzip der kapitalistischen Leistungsgesellschaft prinzipiell kritisch gegenüber. Michels plädiert für eine „mehrperspektivische“ Herangehensweise an den Wettbewerb und namentlich das Wettkampfspiel Fußball. Wettkampf stiftet nicht nur Konkurrenz, sondern auch Kameradschaft. Fußball hat sich als ideales „Kontaktmedium“ der sozialen Jugendarbeit herausgestellt. Die sozialen Integrationsleistungen des Kinder- und Jugendfußballs werden allgemein anerkannt. Eine Weltmeisterschaft in Brasilien lädt ein, die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in diesem „Schwellenland“ zu erkunden und am Volkssport Fußball zu demonstrieren. Am Ende spricht er sich für einen insbesondere dem Freizeitsport angemessenen inkludierenden Wettkampfbegriff aus, der nicht auf „Auslese“ abzielt, sondern Ausdruck der Freude an Bewegung und Leistungsvergleich ist. (vgl. S. 217 ff)

Der Theologe Frank Martin Brunn widmet sich im abschließenden Beitrag des Buches der moralischen Persönlichkeitsbildung durch Sport. Dass durch den regelgeleiteten körperlichen Wettstreit Mut, Willensstärke, Fairness, Respekt und andere „Tugenden“ geprägt und verinnerlicht werden, steht für ihn außer Frage. Der Einwand, dass Sport mit seiner Betonung körperlicher Stärke und Überlegenheit zur Brutalität beitrage, wird zur Kenntnis genommen, aber nicht diskutiert. Ebenso wenig wie die unmoralischen Seiten des organisierten Sportbetriebs, der Betrug durch Doping etwa oder die korrupte Vetternwirtschaft in den großen Sportverbänden, Stichwort: FIFA-Skandal.

Fazit

Wegen der Heterogenität der Beiträge ist das Buch schwer auf einen Nenner zu bringen. Im Titel „Wettkampf im Fußball – Fußball im Wettkampf“ findet die rhetorische Figur des Chiasmus eine fragwürdige Anwendung; klingt sehr nach einer Verlegenheitsformulierung.

Vielleicht liegt der größte Wert des Bandes in der Aufdeckung von drei Trends, bei denen der sportliche Wettkampf in der kapitalistischen Spätmoderne eine Art Vorreiter spielt.

Da ist zum einen der Trend zur Sportifizierung der Gesellschaft durch Übertragung des Wettbewerbsgedankens auf alle Lebensbereiche, auf Erziehung, Bildung, Schule (PISA!); auf Hochschule, Wissenschaft und Forschung (Bologna-Reformen!). Und selbst bis in das Intimleben von Paaren, die die Häufigkeit ihres Geschlechtsverkehrs an nationalen und internationalen Standards überprüfen – um anschließend „Nachholbedarf“ feststellen zu müssen oder sich im „grünen Bereich“ fühlen zu dürfen.

Da ist zum zweiten der Trend zur Telegenisierung des Sports durch die Anpassung sportlicher Regeln und Aktivitäten an die Übertragungsbedingungen der geldgebenden Massenmedien, vor allem des Fernsehens. Nur zwei Beispiele: Im Tischtennis sind die Bälle aus Gründen der „Bildschirmtauglichkeit“ inzwischen größer geworden; im Basketball hat man aus zwei Halbzeiten vier Viertel gemacht, um mehr Zeit für Werbeeinblendungen zu gewinnen.

Da ist zum dritten der Trend zur Theatralisierung des Sports nach dem Muster von Soap Operas. Eine Fußballbundesliga-Saison mit 34 Spieltagen wird heute vom Fernsehen, zumal den Privatsendern, wie eine Vorabend-Serie inszeniert, wie ein wöchentliches „Dallas with balls“. (S. 74)

Die Subsumtion des Sports, namentlich des Fußballs, unter die Verwertungsbedingungen des Kapitals ist im vollen Gange. Dabei droht zugleich die erste und wichtigste Quelle der Massenfaszination des Fußballs zerstört zu werden: die Ungewissheit des Ausgangs der Spiele.

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 20.12.2016 zu: Judith von der Heyde, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Wettkampf im Fußball – Fußball im Wettkampf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3436-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21509.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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