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Ulf Preuss-Lausitz (Hrsg.): Schwierige Kinder - schwierige Schule

Cover Ulf Preuss-Lausitz (Hrsg.): Schwierige Kinder - schwierige Schule. Konzepte und Praxisprojekte zur integrativen Förderung verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. 212 Seiten. ISBN 978-3-407-57209-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Beltz Pädagogik.
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Herausgeber und Autor

Ulf Preuss-Lausitz ist Diplom-Soziologe, Grund- und Hauptschullehrer und Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft und Schulpädagogik an der Technischen Universität Berlin

Autoren/-innen

  • Karl-Heinz Arnold (Prof. für Pädagogische Psychologie an der TU Berlin);
  • Ralf Bönder (Lehrer für Sonderpädagogik);
  • Ute Hengst (Kinderpsychologin); Georg Hoffmann (Schulpsychologe);
  • Dr. Almut Köbberling (Lehrerin);
  • Dieter Krowatschek (Schulpsychologe);
  • Anne Levin (Dipl.Psych.);
  • Christiane Nevermann (Dipl.Psych.);
  • Stephanie Plückhahn (M.A. an der TU Berlin);
  • Gabriele Reichert (Sonderpädagogin);
  • Helmut Reiser (Sonderpädagoge),
  • Wilfried Sorg (Dipl.Psych.);
  • Annette Textor (Dipl.Päd., Grund- und Hauptschullehrerin);
  • Nicola Unger (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rehabilitationspädagogik Halle-Wittenberg);
  • Vera Wisotzki (Lehrerin);
  • Marc Willmann (Dipl.Päd.);
  • Fred Zierbarth (Sonderpädagoge, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut).

Aufbau und Inhalte

Dieser Band enthält fünfzehn Fachbeiträge der Autorinnen und Autoren rund um die Thematik der integrativen Förderung verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler.

Jedem Beitrag ist ein Literaturverzeichnis beigefügt. Zum Schluss des Buches werden noch einmal auf acht Seiten in gut gegliederter Form themenspezifische Literaturhinweise gegeben:

  • Jugendhilfe und Schule,
  • therapeutische Ansätze außerhalb der Sonderpädagogik,
  • spezifischsonderpädagogische Ansätze einschließlich sonderpädagogischer Beratungszentren ,
  • innerschulisch-systemische Ansätze zur Arbeit mit Verhaltensauffälligen,
  • Entwicklungstherapeutischer bzw. entwicklungspädagogischer Unterricht,
  • zum Unterricht mit Verhaltensauffälligen und einer für sie förderlichen Schulpolitik
  • Schulverweigerung, Schulabsentismus,
  • ADS/Hyperaktivität,
  • Diagnostik und Beschreibung,
  • Einführungen, Übersichten und grundsätzliche Erörterungen.

Im gesamten verstehen sich die unterschiedlichen Fachbeiträge als Hilfestellung zur Integration verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlichen. In einzigartiger Verknüpfung von Hilfemöglichkeiten in Elternhaus, Schule, Jugendhilfe und Therapie werden Ansätze der kombinierten Unterstützung vorgestellt. Die meisten Beiträge beziehen die Erfahrungen aus dem Berliner Raum. Dazu kommen noch Darstellungen aus Hannover, Halle-Wittenberg, Marburg, Hamburg, Bremen und Essen. Die beschriebenen Projekte und Praxismodelle sind aber durchaus auch auf andere Regionen Deutschlands übertragbar.

  • Die einleitenden Ausführungen des Herausgebers sind hierbei richtungsweisend. Ohne in einseitiger Form eine Ursachenbündelung für einzelne Bereiche vorzunehmen, stellt Ulf Preuss-Lausitz die unterschiedlichen Faktoren heraus, welche mit dazu beitragen, dass "...ein Teil der Kinder zunehmende Schwierigkeiten hat, kontinuierlich für klassische schulische Lernprozesse frei zu sein." Neben gesamtgesellschaftlichen, familiären und schulischen Entwicklungen befasst er sich auch mit der Bedeutung von Schlaf- und Bewegungsmangel, Ernährung, Scheidung, Fernseh-/Medienkonsum, Armut, Arbeitslosigkeit, familialer Demokratisierung sowie der gesundheitlichen Lage. Der Autor macht dabei deutlich, dass Veränderungen weder generativ noch individuell alleine angegangen werden können, sondern vielmehr vernetzt, in Kooperation und auf der Ebene des Unterrichts, der Einzelschule, der diversen Hilfesysteme und der Bildungspolitik Lösungen zu suchen sind. Es sei schon eine positive Entwicklung, wenn die derzeitigen Schwierigkeiten mit verhaltensauffälligen jungen Menschen als Beziehungs- und Kommunikationsstörungen von Menschen und Institutionen begriffen werden.
  • Im zweiten Beitrag geht es dann um die Frage nach der Diagnostik von Verhaltensauffälligkeiten, deren Auftretenshäufigkeit und unterschiedlicher Methoden zur Erfassung.
  • Im dritten Beitrag wird anhand von drei Grundschulkindern sehr anschaulich beschrieben, wie unterschiedlich sich Verhaltensproblematiken zeigen und welche Interventionsstrategien erfolgsversprechend sind. Die vorgenommene Einteilung in internalisierende, externalisierende Verhaltensproblematiken sowie entsprechenden Mischformen ist dabei sehr hilfreich.
  • Die Darstellung des Marburger Konzentrationstrainings im nächsten Beitrag gelingt sehr schlüssig und komprimiert und regt zum Einsatz bei ADS- bzw. ADHS-Kindern an.
  • Das Modell des "Classroom Management", wie es im fünften Abschnitt des Buches vorgestellt wird, appelliert an die effektive Nutzung der Unterrichtszeit und zeigt auf, wie verhaltensmodifikatorische Interventionen auf lange Sicht erfolgreich sein können.
  • Einen sehr strukturierten Ansatz beschreibt Ralf Bönder, wenn er die entwicklungspädagogischen Prinzipien seiner Förderplanung erläutert.
  • Eine Besonderheit stellt in diesem Band das Protokoll eines Gespräches mit Lehrerinnen und Lehrern dar. Unter dem Pseudonym Vera Wisotzki stellt eine Lehrerin die Äußerungen ihrer Kolleginnen und Kollegen vor, die diese während eines Interviews gemacht haben. So wird deutlich, welche ganz persönlichen Positionen in der Lehrerschaft zu Kindern, Unterricht, Kooperation, dem helfenden Umfeld und Fortbildung bestehen.
  • Eine besondere Qualität (sonder-)pädagogischer und therapeutischer Arbeit stellt Fred Ziebarth in seinem Beitrag vor. Er skizziert drei Einzelfälle, anhand derer er die verschiedenen Bausteine seiner Arbeit beschreibt. Auch wenn eine Übertragbarkeit nicht ohne weiteres auf andere Schulen möglich erscheint, gibt der Artikel doch wertvolle Hinweise, welche vielleicht noch unbekannten Wege beschritten werden können, um Verhaltensauffälligkeiten angemessen zu begegnen.
  • Nachdem Nicola Unger die Bedeutung der Peer-Gruppe genau unter die Lupe genommen hat, werden zwei wegweisende Modelle der Kooperation von Schule und Jugendhilfe beschrieben. Ob es sich nun um die Form von Schulstationen oder Schülerclubs handelt: es geht um die Bereitstellung von zusätzlichem sozialpädagogischem Personal für die bzw. in der Schule und die Möglichkeiten, welche sich durch eine Veränderung des Lern- und Lebensortes Schule hierdurch ergeben.
  • In dem folgenden Beitrag werden dann zwei hessische Modelle (Präventionslehrer und Zentrum für Erziehungshilfe) zur Unterstützung bei Erziehungsschwierigkeiten in der Schule vorgestellt. Das REBUS-Konzept aus Hamburg wird im folgenden Beitrag sehr anschaulich dargestellt und zeigt auf, welche Chancen sich ergeben, wenn es zu einer Regionalisierung von Unterstützungsangeboten bei Schule und Jugendhilfe kommt. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Wilfried Sorg, wenn er in seinem Beitrag die so hilfreiche Verzahnung von "Hilfe zur Erziehung" und "sonderpädagogischer Förderung" beschreibt.
  • Der letzte Beitrag befasst sich dann mit der erst in jüngster Zeit wieder aufgegriffenen Diskussion um "Schulschwänzen" und möglichen Interventions- bzw. Präventionsstrategien.

Zielgruppen

Lehrerinnen und Lehrer aller Schultypen, Fachkräfte aus Jugendhilfe, Beratung und Therapie, Verantwortliche in Schulen, Kommunen und Bildungspolitiker/-innen.

Fazit

Ein sehr facettenreiches, multiperspektivisches Werk, welches durch die Aktualität der Beiträge, einen umfassenden Literaturüberblick und eine sehr praxisorientierte Forschungsarbeit überzeugt. Dem Herausgeber ist es in vortrefflicher Weise gelungen, Fachleute für diesen Band zu gewinnen, die ihre praktischen Erfahrungen anschaulich beschreiben und ihre Forschungshintergründe verständlich vermitteln. Die Länge der Beiträge ist sehr leserfreundlich und vermag auch weniger an Reflexion interessierte Personen zu überzeugen. Die vielfältigen Anregungen laden zum Investieren ein; und zwar zum Investieren in Schule und Jugendhilfe und Therapie. Es geht für die nachfolgende Generation um eine Bündelung der Kräfte. Ulf Preuss-Lausitz und die anderen Autoren/-innen versprechen keine finanziellen Einsparmöglichkeiten durch geschickteren Einsatz von Personal. Vielmehr geht es ihnen um ein Brückennetzwerk, das die Verbindungswege zwischen Lernen und Leben in Schule, Freizeit, Elternhaus und Ausbildung tragfähig auszubauen vermag. Eine flächendeckende Infrastruktur gelingender Kommunikation, verantwortungsvoller Kooperation und fachlich fundierter Konzeption wird allen Beteiligten helfen, aus der Schule einen Erfahrungsraum zu machen, wo lernen wieder lebbar wird. Wer auch immer mit verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern zu tun hat, sollte sich dieses Impulswerk zu Herzen nehmen.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 07.12.2004 zu: Ulf Preuss-Lausitz (Hrsg.): Schwierige Kinder - schwierige Schule. Konzepte und Praxisprojekte zur integrativen Förderung verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. ISBN 978-3-407-57209-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2151.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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