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Dörte Negnal: Die Konstruktion einer Problemgruppe (russischsprachige Inhaftierte)

Cover Dörte Negnal: Die Konstruktion einer Problemgruppe. Ethnographie über russischsprachige Inhaftierte im Jugendstrafvollzug. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 350 Seiten. ISBN 978-3-7799-3405-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema und Aktualität

Studien rund um das Gefängnis werden aus verschiedenen Perspektiven betrieben, die unterschiedliche Aspekte zum Gegenstand erheben. Dieser Themenbereich wird immer wieder im wissenschaftlichen und im politischen Diskurs aufgegriffen. Ausgangspunkt der vorliegenden Studie waren die Darstellungen von russischsprachigen Inhaftierten als einer Problemgruppe, die in Literatur und Praxis des Strafvollzugs umfassend dargestellt wurden. Laut der Autorin der vorliegenden Ethnographie, personifizieren sich soziale Probleme an russischsprachigen Inhaftierten. Die Studie liefert Einsichten in den Alltag von Problematisierungsprozessen und ihren Akteuren. Sie bietet Einsichten in das komplexe Interaktionsgefüge zur Wahrnehmung und Durchsetzung einer „Problemgruppe“, weil es sich die Frage stellt, was die Beteiligten ins Spiel bringen und wie sie dies tun, wenn die sogenannten „Russen in Haft“ geschaffen werden. Von dem Phänomen der Gruppenbildung ausgehend möchte die Autorin in ihrer Arbeit nachzeichnen, wie jugendliche und heranwachsende Spätaussiedler in Strafhaft als „Russen“ konstruiert werden. Da der Be­griff Spätaussiedler seiner Deutung nach eine Bezeichnung durch Behörden­vertreter ist, möchte Negnal ihn nicht verwenden, sondern bezeichnet die betreffen­den Forschungsteilnehmer als russischsprachige Inhaftierte, da sie alle die russische Sprache sprechen. Die Autorin unterstreicht die Multiperspektivität auf das Phänomen der Konstruktion der „Russen in Haft“.

Laut Negnal wird in der wissenschaftlichen Literatur mehrheitlich von einer homogenen Gruppe der Spätaussiedler ausgegangen, was einseitig und unzureichend ist, weil die Sicht der Inhaftierten nicht berücksichtigt wird (vgl.S.15). Die Studie thematisiert die Perspektiven russischsprachiger Inhaftierten und verschiedene Deutungen von Situationen im Haftalltag. Insofern schließt die vorliegende Ethnographie eine vorhandene Forschungslücke.

Anlage der Untersuchung

Die vorliegende Ethnografie von Dörte Negnal ist um die soziale Situation der russischspra­chigen Inhaftierten konzipiert. Das Erkenntnisinteresse der Autorin gilt den Herstellungen, also Konstruktionen von Inhaftiertengruppen russischsprachiger Gefangenen im Handlungsvollzug. Negnal richtet ihren Blick auf die Mikrosituationen, denn sie zeigen an, wie Differenzierungen vorgenommen, Abgrenzungen inszeniert und Gruppen hergestellt werden.

Die empirische Grundlage der Studie bildet das Material, das v.a. in Form von teilnehmenden Beobachtungsverfahren und themenzentrierten Interviews im Zeitraum März bis November 2010 in einer deutschen Jugend­haftanstalt gewonnen wurde. Der Begriff Material bezieht sich hierbei auf verschiedene Textsorten, von Feldnotizen über Transkripte bis zu analyti­schen Notizen, die im Forschungsprozess zum ethnografischen Material werden. Der Autorin geht es darum, die Lage der rus­sischsprachigen Inhaftierten in ihrem Haftalltag anhand der Situationen aufzuzeigen, die mit ihnen entstehen.

Autorin

Dörte Negnal, Jg. 1984, Dr. phil., ist Gastwissenschaftlerin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Ethnografie, Interaktionsanalyse und Forschung über staatliche Einrichtungen sozialer Kontrolle und Hilfe. 

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung von Konstruktion der Problemgruppen am Beispiel von russischsprachigen Inhaftierten im Jugendstrafvollzug von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden sechs Kapitel:

  1. Einführung ins Thema
  2. Konzeptionen von Gefängnis und Inhaftierten(gruppen);
  3. Forschen im Feld von Gefängnisgruppen;
  4. „Russen in Haft“ – zu den Elementen kollektiver Zuschreibungen;
  5. Elemente im Netzwerk der „Gesetzrussen“;
  6. Die Konstruktion einer Problemgruppe.

Im Kapitel 1 („Einführung ins Thema“) gibt die Autorin eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau ihrer Arbeit. Hier wird die Untersuchungsgruppe dargestellt. In diesem Einleitungskapitel wird die Untersuchungsperspektive der Studie erläutert und in die Forschungslandschaft eingeordnet.

Hier werden die Forschungsfragen gestellt:

  • Wie kommt es zu einer Gruppe der „Russen in Haft“?
  • Wie wird sie hergestellt?
  • Wie entsteht überhaupt der Eindruck einer in sich geschlossenen Gruppe, die durch Brutalität und Unkontrollierbarkeit als Bedrohung wahrgenommen wird?
  • Wie verhält sich ein Jugendlicher, der als Russlanddeutscher inhaftiert wird, und was heißt es, im Strafvollzug Russe zu sein? (S.16).

Um diese Fragen zu beantworten, nimmt Negnal die interaktionstheoretische Perspektive mit ihren situationsspezifischen Implikationen ein.

Im zweiten Kapitel („Konzeptionen von Gefängnis und Inhaftierten(gruppen)“) werden im ersten Schritt die ausgesuchten Begriffskomplexe, die the­oretischen Konzeptionen hinsichtlich ihrer Erkenntnisse, Grenzen und offenen Fragen diskutiert. Negnal stellt hier Studien zu Gefängnis und Gefangenschaft dar. Laut Negnal ist ein interaktionstheoretischer Zugang mit seinen situationsspezifischen Implikationen geeignet, um ihre Forschungsfrage nach den Konstruktionen russischsprachiger Inhaftierungsgruppen zu beantworten. Mit diesem Zugang erhält die Forschung im Gefängnis eine Tiefendimension (vgl. S.18). Im Zent­rum der Analyse sind soziale Situationen, in die Selbst- und Fremdzuschrei­bungen, Rahmungen und Intentionen sowie Inszenierungen verwickelt wer­den. Diese analytischen Dimensionen werden mit Rekurs auf empirische Arbeiten über das Gefängnis und die Inhaftierten in diesem Kapitel entwickelt. Die Autorin baut auf die gewonnenen Erkenntnisse auf und entwirft den analytischen Rahmen der Untersuchung.

Im Kapitel 3 („Forschen im Feld von Gefängnisgruppen“) wird der methodische Zugang zur Untersuchungsgruppe ausführlich dargestellt. Hier werden die methodologischen und methodischen Grundlagen erläutert. In diesem Kapitel setzt sich die Autorin mit dem For­schungsfeld und seinen Teilnehmerschaften, den Strategien und Instrumen­ten auseinander. Auf diese Weise wird das Potenzial einer Verknüpfung vom ethnographischen Vorgehen und Grounded Theory nach Strauss und Corbin sowie Clarke ausgelotet, die ihren Niederschlag im situationsanalytischen Verfah­ren findet. Hier wird es dargestellt, welche Herausforderungen sich für die Materialgewinnung und Auswertung ergeben haben und mit welchen Strategien ihnen begegnet worden ist.

In den Kapitel 4 und 5 werden die Elemente herausgearbeitet, die rus­sischsprachige Inhaftierte in ihrem Haftalltag begleiten. Der Autorin geht es darum, ihre Lage im Haftalltag anhand der Situationen aufzuzeigen, die mit ihnen entstehen. Die Akteure, die in den Materialauszügen „zu Wort kommen“, sind neben dem Anstaltspersonal Jugendliche und Heranwachsende in Strafhaft. Zu ihnen gehören Inhaftierte, die einen Herkunftsbezug zu Staaten des Na­hen Ostens herstellen, jene, die sich als „Deutsche“ bezeichnen, und diejeni­gen, die staatsrechtlich als „Russen“ sowie als „Spätaussiedler“ gelten oder aber als deren „Abkömmlinge“ definiert werden.

Im Kapitel 4 („‚Russen in Haft‘ – zu den Elementen kollektiver Zuschreibungen“) geht die Autorin darauf ein, welche Bedeutungen mit den Verwendungen der Begriffe „Russen“, „Spätaussiedler“, „Russlanddeutsche“ verbunden sind – ausgehend vom juristischen Begriff, seiner gesellschaftlichen Aneignung und der Verwendung im Jugendstrafvollzug bis zu seinem Zuschnitt auf subkulturelle Einbindungen (vgl.S.83).

Im Kapitel 5 („Elemente im Netzwerk der ‚Gesetzrussen‘“) wird der Frage nachgegangen, wie Inhaftierte Selbstpositionierungen und Platzanweisungen vornehmen und mit Rückgriff auf verschiedene Rollenkonzepte inszenieren. Hier werden die Elemente betrachtet, die im Beziehungsgeflecht russischsprachiger Inhaftierten von Bedeutung sind. Hierarchische Inszenierungen werden charakterisiert, Mitgliedschafts- und Assoziationsverhältnisse untersucht und der Umgang mit Regeln betrachtet.

Im Kapitel 6 („Die Konstruktion einer Problemgruppe“) werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst, interpretiert und diskutiert. Die Autorin führt die Konstruktionselemente der „Russen in Haff“ zusammen, die als Leitlinien das Alltagsgeschehen russischsprachiger Inhaftier­ter durchziehen. Hier gibt es einen Ausblick in die Soziologie sozialer Probleme.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Studierende und Dozierende der Studiengänge aus den Bereichen Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften, für die sich neue, wertvolle Einblicke und Erkenntnisse bieten.

Fazit

Es gibt mittlerweile zahlreiche Neuerscheinungen über die Integration jugendlicher Spätaussiedler, was die Aktualität des Themas beweist. Die Integration russlanddeutscher Jugendlicher in die deutsche Gesellschaft beschäftigt Praktiker aus Jugendhilfe, Migrationsdiensten, Schule und Strafrechtspflege seit Jahren, weil sie wesentlich problematischer verlief, als von Politikern und Wissenschaftlern prognostiziert wurde. Die vorliegende Studie zeichnet sich dementsprechend nicht nur durch den aktuellen thematischen Bezug aus, sondern auch durch einen wichtigen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken. Das Buch bietet dem Kenner der Materie eine Reihe von Forschungsergebnissen, die dem Leser auch die eigenen Überlegungen weitertreiben können. Alles in allem handelt es sich hier um einen inhaltlich interessanten Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Migration und Migrationsfolgen.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 21.03.2017 zu: Dörte Negnal: Die Konstruktion einer Problemgruppe. Ethnographie über russischsprachige Inhaftierte im Jugendstrafvollzug. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3405-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21511.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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