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Silka Hagena: Angststörungen. Verhaltens­therapeutische Interventionen

Cover Silka Hagena: Angststörungen. Verhaltenstherapeutische Interventionen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28347-2. 98,00 EUR.

Beltz Video-Learning, 2 DVDs, Laufzeit ca. 311 Minuten.
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Thema und Entstehungshintergrund

Im Rahmen der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder zur Psychiaterin werden die zu lernenden Inhalte überwiegend in theoretischer Form durch Vorträge oder Fachliteratur vermittelt. Um die praktische Umsetzung zu verdeutlichen, werden in der Regel Rollenspiele mit den Auszubildenden absolviert. So wirksam und hilfreich diese auch sein mögen, so können sich einige hierauf jedoch kaum oder nur schwer einlassen. Zusätzlich werden häufig Videobeispiele genutzt, um eine Intervention bzw. ihre Durchführung zu demonstrieren. Da es jedoch aus nachvollziehbaren Gründen häufig schwierig ist, von den betroffenen PatientInnen eine Einverständniserklärung für die Verwendung der Videos zu erhalten und, sollte diese tatsächlich vorliegen, die Qualität der Videos häufig arg zu wünschen übrig lässt, wird diese didaktische Lücke durch das Beltz Video-Learning geschlossen. Die vorliegende Veröffentlichung beschäftigt sich mit den am häufigsten auftretenden psychischen Störungen – den Angststörungen – und der diesbezüglich am besten wissenschaftlich abgesicherten Therapiemethode, der kognitiven Verhaltenstherapie.

Autorin

Silka Hagena, ist Diplom-Psychologin und Leitende Psychologin der Asklepios-Klinik Nord-Ochsenzoll/Hamburg.

In die Rollen der PatientInnen schlüpfen Mareke Grefe, Psychologische Psychotherapeutin, Keno Hagena, Medizinstudent, Dr. med. Johanna Rönfeld, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Johanna von Bialy, Psychologische Psychotherapeutin.

Aufbau und Inhalt

Die DVDs vermitteln umfassend unterschiedliche Therapiesituationen und -möglichkeiten anhand unterschiedlicher Verfahren des verhaltenstherapeutischen Spektrums. Hierbei wird das therapeutische Vorgehen anhand folgender Subtypen von Angst- oder Angstspektrumsstörungen demonstriert:

  • Agoraphobie mit Panikstörung
  • Generalisierte Angststörung (GAS)
  • Soziale Phobie
  • Krankheitsangst (Hypochondrie)

Der weitere Ablauf orientiert sich chronologisch am Ablauf einer entsprechenden Therapie:

Motivationale Strategien. Insbesondere bei Angststörungen ist die Arbeit an der sogenannten Veränderungsmotivation immens wichtig. Häufig sind die PatientInnen aufgrund ihres Leidensdrucks hoch motiviert, sich in Behandlung zu begeben jedoch weniger, entsprechende Maßnahmen (Exposition) durchzuführen. Diesbezüglich werden anhand der oben genannten Fallbeispiele folgende Techniken vorgestellt:

  1. Kreative Hoffnungslosigkeit (eine relativ „junge“ Technik aus der sogenannten Acceptance and Commitment Therapy, ACT)
  2. Arbeit mit dem Stufenmodell der Veränderung (nach Prochaska & DiClemente)
  3. Dissonanz-Shaping (ebenfalls eine ACT-Technik)

Problem- und Zielanalyse. Ein wichtiger Punkt in jeder Psychotherapie. Dennoch erfolgen „… Zieldefinitionen und -klärungen zu Beginn einer Therapie häufig ungenau, unkonkret, nicht handlungsbezogen, nicht ausreichend überprüfbar oder unrealistisch“ (S. 6). Daher wird das entsprechende Vorgehen am Beispiel einer generalisierten Angststörung umfassend dargestellt.

Erarbeitung störungsspezifischer Erklärungsmodelle. Dieser ebenfalls wichtige Teil der Psychoedukation zu Beginn der Therapie erfolgt bei Angststörungen in der Regel anhand des sogenannten „Teufelskreises“. Silke Hagena demonstriert dies hier in zwei unterschiedlichen Varianten anhand der Störungsbilder Soziophobie und Hypochondrie.

Ausstieg aus dem Teufelskreis – funktionale Kontrollstrategien. Im nächsten Schritt erlernen die PatientInnen konkrete Techniken, mit denen sie ihre Angstreaktion steuern lernen können, um später im Rahmen der Exposition diese aufrechterhalten zu können. Hier werden die Techniken Atemübung, Emotionsakzeptanz und Wahrnehmungslenkung erläutert.

Kognitive Interventionen. In der Bearbeitung dysfunktionaler Angstkognitionen spielen Katastrophengedanken und Sorgen eine große Rolle. Sie führen ätiologisch betrachtet dazu, dass die Störung durch Vermeidungsverhalten aufrechterhalten wird. Hier kommen sämtliche gängigen Verfahren der kognitiven Therapie zum Einsatz. Auf der DVD werden folgende Interventionen dargestellt:

  • Metakognitive (ACT-) Intervention bei Sorgen (Defusion)
  • Empirische Disputation
  • Funktionale Disputation

Vorbereitung der Expositionsübungen. Eine gute Vorbereitung ist wichtig, um einen störungsfreien Ablauf während der Übungen zu gewährleisten. Fatal wäre es, Expositionsübungen ohne Habituation vorzeitig zu beenden, da dies das Störungsbild aufrechterhalten würde. Hier erfolgt dies, indem am Beispiel der Krankheitsangst ein Angstrational psychoedukativ gemeinsam erarbeitet wird, die Technik des Entkatastrophisierens (zur Abklärung des „Worst Case Szenarios“ im Rahmen der Exposition) und die allgemeine motivationale Vorbereitung anhand der persönlichen Werte der Patientin vorgestellt werden.

Durchführung und Begleitung von Expositionsübungen. Abschließend werden dann verschiedene Formen des Kernstücks jeder Angstbehandlung – der Exposition – umfassend und anschaulich dargestellt. Dies sind hier konkret:

  • Konfrontation mit einer Mittelpunktsituation
  • Exposition unter Einsatz der Kontrollstrategie „Emotionsakzeptanz“
  • Schwindelexposition unter Einsatz der Kontrollstrategie „Wahrnehmungsslenkung“
  • Exposition bei Fahrstuhlangst

Zusätzlich zu den Videos wird ein auf knapp 20 Seiten ausgearbeitetes Begleitheft mitgeliefert, in dem das Vorgehen umfassend beschrieben wird.

Diskussion

Die DVD liefert einen hervorragenden Überblick über das kognitiv-verhaltenstherapeutische Vorgehen bei der Behandlung von Ängsten anhand von drei Fallbeispielen (Hypochondrie/soziale Phobie/GAS). Sieht man sich die Videos chronologisch an, lernt man die Techniken, grob in der Reihenfolge, in der sie in der Therapie auch angewendet werden. Hierbei wird zwischen verschiedenen Störungsbildern gesprungen, was teilweise leicht verwirren kann. Alternativ ist es auch spannend, einen Fall jeweils herauszugreifen und nur diesen zu verfolgen. Da die Videos in der Regel, wie einleitend beschrieben, jeweils einzelnen im Rahmen von Lehrsituationen genutzt werden dürften, spielt dies insgesamt jedoch keine große Rolle. Hier eignen sie sich hervorragend, um das entsprechende Vorgehen eindrücklich zu demonstrieren.

Insgesamt wird eher darauf verzichtet, schwierige therapeutische Situationen (z.B. ein Patient hält an einer dysfunktionaler Kognition im Disput fest, oder lässt sich gar nicht darauf ein) darzustellen. Obwohl dies spannend gewesen wäre, würde dies den Rahmen wohl auch sprengen, da hier der idealtypische Verlauf gelehrt werden soll.

Teilweise erfolgt seitens der Therapeutin die Verwendung von Fachbegriffen ohne Erklärung (z.B. „antriggern“ und „parasympatische Innervierung“ i.R. der Entwicklung des „Angstrationals“). Dies ist ein Problem, mit dem sich TherapeutInnen täglich konfrontiert sehen. Insgesamt jedoch informiert sie durchaus verständlich.

Wie bei allen DVDs dieser Reihe zieht sich das dargestellte Vorgehen teilweise ziemlich in die Länge. Wenn die gesamte DVD am Stück gesehen wird, kann dies sehr ermüden. Es entspricht jedoch der tatsächlichen Therapiesituation und ist wichtig, um die Dynamik darzustellen. Da die DVD offensichtlich eh nicht dafür konzipiert wurde, am Stück gesehen zu werden, ist dies auch relativ irrelevant.

Besonders spannend ist die Vorstellung von neueren (ACT-)Strategien der sogenannten dritten Welle der Kognitiven Verhaltenstherapie. Hierzu muss jedoch angemerkt werden, dass laut deren Autoren diese dem „traditionellen“ Vorgehen in der KVT widersprechen (vgl. Louma, Hayes & Walser, 2007). Hier scheinen sie nur genutzt zu werden, um spätere Konfrontation zu ermöglichen, das implizite Ziel bleibt jedoch die Angstreduktion (statt wie bei der ACT ein komplettes Annehmen der Angst). Vielleicht interpretiere ich dies hier auch falsch, auf jeden Fall wird der strategische Einsatz nur angerissen und nicht konkreter beschrieben.

Das umfassende Heft und die Untertitel (unbedingt einblenden!) erläutern das Vorgehen hervorragend.

Spannend wäre es noch gewesen, eine Diskussion ausgewählter therapeutischer Strategien unter TherapeutInnen darzustellen, so wie dies Loose und Graf didaktisch gelöst haben (2014).

Fazit

Die DVD eignet sich hervorragend dafür, das komplexe Vorgehen im Rahmen eines kognitiv-behavioralen Ansatzes zur Behandlung von Angststörungen umfassend darzustellen. Einzelne Techniken der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie könnten ein wenig konkreter erläutert werden. Bei einer Laufzeit von insgesamt 311 Minuten empfiehlt es sich nicht, die gesamten DVDs am Stück zu sehen. Insgesamt ersetzt diese DVD sicherlich nicht die entsprechende Ausbildung und das Vorgehen unter Supervision, kann hier jedoch gewinnbringend ergänzend eingesetzt werden.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 25.04.2017 zu: Silka Hagena: Angststörungen. Verhaltenstherapeutische Interventionen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28347-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21513.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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