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Agnes Justen-Horsten, Helmut Paschen: Online-Interventionen in Therapie und Beratung

Cover Agnes Justen-Horsten, Helmut Paschen: Online-Interventionen in Therapie und Beratung. Ein Praxisleitfaden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 188 Seiten. ISBN 978-3-621-28164-5. 36,95 EUR.

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Thema

„Das Internet verändert die Welt“, so der erste Satz eines Werkes, das sich auf knapp 200 Seiten den Möglichkeiten von Online Beratung bzw. Online Therapie widmet. Und es verändert damit auch unseren Kommunikationsalltag – und zwar positiv wie negativ (vgl. S. 9f).

Wenn Kurznachrichten, E-Mail-, Chat- und Videokommunikation seit vielen Jahren fixer Bestandteil im Alltag sind und um Tools der sozialen Netzwerke ergänzt werden, wird es nicht verwundern, dass derlei niederschwellige Kommunikationswerkzeuge auch in die deutschsprachige Beratungslandschaft Eingang gefunden haben. Sie stellen ein nicht nur dem Zeitgeist entsprechendes anonymes wie zeitnahes virtuelles Beratungs- und Therapieformat dar, das seinen Einsatz als Brückenmedium von der face-to-face-Beratung ebenso findet wie als eigenständiges Beratungstools im psycho-sozialen Bereich – und dies seit ihren Anfängen vor knapp 20 Jahren bzw. heute und erst recht morgen!

In diesem Grundgedanken offenbart sich klar auch der Anspruch der beiden AutorInnen: „Was Berater und Therapeuten mit dem Internet machen können, um das Medium professionell im Interesse der Ratsuchenden und Patienten zu nutzen, darüber soll dieses Buch Aufschluss geben … Ein Schwerpunkt des Buches wird deshalb die Web-Mail und das asynchrone Schreiben und Lesen sein … Die Chat-Beratung […] wird im Buch nur am Rande vorkommen“ (vgl. S.11).

Theoretische Grundlage sämtlicher Betrachtungen dieser Zusammenschau virtueller Beratungsmöglichkeiten stellt für beide AutorInnen der „systemische Ansatz“ dar, zumal er sich zusammen mit der schriftbasierten Kommunikation (zu deren Vorteile vgl. etwa S. 14) in der psycho-sozialen Beratung wie auch in der Therapie als „geeignet“ erwiesen hat (vgl. S. 13).

AutorInnen

Infos zu den beiden AutorInnen auf deren Homepage:

Helmut Paschen: „Ich bin Diplom-Sozialpädagoge und systemischer Berater. Seit 1997 gehöre ich zu den Pionieren der Online-Beratung in Deutschland. pro familia war eine der beiden ersten Institutionen im psychosozialen Bereich, die Beratung online anboten. Hauptberuflich bin ich Leiter der profamilia.sextra-Online-Beratung mit ca. 12.000 Beratungen pro Jahr und einem Team von über 100 Berater/innen. Schwerpunktmäßig berate ich zu den Themen Partnerschaft, Sexualität und Krisen. Darüber hinaus bin ich seit vielen Jahren in den Bereichen Fortbildung und Supervision für Online-Berater tätig. Somit bringe ich in OnTheMoveOnline meine große Erfahrung mit dem Medium Internet und dessen Nutzung zur individuellen Beratung von Klienten ein.“

Zu Co-Autorin Dr. Agnes Justen-Horsten erfährt man ebendort: „Ich hatte das Glück, schon an vielen Orten leben und als Psychotherapeutin arbeiten zu können, außerhalb Deutschlands z. B. in New York, Prag und Wien. Dadurch habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, welche Chancen und Risiken Mobilität bietet. Und diese Erfahrung konnte ich in meiner therapeutischen Arbeit mit mobilen Menschen an den unterschiedlichen Orten nutzen und weitergeben. Als Diplom-Psychologin bin ich in systemischer Therapie und Verhaltenstherapie ausgebildet. Ich bringe in OnTheMoveOnline meine eigene Lebenserfahrung und meine langjährige psychotherapeutische Erfahrung mit Menschen, die häufig ihren Lebensmittelpunkt wechseln, ein.

In OnTheMoveOnline fügen wir unsere besonderen Kompetenzen zu einem Angebot zusammen, das psychotherapeutische/psychosoziale Beratung auf hohem professionellem Niveau für Menschen ermöglicht, denen wegen ihrer Mobilität Psychotherapie im herkömmlichen Setting nicht zugänglich ist. Im Zuge der Globalisierung wird die Zahl der Ratsuchenden weiter wachsen, die mobilitätsbedingt lokale Beratungsangebote in Deutschland nicht wahrnehmen können. Das Medium Internet baut Ihnen eine Brücke zu professioneller Beratung. OnTheMoveOnline verbindet damit zwei weltweit an Bedeutung zunehmende Trends: die wachsende Notwendigkeit zu Mobilität und die sich rasant entwickelnde virtuelle Kommunikation.“

Aufbau

Das Buch umfasst sieben Kapitel:

  1. Welchen Einfluss hat das Internet darauf, wie Menschen miteinnder kommunizieren
  2. Seelische Gesundheit und das Internet – Möglichkeiten für Beratung und Therapie im Netz
  3. Entscheidungshilfe zur Nutzung von Online-Beratung
  4. Blended Counselling – Variationen und Formatwechsel face-to-face und online
  5. Praxis der Online-Beratung
  6. OnTheMoveOnline – ein Praxisbericht
  7. Welche Trends sind für die Zukunft medialer Beratung und Therapie erkennen?

Inhalt

Das Werk gibt aus der VerfasserInnen-Brille einen praxisnahen Überblick über Chancen und Risiken von Online Interventionen in Therapie und psychosozialer Beratung und basiert vordergründig auf einem systemischen, schriftbasierten Zugang.

Den Anspruch auf einen „Praxisleitfaden“ löst das Buch vor allem dadurch ein, dass es für all jene BeraterInnen oder TherapeutInnen, die ihre Face-to-Face-Beratungen bzw. Therapien um die Online-Schiene erweitern möchten, verschiedenste Aspekte bzw. Angebote und Fallbeispiele (vgl. in Kap.5.2 „Startphase und Auftragsklärung in der Mail-Beratung“, S. 99 – 156) in eigenen Kapiteln umreißt:

  • Für welche Klientel eignet sich das Online-Format? (Kap. 1.2.)
  • Online Therapie als Mental-Health-Angebot (Kap. 2.1.3)
  • Unter welchen Bedingungen könnte Online-Psychotherapie sinnvoll sein? (Kap. 2.2.1)
  • Wird Psychotherapie im Netz überhaupt nachgefragt? (Kap. 2.3)
  • Online-Therapie? Ein Überblick über die Lage am „Markt“ (Kap. 2.4)
  • Angebote der Online-Nachsorge (Kap. 2.4.3)
  • Online-Therapie-Portale (Kap. 2.4.4)
  • Was könnte Berater bzw. Therapeuten zur Nutzung medialer Interventionen motivieren?
  • Blended Treatment in der Psychotherapie – therapeuteninitiierte Wahl des Formats (Kap. 4.2.)
  • Welche Trends sind für die Zukunft medialer Beratung und Therapie erkennen? (Kap. 7)

Mehr als ein Drittel des Buchumfangs widmet sich dieser Logik folgend auch im Kap. 5 der „Praxis der Online-Beratung“, das sich am Beispiel der Mail-Beratung durch all jene Bereiche zieht, die gerade die Newbies unter den BeraterInnen/TherapeutInnen interessieren können: Startphase und Auftragsklärung (S. 99ff) sowie deren Unterschiede zur f2f-Beratung (S. 103f), ein gelingender Beziehungsaufbau (S. 104ff) und das eine oder andere ‚Hindernis‘ dabei.

Kernstück dabei ist Kap. 5.3 „Prozessgestaltung in der Mail-Beratung“ (S. 122ff), das sich mit dem Anfang des Textes ebenso wie mit (strukturierenden) Fragen, Gedanken oder Hypothesen oder gar der Wortwahl (bspw. Vorsicht bei Modalverben, Tipps etc.) oder einer bildhaften Sprache auseinandersetzt. Ein anschauliches Beispiel zur „Konfrontation in der Mail-Beratung“ rundet nebst „Gedanken zu den letzten Zeilen eines Mail-Beratungstextes“.

Dass aber auch die Perspektive von KlientInnen eingenommen wird, entspricht der angesprochenen systemischen Praxis. Davon zeugen Überschriften wie „Besondere Texte und Schreibstile der Klienten“, „Gedanken zur Schreibfrequenz und zum Abbruch durch den Klienten in der Mail-Beratung“, „Besonderheiten bei Beratungen mit großen Abständen“ bzw. auch schwierige Themen mit dem Fokus auf Trauma und Suizidalität (S. 151ff) sowie das ausblickende Kap. 5.4 „Resümee der Aspekte beraterischen Handelns zur Orientierung für die Mail-Beratung“ (S.157ff.)

Mit dem Kap. 6 wird mit „OnTheMoveOnline – ein Praxisbericht“ eine Einsatzmöglichkeit auf der namensgleichen Webseite aufgezeigt, die (dem gegenwärtigen Trend folgend) bspw. auf Geheiß transnationaler Organisationen ‚heute hier und morgen dort‘ sind und damit entwurzelt bzw. in vielerlei Hinsicht heimatlos sind und sich daher vor allem nach einem „Beratungsanker“ in der Heimat sehnen, den sie dann auch über Online-Coachingsitzungen nachfragen etc.

Im Schlusskapitel 7 „Welche Trends sind für die Zukunft medialer Beratung und Therapie zu erkennen?“ betonen die AutorInnen ausblickend, das „Online Therapie… selbstverständlich Face-to-Face-Beratung nicht überflüssig machen“ wird (S. 168), sondern (sinnvollerweise) stets nur eine ergänzende Beratungsform darstellen kann.

PS: Für Bequeme gibt es auch immer wieder (graue) Merkkästchen, die das Wichtigste zusammen fassen:-)

Diskussion

Das Buch beleuchtet gerade für NeueinsteigerInnen in kompakter Weise die Chancen und Risiken (vgl. bspw. S. 54f) von Online Beratung bzw. Online Therapie und geht dabei auch auf deren Unterschiedlichkeiten ein (Kap. 2.2 ff). ExpertInnen bzw. fortgeschrittene Online-BeraterInnen werden vermutlich in dieser reduzierten Zusammenschau nicht im selben Ausmaß auf ihre Rechnung kommen wie ‚Newbies‘ bzw. Neugierige, was vielleicht auch am eingeschränkten Spektrum der Beratungsformate (E-Mail, Chat) liegen könnte.

So läuft die nahezu ausschließliche Reduktion auf die E-Mail-Beratung (die die AutorInnen zwar begründen, vgl. S. 11) vermutlich zweierlei Gefahr:

Zum einen, dass das im Plural angedeutete Titelversprechen „Online Interventionen“ wie auch das Kapitel 5 „Praxis der Online-Beratung“ ganz klar mehr(ere) Beratungswerkzeuge bzw. -Tools erwarten lässt, welches jedoch dann nicht eingelöst wird. Gerade das Kap. 5 quasi als das Kernstück befasst sich auf knapp 70 Seiten ausschließlich mit der Mail-Beratung. Zum anderen, sich aufgrund dieser Selbstbeschränkung auf 2 Beratungstools zu wiederholen, um so an einigen Stellen ein wenig redundant zu wirken – etwa wenn es um das Schreiben und seine Wirkung (vgl. S. 14f bzw. 48, 51 und 97) geht.

In dieser Hinsicht scheint es auch interessant, dass beide Autoren den Chat als Medium erfahrungsbedingt „für weniger gut geeignet“ erachten, zumal dieser offenbar „Reflexion und Kontinuität“ (vgl. S. 11) vermissen lässt. Eine Meinung, die zwar den Erfahrungen der beiden VerfasserInnen entspringen vermag, allerdings nicht unbedingt mit den Rückmeldungen vieler Ratsuchender (in Befragungen und Veröffentlichungen des Rezensenten – vgl. Benke, 2014) konform geht, die gerade im ‚1-zu-1-Chat‘ (und nur hier!) nicht nur ein entschleunigende Möglichkeit erkennen, sondern durch die Unmittelbarkeit eines solchen (synchronen) Settings eine Form direkter Konfrontationsmöglichkeit und reflexiven Denkanstößen – ganz ähnlich der face-to-face Situation – vorfinden und dies gegenteilig in höchstem Maße schätzen.

Was weiters auffällt, ist eine quasi a-priori-Voraussetzung von qualifizierten und fortgebildeten Online BeraterInnen bzw. TherapeutInnen (vgl. etwa S. 32 f bzw. 92). Fast könnte also für die LeserInnen der Eindruck entstehen, dass eine fundierte (Kurz)Aus- und Fortbildung ohnehin Voraussetzung bzw. ‚irgendwie‘ verpflichtend sei – also eine conditio sine qua non. Dies wäre zwar nur allzu begrüßenswert, entspricht allerdings (meiner Erfahrung nach – vgl. Benke, 2014) so gar nicht der Realität. Viel eher schon beraten BeraterInnen, TherapeutInnen, SozialpädagogInnen etc. gänzlich ohne (sic!) jedwede Zusatzqualifikationen – also lediglich kraft ihrer Basis-Know-Hows in den jeweiligen Grundausbildungen. Allein das Vorhandensein von Fortbildungsangeboten bedeutet eben noch nicht automatisch auch deren Nutzung bzw. Absolvierung!

Eine erste, hilfreiche Orientierung bezüglich Online-Kompetenzen kann das unter dem Aspekt „Sorgfaltspflichten“ auszugsweise abgedruckte Kompetenzprofil der DGOB (Deutschsprachige Gesellschaft für psychosoziale Onlineberatung) bzw. „Grundlegende Reflexionsthemen vor der Konzeption eines Beratungsangebotes“ (vgl. S. 61 ff) geben.

Fazit

Die Intention des Buches, interessierten Face-to-Face-BeraterInnen und TherapeutInnen einen guten Einstieg in die Online-Beratungs- und Therapiewelt zu ermöglichen, bildet den erkennbaren roten Faden. Es gelingt den Autoren mit Sicherheit bei NeueinsteigerInnen im virtuellen Bereich, ihren selbstgestellten Anspruch auf Praxisnähe einzulösen und einen „Praxisleitfaden“ auf Basis von unterschiedlichsten Perspektiven zu erstellen. Dieser wird mit anschaulichen wie nachvollziehbaren Praxisbeispielen aus dem langjährigen Beratungsfundus der AutorInnen unterfüttert und ergänzt so idealer Weise die Beratung oder Therapie von Angesicht zu Angesicht.

Genau dieser Ergänzungsaspekt, der im Zuge von Globalisierung und Mobilisierung eine Chance bietet, zeigt sich last but not least auch in der immer stärker nachgefragten Mischform von Online- und Offline Beratung – dem hierin ebenfalls mitbearbeiteten ‚Blended Counselling‘.


Rezensent
Mag. Dr. Karlheinz Benke
zertifiz. Berater online und offline, Reform/Pädagoge, Autor (u.a. „Digitale Beratung: online beraten, 2014“), Lektorate zu Online/Digitale Beratung, Sozialzentrumsleiter
Homepage www.karlheinz-benke.at
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Zitiervorschlag
Karlheinz Benke. Rezension vom 30.11.2016 zu: Agnes Justen-Horsten, Helmut Paschen: Online-Interventionen in Therapie und Beratung. Ein Praxisleitfaden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28164-5. Mit E-Book inside. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21514.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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