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Nicole Strüber: Die erste Bindung

Cover Nicole Strüber: Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 352 Seiten. ISBN 978-3-608-98058-5. 22,95 EUR.
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Thema

Das Buch, „Die erste Bindung“ von Nicole Strüber thematisiert die menschliche Entwicklung von der Schwangerschaft bis in die ersten Lebensjahre und parallel dazu die Entwicklung von Mann und Frau zu Vater und Mutter. Der Schwerpunkt der Auseinandersetzung liegt dabei auf der Vermittlung von neurowissenschaftlichen Befunden zur Gehirnentwicklung und den Erkenntnissen der Bindungsforschung. Daneben werden auch zahlreiche Denkanstöße für Eltern gegeben, die ihrem Kind einen optimalen Start ins Leben ermöglichen möchten.

Autorin

Dr. Nicole Strüber, ist Neurobiologin und war bis 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Gerhard Roth an der Universität Bremen. Daneben ist sie Mutter von Zwillingen.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Werk kann als wissenschaftlich fundiertes Sachbuch bezeichnet werden. Nach dem Vorwort von Gerhard Roth gliedert es sich in sieben inhaltliche Kapitel, die von einem Anmerkungskapitel und einem umfangreichen Literaturverzeichnis abgeschlossen werden.

Kapitel 1: Einleitung: Was wollen wir? skizziert den Aufbau und das Anliegen des Buchs. Es gibt modellhaft einige Fragekomplexe vor, die im Buch diskutiert und nach Stand der Wissenschaft beantwortet werden sollen. U.a.: Wie werde ich als Mutter/Vater sein, wenn mein Kind geboren ist? Wie beeinflusst das was ich tue mein Kind? Wie wird die Krippe unser Kind beeinflussen und ab wann sollen wir es dorthin geben? Wie können wir unser Kind darin unterstützen eine hohe Bindungsfähigkeit aufzubauen, gute Stressbewältigungsstrategien und eine hohe soziale Kompetenz zu entwickeln? Wie wird all das im Gehirn realisiert?

Kapitel 2: Das Gehirn und Ich: Ein Überblick beschäftigt sich mit dem Aufbau und der Reifung des menschlichen Gehirns. Dabei wird vor allem der Bereich der Epigenetik angesprochen sowie das emotionale Fundament unseres Hirns, das limbische System näher betrachtet.

Kapitel 3: Erste Schritte in Richtung Persönlichkeit widmet sich im Wesentlichen der Frage nach Anlage und Umwelt bei der menschlichen Entwicklung und dies bereits vor der Geburt. Die Erklärungen des vorherigen Kapitels werden hier mit konkreten Inhalten gefüllt und beschreiben, wie Gene bereits Embryo und Fötus prägen können und welchen Einfluss die Schwangerschaft auf das werdende Kind hat. Auch die Geburtserfahrung wird thematisiert und der Einfluss des kindlichen Geschlechts vor allem auf hormoneller Grundlage angerissen.

Kapitel 4: Das kindliche Gehirn: Wie Bindung die Persönlichkeit reifen lässt verquickt die neurowissenschaftlich dargelegten Aspekte mit den Erkenntnissen aus Bindungstheorie und -forschung. Insbesondere geht es darum, wie die Bindung des Kindes zu mindestens einer Fürsorgeperson (in der Regel die Eltern) Stress reguliert, seine Gefühle kennenlernt und kindliches Lernen gefördert wird. Auch zur Entstehung des frühen Temperaments und den möglichen Einfluss, den es auf Bindung hat, äußert sich die Autorin.

Kapitel 5: Das elterliche Gehirn: Auf Bindung eingestellt behandelt dann konsequenterweise den anderen Part der Eltern-Kind-Bindung. Was passiert im Gehirn der Mutter und was im Gehirn des Vaters in bindungsrelevanten Interaktionen mit dem Kind? Und was weiß man aus der Forschung, ob und wie Mütter und Väter hier „anders ticken“? Auch hier gibt es erneut jede Menge Fakten zu neurobiologischen Vorgängen in unserem Gehirn und Hormonsystem (u.a. der Rolle der Hormone Oxytocin und Testosteron) und Elemente aus anwendungsorientierter Bindungstheorie (u.a. Feinfühligkeitskonzept und seine Bedeutung in Engels- und Teufelskreisen elterlicher Fürsorge und Interaktion)

Kapitel 6: Was bedeutet das alles für uns Eltern? nutzt die zusammengetragenen Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel, um sich in einigen Punkten Problemstellungen und Schwierigkeiten von Elternschaft anzunähern. Zunächst diskutiert die Autorin die Idee einer perfekten Kindheit und erklärt, warum auch Kinder nach problematischen Erfahrungen eine sichere Bindung zu Ihren Eltern erlangen können. Im Weiteren geht sie auf Kinder mit einem, für ihre Eltern, herausfordernden Temperament ein, um sich dann dem Themenkomplex Krippe und Fremdbetreuung zu widmen. Hier nutzt Sie vor allem Ergebnisse der NICHD-Studie, aber auch deutscher und internationaler Bindungsforscher, um Eltern Hilfestellungen dazu an die Hand zu geben.

Kapitel 7: Ausblick: Das Bedürfnis des Gehirns nach Bindung und die Gesellschaft wagt zum Abschluss des Buchs einen Blick über den Tellerrand von Neurobiologie, Entwicklungspsychologie und Elternschaft, skizziert gesellschaftliche Trends und fragt nach einer Vereinbarkeit von Bindungsbedürfnissen und „gehirngerechter“ kindlicher Betreuung und Fürsorge. Hier plädiert die Autorin u.a. dafür Grabenkämpfe, wie und welche Eltern es nun richtig machen mit ihrem Kind, beiseitezulassen und eine Entwicklung zu Toleranz verschiedener Lebensmodelle und einer Gleichberechtigung der Geschlechter anzustreben.

Diskussion

„Die erste Bindung“ ist ein durchweg gelungenes Werk und wenn man so will, irgendwo zwischen anspruchsvollem Sach- und populärwissenschaftlichem Fachbuch angesiedelt. Sachbuch deshalb, weil es äußerst kurzweilig und in verständlicher Sprache geschrieben ist. Der Autorin gelingt es vom Start weg, ihre Zielgruppe (gebildete Eltern) anzusprechen und sich mit dieser auf eine Stufe zu stellen („Was wollen wir?“), denn auch sie ist Mutter und nicht bloß Wissenschaftlerin. Fachbuch deshalb, weil der Text -natürlich auf das Nötigste verkürzt- aktuelle wie etablierte Erkenntnisse der Hirn- und Bindungsforschung, der Neurobiologie und der Entwicklungspsychologie präsentiert und diese Bereiche miteinander so verknüpft, dass praktisch tätige Pädagoginnen und Psychologen einen erheblichen Neuigkeitswert, samt wissenschaftlicher Fundierung, erwarten dürfen. So wird neben vielen anderen Studien eine Forschung von Abraham et al. aus dem Jahr 2014 vorgestellt, die feststellten konnten, dass sich -extrem verkürzt- die Hirnaktivitäten von Müttern und Vätern, dahingehend unterscheiden, ob sie in der primär oder der sekundär betreuenden Rolle für ihr Kind sind. Das Gehirn von Vätern nach der Interpretation dieser Forschung, wird in Folge des primär-fürsorglichen Umgangs mit dem Kind, so verändert, dass, ähnlich wie bei mütterlichen Gehirnen, eher Hirnareale aktiviert werden, die für die emotionale Verarbeitung zuständig sind (limbische Ebenen, Amygdala). Dies ist bei Vätern, die nach ihrer Partnerin nur die sekundäre Betreuungsperson sind, nachweislich anders. Ein weiterer Hinweis darauf wie die Natur dafür sorgt, dass Eltern optimal auf die Fürsorgesituation eingestellt werden und wenn man so will, dass Väter die Fürsorge ebenso feinfühlig gestalten können wie Mütter.

Der Aufbau des Buchs und die zugewandte Wortwahl Strübers sorgen für einen einfachen Einstieg in die Thematik. Nur gelegentlich scheint es die Autorin zu überkommen und die akribische Wissenschaftlerin blitzt hervor und informiert seitenlang über die 7R- oder 4R-Variante des Dopamin-Rezeptor-Gens, die S-Variante des Serotoninrezeptor-Gens oder bestimmte Oxytocin oder Cortisol-Rezeptoren. Für nicht medizinisch oder wissenschaftlich vorgebildete Leser (Eltern, Erzieher), könnte es hier zuweilen anstrengend werden. Dies ist zum Glück über weite Strecken völlig anders. Sobald ein Thema vertieft wird, stellt der Text dies in einer anderen Schriftart im eingerückten Block „Im Detail“ heraus. Ebenso wird im Block „Aus der Forschung“ auf neuere Forschungsergebnisse zu einem im Kapitel behandelten Thema eingegangen und dieses somit speziell markiert. Dies macht das Buch insgesamt sehr leserlich und bringt dennoch die nötige Tiefe in den Text. Einzelne Unterkapitel schließen gelegentlich mit einer „Take Home Message“, in der die Autorin einen aus ihrer Sicht sehr bedeutsamen Aspekt nochmals markiert und auf den Punkt bringt. Jedes der sieben Kapitel endet in einer kurzen mehrseitigen Zusammenfassung. Das zuvor Zusammengestellte wird so nochmals rekapituliert und bietet andererseits dem neugierigen Leser einen guten Einblick in die Inhalte des Kapitels, ohne es gleich ganz zu lesen. Zahlreiche Zeichnungen und Abbildungen lassen die theoretischen Inhalte der Neurobiologie plastisch werden, vertiefende Beispiele werden, ebenso wie Exkurse oder Weiterführungen für Interessierte im Schriftbild hervorgehoben – so wird Wissenschaft verständlich und in ihrer praktischen Bedeutung nicht nur für Fachleute (aber auch) verstehbar.

Aus Sicht der Sozialen Arbeit gäbe es vielleicht anzumerken, dass es auch, vor allem auf die angesprochene Pluralität der Lebensmodelle im siebten Kapitel bezogen, Eltern gibt, die ihr eigenes Fürsorge- und Erziehungsverhalten wenig bis gar nicht reflektieren, deren eigene Sozialisation und Bildungsniveau eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen Themen erheblich erschwert. Auch für hochbelastete Eltern oder Alleinerziehende stellt sich oft nicht die Frage, ob und wie lange Sie ihr Kind zu Hause betreuen oder in eine Krippe geben. Insofern zeigt das Buch indirekt auch auf, wie sich bewusste und gebildete Eltern mit wichtigen und durchaus basalen Themen beschäftigen können, während anderen Eltern die sichere Basis und der sichere Hafen (teilweise von Geburt an) fehlen.

Fazit

Das Buch „Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen“ bringt die im Titel benannten Bereiche Bindungsforschung, Neurobiologie und Elternschaft zusammen und stellt in überzeugender Weise neuere Forschungsergebnisse vor, die nahelegen, was Kinder brauchen um gesund ins Leben zu starten. Fundiert und dennoch in überwiegend einfacher Sprache, gelingt es der Autorin, stets auf der Höhe der Zeit, Eltern und Fachleuten, das menschliche Gehirn, mit seinen neuronalen Netzwerken, Botenstoffen und Hormonen darzulegen und seine essentielle Bedeutung in Bezug auf Eltern- und Kindersein hervorzuheben. Insbesondere in Zusammenschau mit der Bindungstheorie ergeben die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse einen Sinn. Sie untermauern damit nicht nur jene Theorie, sondern können in Folge dessen auch auf eine praktische (Beziehungs-)Ebene überführt werden. In diesem Sinne verweilt das Buch nicht ausschließlich auf der Erklärungs- und Darstellungsebene, sondern nutzt geschickt Möglichkeiten, um Denkanstöße und Hinweise zu formulieren, ohne dabei allzu sehr ins Ratgebermilieu abzugleiten. „Die erste Bindung“ richtet sich daher zuallererst an gebildete und bewusst handelnde Eltern, in zweiter Linie jedoch ebenso an alle, die professionell mit Kindern und Eltern arbeiten. Pädagogen und Sozialarbeiterinnen, Psychologen und Familientherapeutinnen gewinnen mit der Lektüre mutmaßlich keine neuen Methoden für ihre Berufspraxis, jedoch erweitert es möglicherweise ihr Wissen, um die neuronalen und emotionalen Vorgänge in dieser dyadischen Kernzelle einer jeden Familie. Aktuelle, sehr gut aufbereitete Erkenntnisse, ohne erhobenen Zeigefinger.


Rezensent
Dipl.-Sozialpäd. Mathias Berg
M.A., Mitarbeiter einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Doktorand an der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Mathias Berg. Rezension vom 26.01.2017 zu: Nicole Strüber: Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-98058-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21517.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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