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Katja Crone: Identität von Personen

Cover Katja Crone: Identität von Personen. Eine Strukturanalyse des biographischen Selbstverständnisses. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2016. 219 Seiten. ISBN 978-3-11-024650-6. D: 69,95 EUR, A: 72,00 EUR.
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Thema

Im Zentrum der Betrachtung steht die Identität, das biografische Selbstverständnis von Personen, was Katja Crone als „Zielphänomen“ bezeichnet. Es wird erörtert, „womit ein Wesen notwendigerweise ausgestattet sein muss, um ein biographisches Selbstverständnis zu haben“ (Crone, S. 12). Darauffolgend werden grundlegende Merkmale und Fähigkeiten fokussiert und mit phänomenologischen Beschreibungen und empirischen Erkenntnissen ergänzt, um abschließend in einen erhellenden systematisch vorgenommenen Bedeutungszusammenhang mit dem Zielphänomen gebracht zu werden. Herausstechendes Wesensmerkmal der Publikation ist die vorangehend implizierte integrative Diskussion der sonst voneinander separiert diskutierten Problemkomplexe der Selbstbezugnahme, dem transtemporalen Identitätsbewusstsein und der biografischen Selbstzuschreibung

Autorin

Katja Crone wirkt als Professorin am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der Fakultät für Humanwissenschaften und Theologie an der Technischen Universität Dortmund. Ein besonderes Augenmerk ihrer Forschung und Lehre liegt auf der Philosophie des Geistes.

Entstehungshintergrund

Bei Katja Crones vorliegender Monographie handelt es sich um die Überarbeitung ihrer Habilitationsschrift (Humboldt-Universität Berlin, 2014), welche mittels der integrativen Betrachtung und Diskussion von sonst voneinander getrennten Problemkomplexen neue gesamtheitliche Erkenntnisse und damit eine theoretische Basis für anschließende Auseinandersetzungen ermöglicht, womit Crone einen wesentlichen Beitrag zum fachlichen Diskurs leistet.

Aufbau

Nach einer konzisen Einleitung, welche an die Thematik heranführt und das methodische Vorgehen im Rahmen der Untersuchung und deren Aufbau klärt, wird die Publikation thematisch in die drei oben bereits benannten Problemkomplexe unterschieden (s. Thema):

  1. Der erste Block fokussiert die erstpersonale Perspektive und die Selbstbezugnahme,
  2. der zweite widmet sich transtemporalem numerischem Identitätsbewusstsein und
  3. im dritten Block folgt die Erörterung biografischer Selbst-Narrationen.

Abschließend fasst die Autorin die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung vor dem Hintergrund der aufgestellten Thesen und geführten Diskussion zwecks Verdeutlichung des Grundgedankens, der Reichweite und der Grenzen der Untersuchung zusammen; es wird ein systematischer explanatorischer Zusammenhang mit dem Zielphänomen, der Frage nach Konstruktions- und Strukturmerkmalen des biografischen Selbstverständnisses, hergestellt.

Abschließend wird die Untersuchung dahingehend eingegrenzt, dass ihre Reichweite definiert wird: „[Die Untersuchung] stellt eine empirisch informierte Grundlage für weiter gehende philosophische und interdisziplinäre Auseinandersetzungen mit spezifischen Aspekten des Selbstverständnisses von Personen bereit.“ (Crone, S. 202).

Inhalt

Crone legt in der Einleitung Ihrer Publikation die erkenntnisleitende Frage ihrer Untersuchung in erhellend schnörkelloser Klarheit vor: Was heißt „… es eigentlich genau, dass Personen ein biografisches, zeitlich strukturiertes Selbstverständnis haben“ (Crone, S. 1). Gegenstand der Untersuchung sind somit die Strukturen und Bedingungen ebendieses Phänomens, welches auf grundlegende Formen des Selbstbewusstseins fußt.

In einem ersten Schritt werden Selbstverständnis und Selbstbewusstsein betrachtet. Der aus sozialkonstruktivistischer Sicht bestehenden Wandelbarkeit der Struktur von Selbstverständnis wird entgegnet, dass sich dieses auch durch invariante oder konstante Strukturen charakterisiert. Dabei hebt Crone die Fähigkeit zur Selbstbezugnahme als zentrale invariante Bedingung hervor und nimmt die Frage, was es bedeutet, Selbstbewusstsein zu haben, als erkenntnisleitende im ersten umfassendsten Teil der Untersuchung in den Fokus. Es werden sprachanalytische, phänomenologische und empirische Theorien zur Erklärung des Zielphänomens beigezogen. Aus sprachanalytischer Warte wird die Bedeutung selbstreferenzieller Äußerungen und der besondere Status von erstpersonalen biographischen Urteilen diskutiert, wobei die hohe Bedeutung des Indexwortes ‚ich‘ expliziert wird. Die Begrenzung der Autorität der ersten Person liegt indes darin, dass ihr ein erlebnishafter Zugang (i. e. nichtbegriffliches Selbsterleben, präreflexives Selbstbewusstsein) vorgelagert ist, womit eine phänomenologische Perspektive eingenommen wird. Die unmittelbare Verbundenheit mit mentalen Zuständen, die unmittelbare Selbstvertrautheit – die sogenannte ‚Meinigkeit‘ – erst ermöglicht die Autorität der ersten Person, eine Feststellung, welche wiederum von empirischen Theorien gestützt wird.

Vor dem Hintergrund des empirischen Modells graduellen selbstbezüglichen Bewusstseins gelangt Crone dann zur Frage, wie sich der Übergang von basalen zu höheren Formen des Selbstbewusstseins gestaltet, damit aus präreflexivem Selbsterleben die Fähigkeit einer reflektierten sprachlich strukturierten Vorstellung seiner Selbst erwächst. Ihre Argumentationslinie greift dabei vorwiegend entwicklungspsychologische Erkenntnisse auf, prominent die Theory of Mind. Im Wesentlichen müssen bestimmte kognitive Bedingungen gegeben sein, um sich selbst reflektieren und sprachlich strukturiert beschreiben zu können.

Daran anschließend nimmt Crone in einem zweiten Schritt die Frage, welche Strukturen das biographische Selbstverständnis auf einer höheren Ebene einnimmt, auf und zieht für die Untersuchung dieser Frage Theorien der transtemporalen numerischen Identität bei. Um ein biographisches Selbstverständnis zu erlagen, bedarf es der Vergegenwärtigung von Konstanten und Veränderungen. Die numerische transtemporale Identität knüpft dem präreflexiven Selbstbewusstsein an, indem sich das Individuum als ein über die Zeit hinweg existierendes Wesen, das phänomenal miteinander verbundene Erfahrungen macht, erlebt. Wie sich das Individuum als einheitliches numerisches Wesen begreift, illustriert das folgende auf erlangtes Zeitbewusstsein basierende Beispiel: Wer sich in Korrespondenz mit der eigenen Interpretation der Lebensgesichte zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Eigenschaften attestiert, muss sich als überdauerndes zumindest im Grundsatz identisches Subjekt wahrnehmen.

Des Weiteren kommt mit Blick auf biographische Selbstzuschreibungen dem reflektierten propositionalen Bewusstsein transtemporaler Identität Beachtung zu. Dieses wird durch selbstreferenzielle Urteile über die eigene Lebensgeschichte inhaltlich informiert. Um die inhaltliche Dimension des biographischen Selbstverständnisses ausreichend beschreiben zu können, bedarf es der Betrachtung weiterer Strukturbedingungen, namentlich der Konstruktionsprinzipien von Selbst-Narrationen, welchen der letzte Teil des Dreischritts der Untersuchung gewidmet ist.

Zunächst gilt es, den Fokus auf unterschiedliche Relationen der Begriffe des Selbst und der Narration zu lenken. Der Begriff des Selbst verweist sowohl auf das Objekt als auch das Subjekt der Erzählung: „Die Geschichte ‚handelt‘ (primär) von der Person, die sie ‚erzählt‘.“ (Crone, S. 199). Weiterführend beinhaltet der Begriff der Selbst-Narration Informationen über die Bedeutung, welche der Beziehung zur eigenen Lebensgeschichte gegeben wird. Entscheidend ist, dass Repräsentationen von Lebensepisoden im Aneignungsmodus geschehen, da dieser identifikatorische Wirkung zeitigt.

Ein weiteres Konstruktionsprinzip ist, dass Selbst-Narrationen im zeitlichen Rückgriff explanatorische Kohärenz herstellen: Aktuellen Erfahrungen und Ereignisse werden in der Bezugnahme auf frühere Lebensepisoden dahingehend Bedeutung gegeben, dass ein sinnhaft erlebter identitätsstiftender Zusammenhang gegeben ist. Das führt dazu, dass bestimmte Episoden in der Interpretation der eigenen Lebensgeschichte wenig Eingang finden, während anderen hohe Bedeutung beigemessen wird. Als Korrektiv wirkt dabei die soziale Einbettung der Selbst-Narration, da sich Lebensepisoden nie komplett losgelöst von einem Beziehungszusammenhang ereignen (es gilt zu beachten, dass es aber zu interessegeleiteten sozialen „Konfabulierungen“ kommen kann, womit die korrektive Funktion sozialer Einbettung keine Wirkung entfaltet).

Als weitere Konkretisierung der Beschreibung von Selbst-Narrationen bedarf es der zusätzlichen Betrachtung derer aus handlungstheoretischer Perspektive. Es konnte beobachtet werden, dass Selbst-Narrationen nebst kritischen respektive emotional fordernden Ereignissen insbesondere Charaktereigenschaften, die an längerfristig bedeutsamen Entscheidungen und Handlungen eines Individuums festgemacht werden, enthalten, dies wiederum der Funktionslogik eines explanatorischen Gesamtzusammenhangs der eignen Lebensgeschichte folgend.

Crone schliesst ihre Untersuchung, indem sie den Begriff der narrativen Identität kritisch betrachtet, präzisiert und eine Zusammenfassung ihrer wesentlichen Erkenntnisse anschließt.

Diskussion

Katja Crone leistet mit ihrer Strukturanalyse des biographischen Selbstverständnisses von Personen einen wesentlichen Beitrag, dies insbesondere im Hinblick darauf, dass die sonst isoliert voneinander untersuchten tendenziell etwas zu eng respektive einseitig betrachteten Problemkomplexe integrativ diskutiert und eine abschließenden Ausgangslage für weiterführende Auseinandersetzungen aufbereitet. Ein Schlaglicht verdient, dass die Betrachtung aus den Perspektiven unterschiedlicher disziplinärer Kontexte stattfindet und zur nachfolgenden nicht nur philosophischen sondern auch interdisziplinären Auseinandersetzung einlädt.

Die Lektüre der Untersuchung fordert die geneigte Leserin/den geneigten Leser indes, erfolgt die Diskussion doch auf akademisch hohem Niveau (es sei an dieser Stelle nochmals darauf verwiesen, dass es sich bei der Publikation um die Überarbeitung der Habilitationsschrift der Autorin aus dem Jahre 2014 handelt). Die zirkuläre Vorgehensweise der Autorin – was mitunter der integrativen Betrachtung geschuldet ist – führt in der Tendenz dazu, dass die Ausführungen repetitiv-additive reflexive Charakteristik haben. Gekoppelt an eine nicht an allen Stellen einheitlich verwendete, respektive aufeinander aufbauende, in ihrem Naturell sich ergänzende und die Perspektiven erweiternde Terminologie, zollt die Lektüre ein hohes Niveau an Konzentration und mentaler Integrationsleistung.

In der Zusammenfassung und Integration zu Ende des Buches gelingt es Crone abschließend, ihre Erkenntnisse in einem kurzen ausnehmend verständlichen Abschnitt zu verdichten. Gerade diese Verdichtung erlaubt es anzuerkennen, wie facettenreich und präzis der Diskurs in der Publikation geführt wird, wie minutiös die relevanten Aspekte des Zielphänomens ausgeleuchtet werden. Wenn Crone darauf hinweist, dass „[an vielen Stellen der Untersuchung. Aspekte des Zielphänomens lediglich skizziert oder angedeutet werden“ (Crone, S. 202), beweist sie in der Wahrnehmung des Autors der vorliegenden Rezension vor allem eines: Die Gabe zur der Wissenschaft zugehörigen sokratischen Einsicht. Dennoch lässt sich feststellen, Katja Crones Beitrag enthält beachtlichen Informationsgehalt und ist von hohem Wert.

Fazit

„Grundlage des biographischen Selbstverständnisses ist also – allgemein – die Fähigkeit zu graduellen Selbstbezugnahmen, die durch epistemische, semantische und phänomenale Eigenschaften gekennzeichnet ist. In Hinsicht auf die zeitliche Dimension kommt eine weitere Bedingung hinzu, und zwar das implizite Bewusstsein, über die Zeit hinweg als numerisch identisches Wesen zu existieren. Die komplexe, kognitiv höherstufige Ebene des Wechselverhältnisses von Selbstzuschreibungen und Selbst-Narrationen setzt schließlich episodisch-autobiographische Erinnerungen, Konstruktionsprinzipien sowie die Fähigkeit zu praktischen Selbstevaluationen voraus.“ – so fasst Crone (S. 201) selbst den Kern Ihrer Erkenntnis konzis zusammen. Die Übernahme des Originaltextes erfolgt vor dem Hintergrund der Wesensart des Werks: Ein auf über zweihundert Seiten auf hohem Niveau geführter Diskurs wird in einen einzigen kurzen sehr gut nachvollziehbaren Abschnitt verdichtet. Wer mehr darüber erfahren will, was sich hinter diesen Ausführungen an wertvollen Überlegungen versammelt, der/dem sei die Lektüre des schmalen Bandes, der sehr viel hergibt, wärmstens empfohlen.


Rezensent
Anthony Wright
Dozent, ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit
Homepage www.zhaw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Anthony Wright. Rezension vom 31.07.2017 zu: Katja Crone: Identität von Personen. Eine Strukturanalyse des biographischen Selbstverständnisses. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2016. ISBN 978-3-11-024650-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21523.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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