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Tatjana Schnell: Psychologie des Lebenssinns

Cover Tatjana Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer (Berlin) 2016. 195 Seiten. ISBN 978-3-662-48921-5. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch gibt einen Überblick über 15 Jahre Forschungsarbeit, die die Autorin an verschiedenen Orten betrieben hat. Es beschäftigt sich mit der empirischen Analyse der Beobachtung, dass jenseits religiöser Strukturen es anderweitige Sinnstiftung gibt, die Engagement, Hingabe und Selbstverpflichtung in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen bestimmen. Ein so operationalisierter Lebenssinn wird im vorliegenden Buch qualitativ und quantitativ erforscht, die Ergebnisse hierzu vorgestellt.

Autorin

Tatjana Schnell ist eine international anerkannte „Sinnforscherin“. Sie lehrt am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck (Österreich). Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in verschiedenen Teilen der Welt forscht und publiziert sie zu Konsequenzen von Sinn und Sinnlosigkeit für Individuen, Institutionen und Gesellschaft. Auf der Universitäts-website www.sinnforschung.org geben sie und ihr Team Einblicke in ihre Forschung.

Entstehungshintergrund

Schon seit ihrem Studium und später in ihrer Universitätslaufbahn hat sich Fr. Schnell mit Fragen beschäftigt, die im Kontext wissenschaftlicher Psychologie -wenn überhaupt- sehr peripher behandelt und kaum beforscht werden. Diese sind für den Menschen nicht nur im Zusammenhang mit Krisen von existentieller Bedeutung sind: die Fragen nach dem „Warum“ und „Wozu“ des eigenen Lebens, die Frage nach dem Sinn eigener Existenz. Dass diese Fragen und ihre Beantwortung in einem umfassenden Verständnis für menschliches Handeln und Erleben wesentlich sind, ist fraglos gegeben- sie im Abstand zu religiösen Sinnfindungsansätzen in säkularen Zeiten zu erforschen ist gleichwohl wegen der Bedeutungs -offenheit des Konzeptes schwierig. Im vorliegenden Buch resümiert die Autorin Ergebnisse einer bisher 15 jährigen Forschungstätigkeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 13 Kapitel und einen anschließenden Serviceteil mit Literatur- und Stichwortverzeichnis.

Nach einem knappen Einleitungskapitel, in dem die Autorin gerade in einer sog. Multioptionsgesellschaft die Notwendigkeit einer individuellen Sinnfindung und -stiftung sieht, widmet sie sich einer Definition von „Sinn“ im 2. Kapitel. Unter Bezug auf Frankl und philosophisch- etymologische Wurzeln definiert die Autorin Sinnerfüllung als – meist unbewusste -Erfahrung von Sinnhaftigkeit basierend auf der Bewertung des eigenen Lebens als kohärent, bedeutsam, orientiert und zugehörig. Dass eine solche Erfahrung nur im kulturellen Kontext möglich ist, wird ausgeführt. Wie in allen anderen Kapiteln auch, versucht die Autorin am Ende den Leser durch Fragen selbstreflexiv in die Thematik einzubeziehen- hier z.B. durch die Frage „Unterscheiden Sie zwischen dem Sinn des Lebens und persönlichen Lebenssinn?“

Im 3. Kapitel nähert sich die Autorin dem Thema empirisch. Nach qualitativen Forschungen mit Interviews (unter anderem vertiefend geführt mit der sog. Leitertechnik), entwickelt sie einen Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn, dessen Skalen und Dimensionen auf der Basis der Interviews gefunden wurden. Der Fragebogen wird vorgestellt. In der Vertiefung stellt Fr. Schnell auch die sog. Kartenmethode vor, bei die Gesprächspartner neben den sinnstärksten Items aus auf Karten gedruckten 26 Lebensbedeutungen noch 3-5 andere heraussuchen sollen, die am treffendsten für die eigene Lebenssituation erscheinen und die dann dialogisch vertiefend erläutert werden.

Kapitel 4 stellt dann ein „Sinnmodell“ vor, welches anderen Befunden aus der Psychologie gut Rechnung trägt. Es ist hierarchisch und verlangt Kohärenz zwischen den Ebenen (vertikale K.) und innerhalb der Ebenen (horizontale K.). Auf Wahrnehmungen bauen Handlungen, Ziele, Lebensbedeutungen und Lebenssinn auf – natürlich beeinflusst durch Umgebungs-bedingungen. Dass Lebenssinn ein kognitives Konzept und kein Gefühl ist, wird erläutert.

Dass Lebenssinn interindividuell (z.B. Unterschiede zwischen Frau und Mann) und auch individuell (auch als Ergebnis von Erfahrungen) unterschiedlich, veränderbar und notwendigerweise dynamisch ist- damit beschäftigt sich die Autorin im 5. Kapitel.

Daran schließen sich im 6. Kapitel die Ergebnisse zu der Frage an, welche Lebensbedeutungen sinnstiftend sind- sein können. Als Ergebnis von Interviews erkennt die Autorin solche z.B. in Religiosität, Generativität, Naturverbundenheit, Gesundheit, Soziales Engagement, Liebe- um nur einige zu nennen.

Mit „Sinnkrisen“ beschäftigt sich das 7. Kapitel. Sie entstehen oft eben gerade weil kein Sinn im Leben gesehen wird oder (z.B. durch Verlust) verloren wurde. Das empfundene Leid motiviert allerdings auch Bewältigungsanstrengungen- was die Autorin am Pilgern- Trend verdeutlicht.

Ob „Existentielle Indifferenz“ zu diesen Bewältigungsformen gehört und was sie auch mit kulturellen Unterschieden kennzeichnet – Inhalt des 8. Kapitels.

Den Zusammenhang zwischen Sinn und Glück führt Schnell im nächsten Kapitel 9 aus. Glück als positiver emotionaler Zustand ist allerdings vom kognitiven Konzept „Sinn“ zu trennen- und oft ist sinnvolles Leben nicht unbedingt einfach und dementsprechend mit Glücks-gefühlen verbunden, was die Autorin darlegt.

Ein oftmals recht naiv postulierter Zusammenhang zwischen Sinn und Gesundheit/Krankheit wird in die 10. Kapitel diskutiert. Auch wenn es empirische Belege für einen solchen Zusammenhang gibt, sieht Schnell Sinn eher als einen Motivator ( nämlich für bewusst-gesünderes Leben ) und als Moderator (nämlich u.a als Stress- Puffer). Dass solche Bedingungen bis hin zur Beeinflussung genetischer Faktoren reichen kann macht Schnell unter Hinweis auf epigenetische Wirkungen bspw. der individuellen Stresswahrnehmung deutlich. Krankheit und Erfahrung eigener Endlichkeit können belastend sein, was nich nur trivial erscheint -richtig weist die Autorin aber auch auf sog. Posttraumatisches Wachstum hin, auf die Fähigkeit aus Krisen und Belastung gestärkt hervorzugehen.

Lebensrückblickverfahren und sogenannte Sinnorientierte Psychotherapie (u.a. Meaning-Centered-Group-Psychotherapy und Logotherapie) sind Verfahren zur Bewältigung von Sinnkrisen und werden im 11. Kapitel vorgestellt.

Schließlich wird der Faktor „Arbeit“ in seiner Bedeutung für Lebenssinn, aber auch in seinen Risiken (z.B. Überengagement und Burn-Out) im 12. Kapitel dargestellt, bevor Schnell ihr Buch mit einem „Ausblick“ im 13. Kapitel abschließt. Sie verweist darin darauf, dass Sinn nicht Inhalt von Sachen, Handlungen, etc. ist, sondern immer zugeschreiben wird und sich deshalb nicht normativ beschreiben lässt. Ein so umfassendes und „tiefes“ Konzept ist in Bedeutung und Wirksamkeit auch nur transdisziplinär zu erforschen- Fr. Schnell sieht hier neben positiven Entwicklungen noch erheblichen Entwicklungsbedarf- individuell sowie gesellschaftlich-politisch auch: Formen „sinnvollen“ Lebens brauchen ein gerechtes Umfeld, welches getragen ist von einem demokratisch geteilten und gelebten Menschenbild. Sinnvolles Leben darf deshalb nicht ausschließlich eine individuell zu lösende Aufgabe sein.

Diskussion

Das Buch widmet sich einer gerade für die empirische Forschung schwierigen Fragestellung- schön, dass Schnell den Leser an ein Beispiel konstruktiver Forschung im Wechsel zwischen qualitativen und quantitativen Verfahren heranführt und verdeutlicht, dass solche Forschung „tief“ und ergebnisreich sein kann. Dass die Autorin kongruent mit ihrem Forschungsansatz den Leser mit ins Forschungsprogramm i.S. von Selbstexploration hineinnimmt, indem sie jedes Kapitel mit „Erkenne Dich selbst“- Fragen beendet, erinnert nur vordergründig an Ratgeber-Literatur. Es hilft dem Leser, nicht ausschließlich rezeptiv zu sein, sondern gezielt sich einzulassen und die referierten Ergebnisse mit eigenen abzugleichen.

Kennzeichnend ist die durchwegs klare und verständliche Sprache der Autorin, die stringente Führung des Gedankengangs und die Hervorhebung eines individuell – gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang, was Sinngebung und -findung betrifft. Und nicht nur das: wichtig erscheint der Autorin, dass das Thema gerade wegen seiner Bedeutsamkeit für individuelle und soziale Gesundheit in einem Austausch zwischen verschiedenen Wissenschaften und politischen Entscheidungsgremien vertiefend erforscht wird. Das vorliegende Buch und die darin referierten Ergebnisse kann hierzu eine instruktive Basis sein.

Fazit

Eine ausgesprochen instruktive Zusammenstellung zu einem individuell und gesellschaftlich eminent wichtigen Phänomen: der Bedeutung von SINN im menschlichen Leben; anregend in der Zusammenstellung empirischer Forschungsergebnisse und den Hinweisen zu thematischer Selbstexploration. Jedem an der Grundlage menschlichen Seins philosophisch-psychologisch Interessierten gerne empfohlen.

Das Buch liegt auch als e-book vor.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 25.01.2017 zu: Tatjana Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-662-48921-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21524.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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