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Arno Gruen: Wider die kalte Vernunft

Cover Arno Gruen: Wider die kalte Vernunft. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 140 Seiten. ISBN 978-3-608-94903-2. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Nach „Wider den Terrorismus“ und „Wider den Gehorsam“ ist dies Arno Gruens letzter Band seiner Essay-Trilogie, die auch seine letzten Veröffentlichungen darstellten. In diesem erst nach seinem Tod veröffentlichten Band setzt sich Gruen mit der Bedeutung der Empathie für die Mitmenschlichkeit, den Bedingungen für oder gegen die Entwicklung von Empathie und mit den Gefahren einer empathiearmen oder auch „emotionslosen“ Gesellschaft auseinander.

Autor

Arno Gruen (1923-2015) war ein in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geborener Psychologe und Psychotherapeut, der als Kind mit seinen Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA emigrierte, dort studierte und mehr als 40 Jahre lebte. Neben seiner psychotherapeutischen Praxis war er Professor für Psychologie an der Rutgers University, New Jersey. 1979 zog er zurück nach Europa und lebte von da an bis zu seinem Tod in Zürich, wo er weiter als Psychotherapeut praktizierte. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und Bücher und wurde u.a. mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Gruen führt die Leser in seinem Essay durch verschiedene Aspekte der Empathie: entwicklungsgeschichtlich, kulturell, individuell, von denen einige Aspekte folgend aufgezeigt werden. Die Überschrift des zweiten Abschnitts (von Kapiteln kann man weniger sprechen) gibt den Inhalt des Buches bereits treffend wieder: … und warum Empathie eine so entscheidende Rolle spielt.

Einleitend skizziert Gruen seine eigene Sicht der menschlichen Evolution, indem er Empathie und Kooperation statt Rivalität und Wettbewerb als den Kern der menschlichen Entwicklungsgeschichte beschreibt. Die Rolle des Besitzes zieht einige kulturwissenschaftliche Erkenntnisse über Beziehungen heutiger Naturvölker als Indiz dafür heran, dass insbesondere das Bindungsverhalten zwischen Mutter und Kind und die nach Gruens Meinung bisher unterschätzte Rolle der Frauen bei der Nahrungsbeschaffung einen starken Hinweis darauf geben, dass die bisherige Interpretation der Entwicklungsgeschichte als „Überleben des Stärkeren“ eine Fehlinterpretation sein könne.

Bindung und Kooperation beschreibt u.a. die Auswirkung des frühesten Bindungsverhaltens (Säugling/Mutter) auf die Kooperationsfähigkeit und zeigt hierzu evolutionäre Zusammenhänge auf.

Empathie bezeichnet Gruen als „das elementarste und älteste Medium der Wahrnehmung und des Umgangs mit uns selbst und unserer Umgebung“ (31). Er betrachtet hier die menschliche Entwicklungsgeschichte mit dem Fokus auf Kooperation, und nicht auf den Kampf um Vorherrschaft, und belegt dies u.a. mit Schädelfunden, die zeigen, welche Gehirnbereiche bei unseren Vorfahren besonders ausgeprägt waren. Später kam es, so legt Gruen weiter dar, zu einer Verlagerung der Organisation des Bewusstseins: Die linke und rechte Gehirnhälfte wechselten in ihren Dominanzverhältnissen zu dem heutigen Stand: Die Dominanz der linken Hemisphäre, was implizierte: „Stärke wurden nun gleichgesetzt mit Macht und Besitz.“ (37). Empfindsamkeit wurde zur Schwäche.

Der kurze Abschnitt über die vermeintliche Aggression der Neandertaler leitet über zu dem Thema Aggressivität, deren kultureller Kontext und Bedingtheit durch die Sozialisation aufgezeigt wird. Letztlich, so eine These, sei Aggression eine Reaktion auf eine Provokation, und keine Destruktivität.

Die Abschnitte Schwangerschaft und Sicherheit, Empathie, Sicherheit und Gehorsam und Sprache und Identität betrachten verschiedene Aspekte der frühkindlichen Sozialisation und der Eltern-Kind-Bindung in dieser ersten Lebensphase auch im Vergleich zu dieser Phase u.a. beim Neandertaler, und stellen Bezüge zur Entwicklung von Sicherheitsgefühlen, zur Bewusstseinsverlagerung auf die linke Hemisphäre als die dominante, zu Gehorsam und Verantwortlichkeit her.

In den folgenden Abschnitten Bewusstsein ist mehr als Kognition und Stress, Angst, Versorgung und Bewusstsein werden Zusammenhänge zwischen einer Dominanz der rechten Hemisphäre des Gehirns bei den Neandertalern, frühkindlicher Versorgung und Sicherheitsgefühl aufgezeigt: „Wir müssen beachten, dass die Art von Bewusstsein, die ein Mensch entwickelt, davon abhängt, wie er als Säugling versorgt wurde.“ (65); eine empathiearme Versorgung eines Säuglings wird mit negativen Folgen assoziiert. Gruen zeigt anhand der Beobachtungen einiger Indianerstämme dann auf, wie deren Bewusstsein sich insbesondere in Aspekten eines empathischen und friedvollen Miteinanders von dem heute sonst verbreiteten zwischenmenschlichen Umgang unterscheidet. Dies wird in Schwangerschaft, Sicherheit und die Evolution des Menschen weiterausgeführt.

Die Bedürfnisse des Kindes und das empathische und kognitive Lernen bringen anhand der Ergebnisse verschiedener Experimente (z.B. Milgram) weitere Aspekte der menschlichen Entwicklung ein, an denen sich die Unterschiede einer empathischen, mitfühlenden versus einer diese Aspekte negierenden (Gruen bezeichnet sie auch als lieblose) Eltern-Kind-Beziehungen zeigen.

Bewusstsein skizziert noch einmal den Weg der Hirnentwicklung bzw. der Verlagerung der Dominanz der Gehirnhälften vom Neandertaler über den Cro-Magnon-Menschen zum Homo Sapiens, wo Gruen bei ersteren das Bewusstsein in der rechten Hemisphäre und damit im Empathischen verwurzelt sieht.

Die Emotionen des Empathischen zitiert einige große Lehrer der Menschheitsgeschichte, wie Konfuzius und Jesus Christus, in ihren Bezügen zur Empathie.

In Schmerz als Wahrnehmung des lebendigen Organismus greift Gruen abschließend an dem Verhalten von Soldaten im Krieg und dem späteren Erleben der Kriegsveteranen die negativen Auswirkungen mangelnder Empathie in der frühkindlichen Phase, des daraus resultierenden Verlusts an Mitgefühl und der Negierung von Schmerz und Leid auf: „Das Streben nach Sicherheit [welches man in der frühen Kindheit nicht erfahren hat, B.W.] führt zum Verlust des Mitgefühls und damit zum Verlust der Wahrnehmung des eigenen Schmerzes und des Schmerzes anderer Menschen.“ (110).

Diskussion

Dieses Buch ist eine „kleine Weltgeschichte der Empathie“ (was ich, wenn man mir diese Unbescheidenheit erlaube, im Nachhinein als den besseren Titel empfehlen würde als „Wider die kalte Vernunft“, zu dem sich zumindest bei mir beim Lesen kein Bezug entwickelte). Arno Gruen schöpft in diesem Essay aus den Tiefen eines unermesslichen Fundus an Literatur – trotz des recht kleinen Umfangs strotzt das Buch von Verweisen auf andere Autoren, von Zitaten und Querverweisen auf andere Erkenntnisbereiche, so dass allein das Nachvollziehen der interessanten Quellen sicher mehr Zeit als die Lektüre des Buches an sich erfordern würde.

Die Zusammenhänge, die Gruen in seinem Essay aufzeigt, zwischen der vermuteten Empathiefähigkeit der Neandertaler, die er mit zahlreichen Quellen belegt, und dem heutigen Mangel an Empathie in einer Welt, die er nicht nur einer biologisch verkürzten Mutter-Kind-Bindung in der Schwangerschaft, sondern auch im späteren Verlauf der Sozialisation begründet sieht, ermöglichen einen interessanten Blickwinkel auf die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in der Evolutionsgeschichte.

An manchen Stellen verliert sich der Autor meines Erachtens etwas in der Fülle an Quellen und Verweisen, und der Bezug zu den Überschriften der einzelnen Abschnitte scheint manchmal etwas konstruiert.

Liest man das Buch jedoch als das, was es eigentlich ist, nämlich als einen Essay, in einem Stück, ohne sich von den Kapiteluntergliederungen, die vermutlich ursprünglich nur Absätze waren, stören zu lassen, so kann man einen schön geschriebenen Text über Empathie und Bewusstseinsentwicklung genießen, hinter dem konstant ein erfülltes Leben voller Erfahrungen in der Begleitung von Menschen, voller Lektüreerfahrungen, aber auch voll großer Sorge um die Welt und um die Mitmenschlichkeit durchschimmert. Allein dies macht dieses letzte Werk von Arno Gruen zu einem empfehlenswerten Leseerlebnis.

Fazit

Ein äußerst lesenswerter und zugleich gut lesbarer Essay, der gleichsam die Geschichte der Empathie von den Neandertalern bis zum Homo Sapiens schildert, und die Auswirkungen des Mangels an Empathie in unserer heutigen Zeit eindrücklich aufzeigt.


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 13.03.2017 zu: Arno Gruen: Wider die kalte Vernunft. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-94903-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21525.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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