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Christine Finke: Allein, alleiner, alleinerziehend

Cover Christine Finke: Allein, alleiner, alleinerziehend. Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt. Lübbe (Köln) 2016. 238 Seiten. ISBN 978-3-7857-2559-7. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Bereits aus dem Titel geht hervor, dass das Buch aus der Perspektive einer Alleinerziehenden geschrieben wurde und dass mit diesem Status vor allem – auch darauf wird schon an dieser Stelle unmissverständlich hingewiesen – Nachteile einhergehen: Die steuerliche Benachteiligung, Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und drohende Altersarmut von Alleinerziehenden führt die Autorin insbesondere darauf zurück, dass die gesellschaftlichen Strukturen in der Bundesrepublik noch immer auf das klassische Familienmodell ausgelegt sind. Aber vor allem haben Alleinerziehende ein „Imageproblem“, dem Christine Finke mit ihrem Buch begegnen will.

Autorin

Christine Finke ist promovierte Anglistin, freie Journalistin und Kinderbuchtexterin, lebt in Konstanz, wo sie sich als Stadträtin für Kinder und Familienfreundlichkeit engagiert.

Entstehungshintergrund

Christine Finke bloggt seit 2011 unter dem Namen MAMA ARBEITET über ihr Leben als Alleinerziehende mit drei Kindern. Mit ihrem Buch will sie Facetten aus dem Leben von Alleinerziehenden zeigen, die in der öffentlichen Diskussion häufig nicht thematisiert werden. Dafür greift sie auf ihre eigenen Erfahrungen zurück und gibt die Kommentare anderer Alleinerziehender aus ihrem Blog, aus den Nachrichten auf Twitter und Facebook und aus den Mails an die Autorin wieder (S. 9).

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1 leitet Christine Finke mit Auszügen aus ihrer eigenen Biografie ein und erklärt damit, wie sie vom Thema „betroffen“ wurde: „Seit sechs Jahren bin ich eine dieser Frauen, die ich früher nicht wahrnahm: Ich lebe mit meinen drei Kindern alleine“ (S. 7). Sehr schnell gelingt es ihr, von der eigenen Betroffenheit zu einer allgemeinen Perspektive überzuleiten: „Ich bin kein Einzelfall, und es geht auch nicht nur um mich. Immer noch werden Alleinerziehende stigmatisiert.“ (S. 8). Die „Beweise“ für diese Stigmatisierung liefert Christine Finke dann auf den nachfolgenden Seiten – schon beim Thema „Trennung“ wird so deutlich, dass die Reaktionen aus dem Umfeld sehr häufig (unerwartet) negativ ausfallen. Fazit von Christine Finke: „Es guckt halt jeder mit seiner Brille“ (S. 19).

In Kapitel 2 geht es um das neu organisierte Leben nach der Trennung. Hier berichtet die Autorin von ihren Erfahrungen, dass aufgrund fehlender Regelungen und Gesetze dazu, wie getrennte Eltern sich arrangieren können, sehr viel eigenes Engagement der Betroffenen erforderlich ist – oder wie es die Autorin oft zu hören bekam: „Sie müssen sich darüber einigen. Oder ein Gericht entscheiden lassen“ (S. 27). Christine Finke stellt hier verschiedene Modelle dar, die den Umgang der Kinder mit dem abwesenden Elternteil regeln, und kommt zu dem Schluss, dass es auch hier Handlungsbedarf gibt, um die Alleinerziehenden zu unterstützen und Bedürfnisse und Wünsche der Kinder stärker zu berücksichtigen.

Kapitel 3, „nur in etwa halb so lang wie die anderen Kapitel“ (S. 47), behandelt die Vorteile des Alleinerziehens. Hier verweist Christine Finke vor allem darauf, dass Alleinerziehende in der neuen Familienkonstellation alles selbst bestimmen. Das ist für einige der Betroffenen neu, es ist für viele eine positive Seite des Alleinerziehens, aber es ist ebenso eine permanente Herausforderung, wie die Autorin in den nachfolgenden Kapiteln zeigt.

Und so kommt die Autorin in Kapitel 4 gleich auf die zentrale, alles bestimmende Problematik der finanziellen Situation von Alleinerziehenden zu sprechen. Sie zeigt zunächst anhand zahlreicher Beispiele, wie mangelnde Ressourcen und schwierige berufliche Perspektiven empfunden werden. Im zweiten Teil rahmt sie ihre persönlichen Erfahrungen und die Kommentare anderer Betroffener mit Ergebnissen aus aktuellen Studien. Abschließend entwickelt Christine Finke einen Forderungskatalog, wie die strukturelle Benachteiligung Alleinerziehender ausgeglichen werden kann (S. 65).

Kapitel 5 befasst sich unter der Überschrift „Wie soll ich das alles schaffen?“ mit der Herausforderung, wie Alleinerziehende die Vielzahl der anstehenden Aufgaben im Alltag bewältigen. Darin schildert die Autorin auch sehr anschaulich, warum Alleinerziehende ganz besonders von Burn out betroffen sind und welche Strategien und Maßnahmen in den vollgepackten Alltag der Alleinerziehenden hineingehören, damit eine sinnvolle Vorsorge gegen drohende Überforderung geleistet werden kann. Abschließend werden die „beliebtesten zwölf Gründe, warum Putzen keine gute Idee ist“ (S. 82f.) von der Autorin mit einem Augenzwinkern vorgestellt – jeder von ihnen ist gut geeignet, den Betroffenen wenigstens das schlechte Gewissen zu nehmen, sich auf diese Weise etwas zu entlasten.

Die Kapitel 6 bis 8 stehen unter dem Fokus der Stigmatisierung Alleinerziehender. Egal ob Christine Finke über die „Nebenwirkungen“ des Alleinerziehens (s. S. 84ff.), die „unter-der Woche-Alleinerziehenden“ (s. S. 101ff.) oder das „Kreuz mit den Ferien“ (s. S. 119ff.) schreibt, überall schwingt ihre Erfahrung mit, dass Alleinerziehende nicht als vollwertige Familien anerkannt werden. So „passiert“ aus Sicht der Autorin (sehr oft unbewusst) eine Herabwürdigung Alleinerziehender, wenn gedankenlose Vergleiche von Alleinerziehenden und Familien, deren Väter nur am Wochenende anwesend sind, erfolgen oder wenn die Norm von der „vollständigen Familie“ auch vor den Ferien nicht Halt macht.

In Kapitel 9 fasst Christine Finke noch einmal besonders schwierige Fälle und Notsituationen Alleinerziehender zusammen – allen voran die Krankheitsfälle, die für Alleinerziehende extrem schwer zu bewältigen sind. Hierbei kann sie wieder zahlreiche Beispiele aus ihrer eigenen Biografie mit Äußerungen und Erlebnissen aus ihrem Blog zu einem Bild verdichten.

Auch in den Kapiteln 10 bis 13 widmet sich Christine Finke dem ganz normalen Alltag, wie er sich allen Familien üblicher Weise stellt, in dem aber für Alleinerziehende mitunter ungeahnte Hürden zu bewältigen sind. Die Autorin erzählt sehr anschaulich, wie eigentlich unterstützende Maßnahmen, wie Mutter-Kind-Kuren, Alleinerziehenden oft nicht die erhoffte Entlastung bringen und zeigt auf, wo und in welcher Form wirksame Unterstützung wünschenswert wäre. Dabei spart sie auch heikle Themen nicht aus, wie die Freizeit, neue Partnerschaften oder das elterliche Engagement – nicht nur in der Schule.

Den Abschluss bildet ein Kapitel über die „Wege aus der Isolation“ (S. 228), in dem die Autorin Alleinerziehenden „Erste-Hilfe“-Maßnahmen, Buch- und Blogtipps sowie hilfreiche Adressen vorschlägt. Hier beschreibt Christine Finke noch einmal die Intention für ihr Buch: Lesen hat auch ihr bei der Bewältigung des Alltags als Alleinerziehende geholfen – so sie denn Zeit dafür fand – „besonders Bücher über die Situation von Familien und Alleinerziehenden …, in denen ich gespiegelt fand, was ich erlebte.“ Diesen Anspruch löst die Autorin mit ihrem Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend“ ein.

Diskussion

Christine Finke gibt in ihrem Buch, das sich zuallererst an Alleinerziehende richtet, eine Vorlage, um den eigenen Alltag zu reflektieren und sich in gewisser Weise zu wappnen – gegen Anstrengungen, Anfeindungen und viele Widrigkeiten des Alltags als Alleinerziehende. Doch es entsteht dadurch gerade nicht ein Bild von der „überforderten Alleinerziehenden“, sondern bietet den Betroffenen vor allem Entlastung – von Schuldgefühlen und Versagensängsten. Immer wieder richtet Christine Finke ihre Botschaften aber auch an wichtige Entscheidungsträger der Gesellschaft sowie an „ganz normale“ Menschen – um das Imageproblem Alleinerziehender anzugehen, für deren Situation zu sensibilisieren und Möglichkeiten der Unterstützung aufzuzeigen.

Fazit

Die Arbeit von Christine Finke zeigt, warum bestimmte gesellschaftliche Strukturen und Mechanismen speziell für eine Bevölkerungsgruppe in der Bundesrepublik problematisch sind: Alleinerziehende. Die Autorin trägt mit einer biografischen Perspektive dazu bei, dass diese Probleme zunächst einmal nachvollziehbar und verstehbar werden. Indem sie die Äußerungen anderer Betroffener und wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenbringt, kann sie darüber hinaus belegen, dass es sich hier nicht um Einzelfälle handelt. Vor allem ist das Buch jedoch für Alleinerziehende geschrieben – ihnen kann Christine Finke nahebringen, dass sie nicht allein sind mit ihren Sorgen – und schon gar nicht „alleiner“.


Rezension von
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 02.03.2017 zu: Christine Finke: Allein, alleiner, alleinerziehend. Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt. Lübbe (Köln) 2016. ISBN 978-3-7857-2559-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21527.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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