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Uwe Krüger: Mainstream Warum wir den Medien nicht mehr trauen

Cover Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. C.H.Beck Verlag (München) 2016. 170 Seiten. ISBN 978-3-406-68851-5. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,50 sFr.
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Die „Verantwortungsverschwörung“ als Gefahr für die Kontrollfunktion des Journalismus in der Demokratie?

Egal ob Islamistischer Terror in Europa, Ukraine-Krise, Einwanderung, Präsidentschaftswahl von Donald Trump in den USA oder der Umgang mit ‚Brexit‘ und ‚Rechtspopulismus‘: Die Berichterstattung in den klassischen journalistischen Leitmedien wird von ihren Rezipienten in den vergangenen Jahren zunehmend als einseitig, regierungsaffin, USA-hörig oder gar als ‚gleichgeschaltet‘ empfunden. Begriffe wie ‚Lügenpresse‘, ‚Lückenpresse‘ und die ironisierende Verwendung der Rede von ‚Qualitätsmedien ‘ prägen in den sozialen Netzwerkmedien die Diskurse. Massenmedial oft als ‚rechtspopulistisch‘ eingeordnete Akteursnetzwerke bauen in den Online-Medien regelrecht an einer Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Nachrichtenkanälen. Gleichzeitig warnen regierungsnahe Stellen vor einem globalen (Des-)Informationskrieg Russlands gegen die EU bzw. ‚den Westen‘. Die öffentliche Diskussion gesellschaftlicher Themen wird durch Begriffe wie „Informationsblasen“, „Echokammern“ und „postfaktische Information“ charakterisiert. Der Kampf um die Deutungshoheit über gesellschaftliche Wirklichkeit ist am Ende des Jahres 2016 in vollem Gange.

Wie konnte es dazu kommen? Woran liegt es, dass eine zunehmende Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern sich von der Berichtserstattung der etablierten Massenmedien in ihrer Wirklichkeitsdeutung und politischen Einstellungsdefinition nicht mehr repräsentiert fühlt?

Im Buch von Uwe Krüger werden diese Entwicklungen unter dem Begriff des Medien-Mainstreams differenziert und ausgewogen kritisch auf ihre Ursachen und Wirkungszusammenhänge hin befragt.

Autor

Uwe Krüger (geb. 1978) ist promovierter Diplom-Journalist und Medienwissenschaftler, der bereits 2013 mit Befunden einer Netzwerkanalyse zur Verflechtung von ‚Leit-Journalisten‘ und Politik in seiner Dissertationsschrift „Meinungsmacht“ sowie deren Darstellung in einem Sketch des öffentlich-rechtlichen TV-Kabarett-Formates „Die Anstalt“ für Aufsehen gesorgt hatte. Für beide Werke wurde Krüger 2016 der ‚Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik‘ verliehen.

Entstehungshintergrund

Grundsätzlich kann ‚Mainstream – Warum wir den Meiden nicht mehr trauen‘ als kondensierte, publikumsorientiert(er)e und aktualisierte Fassung der Dissertation des Autors von 2013 gelesen werden. Es ist anzunehmen, dass durch „Mainstream“ die Kernbefunde aus der Netzwerkanalyse des in Eliten-Netzwerke „eingebetteten“ Leitmedienjournalismus einer breiteren Leserschaft bekannt gemacht werden sollen und so ein Beitrag zur wissenschaftlichen Aufklärung in einem vielfach überhitzten Diskurs der Medienkritik geleistet wird.

Aufbau

Der Text ist in acht Kapitel gegliedert, die – ausgehend von der dichten Beschreibung der Vertrauenskrise zwischen Mediennutzern und Medienmachern am Beispiel der Kritiken zur Kriegsberichterstattung aus der Ukraine 2013/14 – auf eine Analyse der unterschiedlichen ‚Verzerrungsfaktoren‘ journalistischer Berichte hinauslaufen.

  • Im Einzelnen werden dabei die Entstehung von ‚Filter-Bubbles‘ in der Wirklichkeitswahrnehmung (Kap.2);
  • die prekären und qualitätsmindernden Arbeitsbedingungen ‚einfacher‘ Journalisten bei wachsenden PR und Lobbyeinflüssen (Kap.3);
  • die Tendenz zum regierungshörigen ‚Index-Journalismus‘ (Kap. 4);
  • die werthaltungsprägenden Milieueffekte beim Zugang zum Journalistenberuf (Kap. 5);
  • die Einbettung hochrangiger ‚Leit-Journalisten‘ in internationale Eliten-Netzwerke (Kap. 6)
  • und schließlich die ‚Verantwortungsverschwörung‘ als unreflektierter ‚Feld-Effekt‘ der Zusammenwirkung aller vorgenannten Einflussfaktoren im Hinblick auf die ‚vereinheitlichte‘ Berichterstattung in den Leitmedien (Kap.7) diskutiert.
  • Im Ausblick (Kap. 8) fordert der Autor engagiert: „Wo Verantwortungsverschwörungen mit den Trägern politischer Macht bestehen, gilt es, sich daraus zu lösen und einen eigenständigen Diskurs über die gesellschaftlichen Probleme zu führen.“ (S. 144). Eine Verantwortung des Journalismus für bestimmte ‚gute‘ Politiken oder pädagogisch-paternalistisches ‚Erziehen‘ der Bürger weist Krüger vehement als Bevormundung zurück.

Inhalt

Die gegenwärtige Lage des Journalismus wird von Krüger zunächst anhand der traditionellen Funktionen des Wächter- und Kontrollamtes gegenüber Regierungshandeln sowie seiner Artikulationsfunktion im Hinblick auf berechtigte Bürgerinteressen in der Demokratie gemessen. Angesichts illustrativer Fälle ‚gelenkter Berichterstattung‘ zu unterschiedlichen Themen zeigt Krüger zunächst, dass und wie die ‚Verengung des Meinungskorridors‘ in den Massenmedien ein zunehmendes Problem für die öffentliche Meinungsbildung und den politischen Diskurs in unserer Gesellschaft darstellt. Als Kernthesen der Argumentation Krügers können folgende Punkte erkannt werden:

  • Die ‚Vertrauenskrise‘ der Leitmedien wurde vor allem durch signifikant tendenziöse bzw. einseitig anti-russische Berichterstattung im Rahmen der Ukraine-Krise offenkundig
  • Der Vertrauensverlust in die Massenmedien als ‚Vierte Gewalt‘ ist in zahlreichen Umfragestudien belegt: etwa 40% der Mediennutzer berichten 2015 von einem „gesunkenen Vertrauen“ in die Berichterstattung (S. 21)
  • Ein vereinheitlichter ‚Sound‘ kann insbesondere in den Berichten von ehedem unterschiedlichen politischen Lagern zugeordneten Wochen- und Tageszeitungen nachgewiesen werden.
  • Auf Seiten politischer Akteure ist der Wunsch nach Instrumentalisierung der Medien im „Propagandakrieg gegen Russland“ aktenkundig (S.35)
  • Das Erstarken der Social Media-Nutzung schafft heute weitreichende Möglichkeiten einer Gegenöffentlichkeit und Medienkritik (die gleichwohl als ‚Verschwörungsdenken‘ diskreditiert werden).
  • Die wirtschaftlich prekäre Lage vieler Journalisten (Arbeitsverdichtung, Zeitmangel, unsichere Berufsperspektive) führt zur Veränderung ihres Selbstbildes („Vom Aufpasser zum Anpasser“, S.38 ff.); gleichzeitig nutzen PR-Agenturen und Lobbygruppen verknappte Ressourcen bei der Recherche zur Lancierung eigener (ungeprüfter) Darstellungen in journalistische Berichte
  • Unter „Power Indexing“ ist die Tendenz zu verstehen, dass die Breite journalistischer Argumentationen stets dem realen Spektrum politisch akzeptierter Einstellungsmuster zu gesellschaftlichen Themen folgt. Je schwächer die Opposition, umso stärker die Anpassungstendenz zur „Regierungsberichterstattung“ bei Journalisten, da diese relevante und zukunftswirksame Informationen verbreiten möchten
  • Bei der Rekrutierung des beruflichen Nachwuchses von Journalisten zeigt sich, dass im Berufsfeld die Träger einer mittelschichtstypischen ‚rot-grünen political correctness‘ gegenüber anderen (namentlich konservativen) Wertvorstellungen relativ zu ihrem Anteil in der Bevölkerung deutlich überrepräsentiert sind (S.75f.); als ursächlich werden milieuspezifische Sozialisations- und Selektionsprozesse beim Zugang zur journalistischen „Bildungselite“ (S.77) nachgewiesen, die wiederum zur tiefen lebensweltlichen Entfremdung der Berichterstatter von ihren Rezipienten beitragen.
  • Milieuspezifische Internalisierungen spezifischer (z.B. proamerikanischer) Werthaltungen werden habitualisiert und prädisponieren bestimmte Journalisten für einen beruflichen Aufstieg in ‚Eliten-Netzwerke‘, wie transatlantische Think-Tanks (Atlantik-Brücke) oder in (in-)formelle Regierungsberatungsgremien. Diese „Einbettung“ von hochrangigen Journalisten (Redakteure von Leitmedien) führt zu Interessenkonflikten, die regelmäßig zu Gunsten der ‚Machtnähe‘ und auf Kosten der wahrheitsgemäßen neutralen Darstellung gelöst werden (S.92-101)
  • Krüger stellt heraus, dass die „geistige Vereinnahmung“ hochrangiger einflussreicher Journalisten von diesen keineswegs kritisch, sondern positiv im Sinne einer verantwortungsvollen Erfüllung „staatsbürgerlicher Pflichten“ gedeutet wird; Regierung und transatlantische Netzwerke bilden somit – verbunden durch gemeinsame Wertvorstellungen – eine subtile „Verantwortungsverschwörung“ mit dem Leitmedienjournalismus, die sich z.B. in (in-)formellen Presseclubs und Gesprächskreisen von Politikern und Journalisten in der Bundeshauptstadt institutionalisiert (S.104ff.).
  • Im Ergebnis führt die regierungsnahe Einbettung der leitenden Redakteure von Leitmedien zu ‚beitragsfinanziertem Kampagnenjournalismus‘ (vgl. Griechenland-Krise) bzw. zu ‚gut gemeinter Einseitigkeit‘ (vgl. Darstellung der Willkommenskultur in der ‚Flüchtlingskrise‘ und Schweigestrategie nach den Silvesterereignissen in Köln 2015).
  • Letztlich kann eine zunehmende Befremdung und Sprachlosigkeit zwischen Bürgerschaft und (regierungsnahen) Medien – die eigentlich Anwalt und Sprachrohr der ersteren sein sollten – festgestellt werden. Mit Hachmeister konstatiert Krüger, dass die Kader der Massenmedien aus demselben ‚spätbürgerlichen Establishment‘ entstammen, wie die von ihnen eigentlich zu kontrollierenden politischen und wirtschaftlichen Akteursgruppen: Dieser Umstand und seine Konsequenzen bedürfen einer nachhaltigen Reflexion und Kommunikation in der Öffentlichkeit
  • Journalismus könnte nach Krügers Auffassung verlorenes Vertrauen wiedergewinnen, wenn er selbstreflexiver, vorbehaltloser, dialogbereiter und insgesamt letztlich wieder ‚systemkritischer‘ agierte. Oder mit den Worten des Autors an die eigene Zunft gerichtet: „Voraussetzung für das Aufgeben einer pädagogisch-paternalistischen Haltung ist freilich ein Grundvertrauen in die Mündigkeit des Publikums und in die Selbstregulierungskräfte der offenen, demokratischen Gesellschaft. Es gilt, (…) auch die eigene elitäre Attitüde abzulegen, die von Zeit zu Zeit zu einer Unterdrückung bestimmter Themen und Meinungen und somit zu einer gefühlten Bevormundung der Nutzer führt.“ (S.145f.).

Diskussion

Dem Autor ist eine knappe, konzise und gut verständliche Darstellung zur Lage des Journalismus in Deutschland gelungen. Instruktiv wäre dabei die (grobe) Einordnung dieser Situation ins internationale Feld (namentlich des angloamerikanischen Raumes) gewesen um die sich aufdrängende Frage zu beantworten, inwiefern Deutschlands „Verantwortungsverschwörung“ zwischen Eliten und Journalisten wirklich einen Sonderfall darstellt. Hinweise auf Journalisten, die aus der „Einbettung“ hierzulande aussteigen um bei Schweizer Zeitungen anzuheuern tauchen immerhin im Buch auf. Weiterhin hätte der Darstellung bisweilen die explizite(re) Rückbindung an Kommunikations- und Medientheorien (etwa Agenda-Setting-Theorie, Schweigespirale etc.) gut getan, um dargestellte Prozesse besser einordnen zu können. Allerdings dürfte dies der populärwissenschaftlichen Ausrichtung auf ein breiteres Publikum unter Umständen entgegengelaufen.

Um die gesellschaftliche Bedeutung der Forschungsarbeit des Autors angemessen einschätzen zu können, muss vor allem auf jene Denkfiguren hingewiesen werden, die durch seine Befunde NICHT oder nicht uneingeschränkt gestützt werden:

  1. Von einer zentral organisierten Verschwörung einer ‚Lügenpresse‘ kann heute keine Rede sein, vielmehr zeigt Krüger klar auf, dass sich Ähnlichkeiten im ‚Sound‘ der Berichterstattung in den Massenmedien als soziale ‚Feld-Effekte‘ pluralen Ursprungs verstehen lassen;
  2. Journalisten sind weniger als sinistre ‚Täter‘ gezielter Desinformationsverbreitung denn als unreflektierte ‚Opfer der Verhältnisse‘ anzusehen, denen die Bindung an die eigenen berufsethischen Standards verloren ging;
  3. Beide Gruppen – Rezipienten und Journalisten – sind wiederum eingespannt in einen umfassenderen gesellschaftlichen Transformationsprozess (Stichwort: Post-Demokratie), in dem die Tendenz besteht, die zunehmenden Interessengegensätze sozialer Milieus (Gewinner/Verlierer) in der Globalisierungsgesellschaft durch moralisierende Diskursunterdrückung an der Artikulation zu hindern und so politische Konflikte präventiv zu entschärfen hoffen.

Fazit

Uwe Krügers Verdienst ist es, einen wichtigen Beitrag im Sinne sozialwissenschaftlicher Selbstaufklärung von Gesellschaft geleistet zu haben. Dies erscheint umso notwendiger, als sich die Frontstellungen im Kampf um eine hegemoniale Wirklichkeitsdeutung allmählich verhärten und die in offenen Gesellschaften kultivierte Ambiguitätstoleranz zunehmend auf der Strecke bleibt um autoritären Konfliktlösungsstrategien Platz zu geben. Was Not täte, wäre gerade weniger pädagogische und juristische Disziplinierung jener Milieus, die sich im gesellschaftlichen Transformationsprozess real abgehängt und in ihrer Wirklichkeitswahrnehmung massenmedial ausgeschlossen empfinden, sondern eine Wiederbelebung demokratischer Diskussionskultur auf sämtlichen Medienkanälen. Dafür – und hier ist Krüger ebenfalls zu folgen – bräuchte es jedoch die kritische Selbstaufklärung des journalistischen Milieus bzw. sogar einer Erweiterung seiner Rekrutierungsbasis aus breiteren gesellschaftlichen Schichten. Wie wäre es, beispielsweise einmal probehalber die Anhänger des ‚Lügenpresse‘-Verdikts einmal in Redaktionsarbeit und journalistische Ausbildung einzubinden?


Rezensent
Prof. Dr. René Gründer
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, Fakultät Sozialwesen
Homepage www.dhbw-heidenheim.de/home/Gn
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Zitiervorschlag
René Gründer. Rezension vom 19.12.2016 zu: Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. C.H.Beck Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-406-68851-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21535.php, Datum des Zugriffs 23.04.2017.


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