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Jennifer Kreß: Onlinecommunities für Senioren

Cover Jennifer Kreß: Onlinecommunities für Senioren. Wie virtuelle Netzwerke als Unterstützung im Alltag dienen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 326 Seiten. ISBN 978-3-658-10817-5. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 53,00 sFr.
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Thema

Die Nutzung von Sozialen Medien wie Facebook oder Instagram gehört für einen Großteil der Menschen zum alltäglichen Leben. Es kann online ein Profil erstellt werden, Freundeslisten werden angelegt und Urlaubsfotos vom Strand können öffentlich geteilt werden. Gerade bei Jugendliche spielen verschiedene Funktionen und Möglichkeiten von Onlinecommunities eine extrem hohe Relevanz zur Ausgestaltung des Alltags und der Pflege von sozialen Kontakten und stellt daher ein sehr populäres Forschungsfeld in der Medienpädagogik dar. Doch wie sieht dies bei älteren Menschen aus, die nicht mit Smartphones, Internet und sozialen Onlinemedien aufgewachsen sind und sich in vielen Fällen den Umgang mit neuen Medien hart erarbeiten müssen?

Gerade Ältere und im Besonderen die sogenannten „Silver Surfer“ fallen in Diskussionen um die Mediennutzung gerne mal hinten herab, obwohl verschiedene quantitative Studien den älteren Menschen in Deutschland ein steigendes Interesse an der Nutzung von sozialen Onlinenetzwerken attestieren. Mit der umfangreichen qualitativen Forschungsarbeit zum Thema „Onlinecommunities für Senioren“ gibt Frau Kreß einen tieferen Einblick in die Mediennutzungsgewohnheiten von Älteren, welche Rolle die Nutzung sozialer Medien im Alltag von Senioren spielen kann und vor welchen Herausforderungen sie sich befinden, wenn es um das Schaffen eigener Zugänge zu virtuellen Netzwerken geht. Grundlage der Arbeit bildet dabei eine qualitative Studie mit älteren Menschen, die sich auf der (für Senioren gedachten) Plattform Feierabend.de organisieren.

Autorin

Jennifer Kreß arbeitet als Sozialpädagogin sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich „Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit“.

Aufbau

Die Arbeit von Frau Kreß beginnt zunächst mit einer Einleitung. Es erfolgt eine erste Einordnung der Arbeit sowie die Darstellung ihrer Fragestellung. Das Forschungsinteresse von ihr liegt vordergründig in der Beantwortung der Frage, „inwieweit die Nutzung des Internets und im Speziellen die Einbindung in eine Seniorencommunity ältere User bei der Aufrechterhaltung beziehungsweise Aktivierung oder Neuentwicklung von Ressourcen unterstützt, die ihnen bei der Bewältigung ihres Alltags behilflich sind“ (S. 14). Die qualitative Interviewstudie folgt dabei den methodologischen Grundlagen der Grounded Theory und gliedert sich in sieben Kapitel:

  1. Im ersten Kapitel wird zunächst der theoretische Rahmen aufgezogen und der aktuelle Stand der Forschung vorgestellt sowie zentrale Arbeitsbegriffe der Arbeit vorgestellt.
  2. Das zweite Kapitel befasst sich mit verschiedenen Forschungsansätzen der Alter(n)sforschung und der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der „neuen Medien und Älteren“ (S.113).
  3. Im dritten Kapitel wird das Methodische Design der Studie beschrieben, welches neben der Methode selbst auch die genutzten Samplingstrategien und methodischen Anpassungen enthält.
  4. Im vierten Kapitel werden vier ausgewählte Falldarstellungen von Interviewpartner*innen vorgestellt.
  5. Das fünfte Kapitel stellt die auf einer ersten Ergebnisebene gewonnenen Erkenntnisse dar. Es geht hier vor allem um die Musterbildung, welche sich von den Eckfällen ableitet.
  6. Das sechste Kapitel stellt eine zweite Ergebnisebene dar. Hier geht es um die transformativen Prozesse, welche sich aus der „Community als Ressource“ ergeben.
  7. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in einem siebten Kapitel zusammengefasst und ein Ausblick wird gegeben.

Den Abschluss der Arbeit bildet ein Literaturverzeichnis sowie Anmerkungen zur Transkription und den Transkriptionsregeln.

Zum Theoretischen Teil

Frau Kreß beginnt im theoretischen Teil, Entgrenzungserfahrungen in modernen Gesellschaftsstrukturen zu entfalten. Anlehnend an Jörissen und Marotzki skizziert sie u.a. die Phänomene der Individualisierung, Flexibilisierung und gleichzeitig stattfindenden Pluralisierung von Lebensentwürfen in modernen Gesellschaftsstrukturen. Diese eröffnen den Menschen einerseits neue Gestaltungsräume, gleichzeitig können sie aber verschiedene Krisenerfahrungen auslösen (S. 21 ff.). Es wird hier auf verschiedene Kristentypen wie Strukturkrisen, Regulationskrisen und Köhäsionskrisen eingegangen.

Frau Kreß fasst den Begriff des „Alters“ und schlägt weitere Differenzierungen vor, da es nicht objektiv bewertbar ist, was als „alt“ gilt und was nicht (S. 29). In Rückbezug auf die vorher ausgearbeiteten Strukturänderungen moderner Gesellschaften zeichnet sie verschiedene Merkmale eines Strukturwandels der Altersphase nach (S. 30 ff.). Diese finden sich etwa im zunehmenden Anteil aktiver Senioren wieder, der stärkeren finanziellen Absicherung im Alter oder einer steigenden Lebenserwartung alter Menschen. Die Autorin arbeitet anhand verschiedener Studien und Fachbeiträge heraus, dass trotz möglicher Einschränkungen der Umgang mit dem Älterwerden und den gegebenen Rahmenbedingungen durch die Aktivierung und Nutzung verschiedener Ressourcen gelingen kann (S. 45). Bei der Bewältigung von Lebensereignissen muss eine Aktivierung verschiedener Ressourcen(-arten) erfolgen, auf die Frau Kreß ausführlich eingeht (S. 48-64).

Darauf folgend werden einige Daten zur Internetnutzung von Senioren aufbereitet und auf mögliche Zugangsbarrieren des Internets für Senioren als auch Möglichkeiten und Perspektiven der Ressource Internet für Senioren eingegangen. Die Autorin arbeitet verschiedene Merkmale von Onlinecommunities heraus (S. 87 ff.) und stellt die untersuchte Seniorencommunity „Feierabend.de“ (S. 98 ff.) näher vor.

In einem weiteren Kapitel geht Frau Kreß auf die Altern(s)forschung in Bezug auf Mediennutzung ein. Sie attestiert diesem Forschungsbereich einen hohen Nachholbedarf und konstatiert: „Zwar ist deutlich geworden, dass mittlerweile eine gewisse Sensibilität und Offenheit für das Thema besteht und der Forschungsfokus sich entsprechend anpasst, dennoch sind einschlägige Untersuchungen in diesem Kontext nach wie vor unterrepräsentiert.“ (S. 118) Entsprechend möchte Frau Kreß mit ihrer Dissertation an dieser Forschungslücke ansetzen und einen Beitrag zur Altern(s)forschung in Bezug auf Mediennutzung leisten.

Zum Empirischen Teil

Die Studie basiert auf einem qualitativen Forschungsdesign und folgt methodisch den Prämissen der „Grounded Theory“. Die Datenbasis besteht aus 18 problemzentrierten Interviews, die Frau Kreß mit Mitgliedern der Senioren-Community von „Feierabend.de“ geführt hat (S. 130-132). Zur Auswertung des Interviewmaterials wurde das dreischrittige Kodierverfahren der Grounded Theory (bestehend aus offenem Kodieren, axialem Kodieren und selektivem Kodieren) sowie ein angepasstes Kodierparadigma nach Tiefel genutzt (S. 135 ff.). Weiterhin erfolgte ergänzend dazu eine Narrationsanalyse angelehnt an Schütze.

Frau Kreß stellt im Anschluss an ihre methodischen Überlegungen vier der insgesamt 18 geführten Interviews vor und gibt sehr ausführliche Fallbeschreibungen (S. 143- 209). Deutlich herausgearbeitet werden die jeweiligen biografischen Muster der Interviewteilnehmer*innen sowie die jeweiligen Bedeutungszuschreibungen der Mitgliedschaften auf Feierabend.de. Mittels der Falldarstellungen erhält der Leser einen guten Einblick in die Denk- Handlungs- und Wahrnehmungsschemata von Senioren, wenn es um ihre Medienhandlungen in der Community und genutzten Strategien im Alltag geht.

Nach den Falldarstellungen werden die Ergebnisse der Interviews aufgearbeitet und dargestellt. Auf einer ersten Ergebnisebene bildet Frau Kreß Muster, welche sie von Eckfällen ihres Interviewmaterials bildet. Hier stellt Sie verschiedene Formen und Aspekte der Vergemeinschaftung und Identitätsarbeit innerhalb der Feierabend.de-Community vor (S. 211-242).

Auf einer zweiten Ergebnisebene geht es um die Darstellung der Ergebnisse, inwieweit die Mitgliedschaft auf Feierabend.de als aktivierende Ressource für Senioren gelten kann und inwieweit eine Mitgliedschaft dabei hilft, bestehenden Herausforderungen im Alltag besser begegnen zu können (S. 265-299). Dabei geht die Autorin zunächst auf den Begriff des Alltags und der Lebenswelt ein und zeigt, inwieweit die Mitgliedschaft verschiedenartige Ressourcenpotentiale entfalten kann. Es wird hierbei zwischen assimodativen, assimilativen und akkomodativen Transformationen unterschieden. Es können also durch die Teilhabe an sozialen Online Communitys Erweiterungen von Alltagserfahrungen entstehen, eine Aufrechterhaltung von Alltagserfahrungen stattfinden und neuartige Alltagserfahrungen durch die Mediennutzung gemacht werden (S. 272 ff.).

Diskussion

Die Lektüre der vorliegenden Dissertation von Frau Kreß bietet in mehrfacher Hinsicht interessante Ansatzpunkte und tiefgreifende Auseinandersetzungen mit verschiedenen Themen. Aufgrund der dadurch entstandenen zahlreichen Unterkapitel wirkt der Aufbau und die Struktur der Arbeit anfangs sehr granular und unübersichtlich für den Leser, bietet aber nach kurzem Einlesen eine gute Struktur und Überblick zu den einzelnen Themenkomplexen.

Die theoretische Rahmung bietet dabei einen guten Einstieg in die Thematik und verknüpft Überlegungen hinsichtlich des Begriffs des „Alters“ und in einem weiteren Schritt die Überleitung von Herausforderungen des „Alters“ und einer Mediennutzung.

Der empirische Teil ist aus methodischer Sicht dem Forschungsvorhaben angemessen und die Methodenwahl sowie das Vorgehen sind jederzeit transparent und für den Leser nachvollziehbar gestaltet worden. Die Vielzahl an geführten Interviews und die ausführliche Ausarbeitung der jeweiligen Themenbereiche unterstreichen den wissenschaftlichen Anspruch an eine Dissertation. Die Falldarstellungen der Interviews sind neben den aufbereiteten Ergebnissen sehr lesenswert, da man an den biografischen Bezügen und Entwicklungen der Personen teilhaben kann und Rückschlüsse auf die Mediennutzungsbegründungen und Argumentationen von Senioren erhält.

Aus einem medienpädagogischen Fokus heraus wird ein noch sehr vage bearbeitetes Forschungsfeld beleuchtet und gibt Einblicke in die Orientierungsweisen von Senioren und Unterstützungsmechanismen, die Onlinecommunities im Alltag haben können. Die Untersuchung macht deutlich, dass auch ältere Menschen und Senioren digitale Medienangebote und insbesondere virtuelle Netzwerke für Vergemeinschaftungsprozesse nutzen. Frau Kreß konstatiert zurecht, dass entsprechende Angebote in der pädagogischen Praxis entstehen müssen (S. 303). Ein Kursangebot für Senioren, was sich rein auf Computerkurse zum Erlernen von Basiskompetenzen beschränkt, wird dem heutigen schnelllebigen Medienwandel und den sozialen Implikationen, die durch eine Mediennutzung entstehen können, nicht gerecht.

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass Frau Kreß eine umfassende Studie mit vielen interessanten Ergebnissen und wertvollen Einblicken in die Mediennutzung von Senioren vorgelegt hat, die weiterführende Überlegungen zu den Potentialen digitaler Medien für die pädagogische Praxis anstellt und meines Erachtens in der weiteren Forschung eine hohe Anschlussfähigkeit besitzt.


Rezensent
Marco Wolf
M.A.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Medienpädagogik der Technischen Universität Darmstadt
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Zitiervorschlag
Marco Wolf. Rezension vom 28.03.2017 zu: Jennifer Kreß: Onlinecommunities für Senioren. Wie virtuelle Netzwerke als Unterstützung im Alltag dienen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-10817-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21536.php, Datum des Zugriffs 20.07.2018.


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