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Josef Christian Aigner (Hrsg.): Der andere Mann

Cover Josef Christian Aigner (Hrsg.): Der andere Mann. Ein alternativer Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern heute. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 250 Seiten. ISBN 978-3-8379-2620-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Herausgeber

Der Herausgeber Josef Christian Aigner (geb. 1953), Prof. Dr. phil., Dr. h.c. ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut sowie Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften, Institut für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte sind Vaterforschung sowie Männer in erzieherischen und sozialen Berufen.

Aufbau

Der Band enthält zwölf Beiträge, die sich mit dem Thema „Der andere Mann“ beschäftigen. Den (allesamt männlichen) Verfassern geht es, wie Josef Christian Aigner in seinem Vorwort betont, „um einen alternativen Blick auf Männer, der sie anders zeigt, als sie in Medien, Alltagsbewusstsein, Talkshows, Fachliteratur und gelegentlich auch in der Wissenschaft dargestellt werden“ (S. 7).

Aigner hebt hervor, dass Männer meistens eher schlecht wegkommen: Es gehe häufig „um eine beklagenswerte Negationsspirale an Eigenschaften und Merkmalen“ (S. 8). Er habe sich als Herausgeber eines Sammelbandes zum Thema „Der andere Mann“ vorgenommen, „positive Merkmale und Leistungen von Männern für die Gesellschaft und Kultur, viele engagierte, sensible, fürsorgliche und emanzipierte, frauen- und kinderfreundliche Männer, die mit Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung nichts zu tun haben und zu tun haben wollen“ (S. 8), vorzustellen.

Inhalte

Der erste Beitrag „Der andere Mann. Vom schwierigen Umgang mit Unterschieden“ stammt vom Herausgeber selbst (S. 11-35). Ausführlich wird hier der negative Diskurs in Bezug auf Männer/Männlichkeit dargestellt. Männer werden danach meist nur auf der Ebene „des Defekten, des Mangelhaften und Problematischen“ (S.19) dargestellt. Kritisiert wird des Weiteren die Tendenz, Geschlechtsunterschiede für unbedeutend zu erklären (S. 26). Als Hauptverursacher dieser pauschalen und einseitigen Betrachtungsweise wird der Sozialkonstruktivismus angeführt (S. 26), welcher die Existenz zweiter in großer Mehrheit körperlich unterschiedlicher Geschlechter grundlegend negiere (ebd.). Aigner benennt als Konterpart die psychoanalytisch-entwicklungstheoretische Sicht, der er unter Bezug auf den Sexualmediziner Sigusch (2013) und auf L. Böllinger (2015), eine feste, unabänderliche Kerngeschlechtlichkeit zuspricht (S. 29).

Reinhard Winter geht in seinem Beitrag „Der werdende Mann. Jungen und ihre Problemlagen heute“ (S. 37-58) davon aus, dass es „die“ Jungen nicht gibt, zumindest nicht im wirklichen Leben. Für den Alltagsgebrauch hingegen genüge ihm eine relativ hohe Übereinstimmung von körperlichem, psychischem und sozialem männlichen Geschlecht (im Rahmen der Cisgender-Definition von Volkmar Sigusch). Winter identifiziert verschiedene Bewältigungsthemen wie „Körper“, „Männlichkeitsdilemma“, „Männermangel“ (= Fehlen von Männern in kindlichen Lebenswelten), „Anomisches Verhalten und assertive Aggression“, „Sexualitäten“ u.a.m.

Ivo Knüll überschreibt seinen Artikel mit „Der erzählte Mann. Narrative, Stereotype, Geschichten und andere Erzählungen der Männlichkeit“ (S. 59-75). Wie der Titel schon sagt, geht es hier um die (schier unendlichen) Erzählungen des Männlichen. In diesem biographisch und von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater geprägten Artikel wandern die Ideen des Verfassers zwischen verschiedenen Schauplätzen hin und her (was nicht negativ gemeint ist).

Helmut de Waal schreibt zum Thema „Der Vater-Mann. Für eine Kultur väterlich-männlicher Sorge“ (S. 77-94). Auch dieser Artikel ist deutlich von der Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie geprägt – hier jedoch mit den Rollen, die Väter annehmen können/müssen: „Vater sein heißt wesentlich: Für jemanden sorgen und damit auch, sich um jemanden sorgen“ (S. 81).

Der Beitrag von Hans-Geert Metzger ist mit „Der strukturierte Mann. Die Bedeutung von Aggression und Autorität in der Vaterschaft“ überschrieben (S. 95-108). Betont werden – neben aufschlussreichen Details aus der Biographie von Eric Clapton – Unsicherheiten auf Seiten der Männer hinsichtlich der Bedeutung und Akzeptanz der eigenen Aggression (S. 101ff). Diese habe eine weitgehende gesellschaftliche Umwertung erfahren, sodass sie mittlerweile überwiegend und schnell negativ bewertet werde (S. 101).

Josef Christian Aigner und Gerald Poscheschnik stellen in ihrem Aufsatz „Der andere Job. Männer im Kindergarten“ (S. 109-126) Gründe für die Berufswahl von Kindergartenpädagogen und Männlichkeitskonstruktionen in diesem (für Männer) außergewöhnlichen Arbeitsplatz zur Diskussion.

Gotthard Bertsch und Martin Christandl schreiben zum Thema „Einfach Männer. Erfahrungen aus der Männerberatung“ (S. 127-137).

Eduard Waidhofers´ Artikel ist überschrieben mit „Männer leiden anders. Erfahrungen mit Männern in Theorie und Beratung“ (S. 139-164). Herausgestellt wird, dass viele Männer im Laufe ihres Lebens den Zugang zu ihren Gefühlen verloren haben – die Wahrnehmung von Gefühlen und inneren Impulsen aber eine Grundvoraussetzung für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ist (S. 147). Ziel der Therapie sollte demzufolge sein, den Mann „zur Sprache zu bringen“.

In seinem Beitrag „Die andere Geschlechterpolitik“ (S. 165-187) betrachtet Markus Theunert die Beziehung von Männern zur Gleichstellungspolitik und fragt nach Potentialen, um deren Unterstützung und Engagement für gender equality zu stärken. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Benachteiligungsdiskurse dem Erreichen von Geschlechtergerechtigkeit schaden und schlägt stattdessen vor, „an Emanzipationssehnsüchte zu appellieren, an die Leidenschaft für ein befreites Leben jenseits von Müssen, Sollen und Dürfen“ (S. 185).

Hans Prömpers Artikel „Vom Glück, ein Anderer zu sein. Männerbildung als Anders-Ort“ (S. 189-211) beleuchtet biographische Prozesse und Erfahrungen, wie sie ihm in Männergruppen, an Männerwochenenden und in anderen Arrangements des Lernens unter Männern in homosozialen Männergruppen begegnet sind (S. 190). Diese Männer erleben sich als „anders“ gegenüber ihrer Umwelt, weil sie sich um eine bewusst alternative Lebensgestaltung bemühen (S. 192). Prömper blickt „auf Personen, Geschichten, Konflikte und Erfahrungen von Männern“, in denen er „über den einzelnen Fall hinausgehend etwas Allgemeines spüren und aussagen möchte“ (S. 192). Häufig geht es in diesen Lebensgeschichten „um den Wunsch nach einem authentischen Leben, darum, sich selbst in die Augen schauen zu können…“ (S. 197f). Der vielschichtige Beitrag schließt mit der Feststellung, dass es „Räume“ für Männer geben muss, Räume der offenen Kommunikation und (Selbst-)Annahme unter Männern und benennt eine Reihe solcher Räume (S. 204ff).

Peter Stögers Beitrag ist überschrieben mit „Geist und Geistin. Gender-Mainstreaming aus anthropologisch-theologisch-historischer Sicht“ (S. 213-235). Nach Aussagen des Verfassers beschäftigt sich der Beitrag „mit den Bildern von Männern, die häufig im Rahmen des Gender-Mainstreaming auftreten“ (S. 213).

Der letzte Artikel des Buches ist von Johannes Berchtold und heißt: „Das Andere in uns. Yin- und Yang-Konstanten im Wandel der Zeiten als dynamische bzw. dialektische Grundmuster einer ganzheitlichen Geschlechtertheorie“ (S. 237-250). Es handelt sich hier um eine philosophische Diskussion der beiden großen Kräfte Yin und Yang, die in der fernöstlichen Weltanschauung gemeinsam den Bereich der Manifestationen kontrollieren (S. 238ff).

Diskussion

Mag sein, dass dieser alternative Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern heute auf Kritik stößt. Zu plakativ, zu normativ, zu einfach, zu pauschal und zu wenig wissenschaftlich. Aber der Maßstab, an dem hier gemessen wird, sollte ein anderer sein: Die Vielfalt, die Authentizität des Dargestellten, die Diskutierbarkeit, die Öffnung anderer Perspektiven auf ein wohl tatsächlich recht eingeengt und abgegrenzt behandeltes Thema. Die Realitäten von Männern heute sind vielschichtig und komplex. Für mich stellt das Buch den gelungenen Versuch dar, diese Realitäten wiederzugeben. Methodologisch muss dabei Vielschichtigkeit zugrunde gelegt werden, wissenschaftlich und subjektiv, qualitativ und quantitativ, damit die inhaltliche Pluralität erhalten bleibt.

Fazit

Es kann und darf hier nicht darum gehen, die Qualität der einzelnen Beiträge wertend zu beurteilen. Vielmehr sollte es um die Frage gehen, ob das Buch der Komplexität des gewählten Themas gerecht wird. Dass dies nach Ansicht des Rezensenten der Fall ist, wurde in dem vorangehenden Abschnitt „Diskussion“ bereits erörtert. Das Buch sollte für jeden, auch für jede, etwas dabei haben (vgl. S. 9). Davon zeugt die vorangehende ausführliche Inhaltsangabe. Dass das Buch ausschließlich von Männern verfasst wurde, ist in Ordnung – schließlich wurden Frauenanliegen auch zunächst von Frauen untereinander verhandelt und vorgetragen. Aber wie bereits erwähnt, ist das Buch nicht nur für Männer gedacht, sondern für alle, die an geschlechterreflektierenden und geschlechtergerechteren Initiativen interessiert sind.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 06.12.2016 zu: Josef Christian Aigner (Hrsg.): Der andere Mann. Ein alternativer Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern heute. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2620-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21541.php, Datum des Zugriffs 12.08.2020.


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