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Anna Riegler: Anerkennende Beziehung in der Sozialen Arbeit

Cover Anna Riegler: Anerkennende Beziehung in der Sozialen Arbeit. Ein Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-658-13226-2. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Das Buch führt theoretisch in die Diskussion um Soziale Gerechtigkeit ein und über eine empirische Studie wird die Beziehungsgestaltung zwischen Klient/in und Sozialarbeiter/in herausgearbeitet. Dabei stehen im Mittelpunkt die Veränderungsmöglichkeiten von Ungleichheitsssituationen durch soziale Praktiken, vorwiegend über entsprechende professionelle Haltung und Gesprächstechniken.

Autorin

Anna Riegler ist Dozentin an der Fachhochschule JOANNEUM Gesellschaft mbh – August Aichhorn Institut für Soziale Arbeit, Graz, Österreich. Das Buch wurde erstellt auf Basis ihrer Dissertation an der Karl-Franzens-Universität-Graz, Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften im Jahre 2014.

Entstehungshintergrund

Für das Forschungsvorhaben stand das Interesse im Vordergrund, inwieweit eine anerkennende Beziehungsgestaltung über entsprechende sozialarbeiterische Interventionen eine Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit leisten kann oder ob umgekehrt Interventionen zur Verfestigung von Verhalten führen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich klassisch in zwei Hauptteile, einen Theorie- und einen empirischen Teil.

  1. Im ersten werden verschiedene Theorien sozialer Gerechtigkeit mit Blick auf Befähigung und anerkennende Verhältnisse aufgezeigt, die Subjektwerdung thematisiert und die Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession skizziert.
  2. Im zweiten Teil schließt sich die Untersuchung, zum Forschungsgegenstand an, gegliedert in fünf Beziehungsfiguren mit einer entsprechenden Zusammenfassung, inwieweit Anspruch und Wirklichkeit von Beziehungsgestaltung der Förderung sozialer Gerechtigkeit standhält.

Ein abschließendes Kapitel widmet sich der Frage, inwieweit anerkennende Beziehungsgestaltung erlernt werden kann.

Inhalt

Zum Verständnis dieses Buches zählt die Auswahl und der Hintergrund der Handlungsfelder: die Arbeit mit Asylbewerber/innen, Arbeit mit Migrant/innen, Arbeit mit Mensch in prekären Lebenslagen bzw. von Wohnungslosigkeit bedroht oder wohnungslos sind und die Arbeit mit straffälligen Menschen. Somit liegt der Fokus der methodischen Interventionen auf der Einzelfallhilfe.

Ausgegangen wird von der Grundannahme, dass soziale Gerechtigkeit nicht allein von Beziehungsgestaltung bestimmt wird, sondern auch strukturelle Bedingungen eine Rolle spielen. In ihren Ausführungen fokussiert sich die Autorin auf die Spielräume und Chancen der Menschen, ihre Handlungen und Entscheidungen zu gestalten. Die Theorie von Amartya Sen bildet den Ausgangspunkt mit der grundlegenden Position, dass die Befähigung eines Menschen Dinge zu tun, die sie hochschätzen die Freiheit auslöst, wichtige Dinge zu tun mit mehr Entscheidungsspielraum. Eine geringe Befähigung mindert dagegen die Chancen für selbstbestimmtes Leben. Erweitert werden diese Ausführungen mit dem Capability-Ansatz anknüpfend an Martha Nussbaum. Die zentralen Befähigungen die Nussbaum als Voraussetzung in Menschenwürde zu leben werden auf drei Ebenen dargestellt: interne Fähigkeit (Geist, Charakter, Körper), externe Fähigkeiten (Entscheidungen sind möglich) und Grundfähigkeit (Verantwortung für das Gemeinwesen). In der Beziehungsgestaltung steht die Sozialarbeiterin in der Verantwortung ein Klima herzustellen, in dem die Klient/innen sich frei von Angst ausdrücken können. Ergänzt wird dieser Theorieteil durch die Anerkennungstheorie von Axel Honneth, der die Fähigkeit an der Gemeinschaft zu partizipieren als strukturellen Rahmen versteht, in dem ein Individuum ein autonomes Mitglied einer Gesellschaft werden kann. In einem Exkurs stellt die Autorin die philosophischen, die sozialpsychologischen, die psychoanalytischen Wurzeln der Anerkennungstheorie dar über Wilhelm Friedrich Hegel, George Herbert Mead und über Donald W. Winnicott.

Die Anerkennungsverhältnisse in primären Beziehungen, die Honneth ausführt, werden im weiteren Grundlage der empirischen Untersuchung: Anerkennungsverhältnisse in der Sphäre der Liebe, des Rechts und des Verdienstes. Das Kapitel Subjektwerdung basiert auf verschiedenen theoretischen Linien, unter anderem auf: die Subjektwerdung in Figurationen (Norbert Elias), auf dem Hintergrund der Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse (Pierre Bourdieu), als bildungsstiftende anerkennende Interaktion (Krassimir Stojanov), im Rahmen eines Hilfeprozesses (Paul Ricoeur).

Im letzten theoretischen Teil wird nun Bezug auf die Soziale Arbeit genommen und zwar unter dem Gesichtspunkt als Gerechtigkeitsprofession. Die Begrenztheit der Sozialen Arbeit unmittelbar Rahmenbedingungen verändern zu können anerkennend, sieht die Autorin in der Befähigung der einzelnen Menschen zur selbstbestimmten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben als ein Auftrag im Sinne einer Gerechtigkeitsprofession. Dabei verweist sie auf die Lebensweltorientierung von Hans Thiersch und die Sozialraumorientierung nach Fabian Kessl und Christian Reutlinger. In beiden wird Soziale Arbeit als ein Gestaltungsraum für gelingenden Alltag gesehen und die Mitwirkung an Gestaltungsprozessen und -perspektiven zugestanden. Die Autorin sieht in der professionell helfenden Beziehung den Fokus oben genannte Anforderungen wesentlich mitgestalten zu können. Dabei nennt sie mehrere Aspekte einer professionell gestalteten Beziehung: innerhalb des doppelten Mandats, Aufdeckung von Machtverhältnissen, Unterstützung bei Rechten und Pflichten, als lebenslanges Lernen, im Freiwilligen- bzw. Zwangskontext, emotionale Bezogenheit in Distanz, Ressourcenorientierung, Zeit zum Erzählen, Orientierung an Fähigkeiten. Daraus entsteht aus ihrer Sicht eine tragfähige Arbeitsbeziehung, die Reflexion ermöglicht und Handlungskompetenzen wie zum Beispiel kommunikatives Handeln erzeugt.

Auf diesen theoretischen Grundlagen formuliert die Autorin eine Reihe von Ansprüchen an eine anerkennende Beziehungsgestaltung in der Sozialen Arbeit wie z.B.: Selbstverwirklichung und Autonomie fördern, Vertrauen in Fähigkeiten, Anerkennung einer Person, Wahrung der Menschenwürde, Teilung der Verantwortung im Hilfeprozess, keine soziale Vorverurteilung, emotionale Zugewandtheit und trotzdem ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz.

Der zweite Teil der Veröffentlichung umfasst eine empirische Untersuchung mittels der Grounded Theory. In fünf Einrichtungen wurden Erhebungen durchgeführt, teilnehmende Beobachtung in zwei Einrichtungen und dann in allen fünf Einrichtungen (Anlaufstelle für erwachsene Menschen, die vorwiegend auf der Straße leben, in einem Flüchtlingswohnheim, in einer Organisation für straffällige Menschen, in einer Behörde für Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen und in einer Beratungseinrichtung für Migrant/innen) Gespräche zwischen Sozialarbeiter/in und Klient/in aufgezeichnet, als hauptsächliche Datenbasis, mit anschließenden Leitfadeninterviews. Die Auswertung erfolgte dann mittels der Grounded Theory. Die Ergebnisse werden dann anhand von vier Beziehungsfiguren im Sinne einer Begegnung von Mensch zu Mensch herausgearbeitet: Beziehung als ein Pendeln zwischen funktionaler Asymmetrie, Beziehung als ein Gegenüberstehen von hierarchischer Distanziertheit, Beziehung als Begegnung im hierarchischen, beweisführenden und sich beweisen müssenden Verhältnis, Beziehung als ein Pendeln zwischen funktionaler Asymmetrie und der sympathisierenden Begegnung. Eine fünfte Beziehungsfigur umfasst den Aspekt einer Beziehung als Begegnung zwischen direktiv versorgender Anleitung und widerständiger Autonomie. Dazu werden die einzelnen Gesprächssequenzen detailliert ausgewertet.

Zusammenfassend werden folgende Hypothesen aufgestellt: im Zwangskontext, unter mangelnder Anerkennung, im Sinne von Beweisführung wurde der Klientin nicht geglaubt; Klient/innen inszenieren ihre Kompetenz in hierarchischen, direktiven und kontrollierenden Situationen, sie werden dabei nicht ernst genommen; dagegen kann in alltagsnahen und wenig formellen Gesprächen echtes Interesse an der Person und eine gleichwertige Begegnung von Mensch zu Mensch entstehen; hohe Rollenflexibilität von Sozialarbeiter/innen insbesondere mit alltagsnaher Gestaltung und Normalisierung der Hilfeleistungen baut Asymmetrie ab und Klient/innen können eher Schwächen zeigen und reden bei verstehender Gesprächsführung; alltagsnahe, lebensweltorientierte, akzeptierende Haltung ohne Kontrollauftrag fördert die Begegnung von Mensch zu Mensch; Mangel an Ressourcen in den Einrichtungen führt eher zu konflikthaften Beziehungen.

In einem kurzen Ausblick wird zum Schluss auf die Notwendigkeit von Intervision und Supervision verwiesen.

Diskussion

Im theoretischen Teil wird sehr detailliert auf die metatheoretischen Implikationen sozialer Gerechtigkeit eingegangen. Die Darstellung orientiert sich an auf sich aufbauenden Logiken der eingearbeiteten Theoriekonzepte (Rawl, Sen, Nussbaum, Honneth, Elias, Bourdieu). Der Bezug zur Sozialen Arbeit wird dann über handlungstheoretische Ausführungen von Ricoeur, Thiersch hergestellt. In diesem Kapitel spricht die Autorin nunmehr von Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession und bezieht sich dabei vor allem auf Positionen des Österreichischen Berufsverbandes der SozialarbeiterInnen. Jemand wie Silvia Staub-Bernasconi, die zu diesem Thema umfänglich publiziert, findet keine Beachtung. Es fällt in diesem theoretischen Teil auf, dass die Autorin keinen Bezug zur Sozialarbeitswissenschaft herstellt und die einzelnen Theoriekonzepte ohne kritische Bewertung einarbeitet, bzw. nicht die Unterschiede, die in diesen Konzepten liegen, aufzeigt.

Der empirische Teil und seine Ergebnisse stützen sich im Wesentlichen auf fünf Gesprächssequenzen, die allerdings sehr detailliert ausgewertet und durch die Hypothesen verallgemeinert werden. Ob in einem länger beobachteten Prozess der Hilfestellung, die unterschiedlichen Vorgehensweisen andere Erkenntnisse gebracht hätten, bleibt damit offen. Die Erkenntnisse selbst sind hinlänglich bekannt (z.B. der Faktor der Freiwilligkeit, bzw. Zwang und Kontrolle in der sozialarbeiterischen Beratung) durch die klientzentrierte Gesprächsführung, die lebensweltorientierte oder systemische Beratung. Die Art der Auswertung der Gespräche könnte zumindest bei Studierenden und Berufsanfänger/innen als Beispiel intensiver Reflexion aufgenommen werden.

Fazit

Die anerkennende Beziehungsgestaltung im Rahmen von Einzelfallhilfe in der Sozialen Arbeit steht im Mittelpunkt der Ausführungen. In kurzen, wenigen Sequenzen gibt die Autorin zu erkennen, dass die derzeitigen Rahmenbedingungen (Einsparungen, fordernde Gegenleistungen seitens der Klient/innen, Orientierung an marktwirtschaftlicher Leistungsfähigkeit) diesem professionellen Geschehen entgegensteht. Theorien der sozialen Gerechtigkeit werden informativ ausgearbeitet. Ein Verdienst des Buches ist, die Arbeits-Beziehung zwischen Klient/innen und Sozialarbeiter/innen breiten Raum zu geben und setzt damit ein Gegenpol zu den immer stärkeren Tendenzen einer managerialen Sozialen Arbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Neuffer
Dipl. Sozialarbeiter, Dipl. Pädagoge, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit. Schwerpunkte: Sozialarbeitswissenschaft, Systemische Beratung, Case Management, Mediation
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Zitiervorschlag
Manfred Neuffer. Rezension vom 27.02.2017 zu: Anna Riegler: Anerkennende Beziehung in der Sozialen Arbeit. Ein Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-13226-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21547.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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