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Sara Galle: Kindswegnahmen (schweizerische Jugendfürsorge)

Cover Sara Galle: Kindswegnahmen. Das "Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse" der Stiftung Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge. Chronos Verlag (Zürich) 2016. 710 Seiten. ISBN 978-3-0340-1327-7. 62,00 EUR, CH: 68,00 sFr.
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Thema

Das „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“, gegründet im Jahr 1926, aufgelöst 1973 nachdem in der Presse heftige Kritik an seiner Tätigkeit laut geworden war, ist ein schwieriges Kapitel in der Geschichte der Schweiz. Das „Hilfswerk“ war jahrzehntelang ein wichtiger Teil der heute noch bestehenden und in Erziehungsfragen an sich sehr renommierten Jugendhilfe-Stiftung „Pro Juventute“. Doch statt Hilfe zu leisten bewirkte das „Hilfswerk“ für fast 600 Kinder von Schweizer Fahrenden unsägliches Leid: Sie wurden ihren Eltern oft bereits im Kleinkindalter weggenommen und in Heimen, Sondererziehungs- und Arbeitsanstalten, Psychiatrien und Pflegefamilien untergebracht. Da sie als erblich vorbelastet, minder intelligent, als in vielerlei Hinsicht sowohl gefährdet als auch gefährlich galten, erhielten die fremdplatzierten „Kinder der Landstrasse“ zumeist nur eine begrenzte schulische und berufliche Ausbildung, und viele konnten auch als Erwachsene kein Leben in Freiheit verbringen.

Während der Bestehenszeit des „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“ war in der Öffentlichkeit nur wenig über die Kindswegnahmen und Fremdplatzierungen bekannt. Seit die Presse diese Praxis 1972 öffentlich gemacht und skandalisiert hatte, sind aber eine Vielzahl von Publikationen dazu erschienen. Sara Galles „Kindswegnahmen“ im nun ein Meilenstein im Umgang mit diesem belastenden Kapitel der Schweizer Geschichte. Die sehr umfangreiche Monografie, die Dissertationsschrift der Autorin, ist das Resultat einer Aktualisierung und Verlagerung der Kritik an der Arbeit des „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“: Zwar wurde die Organisation nach der Skandalisierung durch die Presse in den 1970ern ab den 1980ern auch im universitären Umfeld erforscht, doch nimmt Sara Galle mit ihrer Studie nun eine neue, gewinnbringende Perspektive mit Schwerpunkten in der Wissenschaftsgeschichte und der Geschichte des Schweizer Sozialstaates ein.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung blickt die Autorin zunächst auf die bereits über vierzigjährige Forschungsgeschichte zurück, deren Publikationen teils selbst bereits wieder Quellenwert haben. Sara Galle selbst beschreibt ihr Vorhaben als eine stark quellenbasierte Kontextualisierung mit dem Ziel „die Faktoren zu erschliessen“, welche die Voraussetzung für die „‚Kinder der Landstrasse‘ schufen sowie ihre Grenzen bestimmten.“ (35)

Von den inhaltlichen Hauptkapiteln nimmt Kapitel 2 zu den „institutionellen Rahmenbedingungen“ am ehesten die Form einer traditionellen Organisationsgeschichte an. Allerdings beschränkt sich Sara Galle hier nicht darauf, ganz klassisch die in den Jubiläumspublikationen aufgezeichneten Rahmendaten wiederzugeben. Vielmehr lässt sie viele Quellen für sich sprechen und versucht so gewisse Gründungsmythen zu entlarven, die sich in älteren Selbstbeschreibungen eingeschlichen hatten. Zudem ordnet sie die Gründung des „Hilfswerks“ sehr umfassend in den Kontext der damaligen Praxis des Schweizer Armenwesens, der Kinder- und Jugendfürsorge und des Umgangs mit nicht-sesshaften Bevölkerungsgruppen ein. So wurde „Hilfswerks“-Gründung vom Gründer Alfred Siegfried als Reaktion auf einige wenige Einzelfälle vernachlässigter „Vagantenkinder“ dargestellt, vor diesem Hintergrund scheint sie aber eher die Lösung für die strukturell bedingten Unzulänglichkeiten des noch jungen Schweizer Bundesstaates gewesen zu sein. Besonders ausführlich beschrieben ist in diesem Kapitel zudem die Biografie des Gründers und langjährigen Leiters Alfred Siegfried.

In Kapitel 3, „Normative Grundlagen, wissenschaftliche Aussagen und politische Strategien“, werden die Diskurse und Praktiken der Kinder- und Jugendfürsorge, des Schweizer Bürgerrechtes und der damit zusammenhängenden Frage der Behandlung der sogenannten „Vaganten“ sowie weitere Aspekte der „Sozialen Frage“ behandelt. Dieses Kapitel ist zu einem grossen Teil eine Wissenschaftsgeschichte der Medizin, Psychiatrie und der Sozialwissenschaften. Galle skizziert hier auch an einigen Beispielen aus dem Kanton Graubünden, wie psychiatrische und erziehungswissenschaftliche Praktiken im 19. und 20. Jahrhundert im konkreten Fall institutionalisiert wurden.

Im Kapitel 4 „Die ‚Kinder der Landstrasse‘ in Werbeschriften, Diplomarbeiten und in der Schweizer Presse“ geht Galle der Frage nach, wie das Wirken des Hilfswerks in verschiedenen Kontexten wahrgenommen wurde. Dabei geht sie in einigen Fällen Vorwürfen der Schuld durch stille Mitwisserschaft und allzu grosse Nähe zum Gedankengut des Nationalsozialismus nach.

Im Kapitel 5 „Die Kindswegnahmen“ wird dargestellt, wie Alfred Siegfried als Leiter des „Hilfswerks“, gezielt fahrende Familien ausfindig machte, beobachtete und dann die Zusammenarbeit mit den Behörden suchte, um die Kindswegnahmen zu bewerkstelligen. An dieser Stelle zeigt die Autorin auch auf, welche entscheidende Rolle die Familien- und Personendossiers in diesem ganzen Prozess spielten: Mit Akten konstruierten die „Hilfswerks“-MitarbeiterInnen eine Realität, dank deren sie von den Vormundschafts- und Armenbehörden die Legitimation erhielten, die „Kinder der Landstrasse“ nach eigenem Gutdünken zu behandeln. Ob diese Realität aufgrund von Fakten oder bloßen Vermutungen konstruiert wurde, spielte für die EntscheidungsträgerInnen keine Rolle.

Der Handlungsspielraum der fremdplatzierten Kinder und deren Herkunftsfamilie dagegen war sehr viel begrenzter, wie im nächsten Kapitel 6 „Die Grenzen der Aktion ‚Kinder der Landstrasse‘“ aufgezeigt wird. Sie konnten praktisch nichts tun, um das aktenbasierte Realitätskonstrukt zu beeinflussen. Grenzen wurden dem „Hilfswerks“ allerdings dann gesetzt, wenn es Zuständigkeitskonflikte gab, wenn lokale Behörden die Zusammenarbeit verweigerten oder wenn die eigenen personellen und finanziellen Ressourcen nicht mehr ausreichten.

Im letzten thematischen Kapitel 7, „Die Rolle der Psychiatrie in der Fürsorgepraxis“, wird noch einmal der sehr ungleiche Handlungsspielraum der „Hilfswerks“-MitarbeiterInnen und der fremdplatzierten Kinder aufgezeigt, diesmal anhand der Art und Weise wie psychiatrische Gutachten über die Kinder zustande kamen. Diese Gutachten dienten in erster Linie der Disziplinierung der Kinder, etwa zur Begründung einer Internierung oder Verlängerung der Vormundschaft. Dass eine Behandlung oder Heilung nie zur Diskussion stand, lag aber auch am bis weit in die 1950er dominante psychiatrische Deutungsmuster, wonach Persönlichkeitsstörungen und Geisteskrankheiten zu einem bedeutenden Teil ererbt und nicht erworben waren.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Studie zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie Macht und Wirkung von Akten, Administrationsprozessen, Wissenszirkulation, wissenschaftlichen Deutungsmustern und die Aushandlung von Zuständigkeiten ins Zentrum stellt. Gleichzeitig bleiben stets sowohl die AkteurInnen des „Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse“, ihre Verbündeten und Gegenspieler als auch die betroffenen Kinder und ihre Familienpräsent. Die Menschen rücken in dieser Studie auch deshalb so stark in den Vordergrund, weil sie sehr detailliert geschrieben und mit umfangreichen Fallbeispielen illustriert ist. Bisweilen mag dieser Detailreichtum etwas ausufern, manchmal kommt es auch zu Redundanzen. Durch die verständlichen Zwischentitel ist ein schnelleres Querlesen problemlos möglich.

Eine weitere Stärke der Studie ist die zurückhaltende Bewertung des Beschriebenen, gerade vor dem Hintergrund der zum Zeitpunkt der Publikation aktuellen politischen Diskussion um eine finanzielle Wiedergutmachung von Seiten des Schweizerischen Bundesstaates an die Betroffenen. Die Autorin verweist in der Einleitung auf diese Problematik und auf ältere Publikationen. Sie selbst bringt ebenfalls immer wieder Wertungen an, verzichtet jedoch auf reißerische Rundumschläge genauso wie auf generelle Amnestien mit Berufung auf den „Zeitgeist“, sondern argumentiert jeweils ausserordentlich differenziert mit den von ihr dargelegten Fakten und erläuterten Zusammenhängen.


Rezensentin
Anina Eigenmann
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Zitiervorschlag
Anina Eigenmann. Rezension vom 12.05.2017 zu: Sara Galle: Kindswegnahmen. Das "Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse" der Stiftung Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge. Chronos Verlag (Zürich) 2016. ISBN 978-3-0340-1327-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21548.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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