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Katrin Hille, Petra Evanschitzky u.a.: Das Kind - die Entwicklung in den ersten drei Jahren

Cover Katrin Hille, Petra Evanschitzky, Agnes Bauer: Das Kind - die Entwicklung in den ersten drei Jahren. h.e.p.-verlag (Bern) 2016. 272 Seiten. ISBN 978-3-03822-019-0. 24,00 EUR, CH: 29,00 sFr.
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Thema

Anders als viele Publikationen, die dezidiert Studierende und/oder Graduierte adressieren, möchten die Autorinnen mit diesem Werk pädagogische Fachkräfte erreichen, die mit der Betreuung von Kindern des Säuglings- und Kleinkindalters betraut sind. Nicht umhin kommt dabei die Forderung, einen Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis (vgl. S. 5) zu wagen – ein Umstand, der systematisch gelingt, ohne praxisrelevante wie auch theoriebezogene Umstände zu vernachlässigen? Eine Einstiegslektüre, welche in weiten Teilen die Kluft zwischen ebendiesen Schwerpunkten pädagogischer Tätigkeiten (den Theorie-Praxis-Transfer) zu schließen versucht.

Autorinnen

Katrin Hille, Petra Evanschitzky und Agnes Bauer sind oder waren am ZNL der Universität Ulm, dem Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis tätig.

  • Katrin Hille – seit Gründung des ZNL dort tätig – ist mittlerweile mit der geschäftsführenden Gesamtleitung betraut.
  • Demgegenüber betreut Petra Evanschitzky Kita-Teams in deren Entwicklung, wenngleich, wie der Klappentext verrät, gerade jene Jahre am ZNL sie inspiriert und bereichert haben.
  • Agnes Bauer ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin dem ZNL erhalten geblieben und beschäftigt sich in einem aktuellen Projekt (Lernort experimenta Heilbronn) mit informellen Lernprozessen und Berufsorientierung.

Aufbau

Im Allgemeinen orientieren sich alle Kapitel an einem Muster, das, wie die Autorinnen selbst schreiben, als „Appetizer“ (S. 12) hungrig auf die folgenden Gedanken machen soll. Nebst der jeweiligen Unterordnung verschiedener thematischer Bausteine beginnt jedes Kapitel mit einer Themenlandkarte, die als Übersicht fungieren sowie ebenso Zusammenhänge der Konzepte und Begriffe verdeutlichen kann, um das eigene Verständnis zu hinterfragen. Dieser Wissenscheck wird von Rekapitulationsfragen unterstützt und, dem Arbeitsauftrag des Bandes entsprechend, von Vertiefungs- und Transferfragen begleitet, die Bezüge zur pädagogischen Praxis offerieren.

Ausgewählte Inhalte

Dreigliedrig sollen essentielle Wissensbestände hinsichtlich der kindlichen Entwicklung dargestellt werden:

  1. Grundlagen (vgl. S.15ff.) vermitteln einen Überblick über zentrale Begriffe wie Wahrnehmung, Lernen und Bedürfnisse sowie deren Regulation.
  2. Die Kindliche Entwicklung (vgl. S. 103ff.) vermittelt im Weiteren Einsichten in motorische, sprachliche und kognitive Aspekte, ehe mit der sozialen Entwicklung – wohl pointiert – ein Abschluss dieses kurzen Abrisses gefunden wird.
  3. Der Brückenschlag zur Pädagogik (S. 221ff.), als abschließender Abschnitt lediglich ein Kapitel umfassend, wagt final einen der deutlichsten Bezüge zum selbst verordneten Arbeitsauftrag der Autorinnen. Ebendieser Abschnitt soll im Folgenden herausgestellt und deutlicher aufgegriffen werden.

Kapitel 8: Entwicklung begleiten – You never walk alone

Die allzeit bewegende Frage „Wieso passen theoretische Überlegungen und Empfehlungen selten zu den Kindern?“ wird im Kapitel 8.1 zum einen mit interindividueller Variabilität (vgl. S. 226f.), zum anderen mit der Anlage-Umwelt-Diskussion (vgl. S. 227f.) erörtert. Kinder lernen stets, doch dienen strukturierte Beobachtungen, die Dokumentation sowie deren Evaluation zu einer Grundkompetenz des betreuenden Personals. Gleichwohl zeichnen sich Grenzen ab, wenn derlei Instrumente zu starr interpretiert werden, liefern sie doch in den meisten Fällen lediglich Empfehlungen (vgl. S. 231). Hierbei wird ein stärken- und ressourcenorientiertes Vorgehen empfohlen.

Mit Montessoris zentralem Satz eröffnet Kapitel 8.2, um sich einem wenig trivialen Problem zu widmen: Wie kann das Lernen der Kinder optimal unterstützt und theoretischen Leitlinien, bspw. der Wygotskischen Zone of Proximal Development, Rechnung getragen werden? Der Kern dessen wird recht eindrücklich mit dem Erzieher Florian und dem Problem eines Kindes erläutert, nämlich den Bordstein mithilfe des Fahrrads zu meistern (vgl. S. 233f.). Dabei gelingt ein nicht unwesentlicher Rückgriff auf die motorische Entwicklung respektive deren Unterstützung. Weitere Entwicklungsbereiche – etwa die kognitive Entwicklung – können in den weiteren Ausführungen mit ebenjener Theorie Wygotskis verstanden und rückbezüglich ebenso mit praxisnahen Information unterfüttert werden – in diesem Fall mit der Teilhabe an Gedankengängen der Kinder, dem Substained Share Thinking (vgl. S. 235ff.). Wenn auch kriterial gehalten, so können die Ausführungen zu pädagogischen Räumen – auch mit Strahlkraft auf institutionelle Settings außerhalb der im Band thematisierten Altersspanne – die Gedanken hinsichtlich kindlicher Entwicklung und Raumgestaltung untermauern. Der Raum als Pädagoge.

Die Merkmale dialogorientierter Interaktionen (Kapitel 8.3) vermitteln einen Querschnitt bedeutsamer Möglichkeiten, Kinder in ihrer Entwicklung durch Interaktionsformen zu unterstützen. Ein starker Abschluss gelingt mit einem lebensweltlichen Bezug in den Interaktionsformen, der die Diversität verschiedener Eindrücke anhand der möglichen Interpretationen des Begriffes Familie durch die Kinder aufzeichnet (vgl. S. 245f.). Familie kann in diesem Zusammenhang alle möglichen Konstellationen umfassen.

Zum Abschluss vermittelt Kapitel 8.4 einen Eindruck hinsichtlich der Bedeutung allgemeiner menschlicher Haltungen sowie deren Wirkung auf die Kinder – und hierbei deutlich die körperliche, mimische und gestische Haltung, welche mit Wertorientierungen, Deutungsmustern und allgemeinen Einstellungen verknüpft ist (vgl. S. 249). Gerade die Erläuterungen, welche zu der auf Seite 250 dargestellten Grafik getroffen werden, zeigen ein deutliches Verhältnis zwischen eigener Biographie und professioneller Tätigkeit sowie deren steter Entwicklung auf. Reflexion als häufig in pädagogischen Kontexten gebrauchtes Schlagwort wird dabei vor dem Hintergrund der persönlichen Dispositionen dargeboten, die über die jeweilige Haltung in einer ganz offensichtlichen Perfomanzebene münden. Kein professionelles Handeln scheint möglich, ohne den persönlichen Hintergrund und resultierende Haltungen zu reflektieren. Diesen Gedanken, wenn auch einer Mammutaufgabe gleichend, geben Hille, Evanschitzky und Bauer den LeserInnen abschließend mit auf den Weg.

Diskussion

Durchweg wird die eingangs aufgeworfene Frage in der inhaltlichen Auseinandersetzung bearbeitet: Transfer- und Vertiefungsfragen dienen – analog zu vielen Lehrwerken – der intensiven Auseinandersetzung mit theoretischen Unterfütterungen und praxisbezogenen Kerngedanken sowie -kompetenzen. Animiert werden die LeserInnen auch im Fortlauf zum Weiterlesen, liefern Literaturhinweise am Abschnittsende sowohl Hinweise auf jüngere Forschungsresultate als auch auf die als Must-haves zu charakterisierenden Werke der Entwicklungspsychologie sowie Pädagogischen Psychologie (siehe bspw. Deci & Ryan, vgl. S. 101). Beides – Grundlagenlektüre und jüngere Werke – wird von den Autorinnen kurz kommentiert, wobei sie mithilfe eines Einblicks in die empfohlenen Texte den Rückschluss liefern, ob diese für die Vertiefung dienlich sind. Insofern wird das Buch dem Untertitel „Psychologie für pädagogische Fachkräfte“ umfassend gerecht, wenn dabei die vielen praxisnahen Beispiele und Ableitungen aus der Theorie betrachtet werden.

Gerade die zum Abschluss vorgetragenen Gedanken hinsichtlich des Theorie-Praxis-Transfers werden vor dem Hintergrund des aktuell immer bedeutsameren Professional Development kritisch kontrastiert. Während häufig wissenschaftliche Hilfestellungen nach dem Gießkannenprinzip eingefordert werden, ist es gerade kein one size fits all, das diesem Kerngedanken gerecht wird. Ferner wird betont, dass professionelle Haltungen erst dadurch entstehen, „[…] dass die pädagogische Fachkraft eine reflexive, forschende Haltung gegenüber sich selbst einnimmt.“ (S. 252) Dieser Gedanke greift eine deutliche Aufforderung an alle pädagogischen Professionals auf, die nur unter der Nutzung entsprechender Angebote gelingen kann. Eine Hilfestellung hierfür liefert die Darstellung zur Wirksamwerdung von Haltungen in eigenen Handlungen (vgl. S. 250). Wenn auch die Anforderungen an das erzieherische Handeln unterstreichend, muss ein Punkt, die Entwicklung von Bildungsplänen und Förderplänen – wenn auch in den Ausführungen als individuell durch die ErzieherInnen zu entwickelndes Planungsmoment aufgegriffen (vgl. S. 254) –, kurz kritisch angerissen werden. Gerade die von den Ministerien unter wissenschaftlicher Begleitung publizierten Bildungspläne liefern eine wichtige Konstituente, die das professionelle Handeln rahmen können. Ein kurzer Querverweis wäre an diesem Punkt ratsam gewesen. Dennoch unterstreichen die Autorinnen hiermit erneut eine Kernkompetenz, die es zu beachten gilt, und meinen deutlicher eine zu strukturierende Perspektive vonseiten der ErzieherInnen, welche in den Kindertagesstätten nicht immer zum Erfolg führt.

Fazit

Ein Einführungswerk, das primär durch die enge Kooperation mit pädagogischen Fachkräften und der langen Erfahrung der Autorinnen im Spannungsfeld Wissenschaft/Praxis profitiert – und gerade dabei mit einem praxisnahen Duktus überzeugt. Adressaten: ErzieherInnen und in der Aus-/Weiterbildung befindliche Personenkreise.


Rezensent
Mathias Dehne
Student an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Studentische Hilfskraft und Tutor am Institut für Erziehungswissenschaft
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Zitiervorschlag
Mathias Dehne. Rezension vom 30.12.2016 zu: Katrin Hille, Petra Evanschitzky, Agnes Bauer: Das Kind - die Entwicklung in den ersten drei Jahren. h.e.p.-verlag (Bern) 2016. ISBN 978-3-03822-019-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21556.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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